Route du Rhum: Boris Herrmann erklärt seine extreme Position – Vendée-Profi kommentiert

"Gutes Training für die Vendée"

Boris Herrmann berichtet, warum er so weit nach Norden geraten ist. Er hatte mit mehr Problemen zu kämpfen als bisher bekannt. Ein IMOCA-Profi bewertet die Strategie.

“Den Moment beim Blick auf die Tabelle am vierten Tag der Hochseesegelregatta Route du Rhum würde Boris Herrmann sicher gerne einfrieren”, heißt es in der Pressemitteilung seines Teams. Tatsächlich wird der deutsche Hochsee-Profi nach rund 1000 Seemeilen auf Rang zwei der IMOCA-Klasse geführt.

Aber es ist wohl nur eine Momentaufnahme. Der Tracker misst immer den direkten Abstand zur Ziellinie und nimmt keine Rücksicht auf die schnellste Route. So profitiert der 37-Jährige bei seinem Tabellenplatz von seinem nordwestlichsten Kurs im durch Ausfälle reduzierten Feld.

Und die Strategie steht zum Wochenende auf dem Prüfstand, wenn das Azorenhochdruckgebiet umfahren und die Passatwinde möglichst schnell erreicht werden müssen. Bis ins Ziel vor der Karibik-Insel Guadeloupe sind es noch rund 2.500 Seemeilen.

BORIS HERRMANN

So dürfte es bei Boris Herrmann gerade aussehen. © Jean-Marie LIOT

In seiner jüngsten Nachricht von Bord erklärt er die aktuelle Lage: “Ich werde mich ein wenig ausruhen und dann gegen Mitternacht nach Westen steuern, um die Front zu erreichen. Danach wird der Wind leichter. Leider haben die anderen Jungs im Süden im Moment Champagner-Segelbedingungen. Sie müssen nicht mit dem Starkwind klarkommen, den ich die ganze Zeit habe.

Jeden Tag Probleme

Ich habe jeden Tag ein paar Probleme. Gestern ist die Vorstag-Verbindung an meinem Vorsegel gebrochen. Am Tag zuvor hatte ich ein Problem mit dem Deflektor an meinem Backstag, und vorher war ich mit Yann Elies in einer Flautenzone hängen geblieben. So habe ich jeden Tag Meilen verloren.

Auf diese Weise bin ich nach und nach bis gestern Abend auf einen anderen Weg geraten. Und nun optimiere ich die Route für meine Position. Der Weg ist anders als bei den führenden Booten. Ich hatte erwartet, dass sie auch etwas weiter nach Westen segeln. Aber ich segele nur das, was meiner Meinung nach die schnellste Option für meine Position ist.

Die täglichen Probleme sind gutes Training für die Vendée Globe. Deshalb rege ich mich darüber nicht so auf. Ich bemerkte etwas Wasser in der Nähe der Elektronik, eine Lazy-Jack-Leine brach, im Großsegel ist ein kleines Loch und dann war da noch das Problem mit der J3. Das war etwas beängstigend, weil das Segel mit der schweren Rollanlage gefährlich herumschlug.

Das Hoch ist gefährlich

Aber ansonsten ist mit dem Boot alles in Ordnung, und ich bin froh, dass ich all diese Probleme beheben konnte. Aber jedes Mal verliert man eben dabei einige Meilen. Sie haben mich inzwischen gut 100 Meilen gekostet. Indem ich Dinge repariere, zwei Stunden lang nicht den optimalen Kurs fahre, wieder etwas repariere, wieder auf den Kurs komme. Da habe ich einiges gelernt.

Das nahende Hoch ist für mich ein wenig gefährlich. Die anderen im Osten steuern auf eine gute Passatwindlage zu. Aber danach müssen sie vor Guadeloupe direkt gegen den Wind kreuzen. Ich versuche, mich etwas mehr auf der direkten Linie zum Ziel zu positionieren, so dass ich nach den Passatwinden einen schnelleren Winkel steuern kann. Ich überwache die Bewegung des Hochs sehr genau. Gestern sah es ziemlich gut für mich aus, heute sind die Modelle etwas weniger sicher.”

Jean Le Cam schätzt die Strategien ein

Vendée Globe Profi Jean Le Cam verfolgt das Rennen von Land aus und bewertet die Strategien in der IMOCA-Flotte. Er stellt fest:

“In den nächsten Stunden werden Alex Thomson, Paul Meilhat, Vincent Riou und Yann Eliès mit starkem Wind zu kämpfen haben, bevor sie in die Passatwinde kommen. Sie sollten den stabilen Wind aber ohne allzuviele Probleme erreichen. Für die Verfolger wird es allerdings komplizierter.

Alex Thomson profitiert immer noch von seiner westlichen Option und liegt sicher in Führung. Er hat sich schon immer für extreme Optionen entschieden und war bei dieser Route du Rhum der einzige Skipper, der die Verbotszone bei Ushant nördlich passierte. Dabei bedeutete das deutlich unangenehmere und anspruchsvollere Wind- und Wellenbedingungen.

