SailGP: Die schnellsten Rennyachten der Welt – Segel-Spektakel in San Francisco

Was der Segelsport zu bieten hat

Wenn man Segelsport einer größeren Öffentlichkeit präsentieren will, dann muss es genau so aussehen. Beim SailGP in San Francisco ist die Vision von  Coutts und Ellison real geworden. Besonders ein Manöver ließ die Zuschauer den Atem anhalten.

Das erste Rennen des zweiten Tages. Gleich drei Teams nähern sich der letzten Luvtonne beim Kampf um den Sieg. Mit einem Amwind-Speed von nahezu 30 Knoten passieren Briten, Australier und Japaner im Zentimeter-Abstand vor den gegnerischen Bugspitzen. Die Positionen wechseln sekündlich. Winddreher, Böen und die Qualität der Wenden sind entscheidend.

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Unter einer Wasserwolke begraben. Der massive Crash vor der Ziellinie. © SailGP

Nach dem Auftakt des SailGP in Sydney findet der zweite Teil der neuen Rennserie in San Francisco statt, das besonders durch verlässlichen Starkwind als eines der attraktivsten Segelstadien der Welt gilt. Wenn an der Stätte der legendären America’s-Cup-Schlacht 2013 zwischen dem Oracle Team USA und Neuseeland der Funke von dieser Regatta auf die potenziellen Segelfans nicht überspringt, dann wird das nirgendwo passieren.

Der erste Tag in San Francisco hat gezeigt, dass die konkurrierenden Teams zu den beiden erfahrenen australischen Top-Skippern  Tom Slingsby (AUS) und Nathan Outteridge (JPN) aufgeschlossen haben. Die Briten können besser mithalten, das US-Team zeigt sich schon mal vorne, und auch die Franzosen spielen mit. Nur der Kiwi Phil Robertson bringt sein chinesisches Team nicht in Fahrt.

Den Verfolger ausbremsen

Vorne schickt sich Dylan Fletcher, der zurzeit beste 49er-Steuermann der Welt, an, den ersten britischen Rennsieg zu feiern. Aber er liegt nur eine Länge vor den beiden Konkurrenten. Outteridge führt seinen F50 Onedesign-Kat knapp hinter den Briten vorbei und rast in eine Foiling-Wende.

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Leetonnen-Rundung beim finalen Match. Eine Kollision wurde nur knapp verhindert. © SailGP

Es soll ein klassisches Zweikampf-Manöver werden, eines das in der Ära der schnellen Multihulls und Foiler immer mehr in Vergessenheit zu geraten droht, eine Lee-Wende. Man wendet in Lee vor dem Gegner und nutzt dann die “sichere Leestellung” aus, um den Verfolger auszubremsen.

Das klappt nur bei Bootstypen, die bei einer Wende im Vergleich zum eigenen Amwind-Speed relativ wenig verlieren. Und das traf zum Beispiel auf die America’s Cupper nicht zu. Seit dem Umbau zum F50 mit einer besseren Energieversorgung, die besonders beim Auf und Ab der Schwert-Foils gefordert ist, haben die Taktiker diesen genau getimten Bugwechsel offenbar wieder in ihr Arsenal aufgenommen.

Tragfläche klatscht ins Wasser

Outteridge reißt sein Steuerrad herum, die zweite Tragfläche klatscht ins Wasser, auf vier Stützen schwenkt der Kat durch den Wind, das Luv-Foil hebt sich wieder und die Bugspitzen zeigen genau auf die letzte Wendemarke.

Der unter japanischer Flagge segelnde Multihull versperrt den heran rasenden Australiern den Weg. Game Over für Slingsby? Von wegen! Otteridge muss etwas kneifen, um die Marke zu erreichen. Er kann nicht den optimalen Winkel zum Beschleunigen steuern. Slingsby nutzt seinen Fahrt-Überschuss, luvt etwas an und beginnt mit dem Überholmanöver.

Die Sequenz des dramatischen Absturzes im Übertragunsvideo:

Der letzte Schlag ins Ziel wird mit maximalem Speed von über 40 Knoten gesegelt. Slingsby will in Luv vorbei rasen. Outteridge luvt. Er will den Gegner ausbremsen. Ein haariges Manöver wie in der ersten Kurve eines Formel-1-Starts. Aber die Aussies scheinen sich vorbei zu quetschen.

Begraben unter der Wasser-Wolke

Plötzlich knallt der Luvschwimmer ins Wasser. Eine Fontäne schießt in die Luft. Der F50 ist unter einer Wasser-Wolke begraben. Er stoppt abrupt ab. Die Crew fliegt nach vorne. Die beiden Grinder Ky Hurst und Sam Newton verletzen sich an Rippen und Gesicht. Blut fließt durchs Cockpit, aber für den viermaligen Ironman-Champion Hurst sind es vergleichsweise geringe Schmerzen. Er kann die leichten Blessuren locker wegstecken.

