Route du Rhum Iskareen Bordbuch: Arnt Bruhns auf den letzten Meilen – Härtester Moment

"Ich schaff das schon..."

Arnt Bruhns bewältigt die letzten Meilen seiner Route du Rhum. Unter 53 Startern in der Class40 belegt er Rang 17. Er hat noch einmal Besuch von einem Orca und einer “Papppalette” bekommen.

25.11.2017:

Am Horizont manifestiert sich eine Silhouette – vor mir liegt Guadeloupe.

Liebe Freunde,
hier schließt sich der Kreis. Im Februar habe ich mit Max das Boot auf Grenada übernommen und dann sukzessive erst nach Antigua, dann im RORC 600 um die Windward Islands, später 1400 sm durch die Karibik als Qualifier für die Route du Rhum und weiter nach Bermuda, dann im Sommer im AAR nach Hamburg und schließlich über St Malo wieder hierher gesegelt. Was für ein Jahr. Überschlägige 11.000 sm mit diesem Boot liegen dieses Jahr in meinem Kielwasser. Nun gilt es erstmal wieder etwas Normalität zu etablieren.

Die letzten Meilen für Arnt Bruhns um Guadeloupe

Vor mir liegen die letzten Meilen und bevor dies im allgemeinen Welcome-Trubel untergeht, möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich bei allen zu bedanken, die mich bei diesem Projekt unterstützt haben – meine Familie, unser technical Team und Backoffice, unsere Partner, die Zulieferer und natürlich alle, die mich in den letzten Wochen begleitet, mit mir gezittert und gelitten haben, die Feedback und nette Mails und Grüße gesendet haben. Ihr habt mir das Gefühl gegeben, an Bord zwar alleine aber auf der Reise immer mit euch zusammen unterwegs zu sein.

Und auch wenn es jetzt erstmal segeltechnisch etwas mau aussieht, das nächste Race, der nächste Trip, der nächste Sommer kommen sicher! Bis dahin, haltet die Ohren steif und denkt dran:

KEEP ON ROCKIN’ – YOU NEVER SAIL ALONE!

24.11. 2017:

Die letzten Segeltage gestalten sich sehr intensiv. Zwei Mitbewerber befinden sich voraus in etwas, das man sich noch als “striking distance” schönreden kann, ein anderer sitzt im Nacken – man kann ja mal sehen, was noch so geht. Ein Angriffsversuch, der allerdings ziemlich viel Rudergehen nach sich zieht, da uns nun Tag und Nacht der große A2 Spi  durch die Gegend zieht und der Autopilot damit an seine Grenzen kommt. Wenn ich selber an der Pinne sitze, schaffe ich es, auf dem Performancemonitor mehr herauszuholen.

Arnt Bruhns, Iskareen

Arnt Bruhns beim Route du Rhum Start. © Iskareen

Eigentlich sind das hier Traumbedingungen: 30 Grad, die Sonne lacht vom Himmel, gute 20kn Wind von hinten, der Spi steht und das Boot surft mit 12-20kn durch die Gegend. Da würde doch jeder gerne mal am Lenker stehen – und irgendwann auch wieder abgelöst werden.

Wenn man eine halbe Nacht durchgesteuert hat und den Vormittag auch, ist man total übernächtigt und kurz vor einem Sonnenstich – trotz Klamotten und Hut (und Sonnencreme)…. Ich habe mir für den Kurzschlaf den Fatboy mit ins Cockpit genommen, so ist man sofort an der Winsch, wenn das Boot mal abgeht.

Heute Nacht wachte ich davon auf, dass das Boot trotz Megadruck in den Segeln auf einmal mit 6 kn herumstand. Dazu ein furchtbares Geräusch – eine Papppalette (tolles Wort!) hatte sich ums Steuerbordruder gewickelt und war mit Fahrt im Boot auch nicht abzubekommen. Also Spi in Socke, Boot in den Wind und das Teil per Bootshaken entfernt – farewell!

Mittags kam dann eine weiße Wand aus Wolken, teilweise Regen und Dunst auf uns zu; ein Blick aufs Satellitenbild zeigte: Ausweichen ist zwecklos. Also erstmal abwarten, ob Captain Sparrow mit seiner Möderbande aus dem Dunst bricht! Nein, es handelte sich um eine ganz normale kleine Front, die noch ein paar Squalls in petto hatte – siehe unten.

Notizen
– 4 Flaschen Wasser (@ 1,5l) hatte ich gestern morgen als Tagesration produziert, d.h. entsalzen. Die waren nach dem Nachmittagssquall leer. Der wartete übrigens mit einer Neuerung auf: Squall in Lee und Squall in Luv – wir gesandwiched in der Mitte. Zum Glück gibt es noch etwas Meerwasser zum Entsalzen.
– Das letzte Müsli wurde heute gegessen – und die von Dirky fürs AAR produzierten waren doch besser und vor allem reichhaltiger.
– Alte Bekannte: Die Braunalgen sind wieder da, bereit, sich um alles zu wickeln, was ins Wasser ragt. Sukzessive halbieren sie die Fahrt. Damit hat auch unser Hydrogenerator erstmal wohlverdiente Pause. Zum Glück haben wir noch genügend Diesel.

