Route du Rhum: Thomson einfach schneller – Herrmann behält den Anschluss

"Alex segelt erstaunlich"

Die Route du Rhum neigt sich nun auch für die IMOCA-Klasse dem Ende zu. Alex Thomson hat nur noch 360 Meilen zu segeln. Er liegt mit einem Vorsprung von 213 Meilen solide in Führung. Die Experten wundern sich, dass er bei den aktuellen Passatwind-Bedingungen so konstant schneller ist als die Konkurrenz.

Alain Gautier, Vendée Globe Sieger 1993 und Teammanager von Isabelle Joschke, sagt: “Es ist faszinierend, die Schlacht zu beobachten, die zwischen den ersten vier Booten tobt. Es gibt zwei IMOCAs aus der Vendée Globe Generation 2016 mit nicht verstellbaren Foils (Hugo Boss und Ucar-StMichel), eines mit der neuen Generation von verstellbaren Tragflächen (PRB) und eines mit geraden Schwertern (SMA). Die Frage ist: Wer kann noch zu 100 Prozent Gas geben?

‘Hugo Boss’ kann offenbar das volle Potenzial zeigen. Alex Thomson ist sehr schnell vor dem Wind und steuert trotzdem fast so tiefe Winkel wie seine Rivalen. Das wirft einige Fragen auf. Welche Segelkonfiguration verwendet er, um ein so gutes VMG (Kompromiss zwischen Tiefe und Geschwindigkeit) zu erreichen?”

Route du Rhum

Thomson liegt mehr als 200 Meilen klar vorne. Dahinter tobt der Kampf ums Podium, dann kommt Herrmann mit 100 Meilen Rückstand.

Erstaunt ist Gautier wie schon andere Experten-Kollegen über die Probleme von Vincent Riou. Der Vendée Globe-Sieger von 2004 hatte seine “PRB” bei der vergangenen Vendée noch ohne Foils gesegelt und kämpferisch behauptet: “Foils machen keinen Sinn.” (SR-Porträt). Er spezifizierte dann kurz vor dem Start 2016: “Auch ich glaube, dass die Zukunft der Hochseesegelei auf Foils stattfinden wird. Nur eben wahrscheinlich nicht auf den Foils, die uns derzeit zur Verfügung stehen.” Riou sollte Recht behalten. Er hielt locker bei Thomson und Le Cleac’h mit, lag lange auf Rang zwei und schied dann aber nach einer Treibgut-Kollision mit beschädigter Kielaufhängung aus.

Anstellbare Tragflächen erlaubt

Er sagte auch: “Die Foil-Generation ist noch in der Testphase. Und als Testterrain eignet sich die härteste Regatta der Welt nun wirklich nicht!” Inzwischen haben die Tragflächen die um-die-Welt-Belastungsphase bestanden und seit Anfang des Jahres hat die IMOCA-Klassenvereinigung auch die Regeln angepasst. So darf erstmals der Anstellwinkel der Foils im Wasser um fünf Grad verändert werden. Dadurch können sie wahlweise mehr Lift oder weniger Widerstand erzeugen.

prb, Riou

“PRB” mit seinen neuen Tragflächen. © Zedda/Defi Azimut

Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Riou auf seiner acht Jahre alten “PRB” Tragflächen mit diesem System installiert hat. Prompt siegte er im September bei der Generalprobe Defi Azimut zählte zu den Top-Favoriten für die Route du Rhum und bestätigte den Status mit einer frühen Route du Rhum-Führung auch im Speed-Zweikampf mit der neuen “Charal”.

Nach dem Ausfall einiger Favoriten-Kollegen und dem Nord-Ausritt von Alex Thomson schien Riou die besten Karten für den Sieg zu haben. Aber er schaffte es nicht mehr, den prognostizierten Speed zu erreichen. Einige Experten, wie auch Gautier mutmaßen, dass er technische Probleme hat, die ihn auch bei Raumschots-Bedingungen gegen den Nicht-Foiler “SMA” schlechter aussehen ließen als erwartet.