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Das US-Team zeigte sich stark verbessert. © SailGP

“Es war ein wirklich übler Absturz”, sagt Wing-Controller Jason Waterhouse, Olympia-Silber-Gewinner im Nacra17. “Wir entschieden uns für ein Manöver mit einen Codenamen ‘Adler’, was bedeutet, dass wir beide Foils absenken.” Dabei wollten die Australier offenbar die nötige Tiefe generieren, um das etwas in Lee liegende Ziel noch zu erreichen. 

“Aber die Foils zogen das Schiff tiefer herunter, als wir erwartet hatten. Das Schiff stoppte von 40 auf etwa 7 Knoten ab, und wir entgingen nur knapp einem Überschlag. Gott sei Dank ist dabei nichts kaputt gegangen.”

Spitze Schreie

Die Zuschauer hatten ihren Spaß. Spitze Schreie tönten von den Tribünen im Zielraum. Solch eine High-Speed-Dramatik verbindet man normalerweise nicht mit dem Segelsport. Die Szene war der Aufreger des Wochenendes.

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Gut gefüllte Tribüne in San Francisco. Die Zuschauer waren begeistert. © SailGP

Aber auch der Rest der Veranstaltung erfüllte höchste Ansprüche an guter Sport-Unterhaltung. Und das lag insbesondere daran, dass die beiden Topp-Teams nicht mehr unbehelligt von der Konkurrenz vor dem Feld kreuzten wie in Sydney. Ihr Vorsprung hat sich sichtlich deutlich verringert. Und wenn sich jetzt noch jemand um die Chinesen kümmert, wird die sportliche Leistung noch homogener.

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Larry Ellison herzt den SailGP Top Piloten Nathan Outteridge. © SailGP

Der SailGP ist die zurzeit am höchsten zu bewertende Profi-Segelveranstaltung. Und man kann nur vermuten, dass diese Regatta den America’s Cup in puncto Medienwirksamkeit überholen könnte. Schon jetzt wird deutlich, dass es ein großer Fehler gewesen sein könnte, ein weiteres Mal die Bootsklasse beim Cup zu wechseln.

Es gibt noch keine Cupper, die man in Aktion sehen kann. Und wenn dann die ersten Kraken-Foiler segeln ist kaum zu erwarten, dass sie annähernd so gleich schnell sind wie die Einheitskatamarane beim SailGP. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass ein Team beim Design-Spiel klar vorne liegt und dann auch die Rennen deutlich für sich entscheidet.

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Zweikampf der Besten. © SailGP

So stellt sich auch die Frage, ob man beim SailGP unbedingt das jeweils abschließende Match Race benötigt. In San Francisco segelten die Australier an den beiden Renntagen eigentlich deutlich schlechter als Japan und rettete sich nur ins Finale, indem sie beim letzten Fleetrace die Briten so sehr bewachten, dass diese hinter ihnen lagen.

Dass Slingsby mit dem finalen Match-Sieg auch das gesamte Event gewann, ist etwas schwer nachvollziehbar. Aber es war erst der zweite Spieltag der Serie, und die Organisatoren haben angekündigt, permanent Verbesserungen einbauen zu wollen.

Replay des zweiten Tages:

 

 

 

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Carsten Kemmling

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15 Kommentare zu „SailGP: Die schnellsten Rennyachten der Welt – Segel-Spektakel in San Francisco“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

    Guter Artikel, sehr nah am Geschehen; da scheint der Autor ja am Wochenende zur besten Familienzeit auch “frei” gehabt zu haben……wohl dem, der Gucken darf! Da kannman schonmal Sydney und San Francisco verwechseln, wie am Anfang des vierten Absatzes.

    Der Gedanke zum Matchrace-Finale ist naheliegend, finde ich aus den genannten Gründen auch etwas merkwürdig. Da wäre zumindest ein “best of three” angesagt.

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  2. avatar Christian sagt:

    Carsten war Bundesliga Segeln und dürfte nur das Replay gesehen haben. Das ist in jedem Fall sehenswert. Bis zu 45 Knoten bei geringem Abstand sind Spannung pur. Das macht so schnell keine andere Bootsklasse nach. Vergesst den AC, das wird nie so eng werden.

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      • avatar Marc sagt:

        Doch 🙂 aber nicht beim NRV, sondern bei der VWH

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        • avatar Andreas Borrink sagt:

          Anyway – den Artikel finde ich gut, auch wenn er der Zusammenfassung entstammt.

