Route du Rhum: Bergfest und “Point Nemo” für ISKAREEN – “Waterworld”-Kat gesichtet

"Unheimliche Begegnung der dritten Art"

Arnt Bruhns hat Spaß beim Passatwind-Segeln auf dem Atlantik. Die ersten sechs  Class40-Profis sind im Ziel, aber der Hamburger Amateur schlägt sich prächtig unter den Top 20. Seine jüngsten Berichte:

21.11.2018:

Heute übersegele ich Point Nemo. Das hat nichts mit irgendwelchen kleinen Fischen zu tun, an denen Disney die Markenrechte hält, sondern vielmehr geht es um den Punkt der Reise, der am weitesten vom nächsten Land entfernt ist. Und da bin ich heute mit überschlägigen 1100 sm dabei.

Route du Rhum, Iskareen

Noch 900 Meilen. ISKAREEN leigt auf Rang 17. Die ersten sechs der Class 40 sind im Ziel.

Nächste Eilande sind die Kapverden und Barbuda, wenn ich richtig gepeilt habe. Der Punkt ist auch eher theoretischer Natur, verzagte Gemüter werden sofort assoziieren, dass hier im Notfall die Rettung am längsten dauern wird, aber das ist eher von den Stützpunkten und Reichweiten der französischen Marineflieger abhängig.

Die haben uns vorher glaubhaft versichert, das keiner länger als 10 Stunden warten muss, bis die Aviation der Marine National, oder wie der Laden heisst, mit einem Flugzeug erscheint und Rettungsmaterial abwirft. Da es mir derzeit aber ganz gut geht, ist auch dieser Punkt eher zu vernachlässigen.

Ansonsten läuft seglerisch nicht so viel, einige Halsen und Spiwechsel wenn meine Lieblingssqualls kommen.

P.S. Zu den Ungereimtheit in der gestrigen Bilderserie: Natürlich ist allen aufmerksamen Followern der Fehler sofort aufgefallen, für die Unaufmerksamen wollen wir ihn gleich nochmal aufdecken. Die Segel in Bild 3 sind noch nicht auf die richtige Seite gestackt worden, überdies ist das untere so schlecht gepackt, dass das Schothorn hinten herausragt. Ich leiste also sofortige Abbitte und werde demnächst erst nach dem Stacken photographieren.

20.11.2018:

Heute morgen fühle ich mich als ob ich das ganze Wochenende durchgefeiert hätte. Die Klüsen sind dicht, der Kopf auch, die Bewegungen fallen nicht leicht und es stellt mich vor eine ernsthafte Aufgabe, den Spi an Deck zu zerren.

Ja, die (!) Flasche Sherry geht auf den Rest, aber ansonsten kann ich mich an nichts mehr erinnern. Das Bergfest zumindest war eine ziemlich trockene Angelegenheit, ich hätte mir wohl mal eine Dose Bier einpacken sollen oder zwei.

Dazu ist es ziemlich warm – kein Wunder, ich befinde mich auf 22 Grad nördlicher Breite und die Sonne brennt von Himmelshöhen. Ich habe sogar Sonnencreme benutzt, wen auch immer es interessieren möge. Ansonsten verlaufen Tag und Nacht bis auf ein paar Halsen ereignislos.

Zu erwähnen sei hier noch die neue Squalltaktik: Weghalsen anstelle von Aussitzen heißt die Taktik. Festgehalten in Bildern:

Squall im Anzug, wird mich genau treffen © IKAREEN

Das Vieh auf dem Radar. © IKAREEN

ällabätsch – weggehalst! Das Teil geht in Lee durch und beschert mir dabei noch einen 20 Grad Lift nach Lee! © IKAREEN

19.11.2018:

Heute ist Bergfest – die verbleibende Restdistanz zum Ziel entspricht der Hälfte der Gesamten. Wieviele Meilen ich wirklich schon abgerissen habe, möchte ich nicht wissen, es wäre aber schön, wenn die verbleibende Reisezeit etwas kürzer wäre als die bisherige, sonst wäre ich einen knappen Monat unterwegs.

Der Vormittag vergeht – mal wieder – mit leichten Takelarbeiten, zwar hatte ich die Tecnoramäntel auf den Fallen versetzt, jedoch in die falsche Richtung. Das Denken lässt halt langsam nach.

Als ich gerade richtig schön beim Arbeiten bin, schaue ich kurz nach hinten und meine kurzfristig, eine unheimliche Begegnung der dritten Art zu haben: Hinter mir segelt ein Katamaran, ca 60-80 ft groß, unter gerefftem Groß und kleiner Jib – hat irgendwie etwas von dem Gefährt aus “Waterworld”, das mit Flickensegeln rastlos über die Weltmeere segelt, bedient von einer Mischung aus Grinder und Raketenwerfer (wer war bloß noch der Hauptdarsteller – Kevin Costner?).

Ganz so schlimm ist es nicht, es handelt sich um ein Gefährt namens “G-Power”, auf der Überführung nach Martinique und augenscheinlich ohne Raketen. Wir schnacken etwas über VHF, der Skipper wünscht noch viel Erfolg und verspricht, Photos zu schicken. Dann fällt er etwas ab und überholt mich ca. 5 Knoten schneller in Lee. Dabei liegt das Teil so ruhig, dass man wohl am gedeckten Tisch zu Mittag essen könnte.

Warum hat der AIS keinen Alarm gegeben? Der war noch auf einen deutlich kleineren Radius von einer Meile eingestellt, die vom Kat noch nicht unterschritten war. Der hatte mich aber schon vorher sehen und identifizieren können. Wie die meisten Route du Rhum- Segler habe ich die Kennung auf ISKAREEN SOLO SAILOR geändert, damit andere Skipper wissen, dass hier nicht unbedingt eine Wache an Deck ist. den Radius vom AIS habe ich nun hochgesetzt.

Zurück zum Bergfest. Das wird bei Sonnenschein im Cockpit zelebriert, zur Feier des Tages wird die von Tina und Dirk mitgegebene Blechdose geöffnet. Zum Vorschein kommen Pate, kleine Würstchen und getrocknete Brotscheiben – Snack auf Französisch. Dabei traumhafte Passatsegelei.

Nur die Squalls könnte man abschaffen. Die kann man sich als Laie so vorstellen: Während man bei Kaiserwetter – 4-5 Bft, leichte Welle, Sonne, vor sich hin segelt, kommt ab und an eine dunkle Wolke von hinten, gerne mit messerscharfem unteren Rand und auch gerne etwas Regen drunter. Der Wind dreht nach rechts, nimmt zu auf bis zu 30 Knoten und man sitzt im Cockpit und zittert um den Spi. Jeder Sonnenschuss könnte sein letzter sein. Zwanzig Minuten später ist alles vorbei und die Reise geht weiter.

 

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