Route du Rhum: Joyon (62) gewinnt gegen Gabart (35) – Überholmanöver auf letzten Metern

Salzbuckel-Underdog siegt gegen Cover-Boy

Die beiden Monster Tris im Flauten-Zweikampf vor dem Ziel. © RdR

Joyon behält in der Dunkelheit die Nerven und sichert seine Position klassisch ab.© RdR

Francis Joyon hat die Sensation geschafft. Mit seiner 12 Jahre alten IDEC überholte er den 27 Jahre jüngeren Francois Gabart auf den letzen Metern vor dem Ziel. Wie das Wunder möglich wurde.

Der schwarzrote 100-Fuß-Trimaran treibt über die Ziellinie. Die Menschen jubeln, die Yachten hupen, Francis Joyon bleibt bewegungslos sitzen. Fast eine Minute lang. Der 62-Jährige Franzose kann es nicht fassen, dass er 30 Jahre nach seiner ersten Route du Rhum, der wichtigsten Einhand-Transatlantik-Regatta, diesen Sieg eingefahren hat.

Der 62-jährige Franzose in Siegepose. © Yvan Zedda/RdR

Im Windschatten von IDEC dümpelt immer noch der übermächtige Gegner, Francois Gabart, der junge Strahlemann, Superheld und Cover Boy der französischen Segelszene. Seine “Macif” ist jünger und schneller. Drei Tonnen wiegt sie weniger und sollte dem alten Salzbuckel auf ihren nachgerüsteten Foils eigentlich davon fliegen.

Joyon war bei dieser Route du Rhum als krasser Außenseiter gestartet, auch wenn er seinen Tri noch einmal mit einem Fahhrad-Grinder pimpte. Seine vorherigen Bekundungen, um den Sieg mitsegeln zu wollen, hätte man wohl als klassisches PR-Getöse abtun können, wenn sie nicht von einem Joyon gekommen wäre, dem man diese Spielart nicht abnimmt.

Aber die Ambitionen für einen besseren Platz als Rang fünf unter den fünf Tris auf Augenhöhe schienen unrealistisch. Sein Trimaran ist zwar ein berühmtes Boot, aber schließlich uralt.

Zwölf Jahre hat es auf dem Buckel. Es ist die alte “Groupama 3”, mit der Franck Cammas 2007 bis 2009 den Transatlantik-Rekord (mit Crew) hielt, die 2008 beim Jules Verne Trophy-Versuch vor Neuseeland kenterte, geborgen und repariert wurde, ein Jahr später wieder antrat, um aber mit einem Rumpf-Schaden aufzugeben, 2010 dann den Rekord um die Welt auf 48 Tage drückte, im selben Jahr per Einhand-Modus unter Cammas die Route du Rhum gewann, den Erfolg 2014 als “Banque Populaire” unter Ersatz-Skipper Loick Peyron gegen die eigentlich übermächtige “Spindrift” wiederholte, seit 2015 als IDEC unter Joyon segelt und 2017 mit insgesamt sechs Seglern an Bord den heute noch bestehenden Fabel-Rekord um die Welt von knapp unter 41 Tagen aufstellte.

Kopfüber im Atlantik

Die Zeit dieses Schiffes sollte längst abgelaufen sein, angesichts der Neubauten, die das Monster-Trimaran-Segeln in der 100-Fuß-Klasse auf ein neues Niveau gehoben haben. Aber bei der Route du Rhum ist der Rothschild-Multi früh mit einem Rumpf-Bruch ausgeschieden, dann fiel auch noch “Sodebo” mit einem Beam-Schaden aus – ist seit gestern wieder unterwegs – und schließlich kenterte “Banque Populaire”. Sie treibt immer noch kopfüber im Atlantik.

Da war der Weg eigentlich frei für Francois Gabart, der seine “Macif” ja schon im Dezember vor einem Jahr bei seinem unglaublichen Einhand-um-die-Welt-Rekord dem wohl härtesten möglichen Belastungstest unterzogen hat. Dieses Schiff sollte verlässlich sein. Parallel ist zwar schon der Bau einer neuen “Macif” gestartet worden, aber dennoch erhielt der blaue Tri im Hinblick auf die Route du Rhum ein massives Refit inklusive deutlich größerer Tragflächen. Gabart wollte eine Chance gegen die Foiler der jüngsten Generation haben.