          Jeder Bericht über diese Serie in deutschen Fachmedien ist gut, denn HIER spielt die Musik im High-End Segelsport. Mit der Serie kann Segeln international erstmals durchaus mit Motorsport konkurrieren. Ich fand das jedenfalls wesentlich interessanter, als das ewige Prozessionsgefahre der F1. Das war zuletzt spannend, als Schumi da noch mit allen Mitteln gefighted hat….

          Bleibt abzuwarten, ob das auch die nötige Breite erreicht, also den nichtsegelnden Sportinteressierten. Wenn DAS nicht, dann wird das nie was. Die Stelzenboote im AC werden es kaum reissen können.

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          • avatar Christian sagt:

            wer das neueste Video vom AC-Team Magic America sieht, dem wird Angst und Bange, und zwar weniger wegen der Kenterung. Sondern wegen der seitlich weit herausragenden Säbel. Sowas macht sich vielleicht gut in einem Fantasyfilm, in dem mit lustigen Methoden gefightet wird. Aber für enges Regattsegeln bei über 40 Knoten, das heißt Annäherungsgeschwindgkeiten von bis zu 140 km/?

            Wer immer sich das mit dem Monofoiler ausgedacht hat, wird sich selbst nicht auf diese Weise in Lebensgefahr bringen. Grant Dalton verheizt lieber junge Leute.

            Ellison und Coutts muss man nicht mögen, aber mit dem Sail GP haben sie den richtigen Riecher gehabt.

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  3. avatar thorsten sagt:

    Zweifellos spektakuläre Bilder – ich zweifle allerdings noch ein wenig, ob die Entwicklung einer Sportart in eine Richtung, in der Begeisterung und Aufmerksamkeit zu einem nicht unwesentlichen Teil durch spektakuläre Abflüge und Crashes erreicht werden, die im Bereich physikalischer Kräfte liegen, in denen die menschliche Physis deutlich chancenlos ist und so Blut und Verletzungen quasi zum Alltag gehören, wirklich erstrebenswert ist..

    Die zugrundeliegende Mentalität erinnert mich ein wenig an die Autorennen früherer Zeiten oder auch Flugwettbewerbe ganz zu Beginn der Luftfahrt..

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      Ja, da ist was dran….auf einem fliegenden Kat, der sich mit 40kn auf gegenkurs einem anderen Kat mit gleichem speed nähert, möchte ich auch nicht unbedingt sitzen. Aber ich möchte ja auch keinen F1 fahren und könnte das im übrigen auch gar nicht.

      Was den einzelnen nun vor dem Bildschirm hält und begeistert, vermag ich nicht zu sagen. Was mich betrifft, sind es taktische Finessen, gelungene Manöver und Positionswechsel – besonders, wenn mehrere Teams praktisch auf Augenhöhe segeln. Wie am Wochenende alle ausser den Chinesen.

      Als damals Ratzenberger, Senna und wie sie alle hiessen verunglückt sind, habe ich die Glotze sofort ausgemacht; für mich sind Crashs auf keinen Fall ein Grund, mir das anzuschauen. Aber da sind die Interessen wohl verschieden.

      Solange das Risiko kalkulierbar ist – und das scheint mir bei den inzwischen sehr ausgereiften SailGP-Kats so zu sein – finde ich das ok. Bei den Säbelbooten habe ich auch meine Bedenken – mal abwarten, wie es aussieht, wenn da mehrere gleichzeitig auf dem Kurs sind.

      Die meisten Toten und Verletzten gibt es übrigens beim Reiten……

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  4. avatar Alexander sagt:

    in seinem Resumée im Schlusssatz muss ich Christian ohne weiteres Recht geben

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  5. avatar Roar sagt:

    Der einzige, der von dieser Art Veranstaltung profitiert, ist wie in der F1 der Veranstalter.

    Ansonsten gerät der normale Segelsport dadurch eher ins Hintertreffen.

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    • avatar Christian sagt:

      Warum? Sind doch ganz verschiedene Welten. Der Veranstalter des Sail GP zahlt übrigens viele Millionen Dollar drauf. Teures Hobby von Ellison.

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      • avatar Roar sagt:

        “Warum” ist doch klar.

        Das “Spektakel” zieht das Medieintereesse auf sich, d.h es wird weniger über die Olympischen Bootsklassen u.a. berichtet werden. Sponsoren werden sich zurückziehen. Das Ende naht.

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        • avatar Christian sagt:

          Das Ende naht, uhh jetzt hab ich aber Angst. Im Ernst, das ist sehr pessimistisch gedacht. Und was ist schon normaler Segelsport? Olympia gewiss nicht; das ist harter Profisport.

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          • avatar Roar sagt:

            Laser und andere Olympiaklassen werden weltweit von vielen Menschen gesegelt, da sie bezahlbar sind.
            Sie unterscheiden sich damit deutlich von den Kampfmaschinen der beteiligten Milliardäre des SailGP.

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