Alex Thomson schickt dieses Foto mit der NAchricht: “New top speed for HUGO BOSS…..38.5 knots.” © Thomson

Er hat unglaubliche Geschwindigkeiten erreicht und ist genau im richtigen Moment wieder nach Süden abgedreht. Er hat sich neu positioniert, da er bald unter den Einfluss des Hochdrucks kommt.  Alex, Paul, Vincent und Yann werden heute viel Wind bekommen und die Bedingungen nutzen. Meiner Meinung nach werden es drei dieser vier Segler es im Ziel auf das Podium schaffen.

Riou mit wenig Foil-Erfahrung

Sobald sie den Hochdruck-Rücken passiert haben, dreht sich alles um die Geschwindigkeit zwischen diesen Skippern, die gut in Form sind. Yann Eliès segelt sehr konsequent. Er ist immer schnell und kennt sein Boot gut. Das Gleiche gilt für Vincent Riou, auch wenn er nicht ganz so viel Erfahrung mit seiner ‘PRB’ ist seit sie mit Foils bestückt wurde. Auf jeden Fall ist klar, dass er in der Lage ist, sehr schnell zu segeln.

Über Alex Thomson muss man nicht viel sagen, der ist natürlich schnell. Paul Meilhat hält sich sehr gut mit seinem Boot ohne Tragflächen. In den Passatwinden wird es für ihn dann logischerweise schwieriger. Er dürfte gegenüber den Foilern an Boden verlieren. Aber vielleicht gelingt ihm doch noch eine weitere Überraschung. Das hängt auch davon ab, ob die anderen Boote noch zu 100 Prozent funktionieren. Es kann gut sein, dass einige Probleme haben, über die sie nicht sprechen.

Boris Herrmann liegt vorerst noch auf Platz zwei in der Rangliste, da er auf dem direkten Weg segelt, aber theoretisch wird sich das in den nächsten 24 Stunden ändern. Meiner Meinung nach war es zu Beginn des Rennens eine gute Option, nach Westen zu fahren, aber jetzt ist es weniger interessant. Boris liegt noch weit nördlich. Er wird starke Winde erleben, bis er dann von dem Hochdruck hart ausgebremst wird. In den nächsten 24 Stunden wird das Gebiet den Weg blockieren. Die ersten vier werden es schaffen, vorbei zu kommen, aber für die kleine Gruppe dahinter wird es viel schwieriger.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

8 Kommentare zu „Route du Rhum: Boris Herrmann erklärt seine extreme Position – Vendée-Profi kommentiert“

  1. avatar Felix sagt:

    Freut mich für Boris! Allerdings wir sein Speed wohl nicht für Alex Thomson Reichen. Wenn der erst man in den Passatwinden ist und die Bedingungen passen ist er wohl uneinholbar mit seinem wirklich überlegen Design. Es überrascht mich immer wieder wie schnell die aktuelle Hugo Boss doch ist, wenn die neue wieder so überlegen wird und dieses mal hält ist er bei der vendee wohl uneinholbar. Verdient hätte er es zumindest. Aber vielleicht hat Boris Hermann ja Glück und die andere Gruppe bekommt etwas Gegenwind.

    Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  2. avatar Geronimo sagt:

    Der Tracker https://www.routedurhum.com/fr/cartographie zeigt uns, dass sich unser Boris, d.h. “der beste Navigator der Welt”, leider total versegelt hat, auch wenn er momentan noch auf Platz 1 liegt.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 9

    • avatar Jörg sagt:

      Ah, jetzt weiß ich was mir gefehlt hat: Die miesepetrigen und respektlosen Kommentare!

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 2

    • avatar eku sagt:

      Schalte doch mal ein paar Gänge runter.
      Das ist alles (weiß gerade nicht ob bei Yacht/hier/ oder Eventseite) erklärt: Hat einige Problme gegeben und irgendwann ist es zu spät einfach hinterher zu fahren, weil sich die Wetterlage fortlaufend ändert und dann andere Optionen sinnvoller sein können (!)
      Genauso, wie es für die Boote im Süden keine Option gewesen wäre weiter nach Westen zu halten .. die wären dann in einer zu dem Zeitpunkt zu erwartenden Hochlage stecken geblieben.
      Genauso, wie es für Boris bei weiterem Südkurs diesen Stop im sich östlich ausweitenden Hoch gegeben hätte. Dafür war es schon zu weit westlich bzw zurück.
      Alles hinter Y.Elies steckt da gerade drin.
      Alles ein wenig komplizierter als man so denkt. Also nachdenken, lernen, und evtl ein wenig schlauer werden (ohne dabei nass zu werden)

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

    • avatar Geronimo sagt:

      Boris teilt uns u.a. von Bord mit:

