Sailing Champions League: Überlingen sensationell – Luftwaffe und Tschetschenen geschlagen

Fast alles unter Kontrolle

Michael Zittlau schüttelt immer wieder den Kopf. Champions League Sieger! Mit seinen Jungs vom Segel- und Motorboot Club Überlingen, Frederik Schaal, Sven Heßberger und Dominic Fritze, hat er das Audi SAILING Champions League Finale 2020 in Porto Cervo gewonnen.

Als die vier Segelhelden mit ihrer J/70 am Steg des Yacht Club Costa Smeralda festmachen, wird nicht getanzt, getobt, gejubelt. Sie strahlen eine stille, ungläubige Freude aus. Ole von Studnitz, Vorsitzender des Deutschen Segel-Liga-Vereins und Trimmer beim Mühlenberger Segel-Club, kommt mit einem Tablett voller Bierdosen an den Steg. Die deutschen Liga-Freunde stehen Spalier und applaudieren.

Wo sonst bei diversen Maxi-Rolex-Swan-irgendwas-Regatten hektoliterweise Champagner verspritzt wird, zischen nun im cronabedingt fast ausgestorbenen Hafen Dosen des sardischen Ichnusa-Bieres. Das bodenständige Getränk schmälert den historischen deutschen Segelerfolg in keinster Weise.

Unfassbar, was die Überlinger in der vergangenen halben Stunde erlebt haben, was sie für eine Show abgeliefert haben, was sie geschafft haben. Ein dramatisches Finale, eine Werbung für den Segelsport, eine Bestätigung, wie dieses Liga-Format begeistern kann.

300 SMCÜ-Mitglieder fiebern mit

Der SMCÜ vom Bodensee stieg 2015 in das Oberhaus der Segel Bundesliga auf und spielt seitdem beständig im Vorderfeld mit. 2017 gelang dem kleinen 300-Mitglieder-Verein der Sprung auf das Podium, und 2020 fehlte in der Jahreswertung nur ein Punkt, um den Erfolg zu wiederholen.

Der SMCÜ bei der Arbeit. © SCL Sailing Energy

Drei von fünf Spieltagen lagen die Überlinger sogar auf Rang zwei und konnten sich echte Titelchancen ausrechnen. Dann aber wurde ausgerechnet Michael Zittlau ein wenig zum tragischen Helden. Als einer von drei Steuerleuten der Bodensee-Truppe führte er seinen Verein erst mit Rang zwei beim Kieler Spieltag-Auftakt auf die Siegerspur. Aber gut zwei Monate später segelte er an gleicher Stelle mit veränderter Crew auf Platz 13, und der SMCÜ musste die Titelträume aufgeben.

Zuvor blieb der Skipper schon beim eher schwach besetzten Champions-League-Qualifier in Tutzing mit Rang acht unter seinen Möglichkeiten, aber dieser mit einer Wildcard erkämpfte Platz reichte im Corona-Jahr für eine Teilnahme beim CL-Höhepunkt. So deutete wenig darauf hin, dass dem sechstplazierten Liga-Verein der Saison 2019 in diesem Jahr der historische Erfolg in Sardinien glücken könnte.

Nicht immer haben alle CL-Crews ihr Boot unter Kontrolle. © SCL Sailing Energy

Aber das im Vergleich zum starken Kieler-Liga-Auftakt nur auf einer Position veränderte Team startete gleich mit einem Sieg in die Starkwind-Serie, lag auch noch nach fünf Rennen in Führung, war nie schlechter als Gesamtrang 6 platziert und zog mit einer konstanten Serie, aber nur zwei Laufsiegen, souverän auf Platz zwei in das Topp-Vier-Finale ein.

Italienische Luftwaffe in der Pole-Position

Dort ist der als Project Manager bei Beiersdorf in Hamburg arbeitende Zittlau mit seiner Crew sicher nicht der Favorit. Die italienischen Liga-Sieger 2019, die mit ihrem Verein Aeronautica Militare CSAM die italienische Luftwaffe vertreten, holen sich den Final-Punkt für den deutlichen Sieg in der Qualifikation, die Tschetschenen vom Akhmat National Sailing Team fallen durch starke Starts auf, die besonders im Finale helfen, und mit der Segler Vereinigung Kreuzlingen vom Bodensee ist die starke Schweizer Liga wieder vertreten, deren Teams es in sechs Jahren Sailing Champions League schon vier Mal auf das Treppchen geschafft haben. Diesmal sitzt mit Tom Rüegge sogar ein 49er-Olympionike von 2000 am Steuer.

Aber es läuft gut für Überlingen. Beim ersten Rennen werden die führenden Russen mit einem unforced-Error-Frühstart an der Luvtonne rausgewunken und der SMCÜ kann den ersten Sieg feiern. Dann gewinnen tatsächlich die Russen nach einem starken Start, und die Schweizer setzen danach mit einem Steuerbord-Start hinter dem Feld alles auf eine Karte. Sie siegen knapp:

Die Italiener, die 2015 auf Platz fünf bei der Melges24-WM gesegelt sind und die Amateur-Wertung gewannen, nutzen ihre Matchbälle nicht. Schließlich gehen alle vier Teams mit je einem Punkt in das allerletzte Rennen.

