SailGP: Coutts freut sich etwas zu laut über Crash&Burn – Coach fordert mehr Abschreckung

"Mehr auf die Bremse treten"

Das SailGP-Spektakel in Bermuda war mitreißend, aber das Kollisionsrisiko ist kaum noch überschaubar. Darauf weist Spithill Coach Philippe Presti hin. Er fordert ein Umdenken.

Russell Coutts machte sich keine Mühe, die Begeisterung über den ersten SailGP der neuen Saison in Bermuda zu verbergen. Genau so stellt er sich die neue Art seines revolutionären Rennzirkus vor. Er jubelte auf Facebook: “Spithill und Outteridge hatten heute einen großen Crash! Aber was für ein Renntag … taktisch, dramatisch und aufregend. Einfach großartiges Rennen.”

Das hätte auch mäcjhtig schief gehen können. FRA passiert knapp hinter GBR. © Simon Bruty SailGP

Den Segelsport muss man wohl genau so präsentierten, wenn man im Wettbewerb mit anderen Sportarten ein neues Live-Publikum erreichen will. Der Auftakt in Bermuda erfüllte die Vorgaben an ein medienwirksames Spektakel. Aber mit dem Erfolg kommt auch die Kritik. Und die entzündet sich insbesondere an der haarsträubenden Kollision, zwischen Japan und USA.

Es war vielleicht nur Glück, dass nicht mehr passiert ist. Aber nun mehren sich die Stimmen, dass man es beim nächsten nicht unbedingt auf einen schlimmeren Ausgang hinauslaufen lassen sollte. Besonders das US-Team um James Spithill ärgert sich, unverschuldet aus dem Rennen geworfen worden zu sein. Die Chancen standen nicht schlecht, noch das Top Drei Finale zu erreichen.

Mehr an der Sicherheit arbeiten

Star-Trainer Philippe Philippe Presti (55), zweimaliger Finn-Dinghy-Weltmeister, Coach der America’s Cup Teams Oracle Racing (2013/17) und zuletzt Luna Rossa, der auch die Australier zum ersten SailGP führte und nun für Spithill arbeitet, mahnt, man solle schnellstens auf die Bremse treten.

Philippe Presti, Spithills Coach bei Oracle, Luna Rossa und nun auch dem SailGP USA Team. © SailGP USA

In einem Interview mit Landsleuten der französischen V&V äußert er die Sorge, dass sich die Organisatoren zu sehr auf die Kollisionen und Kenterungen konzentrieren – eben spektakuläre Aktionen, die der Aufmerksamkeit und dem Marketing helfen. “Es wäre ein Fehler.”

Ja, es sei eine unglaubliche Show mit sehr positivem Feedback gewesen. “Aber das ist nicht alles. Am Ende des Tages wollen die Segler Rennen bestreiten. Ich denke, wir müssen mehr an den Sicherheitsaspekten arbeiten. Der Grad der Gefährlichkeit muss gesenkt werden.”

Dabei geht es ihm insbesondere darum, wie solche Unfälle in Zukunft besser verhindert werden können. Auch sportlich macht das Sinn. Das US-Team war zutiefst frustriert, durch den Schaden von den weiteren Rennen ausgeschlossen zu sein. Der enge Zeitplan verhindert es etwa, wie bei normalen Regatten dem unschuldigen Crash-Beteiligten eine Wiedergutmachung in Form von Punkten gutzuschreiben. Es ist mehr wie bei der Formel 1. Wer raus ist, ist raus.

Sicht im Segelprofil versperrt

Deshalb plädiert Presti dafür, mehr dafür zu tun, damit es nicht zum Äußersten kommt. Rein bauliche Maßnahmen können schon helfen. So sei seinem Team etwa die Sicht versperrt gewesen durch den neuen Bildschirm mit der Rennsoftware im Flügelprofil.

Der B&G-Bildschirm (l.) im Flügel beim spanischen Team. Die Sicht nach Lee ist eingeschränkt. © SailGP

Der japanische Kollisionsgegner auf dem anderen Bug sei hinter dem Mast und dem Screen nicht zu sehen gewesen. Outteridge, Skipper des ausweichpflichtigen Bootes berichtet über ähnliche Probleme mit der Sicht. Andererseits hätte er aber auch schneller in die Wende steuern können, um den Crash zu verhindern. Er wartete allerdings, bis seine Crew die Tragfläche bewegt hatte, um eine bessere Wende auszuführen. Das kostete die entscheidenden Sekunden.

Presti geht es besonders darum, Regeln aufzustellen, die die Boote davon abhalten, sich so sehr zu nähern. Der Speed sei extrem hoch und die erlaubte Trainingszeit minimal. “Wir werden die richtige Balance zwischen Kontrolle und Risikobereitschaft finden müssen. Denn bei diesen Geschwindigkeiten können die Zusammenstöße sehr heftig sein und viel Schaden anrichten, auch bei Menschen…”

Beim America’s Cup etwa habe es eine von Sensoren überwachte elektronische Sicherheitszone um die Boote herum. Eine Berührung dieses Bereichs wurde wie eine Kollision behandelt. “Ich denke, es muss mehr Abstand zwischen den Booten gewährleisten. Ein Start wie von den Spaniern im zweiten Rennen am Sonntag gegen die Franzosen, ist nicht akzeptabel. Man kann Menschen wirklich verletzen, wenn man auf diese Weise segelt.” (Video)

Der irre Reindränge-Start von ESP-Steuermann Phil Robertson, für den er mit mehrfach-Strafen belegt wurde.

Der neuseeländische Steuermann Phil Robertson kämpfte offensichtlich mit aller Gewalt und höchstem Risiko darum, im letzten Rennen noch den Platz im Finale zu sichern. Es hätte sogar fast gepasst, obwohl er nach dem Start-Fehler mit einem doppelten Stopp-Penalty belegt wurde.

“Kurz gesagt, ich denke, wir müssen uns neue Regeln einfallen lassen, um die Crews zu zwingen, mehr Abstand zu halten”, sagt Presti. “Das Strafsystem ist nicht abschreckend genug. Es gibt beim Eingehen eines hohen Risikos nicht genug zu verlieren.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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