23.11.2017:

Heute Nacht war einer der Momente, den ich auf die Frage, was denn so am härtesten an der Regatta wäre, beschreiben würde. Der Computeralarm ist auf den prognostizierten Winddreher programmiert und quäkt mit dem Uralt -James-Bond Sound (Trööt-trööt-trööt) los: “Alert Devcon 5, imminent gybe required”…

Bruhns im Repair-Look. © Arnt Bruhns

Ich habe gerade eine gute Stunde geschlafen, Rettungsweste an, gehe an Deck, Wind 20 kn+, das Boot pflügt unter A2 mit 15 kn durch die Nacht. Die Aussicht, neben diversem Ballast in den nächsten Minuten Groß und Spi mit zusammen ca 260m² zu halsen, könnte mich sofort wieder unter Deck springen und den Schlafsack über den Kopf ziehen lassen.

Wer die Gnade (?) einer Geburt ab den mittleren 70ern hat, kennt ihn aus der eigenen Kindheit, für ältere Semester sind Kinder hilfreich: Rolf Zuckowsky, der bis heute zuverlässig jedes Kinderzimmer beschallt, manche Autofahrt gerettet hat und demnächst wieder mit der Weihnachtsbäckerei für Stimmung sorgen wird. Der hat auf jeden Fall den Ohrwurm auf dem Gewissen, der mir in diesen Momenten hilft: “Ich schaff’ das schon, ich schaff’ das schon, ich schaff’ das ganz alleine!….”

Gesagt getan, aufs Vordeck, kontrollieren ob die neue Spischot im “Gybulator” hängt, sämtliche Sicherungen entfernen, Wasserballast laufen lassen, Traveller auf Mitte stellen, neues Backstag vorbereiten, aufpassen, dass die nun ziemlich instabile Kiste nicht aus dem Ruder läuft, Böenpause abwarten und GO!

Der Autopilot halst das Schiff während ich in Rollo Gebhard Manier gleichzeitig die alte Spischot losschmeiße, das neue Backstag ziehe während ich das alte aufmache und zeitgleich ca. 15 m Lose aus der neuen Spischot herausziehe um anschließend gleich den Traveller zu fieren – geklappt, lediglich die Spischot blieb nicht auf dem Bugspriet liegen und muss nun in einer kleinen Aktion unter dem Rumpf herausoperiert werden.

Währenddessen hat das Boot wieder auf 14 kn beschleunigt und ich kann noch die restlichen Segel und Ausrüstungsteile umstacken. Dazu, lieber Rolf Zuckowsky, “…braucht es eine Menge Kraft, aber ich hab schon ganz was anderes geschafft!” Vielen Dank für den Ohrwurm!

Dann war da noch was – der will doch nur Spielen oder? Oder sich am Ende die Mutation mit den drei Flossen auf der falschen Seite ansehen, von denen eine auch noch eine Bombe dran hat? Auf jeden Fall wollte er sich auch über Wasser mal ein Bild vom Kollegen machen, weswegen der Wal dann einfach mal auftauchte.

Da er kurzsichtig zu sein scheint, tat er dies dann auch gleich 15 m neben dem Boot. Bauform wie Riesendelphin, Bewegungsablauf auch, Größe ca 6-8 m, aufgrund der Rückenflosse tippe ich auf einen Orca. Die gibt’s hier auch. Der Schreck saß tief und nach Mathias Müller von Blumencrons unangenehmer Wal-Bekanntschaft im Sommer (mit Kielschaden, Anm. d. Red) brauche ich das eigentlich gar nicht selber zu erleben.

Einige Notizen am Rande:

– Heute wurde die letzte Trommel Haribo geöffnet, Phantasia Halbzeitpause. War noch im Angebot.
– Auf die wunderbare Quengelfrage “wie weit ist es noch?” kann ich heute Nachmittag antworten: 1F. Jeder Hochseesegler weiß, das ist ein Fastnet.
– Unser Navilüfter kann sich wieder bewähren. Bei Temperaturen über 30 Grad ist der Miefquirl hochwillkommen: es klebt Alles.

Kleiner Nachtrag: Das beste Tagesetmal! Dann kann ich jetzt ja auch mal etwas schlafen…..

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Ein Kommentar „Route du Rhum Iskareen Bordbuch: Arnt Bruhns auf den letzten Meilen – Härtester Moment“

  1. avatar Geronimo sagt:

    Gratulation zu Platz 17 und den tollen Berichten, die auf Facebook meinem Eindruck nach ähnlich viele Likes wie Boris’ erhalten.
    Wie viele der vor Arnt platzierten Boote werden eigentlich von Profis gesegelt ?

    Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 2

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