Ein unglaublicher Sieg für Joyon mit seiner alten IDEC. © Yvan Zedda/RdR

Dieses logische Bestreben war vermutlich das Problem. Denn in der neuen Konfiguration ist Gabart eben auch noch nicht viel gesegelt. Am Tag des Zieleinlaufs meldete sich das Macif-Team mit einer Pressemitteilung zu Wort, in der die Material-Probleme ihres Skippers aufgezählt werden: Offenbar schon am erste Tag nach dem Start war die Steuerbord-Tragfläche unter dem Rumpf abgebrochen und Dienstag verlor er das Backbord-Ruder. Schließlich brachen noch Segellatten im Groß. Eine konnte er reparieren, eine andere musste er entfernen.

Macif ohne Backbord-Ruder ein Tag vor dem Zieleinlauf. © RdR

Im Nachhinein klingt es wie eine vorweg genommene Entschuldigung. Andererseits ist es auch eine logische Erklärung, warum die hochgerüstete “Macif” der alten IDEC nicht einfach davon segelte, warum sie nicht den nötigen Vorsprung heraussegelte, um den Flauten-Poker bei der finalen Umrundung von Guadeloupe entspannt zu überstehen.

Aber so kam es vor Pointe-À-Pitre zum dramatischen Nervenspiel:

Da war noch alles in Ordnung. Gabart kommt mit 20 Meilen Vorsprung an der Insel Guadeloupe an. Er muss aber noch mal außen rum.

Dann hängt Gabart im Windschatten der Insel fest. Joyon prescht bis auf 4 Meilen an den großen Gegner heran.

Wo Gabart stoppt, segelt Joyon einfach weiter und hat in der Dunkelheit nur noch eine halbe Meile Rückstand.

Dann segelt der Top-Favorit doch noch zuerst aus der Landabdeckung und segelt hoch am Wind 4 Meilen weg vom Gegner. Das Rennen scheint entschieden.

Dann muss Gabart mit einer Rechtsdrehung abfallen. Kann er die Höhe ohne Steuerbord-Foil nicht halten? Joyon segelt viel höher…

…Als Gabart wendet schafft sein Gegner den Cross.

Meter vor dem Ziel scheint Gabart noch im Bord-an-Bord-Kampf überholen zu können…

Aber Joyon behält die Nerven und zieht davon

IDEC setzte zum Überholmanöver an und konnte MACIF um nur sieben Minuten und acht Sekunden distanzieren. Besonders der Steuerbord-Schlag hoch am Wind nach der Umrundung der Insel-Südspitze wurde Gabart zum Verhängnis. Er konnte nicht so hoch segeln wie sein Gegner, und das mag an dem fehlenden Steuerbord-Tragfläche gelegen haben, die nicht mehr gegen die Abdrift wirken konnte.

Nach der Wende lief es wieder besser. Gabart holte schnell auf. “Erst anderthalb Minuten vor dem Ziel wurde mir klar, dass ich gewinnen konnte”, sagt Joyon. “Vor der letzten Halse war François mit seinem Code Zero gut zwei, drei Knoten schneller als ich. Und praktisch bis zum Ziel erwartete ich, dass er vorbei dampft und mich wieder überholt.”

Mit seinem ersten Sieg  bei seiner achten Route du Rhum-Teilnahme hat Joyon mit 7 Tagen und 14 Stunden für die 3.542 Seemeilen lange Strecke auch den bestehenden Rekord um 46 Minuten gebrochen, den Loïck Peyron 2014 mit dem gleichen Boot unter dem Namen “Banque Populaire VII” aufgestellt hat.

“Ich freue mich für das Boot”

Joyon sagt: “Nach dem harten Wetter zu Beginn und jetzt diesem Zieleinlauf bei Flaute war es ein außergewöhnliches Rennen. Ich freue mich für das Boot, denn es gibt kein anderes, dass die Route du Rhum dreimal gewonnen hat. Ich freue mich auch für mein Team. Wir sind ein kleines Team, haben aber gemeinsam dieses Boot so gut vorbereitet, dass es die Strecke in bestem Zustand bewältigt hat.”

Gabart hatte das Rennen von Anfang an fast kontinuierlich angeführt. Joyon folgte ihm nahezu im Kielwasser und hatte Glück, dass der jüngere Gegner nicht die optimalen Raumschots-Bedingungen fand, die sein Boot bei den langen Strecken mit Wind von Steuerbord zumindest auf die intakte Backbord-Tragfläche hätten heben können.

