SailGP: Segeln mit 50 Knoten – Kenterung und Schäden beim Spektakel vor Cowes

Am Limit

Wie weit kann man den Segelsport puschen, um damit Live-Zuschauer zu begeistern? Diese Frage haben am Sonntag die SailGP-Crews beantwortet: Bis hier hin, nicht weiter.

Spätestens als Chris Draper, bei annähernd 40 Knoten Speed aus dem Cockpit geschleudert wird, kurzzeitig mit den Beinen in der Luft strampelt und per Salto hart mit dem Rücken neben dem Flight-Controller-Cockpit aufschlägt, ist das Limit klar. Mehr geht nicht. Mehr ist zu gefährlich. Mehr kann Mensch und Material nicht verkraften.

Die Briten stoppen abrupt. Der Wing trimmer klammert sich fest… © SailGP

…Er versucht, den Fliehkräften zu widerstehen…© SailGP

…wird aber mit den Beinen in die Luft katapultiert…© SailGP

… Der Chris-Draper-Salto. © SailGP

Die Zuschauer atmen auf, als sich Wingtrimmer Draper wieder berappelt. Er präsentiert das Heimteam, segelt mit dem Union Jack auf dem Flügel, und war gerade richtig gut unterwegs. Die Briten unter anderem mit den 49er-Weltmeistern Dylan Fletcher (Steuermann) und Stuart Bithell (Flight Controller) zeigten schon mit Siegen am Trainingstag, dass sie diesmal die bisher dominierenden Australier und Japaner ernsthaft herausfordern könnten.

Ihnen wie auch den anderen aufschießenden Teams mit weniger Cup-Erfahrung wie Slingsby (AUS) und Outteridge (JPN) waren von den Organisatoren mehr Trainingstage vor der vierten Regatta der SailGP-Rennserie erlaubt worden. Zehn Tage übten sie vor Cowes – die Aussies segelten nur einmal – und waren plötzlich die Favoriten. Die Rennen in England haben gezeigt, dass das Feld enger zusammengerückt ist.

Haarsträubende Bedingungen

Allerdings waren bei den haarsträubenden Bedingungen dann doch wieder die erfahrenen Skipper im Vorteil. Wenn Kontrolle und Bootsbeherrschung wichtiger wird als Taktik, spielt die Erfahrung eine übergeordnete Rolle.

Sie schützt aber auch vor Fehlern nicht. Tom Slingsby zerstörte im Training seinen Flügel, als er in eine vorsichtige Halse steuern wollte, und dabei das Profil beim Herumschlagen zu viel Druck bekam. Drei Hydraulik-Arme brachen, und es war nicht klar, ob die Australier, rechtzeitig den Schaden beheben würden.

Immerhin hatten sie zuvor den Speed-Rekord für die F50 Katamarane auf 51.24 Knoten gepuscht. Zuvor machten allerdings die Briten Schlagzeilen, weil sie als erstes Team mit 50.22 Knoten die magischen 50 knackten.

Samstag abgesagt wegen Starkwind

Mit diesem Selbstbewusstsein gingen sie auch in das erste Rennen, das nicht wie geplant am Samstag, sondern im verkürzten Programm erst am Sonntag über die Bühne ging. Der erste Tag wurde schweren Herzens von den Organisatoren abgesagt. Wind und Welle waren dann doch zu stark für die Highspeed-Multis.

Team China im Kampf mit den Elementen. © SailGP

Nun also dieses erste Rennen. Es bläst mit böigen 25 Knoten über die Bucht vor Cowes, wo vor wenigen Tagen noch das Fastnet Race gestartet ist. Der Zuschauer-Bereich ist ausverkauft. Dunkle Wolken ziehen über die britische Insel – so wie man es dort erwartet.

Die Japaner haben schon früh ein technisches Problem. Es kann gerade noch rechtzeitig behoben werden, Nathan Outteridge schafft es noch zur Startlinie, aber eine saubere Positionierung ist nicht mehr möglich. Der überlegene Sieger der vergangenen Regatta in New York wird früh überlaufen.

Stopp-Penalty bei 40 Knoten

Dagegen hämmern die Franzosen mit über 40 Knoten Speed in eine Lücke in Luv der Amerikaner, bekommen dafür einen Stopp-Penalty zugesprochen und lassen sich so brutal ins Wasser klatschen, dass sie in einer Gischt-Wolke abrupt auf 17 Knoten abbremsen.

Tom Slingsby rauscht in Luv vorbei. Er erreicht kurz nach dem Start 45 Knoten, muss an der ersten Tonne dann aber den Amerikanern etwas Platz machen, um ihnen die Innenposition zu überlassen.

Zu langsam und vorsichtig gehalst. Trainingsschaden bei den Australiern © SailGP

Das Abfallen ist das schwierigste Manöver. Segel, Steuer und Tragflächen müssen parallel bedient werden. Wenn der Kat zu sehr krängt, gerät das Höhen-Leitwerk am Ruder aus dem Wasser. Der Grip geht verloren.