Eine Vorentscheidung fällt beim Start (Das Entscheidungsrennen im Tracker). Michael Zittlau sagt später, er war genervt, dass der Russe es nahezu unbehelligt immer schafft, die starke Pin-End-Position einzunehmen. Diesmal macht der Deutsche, der in der Serie sonst eher die Luvposition bevorzugt, früher Druck auf den Gegner in Lee, der muss wie zuvor schon die Italiener mit einer Halse abdrehen, und ist früh in der Defensive.

Diesmal halten sich die Schweizer aus den Kämpfen raus, erwischen den besten Start und gehen in Führung.

Der SMCÜ greift über links an, erwischt einen hübschen Dreher und quetscht sich an der Luvtonne vor die Kreuzlinger Kollegen vom Bodensee. Fans der Überlinger bleibt das Herz stehen. Ist ein Penalty fällig? Mussten die Schweizer ausweichen? Oder haben sie nicht klar genug Kurs gehalten? Kamen sie vielleicht mit Überhöhe zur Marke? Die Schiedsrichter zeigen die grüne Flagge. Alles in Ordnung.

Im Dreilängenkreis gewendet und grün zum Ausweichen gezwungen? Die Jury sagt nein.

Die Schweizer schnauben. War das schon der Big Point? Am Leetor scheinen sie raus aus dem Rennen, als die Italiener vorbeiziehen. Aber plötzlich schaltet Tom Rüegge den Turbo-Boost ein. Aus schwieriger Lage klemmt er über rechts die Gegner ab, zwingt sie zur Wende, trifft perfekt die Anliegelinie und kommt sogar an Überlingen ran.

Es ist die zweite Chance. Kann er Wegerecht von den Deutschen verlangen? Es wird laut auf dem Kurs. Die Protestflagge flattert wieder, die Schiedsrichter diskutieren und entscheiden. Ein Pfiff, grüne Fahne.

Knappe Kiste. Kommt Überlingen (rot) regelgerecht an Kreuzlingen vorbei? Die abbiegende grüne Linie mag auf eine Winddrehung oder eine absichtliche Kursänderung deuten.

Aber das ist es immer noch nicht. Die Russen sind auch wieder dran. Ein spannender Dreikampf entwickelt sich auf den letzten Metern. Wer deckt wen ab? Wer halst zu früh? Wer verliert die Nerven?

Zittlau, der ehemalige deutsche Spitzensegler im Laser, der sich 2012 schon einmal mit einem Bericht aus der Wüste auf SgelReporter verewigte, sitzt demonstrativ in Lee und sieht nicht ein einziges Mal zurück. Er lässt sich von seinem Taktiker die Situation verbal und mit Handzeichen erklären.

Der Russe zuckt zuerst. Er halst. Aber zu früh. Wenn er die Anliegelinie zum Ziel träfe, wäre es gefährlicher. Aber die Überlinger gehen mit. Zu früh? Geraten sie in seine Abdeckung? Kreuzlingen könnte der lachende Dritte sein. Aber so kommt es nicht. Der SMCÜ gewinnt.

Das Herzschlagfinale im entscheidenden Matchball-Finale. Der SMCÜ gewinnt hauchdünn.

Ein irres Finale. Spannender kann Segelsport nicht sein.

“Es fühlt sich großartig an!“ sagt Michael Zittlau mit etwas Verzögerung. Er merkt erst langsam, was erreicht ist, was zuhause los ist. Das Telefon steht nicht still. Dabei fällt die verdiente Champion-Sause auch in Porto Cervo aus. Er wird sogar von der Crew verlassen. Die schwingt sich in den Bus auf den Weg Richtung Fähre und Heimat. Der Skipper fliegt erst zwei Tage später nach Hamburg.

Ein Essen in der Pizzeria mit Olli Schwall dem MSC- und WVH-Team, danach ein kleiner Umtrunk im MSC-Appartement, zu dem noch der VSaW stößt, das muss reichen. In Corona-Zeiten ist man bescheiden.

Ein Wunder, dass diese Regatta überhaupt stattfinden konnte. Tom Rüegge, Skipper des drittplatzierten SV Kreuzlingen betont im Interview, wie privilegiert er sich fühlt, in einer schwierigen Situation für die ganze Welt in Porto Cervo antreten zu dürfen. Er habe sich mit dem Sicherheitskonzept der Liga – Masken tragen an Land, Club geschlossen, Aufenthaltsmöglichkeiten in Zelten, Fieber messen u.a – sicherer gefühlt habe als in der Schweizer Heimat, wo wie überall in Europa die Zahlen dramatisch ansteigen.

Bei aller Freude über den gezeigten, großen Sport, die Abschiedstimmung geht nahe. Man sagt nicht: bis zur nächsten Regatta, bis zur nächsten Saison. Niemand weiß, wie es weiter geht. Wieder zurück in der Heimat rücken die Ergebnisse schnell in den Hintergrund. Aber die abgespeicherten, aufregenden Momente können vielleicht über die Krisenzeit hinweghelfen.

In Porto Cervo ist es der Segler-Gemeinschaft für einen kurzen Moment gelungen, die Zeit ein wenig anzuhalten. So als würde alle in einer gemeinsamen Segler-Bubble stecken. Unverwundbar. Gut geschützt vor dem Virus durch Wind und Wasser.
Hoffentlich ist es tatsächlich so. Denn eine der vorgesehenen Maßnahmen wurde won den Seglern dann doch nicht ernsthaft umgesetzt. Bei jedem Bootswechsel sollte der Pinnenausleger mit Desinfektionstüchern abgewischt werden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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