Route du Rhum: Zwei IMOCAs kollidieren – Bildschirm-Zoom falsch eingestellt

"Oh Gott, das ist das Ende"

Bei der Route du Rhum ist es zu einem erstaunlichen Zwischenfall auf hoher See gekommen. Zwei 60-Fußer sind kollidiert. Der in der IMOCA-Flotte elftplatzierte Finne Ari Huusella auf “Ariel II” ist mit dem Franzosen Sébastien Destremeau zusammengestoßen, der in der der Rhum Mono-Flotte auf dem zweiten Platz  liegt.

Der Vorfall ereignete sich am 13.11 in den frühen Morgenstunden um 6:00 Uhr (UTC) bei Dunkelheit 400 Meilen westlich-südwestlich der Kanarischen Inseln.

Destremeau, 2007 America’s Cup Taktiker vom Team China und ex Flying Dutchman Spitzen-Vorschoter, der mit einem alten IMOCA bei der vergangenen Vendée Globe seine Hochsee-Karriere gestartet hatte, beschreibt das schockierende Erlebnis:

“Es herrschte Dunkelheit. Ich war bei gut 20 Knoten Wind auf dem Weg nach Süden, Ari segelte nach Westen. Es war klar, dass sich unsere Wege kreuzen, aber das Vorfahrt-Prinzip auf See heißt: Von links kommenden Boote müssen ausweichen. Also hatte ich Vorfahrt. Ich nutzte die Gelegenheit, ein wenig in der Koje zu schlafen.

Der Moment des Zusammenstoßes zwischen Seb Destremeau und dem Finnen Ari Huusela.

Plötzlich halste mein Boot und lag auf der Seite, als wenn es von einer Welle weggefegt worden wäre. Das Schiff lag flach mit dem Rigg auf dem Wasser. Es dauerte nur ein paar Sekunden, aber mein Boot drehte sich um 90 Grad. Ich bin in das Heck von Ari gekracht.

Sebastien Destremeau geschockt nach der Kollision.

Er rief mich ein paar Minuten später an, nachdem wir die Boote wieder kontrolliert hatten. Er entschuldigte sich: Er war am Ruder, sah mich kommen, und dachte, er könnte vorne vorbeikommen. Aber nachts sind die Entfernungen schwer einzuschätzen.

“Es erinnert daran, wachsam zu sein”

Es war ein unglaubliches Ereignis. Auf den ersten Blick gibt es keine strukturellen Schäden, aber die Basis meines Bugspriets ist beschädigt, und es gibt weitere Schäden am Bug. Die Reparatur dauerte vier Stunden. Dies ist wirklich ein seltener Vorfall. Ich habe noch nie von so etwas gehört. Es erinnert uns daran, wachsam zu sein. Es ist allzu einfach,  Entfernungen bei Dunkelheit falsch einzuschätzen, wenn man müde ist.”

Der Finne macht keinen Hehl daraus, die Kollision verschuldet zu haben. Er verfolgte über sein Automatic Identification System (AIS) genau, wie sich der unter Autopilot segelnde Franzose näherte.

Ari Huusela

Ari Huusela bastelt sich aus zwei kaputten Hydrogeneratoren einen funktionierenden. © Huusela

“Ich sah den Namen des Bootes auf dem Bildschirm und wusste, wer es war. Ich rief ihn dreimal auf dem UKW an, aber es gab keine Antwort. Ich habe per AIS überprüft, dass wir uns nicht treffen würden, aber unsere Geschwindigkeiten variierten bei dem böigen Wind sehr stark. Mal fuhren wir 10 und dann wieder 17 Knoten.

Falsche Skala

Ich bemerkte allerdings nicht, dass die Skala auf meinem AIS nur bei 0,75 Meilen lag, also war er weniger als eine Meile entfernt, als er auf meinem Bildschirm auftauchte. Normalerweise benutze ich die 15-Meilen-Skala. Ich war müde und desorientiert und bemerkte nicht, dass er so nahe war. Als ich den Fehler erkannte, stürzte ich nach draußen und sah den Bug seines Bootes wohl 17 Knoten schnell auf mich zukommen. Ich dachte: ‘Oh Gott, das ist das Ende’. Aber dann schaffte ich es, noch das Ruder rumzuwerfen. Er traf nur die Ecke meines Hecks. Sein Bugspriet geriet in mein Heckkorb löste sich dann aber wieder.”

Huusela dachte, dass er durch den Aufprall sein Rigg verlieren könnte, aber er fierte das Groß, nahm Druck raus und rettete seinen Mast. Nach dem Schock sprachen die beiden Skipper per Funk miteinander. “Wir haben am Abend auch noch ein paar E-Mails ausgetauscht und sind beide glücklich. Es hätte noch sehr viel schlimmer kommen können.”

Beide setzten ihre jeweiligen Kurse fort und haben beide durchschnittlich 10-15 Knoten Bootsgeschwindigkeit erreicht. Das Landteam von Huusela steht ihm mit Rat und Tat zur Seite, wenn er sein Boot weiter überprüft.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Route du Rhum: Zwei IMOCAs kollidieren – Bildschirm-Zoom falsch eingestellt“

  1. avatar T.B. sagt:

    Ähm… KVR Regel 12…??? Begegnung von 2 Segelfahrzeugen: Steuerbordschlag vor Backbordschlag? Der Wind kam ja wohl aus NO und beide waren dabei Raum zu kreuzen?!
    Also hätte das nach Westen fahrende Boot Vorfahrt und das nach Süden fahrende müsste ausweichen!
    Bitte freundlichst um Aufklärung…evt. habe ich auch nur gerade ein Orientierungsproblem.

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  2. avatar dirba sagt:

    Da ist mir jemand zuvorgekommen….
    Ich sehe es genauso. Geht man von nördlichen Winden aus, wäre Destremeau ausweichpflichtig gewesen gemäß Regel 12. Sein beschriebenes generell gültiges “Vorfahrtprinzip” kenn ich so auch nicht, die beiden werden ja nicht unter Maschine gefahren sein…

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    • avatar Chris sagt:

      Je nach den Wettfahrtregeln (unterscheidet sich von Regatta zu Regatta) gelten in der Nacht die KVR für Maschinenfahrzeuge auch für segelnde Boote, denn es kann bei Nacht unter Umständen kaum möglich sein, rechtzeitig Segelstellung zu erkennen.

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      • avatar T.B. sagt:

        Klingt logisch und macht Sinn. Hab ich noch nicht gewusst.
        Danke für die Aufklärung!-)

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  3. avatar pjotr sagt:

    also ich glaub ein bisschen komplizierter isses schon. 😉 und dass das ganze mit AIS-unterstützung abgelaufen ist machts auch nicht einfacher.
    was anderes: ich frag mich ernsthaft ob die “profis” so im tunnel sind dass sie die grundlegendsten sachen vergessen. die liste (fischerboot versenkt: ein toter; auf land gefahren; jetzt also kollision mit anderem teilnehmer auf offener see) wird immer länger und mir langsam unheimlich. nich lustig.

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