Route du Rhum: Warum Thomson so deutlich an der Spitze liegt – “Malizia” reiht sich ein

Hebel auf den Tisch

Bei der Route du Rhum sind die Augen nun auf die IMOCA-Klasse gerichtet. Alex Thomson steht vor seinem ersten großen Sieg, Boris Herrmann segelt auf Platz fünf.

Konnte, oder wollte er nicht? Als Alex Thomson seine “Hugo Boss” vor St. Malo über die Startlinie bugsiert hatte, schien er noch ziemlich gemächlich zuz segeln. Die Konkurrenten ließen ihre Muskeln spielen, vielleicht auch um vor den Augen der Weltöffentlichkeit ihre Sponsor-Logos formatfüllend über die TV-Bildschirme flimmern zu lassen. Aus diesem Grund starten die Radrennfahrer bei der Tour de France oft frühe Ausbruch-Versuche, die zum Scheitern verurteilt sind. Wollte der Brite die Kollegen in Sicherheit wiegen? Segelte er deshalb erst auf Rang acht um die erste Bahnmarke?

Alex Thomson, Hugo Boss

“Hugo Boss” gibt Gas. © Mark Lloyd

Dabei lehren zum Beispiel Volvo Ocean Race-Etappen, dass sich bei einer Langstrecke schon ein kleiner Rückstand zu Beginn später potenzieren kann, wenn man die entscheidenden Windsysteme verpasst.

Aber die Wetterbedingungen ließen diesmal keinen Spielraum für große Unklarheiten. Profi-Teams wie das von Alex Thomson, können die Entwicklung besonders in den ersten Tagen einer solchen Regatta bestens vorhersagen. Und kurz nach der ersten Marke gibt er Gas.

Vielleicht ist es der Angriff von Louis Burton, der ihn wach rüttelt. Der 33 Jahre junge Herausforderer segelt Armel Le Cleach’s Vendée Globe-Siegeryacht “Banque Populaire”, die schon vor der vergangenen Vendée neben Boris Herrmanns ex “Edmond de Rothschild” zu den drei schnellsten IMOCAs gehörte. Auch Burton, der jüngste Vendée Starter 2014 und 17, startet vorsichtig, pflügt dann aber bei Flachwasser und teilweise Foiling-Bedingungen durch das Feld, vorbei auch an Thomson auf Rang fünf.

Hebel auf den Tisch

Dann legt der Brite den Hebel auf den Tisch, distanziert den jungen Herausforderer auf direktem Weg unter Land schnell um drei Meilen, macht mühelos auch die drei Meilen zum neuen Super-Foiler “Charal” gut, und als sich schon alle auf ein Duell der beiden um die neue Vorherrschaft in der Klasse freuen, dreht “Hugo Boss” ab auf einen nördlicheren Kurs.

Der Moment des Ausbruchs. Thomson entfernt sich auf einem nördlicheren Kurs von Beyou und Riou…

…”Hugo Boss” segelt alleine im Norden der Verbot-Zone vorbei.

Eine erstaunliche Strategie. Champions, die ein schnelles Boot zur Verfügung haben, segeln so nicht. Für sie ist jede Art von Separation Gift. Warum das Risiko eingehen, in einem anderen Windsystem zu segeln, anstatt einfach beim Gegner zu bleiben und den überlegenen Speed zu nutzen?

Thomson segelt so. Auch bei der Vendée Globe begab er sich zu Beginn auf Abwege, um erst später zum Feld zurückzukehren. Es funktionierte nicht besonders gut. Aber er hatte mit Le Cleac’h auch einen anderen Gegner. Den mochte er durch unorthodoxe Taktik aus der Reserve locken wollen.

Hopp, oder Topp. Der Querabstand wächst gewaltig

Der strategische Schlenker des Briten, kann aber auch darauf hindeuten, dass er und sein Team sich nicht so überlegen fühlten, wie es sich im Moment darstellt. Tatsächlich segelte im Moment der Entscheidung Jérémy Beyou mit seinem Neu-Foiler “Charal” nebenan. Der drei Jahre jüngere IMOCA muss schneller als “Hugo Boss” sein, wenn die Konstrukteure nicht alles falsch gemacht haben – auch wenn er noch nicht mit 100 Prozent gesegelt wird.

Der Plan ist aufgegangen

Und in der Spitzengruppe segelte auch Vincent Riou mit seiner auf den Flügelbetrieb umgerüsteten “PRB”, der in der Saison schon mächtig Druck gemacht hat, so wie Figaro-Dreifach-Sieger Yann Elies (44), der neuerdings den ex Foiler von Jean-Pierre Dick unter sich weiß. So viele Konkurrenten auf Augenhöhe kann man nicht mit einem vermeintlichen kleinen Speed-Vorteil kontrollieren. Vielleicht hätte sich die Situation anders dargestellt, wenn “Charal” und auch Burton zum Zeitpunkt der Entscheidung schon ausgeschieden wären.

Wie auch immer, der Plan ist aufgegangen. Thomson hat sich durch den Sturm gekämpft, wie es vielleicht kein zweiter schafft. Und die Nord-Position zahlt sich aus. Er ist nicht nur schneller, sondern war im Nachhinein auch noch schlauer. 

Route du Rhum

Alex Thomson zieht einsam seine Bahn an der Spitze, Boris Herrmann ist auf Rang fünf zurückgefallen.

