SailGP: Was für ein Crash – Wie Outteridge Spithill aus dem Rennen schießt

"Das kommt vor"

Japan-Skipper Nathan Outteridge sägt seinen Rumpf mit dem Want des Gegners auf. Für beide Teams heißt es beim SailGP-Saisonstart in Bermuda: Game over. Besser hätte es für Coutts nicht laufen können.

Der Horror-Crash. Spithills Backbord-Want säbelt den japanischen Steuerbordrumpf auf. © Japan SailGP

“Das wird ein Massaker”, hatte Nathan Outteridge schon vor dem zweiten Renntag des SailGP in der Vorberichterstattung befürchtet. Der Wind in Bermuda weht mit mehr als 20 Knoten, die F50 Katamarane haben das kleinere von zwei Foil-Paaren montiert, den 18 Meter-Flügel gestellt – statt 24 Meter – und sie rasen mit annähernd 50 Knoten aufeinander zu. Dabei wissen die Crews kaum, wie diese Biester mit ihren neuen Bedienelementen und Setups zu kontrollieren sind.

Bestes Beispiel dafür sind die America’s Cup Sieger vom Team New Zealand. Es war kaum anzusehen, wie schwierig es die frisch gekürten Kiwi-Helden mit ihrem F50 hatten, den sie zuvor kaum einen Tag segeln durften. Die Serie 6/8/8/4/5 im Feld von 8 Booten, von denen am Ende zwei ausfielen, ist ernüchternd. Ohne den Speed-Vorteil eines schnelleren 49ers oder America’s Cuppers können auch sie nicht zaubern.

Diese Serie sagt aber auch viel darüber aus, warum es etwa zu dem folgenschweren Crash kommen konnte. Nach einer mehr als einjährigen Pause für die Teams, teilweise völlig neuen Crewzusammenstellungen und acht Highspeed-Booten auf dem Mini Kurs des SailGP muss es zwangsläufig zu Kollisionen kommen.

Aber so böse das ist – diese Veranstaltung hat genau das einkalkuliert. Man kann es nicht gut finden und dennoch ist es Erfolgsrezept. Der SailGP unterscheidet sich damit nicht von der Fomel 1 oder anderen auf TV-Formate zugeschnittene Sportveranstaltungen. Je häufiger es kracht, umso besser – es darf nur keine Verletzungen geben.

“Die beste TV-Regatta aller Zeiten”

In diesem Fall hat es geklappt. SailGP CEO Russell Coutts sagt prompt wenig uneitel über seine Veranstaltung: “Das war ganz einfach die beste Regatta, das ich je im Fernsehen bei einer Segelveranstaltung gesehen habe. Was für ein Tag, es gab Dramen, fantastische sportliche Qualität viele Führungswechsel – es hatte einfach alles. Unglücklicherweise gab es einen Crash, aber das kommt bei High-Level-Rennen hin und wieder vor. Es war wirklich spannend.”

Kenterung des US-Teams nach dem Crash. © SailGP

Allerdings sind auch die Segler fasziniert. Sie freuen sich insbesondere über die Qualität der Segler, die sich versammelt haben. Ainslie spricht von der “vermutlich besten Aufstellung im Segelsport überhaupt”. Und Nathan Outteridge wird noch deutlicher: “Das ist die stärkste Flotte, die man jemals im Segelsport gesehen hat.”

USA SailGP Team helmed by Jimmy Spithill capsized during the first race on race day 2 Bermuda SailGP presented by Hamilton Princess, Event 1 Season 2 in Hamilton, Bermuda. 25 April 2021. Photo: Bob Martin for SailGP. Handout image supplied by SailGP

Sie haben ihr Spielfeld gefunden, auf dem sie mit gleichen Waffen zeigen können, wer der Beste ist. Allerdings ist das Bild aus vorgenannten Gründen noch schief. Denn Tom Slingsby dominierte die Flotte allein aus dem Grund, weil sein Team das einzige ist, dass in gleicher Besetzung schon eine ganze Saison absolviert hat. Dieser Unterschied wird sich ausgleichen.

Unwürdiges Format

Und das ist auch schon passiert, wie das Ergebnis zeigt. Nur Fünf Rennen haben Ben Ainslie und seinem Team ausgereicht, um auf sein Niveau zu kommen und ihm schließlich im entscheidenden Dreiboot-Finale den Sieg zu bescheren. Es ist zwar dem unwürdigen Format geschuldet, das diesmal seine Schwäche gezeigt hat, weil die vorherige Überlegenheit der Australier (drei Siege in fünf Rennen) nicht gewürdigt wurde – das Liga-Finalformat ist besser und noch spannender mit zwei nötigen Siegpunkten. Aber Ainslie hat eben das alleine zählende letzte Rennen gewonnen und das schließlich nicht unverdient.