“Erstaunlich, wie Alex das geschafft hat”

Zu Alex Thomson sagt Gautier: “Sein nördlicher Weg bei Ushant zu Beginn des Rennens mag ihm einen kleinen Vorteil verschafft haben, aber am Ende war es nicht so viel. Vielmehr öffnete sich in diesem Jahr das Tor zu den Passatwinden viel weiter südlich. Alex schaffte es gerade noch, bei den Kanarischen Inseln wieder den Kontakt zu Paul Meilhat und Vincent Riou herzustellen.” 

Dann habe er schnell seinen Vorsprung ausbauen können. “Es ist erstaunlich, wie Alex das geschafft hat. Vor allem die Art und Weise, wie er mit seinem Boot segelt, macht den Unterschied. Wir wissen, dass Alex’ Tragflächen speziell für das Vorwindsegeln entwickelt worden sind, aber dennoch bleibt seine Leistung bemerkenswert.”

Alex Thomson, Hugo Boss

Hugo Boss bei der Route du Rhum. Die neuen Foils sind für das Vorwind-Segeln optimiert. © Joe Watson

Für Boris Herrmann hat er auch lobende Wort. “Er segelt ein gutes Rennen und liegt nicht weit hinter den Führenden zurück. Er hielt an seiner Strategie fest, die es ihm erlaubte,  die Gruppe der älteren von Finot-Conq entworfenen Boote, mit Damien Seguin, Alan Roura und Stéphane Le Diraison weit hinter sich zu lassen.”

Herrmann macht Dampf

Der Hamburger machte eine Zeitlang auch dem Spitzen-Quartett Dampf, hat zuletzt aber wieder etwas verloren und segelt nun 110 Meilen hinter dem viertplatzierten Vincent Riou. Zuletzt berichtete Herrmann von Bord, dass er Probleme mit dem großen Spinnaker gehabt habe.

Boris Herrmann

Sonnenaufgang für Boris Herrmann. Die Karibik naht. © Boris Herrmann

“Ich lag auf meinem Sitzsack im Cockpit, und schlief mit der  Spinnaker-Schot in der Hand. Es wehte ein durchschnittlicher Wind, mit etwa 19 Knoten. Ich würde sagen,  ideal für den Spinnaker. Bei ein paar Böen mit 24 Knoten fiere ich das Tuch und alles ist schnell unter Kontrolle. Ich schlafe wieder ein und warte auf die nächste Böe.”

Bei bis zu 28 Knoten Wind und schön tiefen Winkeln erreiche “Malizia” gut 24 Knoten Bootsgeschwindigkeit. Aber dann passiert es doch. Eine Kombination aus starker Böe, großer Welle und Speed lassen uns in Sekundenbruchteilen außer Kontrolle geraten.  Vielleicht waren wir zu langsam oder der Kurswinkel zu spitz. Die Strömung am Ruder reißt ab, und das Schiff dreht heftig in den Wind. Da die Schoten auf dem gesegelten Kurs nicht besonders dicht sind, ist die Krängung nicht so stark.

Boris Herrmann

Der Arbeitsplatz auf “Malizia”. © Boris Herrmann

Der kritische Moment ist jetzt immer, beim Abfallen nicht sofort in eine Halse zu drehen. Denn wenn das Ruder wieder greift, überreagiert der Autopilot häufiger und fällt zu weit ab. Er steuert dann schon mal in eine Halse. Kein schönes Szenario mit einem hochgeklappten Luvruder, das dann plötzlich auf der Leeseite ist.”

Herrmann kann noch hoffen, dass die Konkurrenten bei der schwierigen Guadeloupe-Rundung so viel Zeit verlieren, wie die beiden Ultim-Trimarane. Ein 100 Meilen-Rückstand könnte theroetisch noch aufzuholen sein. Alex Thomson an der Spitze scheint aber durch zu sein.

Route du Rhum Tracker

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Carsten Kemmling

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Ein Kommentar „Route du Rhum: Thomson einfach schneller – Herrmann behält den Anschluss“

  1. avatar Geronimo sagt:

    Alex segelt nicht nur schneller sondern macht auch vor der Kamera eine bessere Figur als seine Konkurrenten, denen man eine Schulung durch einen Medienberater empfehlen möchte. Toller Typ.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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