Rolex Fastnet Race: Segelkrimi der German Offshore Challenger

"Bis an die mentale Grenze"

Das German Offshore Challenger (GOC) Team hat mit einer jungen NRV Crew und ausgewählten Profis beim Rolex Fastnet Race im direkten Vergleich die beiden weiteren russischen Swan 60s geschlagen. Skipper und Steuermann Robert Stanjek berichtet über das Abenteuer.

Die Vorbereitung auf das Fastnet Race war relativ mäßig. 22 Wassertage mit Training und Wettkämpfen für die 16 bis 20 Mann starke Crew war sicher nicht besonders viel. Aber wir haben die Delta Lloyd North Sea Regatta in Holland, die Gazprom Swan 60 World Championship in Cowes und die Cowes Week selber gut genutzt und oft auch Trainingsinhalte auf die bevorstehenden Long distance offshore Rennen ausgelegt.

Ich habe versucht, das Team wirklich zusammenzuschweißen und es auf kraftraubende Prüfungen vorzubereiten. Oft sind dabei lange Tage entstanden mit Sport am Morgen, etlichen Stunden auf dem Wasser, viel Arbeit am Schiff und langen Analysen am Abend.

Kathrin Kadelbach, unsere Taktikerin bei den Inshore Rennen, hatte schon offiziell zu Protokoll gegeben: “Das German Offshore Challenger Team hat ein wichtiges Ziel erreicht: Junge und vielseititge Segler sind zu einer hochmotivierten Einheit zusammengewachsen.” Und das stimmt auch so!

Ungeheurer Respekt

In den letzten Tagen vor dem Fastnet Race haben wir uns sehr genau mit den Themen Schwerwetter, Seemannschaft, Nachtsegeln, Sicherheitstraining und Notfallrollen beschäftigt. Wenn man das so intensiv bespricht, wächst ein ungeheurer Respekt vor diesem Langstreckenrennen, um das ohnehin schon so viele Mythen kursieren. Für mich als Skipper war die größte Sorge, bei schwerem Wetter, alle 16 Mann mit ihren 10 Fingern an den Händen wieder heil heim zu bringen.

An den beiden letzten Tagen vor dem Start, bin ich mit dem Navigator Juan Luiz Paez, Diego Negri (Taktik und 2. Driver), Ryan Breymeier (einer der watch captains) die Rennstrecke auf der Grundlage unserer Wind- und Stromdaten sehr akribisch durchgegangen. 608 Meilen, mehrere Tage erst an der englischen Küste entlang nach Westen,  dann in nordwestlicher Richtung über die Gewässer vom Ärmelkanal und in die Irische See hinein, bis an die Südspitze Irland.

Es ist eine geniale Rennstrecke. Üblicherweise herrschen westliche Winde vor, die eine Kreuz entlang der schwierigen Küstenlinie mit all ihren Kaps bedeuten. Die unglaublichen Wasserströmgen bieten gute Chancen durch schlaues Positionieren, viele Meter zu machen. Danach erfordert die offene Irische See mit Wind und Welle eine absolut gute Seemannschaft und guten Bootsspeed. Wenn das Rennen dann 2-3 Tage alt ist, kommst du wieder zurück unter die Küste und das gleiche interessante Spiel mit verschiedenen Winden und Wasserströmungen beginnt erneut, bis zur Ziellinie.

Favoriten unter Druck setzen

Sonntag ging es nun los. Wir sind einen guten Start gefahren und Diego hat mich absolut sauber aus dem Solent taktiert. Die vielen Wenden, das Passieren von hunderten Schiffen war aufregend. Aber die Mannschaft war sehr konzentriert und ich wusste, das es ein gutes Rennen werden kann.

Wir sind bis in die erste Nacht sehr nahe am russischen Weltmeister “Bronenosec” drangeblieben. Die waren die klaren Favoriten und wir wollten sie unter Druck setzen. Das war das Ziel.

7 italienische America’s Cup Profis tun auf ihrem Schiff Dienst und 9 russische Profisegler unter der Leitung des ehemaligen Shosholosa Taktikers Tomasso Chieffi. Die Jungs sind echt eine Hausnummer. Das haben sie in den bisherigen Rennen mit glatter Siegesserie in Stein gemeißelt. Sie genießen auch einen Geschwindigkeitsvorteil, der durch etwas besseres Material und aus seglerischer Erfahrung mit diesen Booten resultiert.