Stattdessen mussten beide Multis viel gegen den Wind segeln und dann vor dem Wind kreuzen. “Macif” zeigte, was möglich ist, als sie mit kurzzeitiger Backstag-Brise gut 150 Meilen Vorsprung heraussegeln konnte. Aber Joyon ließ sich nicht abschütteln.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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9 Kommentare zu „Route du Rhum: Joyon (62) gewinnt gegen Gabart (35) – Überholmanöver auf letzten Metern“

  1. avatar joergo sagt:

    Einfach nur geil…!

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  2. avatar looploop_andy sagt:

    Super Analyse, vielen Dank!!
    Ich verstehe immer noch nicht warum Francois unterhalb von Boulliante so dicht unter Land gefahren ist (2. Bild)
    Danach stand sein Tri komplett im Windschatten (der Soufriere ist 1400 m hoch!).
    Schade für ihn und Glückwunsch an Francis

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    • avatar Christian sagt:

      für Gabart ist es schon sehr unglücklich gelaufen, am Schluss in solchem einem fiesen Flautenpoker den Kürzeren zu ziehen. Segelsport kann so gemein sein…

      Die Schaden an Macif wie auch an der Mehrzahl der anderen foilenden Tris zeigen, dass diese zu leicht, sprich unterdimensioniert gebaut werden. Die Kräfte z.B. an den Foils sind viel größer als bein Floatern. Bei kleineren foilenden Katamaranen werden nach leidvollen Erfahrungen mittlerweile massive Strukturen eingebaut, nachdem z.B. ganze Heckspiegel weggeflogen sind. Aktuelle Foiler-A-Cats wiegen fast immer 10 Kilo mehr als das vorgeschriebene Mindestgewicht von 75 kg. Das Gewicht steckt vor allem in stärkerem Rumpf-Laminat (Schwertkästen) und in den vier Foils. Es zahlt sich aus.

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      • avatar Foilingpotato sagt:

        Ich denke, die Ingenieure und Bootsbauer in Frankreich wissen schon ganz genau was sie tun. (Wer sonst?)

        Man erinnere sich an das Transat Jaques Vabre vor dem 2016er Vendee. Da ist fast die gesamte Flotte der Neubauten ausgefallen, aufgrund einer neuen Rumpfkonstruktion und den Anbau der Foils.

        Die Konstruktion hat sich als bewährt erwiesen, nur es fehlte an Erfahrungswerten über die Last- annahmen, und komplexen Spannungszustände. Es geht Offshore auch immer noch nicht ohne Erfahrungswerte. Viel schwerer sind die Dinger nach den Modifikationen für das Vendee nicht geworden, nur mit dem Laminat und Spanten an den richtigen Stellen versteift worden. Mittlerweile werden ohne Probleme alte Boote umgebaut mit Foils.

        Interessant wird es wohl nochmal in 4-5 Jahren wenn das Thema Am-Wind Foiling/Foil unterstützte Fahrt an Bedeutung gewinnt. Es wäre zu hoffen, dass die Boote robuster werden, je weniger sie das Wasser berühren.

        Wie das allerdings Offshore durch einen Menschen kontrollierbar sein soll, ist eine gute Frage, wer schon mal auf einem A-Cat das am Wind fliegen bei Flachen Wasser probiert hat wird wissen was da los ist.

        Aber wer hätte vor 3 Jahren gedacht dass es möglich wäre mit 47 knoten Raumschots auf Foils unter Autopiloten ein Nickerchen zu machen.

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        • avatar Christian sagt:

          klar sind die französischen Designer und Bootsbauer top. Aber sie sind auch sehr optimistisch, was die Haltbarkeit ihrer Boote angeht… Sie machen das absichtlich, die Boote so leicht zu bauen, nicht aus Fahrlässigkeit. Das Problem ist: Dieses Kalkül geht nur selten auf. Es ist ein Pokerspiel, bei dem man eben oft verliert. Für die Segler tut mir das leid.