Bei den aktuellen Bedingungen hätte seine “Hugo Boss” vermutlich gar keinen Speed-Vorteil genossen. Erst wurde intensiv gekreuzt, nun segeln die IMOCAs genau vor dem Wind. Beides sind genau die Voraussetzungen, bei denen die Foils keinen Vorteil bringen.

Speed auch ohne Flügel

Zurzeit sind die großen Spinnaker gesetzt. Die 60 Fußer versuchen maximal tief zu segeln und müssen mehrfach halsen, um nach Guadeloupe zu kommen. Sie sind nicht schnell genug, um sich auf die Flügel zu heben. Nutznießer dieser Bedingungen ist Paul Meilhat, der seine “SMA” als einziger aus der Spitzengruppe nicht mit Flügeln bestückt hat. Er liegt immer noch auf Rang zwei.

Der aufstrebende Einhand-Offshore-Profi Charlie Dahlin beschreibt, wie anstrengend das Segeln mit den großen Tüchern ist: “Man muss ständig den Kurs anpassen und trimmen. Der Autopilot ist meist überfordert. Bei einem kleinen Fehler kann der Spinnaker reißen. Man verbringt viel Zeit am Steuer und muss die Wellen abreiten.”

Im Unterschied dazu ist das Segeln auf einem etwas spitzerem Kurs mit dem flacheren Gennaker deutlich entspannter. “Man kann schnell sein, und sich trotzdem ausruhen. Der Autopilot hält den Kurs. Er kommt auch zum Einsatz, wenn der Wind stärker als 22 Knoten weht.”

Er glaubt, dass Thomson das Rennen unter Kontrolle hat. Schließlich hat er schon 180 Meilen Vorsprung. Die ersten 48 Stunden seien wieder einmal entscheidend gewesen, auch wenn es um so ein langes Rennen über den Atlantik geht.

Die tragische Flaute am Anfang

Er verfolgt auch die Leistung von Boris Herrmann und glaubt, der habe die richtige Wahl getroffen, als er so weit nördlich der Spitzengruppe geriet. Es habe wohl kaum eine andere Chance gegeben, nachdem der Deutsche in eine Flaute geraten war. Eben noch segelte Herrmann direkt neben Yann Elies, wenige Stunden später wurde er auf Rang 13 geführt und der Franzose war 40 Meilen weg.

Der aktuelle Podium-Anwärter kreuzte noch einmal kurze Zeit später mit dem gleichen Abstand auf dem Weg nach Süden vor dem Bug von “Malizia” und der Hamburger mag überlegt haben, dem erfahrenen Kollegen zu folgen. Aber vielleicht war das Wetterfenster auch schon geschlossen.

Danach habe sich der Hochdruckkamm jedenfalls ausdehnt, sagt Dahlin, und Boris war der Weg zu den Passatwinden versperrt. “Auch wenn es psychologisch sicher nicht einfach für ihn war, hatte er keine andere Wahl, als wieder nach Nordwesten zu segeln und bei starkem Wind genau gegen den Wind zu segeln. Der Kurs nach Süden hätte ihn wie gegen eine Wand fahren lassen.”

Für Dahlin schlägt sich der Route du Rhum Neuling aus Deutschland bei seinem ersten Transatlantik Solorennen gut. Sein Routenprogramm lasse “Malizia” etwas weniger als 24 Stunden nach den Top Vier ins Ziel kommen.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Route du Rhum: Warum Thomson so deutlich an der Spitze liegt – “Malizia” reiht sich ein“

  1. avatar Felix sagt:

    So viel schneller wird charal wohl nicht sein, da braucht es vermutlich schon annähernd 100% um Hugo Boss zu schlagen. Ich meine das boot war den anderen der letzten Generation wirklich deutlich überlegen, hat man ja bei den beiden Aufholjagden der VG gesehen. Sobald auf dem foil unterwegs waren 2kt mehr Speed drin. Das sind Welten. Charal wird wohl weiterhin etwas konservativ konstituiert sein und nicht das Maximum der Möglichkeiten der aktuellen imoca Generation Bedeuten. Wird sich vermutlich dann zeigen wenn die neue Hugo Boss zu Wasser gelassen wird. Traditionell bauen die Franzosen ja alle eher konservativ während Alex Thomson Extreme Designs bevorzugt. Egal ob die Bleiente ,die bei passendem Wind verdammt schnell war, sonst aber gar nicht funktioniert hat oder auch die aktuelle imoca bei der die Balance wohl sehr gut getroffen wurde. Wenn charal am Ende 1-1,5 kt schneller ist dann wird sie aktuell Wohl noch nicht schneller sein denn um am Limit zu segeln fehlt einfach noch die Erfahrung und die Daten. Thomson segelt gleichzeitig wohl ziemlich materialschonend da ihm vermutlich klar ist dass er das schnellste Boot der Flotte besitzt. Allerdings funktioniert Hugo besser wegen dem Extremen Design wohl etwas anderes als die anderen yachten und hätte ihren Vorteil auf deren Kurs nicht ausspielen können. Noch dazu macht Thomson einfach gerne Extremschläge. Diese Zahlen sich auch immer häufiger aus, egal ob beim letzten Barcelona worldrace, der VG oder nun auch hier gehen sie doch meist gut. Der erste bei der VG war zwar nicht sehr erfolgreich, die Passage zwischen den Inseln welche er als einziger gemacht hat war hingegen überaus erfolgreich und hätte ihm wohl den Sieg Beschert wenn das foil Gehalten hätte. Insgesamt macht er seinen Job schon ziemlich gut, wenn auch etwas anderes als die Konkurrenz.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 19 Daumen runter 0

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