Die Ergebnisse vor dem Top-Drei Finalrennen. AUS liegt klar vorne und verliert schließlich doch.

Nathan Otteridge dagegen wollte ein wenig zu viel, wie es die Kollision gezeigt hat. Es mag damit zusammenhängen, dass er seinen Platz als America’s Cup Kommentator nicht als Dauerlösung verstanden wissen will. 2017 in Bermuda stand er selber noch am Artemis-Steuerrad inmitten des Pulverdampfes, seit er aber beim SailGP auf Partner Ian Jensen verzichten musste (wechselte zum INEOS Team UK und trimmt nun auch den F50 für Ainslie) kam er mit den zusätzlichen Japanern im Team kaum noch in Fahrt.

Er drängte wohl Coutts dazu, die rigide Nationenregel aufzulösen, um konkurrenzfähig zu sein. So durfte er mit Luna-Rossa-Star Francesco Bruni sowie dem ex Luna Rossa Steuermann Chris Draper (GBR) an Bord seine konkurrenzfähigkeit deutlich erhöhen.

“Wende, Wende! – Sorry”

Diese Ausgangslage mag den Crash befeuert haben. Outteridge hatte mehr zu beweisen als seine hochkarätigen Gegner. Er ging ein größeres Risiko ein. Der massive Schaden ist das Ergebnis.

Wenig Grund zu guter Laune: Team Japan Skipper Nathan Outteridge. © SailGP

Die dramatischen Videoaufnahmen von Bord zeigen, wie die Kollision zustande gekommen ist. “Ich sehe uns crossen”, sagt der Steuermann. “Ganz knapp”, antwortet Draper. Dann die Stimme, “Nonono! – kein Cross! – du musst abfallen (duck)” – Outteridge: “Wende, Wende! Sorry…” Dann kracht es. Der Steuermann kann den Kat nicht schnell genug auf den anderen Bug bringen. Der Steuerbordrumpf gerät über das gegnerische Boot von Jimmy Spithill. Dessen Want schneidet den leichten Karbonrumpf wie Butter. Er kracht noch auf das Steuerrad des US-Bootes. Als sie ihren Schaden begutachten kentert Spithill auch noch. Game Over für beide.

Normalerweise gibt es beim Segelsport nach solchen Kollisionen Wiedergutmachungspunkte bei einem unverschuldeten Crash. Es wäre eigentlich fair für das US-Team, dem übel mitgespielt wurde. Aber diese Punktvergabe am Grünen Tisch scheint zu kompliziert für ein TV-Format, das auch den einfachen Nicht-Segelfan erreichen will.

Schwer zu sehen

Outteridge erklärt: “Es war wirklich schwer zu sehen, was mit den Booten in Lee passiert. Wir haben versucht, sie durch das Fenster im Flügel zu erkennen. Aber im Grunde genommen, sind Boote, die man so sieht, eigentlich keine Gefahr. Wir haben sie eine Zeit lang gesehen und konnten nicht sagen, ob sie auf Backbord oder Steuerbord segeln.

Dann sah es so aus, als ob sie wenden würden. Es sah so aus, als könnten wir vor ihnen passieren. Dann wurde es schnell klar, dass es nicht klappt. Also mussten wir wenden, um ihnen auszuweichen. Denn es sah so aus, als wäre es zu schwierig, hinter ihnen abzufallen.

Anstatt wirklich schnell zu wenden und möglicherweise dabei zu kentern, drehte ich in einem langsamen, gleichmäßigen Tempo, um den Jungs die Chance zu geben, auf die andere Seite zu kommen. Offensichtlich war das aber nicht schnell genug.“

Die Welt-Liga wird nun für die nächsten fünf Sail Grand Prix Veranstaltungen nach Europa umziehen. Die Rennen werden in Taranto, Italien (5.-6. Juni), Plymouth, Großbritannien (17.-18. Juli), Aarhus, Dänemark (20.-21. August), Saint-Tropez, Frankreich (11.-12. September) und Cádiz – Andalusien, Spanien (9.-10. Oktober) fortgesetzt. 2022 endet die Saison mit dem Rennen in Christchurch, Neuseeland (29.-30. Januar) und dem großen Finale in San Francisco, USA (26.-27. März) .

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „SailGP: Was für ein Crash – Wie Outteridge Spithill aus dem Rennen schießt“

  1. avatar ds sagt:

    Warum wird oben angedeutet Pete Burling hätte schnellere 49er zur Verfügung? Kann man dazu einen Artikel machen, anstatt es so beiläufig einzubringen. Sollte ja bei einer olympischen 1D Klasse nicht sein

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