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  3. avatar breizh sagt:

    Habe gestern Abend das Finish am Tracker verfolgt, nachdem die französischen Abendnachrichten schon live von Guadeloupe aus berichtet haben, war das Gribbeln und die Spannung bei der Entscheidung schon zu spüren.
    Konnte wie looploop auch das Manöver so dicht an die Küste nicht nachvollziehen, da nicht nur der Soufrière an der Küste für Windschatten sorgt sonder das gesamte Landesinnere von ab der Mitte von Basse Terre sehr hoch ist. Aber Gratulation an Joyon. Klasse Leistung und das hätte keiner vor dem Start erwartet, dass er mit seinem eher “alten” Ultim und dem geringeren Budget hier eine Chance hat. Respekt!

    So jetzt wollen wir einmal sehen, ob die IMOCAs ein ähnliches Finale bieten. Und es wäre jetzt auch einmal an der Zeit, das SR sich auch den anderen Klassen Class 40 aber auch den Rhum Multi oder Rhum Mono widmet. Da müsste es doch auch spannende Geschichten zu den Booten und Skippern geben. Dafür müsste man vielleicht nicht nur Pressemitteilungen oder Berichte von der Route du Rhum Internetseite wiedergeben.
    Zum Beispiel segelt Sidney Gavignet ein klasse Rennen (auf der Höhe des 7. bzw. 8. der IMOCA-Wertung). Oder in der Rhum Multi sind ja neben Loick Peyron auch noch andere Haudegen des Segelsport unterwegs bspw. Bertrand de Broc, Die Yachten die in beiden Klassen geseglten werden, dürften auch einige spannende Geschichten hergeben. Und wer ist eigentlich Yoann Richomme und was macht ihn so schnell in der Class 40 Wertung?
    Also ran an die Tastatur und das Feld nicht anderen überlassen.

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    • avatar Johannes Bahnsen sagt:

      Zitat breizh:”Konnte wie looploop auch das Manöver so dicht an die Küste nicht nachvollziehen, da nicht nur der Soufrière an der Küste für Windschatten sorgt sonder das gesamte Landesinnere von ab der Mitte von Basse Terre sehr hoch ist.”

      Ich nehme an, Kollege Gabart wollte sich einfach direkt zwischen Gegner und Ziel positionieren, damit Joyon nicht quasi “innen” vorbei zieht. Hat ja auch funktioniert. Nur die “Zielkreuz” lief halt mit Wind von BB nicht…

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    • avatar eku sagt:

      Wenn ichs im französischen Fehrnsehen richtig gesehen habe ist der Windschatten dermaßen lang, dass man den nicht umfahren kann/sollte – geht 10+ Meilen raus.
      Ich kann mir gut vorstellen, dass da auch Tiden und/oder thermische Winde durch die Tageszeit eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben.
      gibts aber von hier aus nur schwer Auskünfte

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  4. avatar Maha sagt:

    vielen Dank für die tolle ‘step-by-step’-Analyse und die interessanten Kommentare! Ich fand das Rennen ebenfalls ultra-spannend und freue mich für FJ, wobei ich selbst FG-Fan bin.

    Das Rennen habe ich auf dem Ticker verfolgt und gleichzeitig die Live-Berichterstattung im Webradio eines Senders aus Guadeloupe gehört.

    Ich konnte nicht wirklich nachvollziehen, warum FG nach Umrundung der Südspitze von Basse-Terre doch relativ lange nach Osten gefahren ist und nicht ebenfalls einen direkteren Kurs gewählt hatte wie FJ. Diese Entscheidung führte dann dazu, dass FJ durch den direkteren Kurs in Führung gehen konnte. Die Radioreporter fragten sich das auch und der an der Übertragung teilnehmende Experte aus Guadeloupe (kennt die lokalen Verhältnisse sehr genau) gab dann folgende Erklärung: ‘FG hat keinen Code-zero und konnte daher nicht so hoch am Wind segeln wie FJ’. Diese Erklärung leuchtete mir irgendwie ein. Im Siegerinterview sagte allerdings FJ, dass er bis 1,5 Minuten vor Überquerung der Ziellinie noch glaubte, dass FG ‘comme un avion avec son code zero’, also ‘wie ein Flugzeug mit seinem Code zero’ an ihm vorbeiziehen würde. Die Code-zero-Erklärung des Experten war damit für mich hinfällig.

    Mir ist daher immer noch nicht ganz klar, warum FG nicht die direkte Linie gewählt hat oder wählen konnte. Bei der geringen Geschwindigkeit kann es ja nicht am fehlenden Foil gelegen haben.

    Habt Ihr eine Idee?

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