Kenterung beim Abfallen

Bei den Amerikanern sitzt Taylor Canfield an der Position des Flight Controllers – der Match Race Weltmeister, der gerade versucht, mit Stars & Stripes für 2021 ein eigenes America’s Cup Team an den Start zu bekommen. Irgendwas läuft schief beim Einstellen der Flughöhe. Mit 38 Knoten Speed, steckt das Boot den Leebug ins Wasser, stoppt auf 2 Knoten ab – und kentert. In Zeitlupe schlägt der Masttopp auf den Wellen auf.

Die Szene in der Live-Übertragung:

Gleiches passiert nebenan bei den Chinesen, wo der Neuseeländer Phil Robertson das Kommando führt. Er stoppt bei dem “Stecker” von 40 auf 9 Knoten ab. Der Unterschied mag sein, dass er mit Paul-Campbell James den erfahrenen Wing-Trimmer von Ben Ainslies America’s Cup Team ausleihen durfte. Er sieht das Drama kommen, reagiert schnell genug und fiert das Profil rechtzeitig, damit die Querkräfte nicht zu stark werden.

Nur die beiden erfahrensten Piloten Slingsby und Outteridge kommen durch. Japan rast vom letzten auf den zweiten Platz vor. Nach einer ganz vorsichtigen Halse sind die Briten aber wieder dran. Am Wind überholen sie sogar auf der Außenkurve. Dieses gewonnene Duell mit Überflieger Outteridge bestätigt den Leistungssprung der Briten.

Briten gewinnen Duell mit Japan

Aber hinter den deutlich führenden Australiern halten auch Chinesen und Franzosen plötzlich mit. Nach den deutlichen Ergebnissen in New York hat die Konkurrenz im Windschatten von Japan und Australien tatsächlich aufgeholt.

Australien in einer Gischtwolke. © SailGP

Die Briten müssen sich vor dem Wind wieder von Outteridge überholen lassen, aber an der Kreuz drehen sie den Spieß durch eine alternative Seitenwahl wieder um. Einmal noch abfallen an der Luvtonne, eine Vorwind noch bis ins Ziel, und Platz zwei wäre gesichert.

Die Absturz-Szene im Replay:

Es folgt der Absturz, der Draper aus dem Cockpit schleudert. Die Crew ist sichtlich benommen. Alles noch heil? Zuckt der Wingtrimmer noch? Der 41-Jährige schnauft durch, ruckelt seine Protektoren-Weste zurecht, schiebt den Helm gerade und zieht sich an der “Nabelschnur” wieder auf seinen Platz. Seit einigen haarsträubenden Mann-über-Bord-Vorfällen sind die Segler per Lifeline mit dem Boot verbunden. Gott sei Dank.

Leck in der Hydraulik

Es ist dennoch das sportliche Ende für das Heimteam an diesem Tag. Ein Leck in der Hydraulik und gebrochene Teile am Flügel beendeten den Auftritt der Briten. Dieses erste Rennen war das härteste, was dieser junge Rennzirkus bisher erlebt hat. Für die extremen Bedingungen lieferte der SailGP noch erstaunlich hochklassigen Sport ab.

Slingsby als Idol. Die Briten feiern Live-Segelsport in Cowes. © SailGP

Mit dem Kippen der Strömung wurde bei den nächsten Läufen die Welle flacher und kontrollierbarer. Dennoch zeigte es sich, dass die Australier immer noch weiter sind, als die Kollegen. Zwei klare Laufsiege stellten die Hackordnung wieder her. Allerdings profitierte Slingsby von den Problemen der Japaner. Eine gebrochener Grinder-Arm limitiert die Ergebnisse des zweiten und auch dritten Rennens.

Umso glücklicher ist Outteridge, dass er vor Cowes trotzdem Rang zwei erreichen konnte. Denn schon beim nächsten Event in Marseille (20. bis 22. September) werden nach weiteren acht Rennen die ersten beiden Teams der Gesamtwertung das Winner-takes-all-Millionen-Match-Race bestreiten. Und niemand kann davon ausgehen, dass sich jemand anderes als Japan und Australien gegenüberstehen werden.

Die Live-Übertragung:

 

Cowes SailGP Ergebnisse:

1 // Australia // 30pts
2 // Japan // 25pts
3 // China // 24pts
4 // France // 22pts
5 // United States // 18pts
6 // Great Britain // 14pts

Season 1 Ergebnisse: (Nach vier Events)

1 // Australia // 169 pts
2 // Japan // 165 pts
3 // United States // 123 pts
4 // Great Britain // 120 pts
5 // China // 117 pts
6 // France // 115 pts

Einzelne Rennergebnisse in Cowes:

Race 1
1 // Australia // 10pts
2 // Japan // 9pts
3 // China // 8pts
4 // France // 7pts
5 // Great Britain// 6pts
6 // United States // 5pts

Race 2
1 // Australia // 10pts
2 // China // 9pts
3 // Japan // 8pts
4 // United States // 7pts
5 // France // 6pts
6 // Great Britain // 4pts

Race 3
1 // Australia // 10pts
2 // France // 9pts
3 // Japan // 8pts
4 // China // 7pts
5 // United States // 6pts
6 // Great Britain // 4pts

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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