Route du Rhum Yoann Richomme: Vom Class40-Sieger zum Vendée-Globe-Favoriten

Selbstbewusstsein für die Vendée Globe

Die sportlich wohl herausragendste Leistung aller 138 Starter bei der Route du Rhum ist Yoann Richomme gelungen. Er siegte in der heißumkämpften Class40 und wäre selbst im Feld der 38 IMOCA 22. geworden – vor Boris Herrmann.

Yoann Richomme gewinnt mit seiner kaum erprobten Class40 Arkea-Paprec. © Alexis Courcoux / #RDR2022

Dieser Start sieht wie ein Anfängerfehler aus. Da scheint jemand übermotiviert in ein großes Rennen gehen zu wollen. Er berechnet den Schiebestrom falsch, lässt sich von den Konkurrenten mitziehen und ist schon fast 30 Sekunden vor dem Schuss über der Linie. Wenn es sich nicht um Yoann Richomme handeln würde, könnte man den Fauxpas unter Unerfahrenheit verbuchen. Möglicherweise will ein Jungspund seinem Sponsor einige Sendeminuten in der französischen live-TV-Übertragung sichern.

Die Startsequenz im Video:

Aber dieser Richomme ist 39 Jahre alt, Route du Rhum Titelverteidiger und zweifacher Gewinner bei der Solitaire du Figaro – 2016 und erneut 2019, als die Einführung des Semi-Foilers Beneteau Figaro 3 zu einem besonders elitären Feld führte. Er gehörte zum Favoritenkreis der 55 Class40-Starter und hätte erfahren genug sein sollen, um sich nicht so sehr aus der Reserve locken zu lassen. Unüberlegtes Verhalten steht einem erfahrenen Champ, der noch Großes vorhat, nicht gut zu Gesicht. Es hätte ihn das Rennen kosten können. Dass es am Ende nicht so gekommen ist, kann man auch Glück nennen. Vier Stunden Strafe musste er irgendwo auf dem Kurs absitzen. Er wählte die Zeit schlau, gut vier Stunden nach dem Start, als die gesamte Flotte bei wenig Wind kaum vorankam.

Der Triumphator Richomme in Siegerpose. © Alexis Courcoux / #RDR2022

Mit 25 Meilen hielt sich der Rückstand in Grenzen, angesichts 3500 Meilen vor dem Bug. Dennoch kann solch ein Defizit entscheidend sein in einem hochklassigen großen Feld mit so vielen Neubauten am Start wie nie zuvor. Niemand konnte einen so großen Speedvorteil für sich erwarten, dass einfaches Hinterhersegeln ausgereicht hätte. Im Abstand von 25 Meilen ergeben sich schnell Tiden- und Wetter-Barrieren, die einen minimalen Rückstand schnell uneinholbar machen.

Am vierten Tag in Führung

Aber Richomme segelt danach mit dem Glück des Tüchtigen, ist schnell wieder dran, erspart sich weitere Risiken, merkt, dass der Amwindspeed seines Lift V2 Lombard Designs – dem jüngsten Schiff der Flotte – zum Aufholen ausreicht, kommt bestens durch die erste Flaute, segelt nach drei Tagen schon in den Top Drei, und übernimmt am vierten Tag die Führung. Er baut sie bis auf 120 Meilen aus und hat damit ein ausreichendes Polster, um die Flaute bei der Zielanfahrt nicht unter Druck zu geraten.

Eine Meisterleistung in einem Feld mit nahezu gleichwertigem Material. Und was für Erfolg im Vergleich zur gleichzeitig gestarteten IMOCA-Flotte, die mit 20 Fuß mehr Wasserlinie und überwiegend Foils auf dem Kurs unterwegs ist. Fast hätte sich Richomme noch Alan Roura (Hublot) mit der jüngsten Ex von Alex Thomson geschnappt, Boris Herrmann kam gut eineinhalb Stunden später ins Ziel.

Richomme herzt den zweitplatzierten Italiener Ambrogio Beccaria mit “Allagrande Pirelli” 2. bei der Route du Rhum © Alexis Courcoux / #RDR2022

Aber welchen Wert hat dieses Resultat für einen Yoann Richomme, der eigentlich längst in einer anderen Liga spielt?

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Carsten Kemmling

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