Am ersten Abend haben wir uns dann etwas mehr Richtung offene See positioniert im Verhältnis zu den Russen und so konnten wir sie mit besserem Wind das erste mal überhole. Dann hatten wir etwas Pech in der Nacht, als wir an einer Reuse oder Fischnetz hängen blieben.  20 Minuten lang standen wir auf der Stelle bis wir das Schiff in der pechschwarzen Nacht wieder befreien konnten. Das hat viele Meter gekostet.

Parkplatz im Flautenloch

Wir verloren dennoch nicht den Sichtkomtakt zu den Russen und als wir am dritten Tag den Fastnet Rock erreichten, parkten sie brutal in einem Flautenloch ein. Wir mussten auch da durch, konnten aber aufschließen und sogar ganz knapp vorbei ziehen, bis der Wind wieder am Leuchtturm einsetzte.

Die zweite russische Swan 60 “Petite Flamme” war eigentlich schon acht Meilen zurückgefallen, hatte dann aber bei der Anfahrt zum Fastnet Rock über die andere Seite eines Sperrgebiets den Rückstand plötzlich wieder aufgeholt.  So gingen wir alle drei ganz dicht zusammen um den Felsen.

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6 Kommentare zu „Rolex Fastnet Race: Segelkrimi der German Offshore Challenger“

  1. avatar Florian sagt:

    Super Erfolg und toller Bericht. Danke und weiter so!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 20 Daumen runter 1

  2. avatar Ich sach mal so... sagt:

    Ich finde es toll, daß es solche Projekte gibt! Und ich finde es toll, daß es solche Live-Berichte hier gibt! “Super Erfolg” und “Real Stuff” gibt die Ergebnisliste glaube ich nicht aber her, da zählt Realismus. Ihr habt Euch jetzt in einem Feld von 287 nach IRC gezeiteten Gegnern auf Platz 137 positioniert, also fast genau in der Mitte und hinter diversen Familien-Crews. In Eurem schönen Bericht habt Ihr Euch der Einfachheit auf 2 Gegner reduziert, und seit bei dieser Betrachtung berechnet 2 von dreien geworden. Was sind Eure nächsten Pläne?

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      ich sach mal so…ich will ja niemandem zu nahe treten, die handicap wertung ist ja ganz nett. aber gerade beim fastnet mit seinen vielen strömungswechseln ist ein vergleich zwischen verschieden großen yachten schwer möglich.
      natürlich ist es möglich, dass jochen schümann ja einen schlechten tag erwischt hat, weil sein 100 fußer fast letzter wurde nach berechneter zeit. tatsächlich hatten aber die kleineren wind, nachdem er sich längst bei flaute ins ziel gekämpft hatte.
      Deshalb ist ein vergleich in einer klassenwertung wie den swan60 oder anderen ähnlichen yachten, die in gleichen strom-und windfenstern segeln deutlich höher einzuschätzen als ein ergebnis des gesamten feldes nach berechneter zeit. soll heißen, die handicap wertung spielte für die swan60 eine völlig untergeordnete rolle

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  3. avatar Ich sach mal so... sagt:

    Carsten, alter One-Design-Fahrer, Du hast ja recht. Und es war diesmal ein Rennen der kleinen Boote, weiss ich auch. ABER….

    Zitat “Es war eine wirklich schöne Art und Weise, dieses Rennen zu gewinnen” kann man doch bei allem schönen Elan mal hinterfragen.

    Sich so ganz auf 3 Boote zu reduzieren geht in einer 287er-Flotte, die nun mal nach IRC-Handycap ausgeschrieben ist, ja nun auch nicht, oder? Ich finde es toll, daß es solche Projekte gibt! Und ich finde es toll, daß es solche Live-Berichte hier gibt! Weiter so!

    Was sind denn nun Eure nächsten Pläne?

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      hehe, von wegen one design. ORCi 3/4 kiwo sieger 2013 höhö. allerdings habe ich platz 4 bei der ORCi DM in warnemünde noch nicht so richtig verarbeitet. 🙂 die story liegt immer noch auf dem schreibtisch. kommt bestimmt…
      keine ahnung was die GOC genau planen. sicher ist aber wohl das northstream race von flensburg nach st petersburg im herbst

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