      “Wieder zu Hause in Hamburg ist es schon seit 3 Stunden dunkel und kalt. Der Winter, den ich gerade entlaufen habe, ist mir bewusst. Seit heute morgen habe ich Shorts und nackte Füße getragen. Ein weiterer schneller Sonnenuntergang der niedrigen breiten – im Vergleich zu zuhause.
      Ich sehe eine lila Linsen Wolke in den Norden in einem ansonsten klaren Himmel mit verschwommen Horizont. Es ist die Insel Santa Maria von der Azures.
      Ich war noch nie da, aber würde es gerne. Ich stelle mir vor, es ist grün und ruhig mit unberührter Natur.
      Ich frage mich, ob es hier im Moment nicht mehr Vögel gibt. Ich habe während dieser Reise kaum noch was gesehen. Und jedes mal, wenn ich es tue, genieße ich es. Als der Wind oben war, hatte ich eine Art Mini Albatros oder eine Art Sturm Vogel, der für eine halbe Stunde da ist. Gleiten elegant hinter dem Boot durch die massiven langen Meere von vielleicht 6 Meter. Es war ein kurzes Beispiel für Ruhm……”

      Dem Text ist leider nur zu entnehmen, dass Boris sich nicht im Regatta-Modus befindet sondern sich irgendwelchen Tagträumen hingibt. Es ist kein Siegeswille spürbar, sein Focus ist auf alles andere als auf die Regatta gerichtet.
      Solange dies so bleibt, werde ich kein Fan von Boris, da ich mich nicht mit ihm identifizieren kann.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 14

      • avatar Felix sagt:

        Mal geschaut was Alex Thomson so von sich gibt? Egal ob seine eigene Jingle Bells Interpretation von Kap Horn oder auch sonstige Dinge. Auch Thomas conville verhält sich da nicht groß anders. Es ist was anderes ne 3500sm Regatta zu segeln als eine über 2h am Bodensee. Da kann man sich durchaus auch mal ablenken ohne gleich keinen Siegeswillen zu haben oder vom segeln abgelenkt zu sein. Seine Position ist gar nicht so schlecht, damit wird er zwar nicht erster, kommt aber auch nicht weiter hinten raus als er vor den defekten war. Somit macht er seinen Job gar nicht so schlecht. Für einen ersten Platz hätte es wohl sowieso nicht gereicht das die ersten drei bisher absolut fokussiert und ohne grobe Fehler und Defekte durchgekommen sind.
        Ich bin zwar kein Boris Hermann Fan, allerdings wirkt er durchaus sympathisch, er zeigt auch mal etwas von Board und nicht nur die kurzen Telefonanrufe. Das sind die Leute die solche Regatten spannend machen. Ich erinnere an Thomsons reperatuvideos von Board oder auch die alten imoca Videos von Boris Hermann. Sowas bekommt man von französischen Profis absolut nicht zu sehen. Wenn die jenigen dann auch noch Konkurrenzfähig segeln(tun sie eigentlich beide) ist es eigentlich das perfekte Gesamtpaket für den Zuschauer.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 1

        • avatar Geronimo sagt:

          Sorry, aber mein Segelheld Alex ist das genaue Gegenteil von Boris. Alex hat uns spektakuläre Stunts gezeigt und präsentiert sich als harter Knochen. Er weiss bestens, was seine Fans von ihm erwarten und pflegt sein Image.
          Welches Image unser Boris mit der mädchenhaften Poesie erzielen will, die uns von Bord der Malicia erreicht, ist mir ein Rätsel. Etwas Heldenhaftes oder Mitreissendes kann ich seinen Mitteilungen leider nicht entnehmen.

          Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 2

  3. avatar Felix sagt:

    Ich mag Alex ebenfalls sehr gerne, eigentlich aber erst seitdem ich ihn mal persönlich getroffen habe. Zum einen ist er überaus sympathisch und offen, zum anderen gibt er Einblicke ins Rennen die einem sonst verwehrt bleiben. Seine Videos bringen einen zum Mitfiebern und er ist sehr daran bemüht die imoca Klasse bekannter zu machen. Auf der anderen Seite ist er auch die perfekte werbepersönlichkeit. Er verkörpert quasi Hugo Boss seine stunts kauft man ihm irgendwo als seine verrückte Idee ab. Allerdings hat er auch schon einige Jahre Erfahrung was die Geschichte angeht. Sein Sponsorenvertrag läuft, zu Recht, seit Ewigkeiten und er hätte Zeit sich in seine heutige Position zu bringen. Bei wird es ähnlich kommen, allerdings ist er scheinbar noch in seiner Findungsphase. Segeln tut er schonmal gar nicht schlecht und ohne technische Probleme könnte er wirklich weit vorne Mitsegeln, alles andere kommt mit der zeit. Es ist zumindest schön zu sehen das er sich um Öffentlichkeitsarbeit bemüht und regelmäßig Videos und Berichte raushaut,auch wenn der Inhalt noch einen Feinschliff benötigt und nicht wie armel le cléac’h seb Josse und die meisten anderen Konkurrenzfähigen Segler nur dass nötigste von Board sickern lässt. Ich meine ohne die packenden Videos von Alex wäre die letzte VG nur halb so spannend gewesen. Wenn wir bis zur nächsten zwei dieser Sorte haben um so besser. Bis dahin kann Boris ja noch an seinem Videoformat Arbeiten.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *