Sailing Worlds: Pumpen beim Segeln – Wie extrem das “Luftrudern” geworden ist

Nichts für Segel-Ästheten

Die 470er Vize-Weltmeister Isozaki/Takayanagi bei ihrer kraftraubenden Arbeit. ©JESUS RENEDO/SAILING ENERGY/AARHUS 2018

Was bleibt von der WM? Neben dem sportlichen Status Quo vielleicht die Bilder vom Pumpen. Noch nie wurden sie den Zuschauern so nahe gebracht. Was ist da eigentlich bei den 470ern los? Videos der Techniken.

Der Laser war einmal eine der physisch herausfordernden Olympia-Disziplinen im Segelsport. Und das Ausreiten auf dem Plastik-Schiffchen ist ja nicht gerade gemütlicher geworden. Aber wenn man in Aarhus die Übertragungen der anderen Klassen etwas näher verfolgt hat, muss man zu dem Schluss kommen, dass der Laser in puncto Physis abgehängt wurde.

Das liegt insbesondere an den speziellen Regeln zum unerlaubten Vortrieb. Die übrigen Klassen haben Regel 42 deutlich gelockert. Vorreiter waren die Windsurfer. Für sie ist es schon seit vielen Jahren erlaubt, unbegrenzt am Gabelbaum zu ziehen und damit den Luftzug am Segel zu beschleunigen.

Die Spanierin Marina Alabau surft schon seit 19 Jahren olympisch. In Aarhus hatte sie als 25. Probleme physisch mitzuhalten. ©JESUS RENEDO/SAILING ENERGY

Die “Flügelschläge” haben enorme Auswirkungen und werden je nach Windstärke in unterschiedlichen Techniken ausgeführt. Sie kommen nicht nur vor dem Wind zum Einsatz, um die Gleitfahrt zu erreichen, sondern auch am Wind.

Infolgedessen spielt die Physis eine entscheidende Rolle. Besonders die Chinesen haben das in der Vergangenheit zu ihren Gunsten genutzt. Und auch in Aarhus waren insgesamt vier Chinesen in den Medalraces der Surfer vertreten. Yunxiu Lu holte Bronze.

Aber die Konkurrenz hat inzwischen aufgeholt. Immer mehr Surfer sind athletisch auf einem so hohen Niveau, dass es wieder darauf ankommt, Winddrehungen und Böen richtig auf dem Wasser zu erkennen.

Finn Klasse ist Vorreiter

Die Finn Dinghy-Klasse hat sich als erste Segel-Disziplin mit einer offeneren Interpretation der Regel 42 beschäftigt. Wenn der Wind die Stärke von etwa 10 Knoten erreicht, kann die Wettfahrtleitung Flagge Oscar setzen –  auch an der Luvtonne – und sie gibt damit das Pumpen auf dem Vorwindkurs frei.

Das hat den Typus des Spitzenseglers verändert. Er braucht enorme Kraft und Fitness, um das zehn Quadratmeter große Segel per direktem Schotzug zu beschleunigen. Dazu muss das Boot noch rhythmisch nach Lee gekrängt und dynamisch wieder aufgerichtet werden. Alles im richtigen Takt mit der Welle.

Allerdings ist es den Finnseglern nicht erlaubt, am Wind durch permanentes sogenanntes Rocken das Achterliek des Segels in Schwingung zu versetzen. Es mag auch sein, dass diese Technik bei dem schweren Boot nicht besonders effektiv ist.

Freies Pumpen im 470er schon ab acht Knoten Wind

Wie dieses “Schwingen” auf einem Segelboot aussieht, war bei den Übertragungen der 470er-Klasse aus Aarhus zu beobachten. Bei ihnen wird die Oscar-Flagge schon ab acht Knoten Wind gesetzt. Dann reißen die Crews besonders in der Startphase extrem am Trapezdraht, und auch der Steuermann versucht den Rhythmus aufzunehmen. Das federnde Achterliek hilft dabei besonders, eine größere Höhe am Wind zu steuern.

Auch auf dem Vorwindkurs wird sich nicht mehr ausgeruht. Die 470er haben ähnliche Techniken wie im Finn Dinghy adaptiert. Sie rollen das Boot und reißen an den Schoten, um sich auf die nächste Welle zu setzen.

Segel-Ästheten werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber die Bilder zeigen, wie anstrengend olympisches Segeln auch bei leichtem Wind sein kann.

Wippen im Skiff verboten

In der schnellen Skiff- und Katamaran-Klassen dagegen spielt die Regel 42 eine geringere Rolle. Die Rumpfformen sind weniger hilfreich bei der Beschleunigung durch Schaukelbewegungen. Beim 49er muss man aufpassen, dass der Flügel bei zu starker Krängung nicht im Wasser bremst. Aber besonders das Wippen am Trapezdraht könnte  Vorteile bringen. Es ist aber verboten.

Die Nacra-Crews dürfen unter Gennaker immerhin mit schnellen Pumpbewegungen an den Schoten den Kat beschleunigen, um ihn auf die Tragflächen zu bringen.

Nur die Laser Segler müssen nahezu still sitzen auf dem Vorwindkurs. Bei Regelvergehen schreiten die Schiedsrichter ein, die das Feld im Gummiboot begleiten. Sie ahnden Regelübertretungen mit Drehungsstrafen.

Wie die 470er Männer beim Medalrace am Wind rocken. Sie hängen sich oft gar nicht in den Trapezhaken ein:

Wenn sie eingehakt sind, werden die Arme zu Hilfe genommen:

Besonders vor dem Wind hat das Pumpen im 470er eine neue Dimension erreicht. Die Crews stehen den Finn Dinghy Segler in nichts nach:

Die RS:X Surfer Männer beim Medalrace-Start:

Die RS:X Surferinnen bringen bei leichterem Wind nur das Achterliek in Schwingung:

Wie im Finn Dinghy beim Medalrace gepumpt wird:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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9 Kommentare zu „Sailing Worlds: Pumpen beim Segeln – Wie extrem das “Luftrudern” geworden ist“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Absolut abtörnend. Mir gefällt das überhaupt nicht. Weder im 470, noch im Finn, noch im Star.

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  2. avatar Steffen sagt:

    Wenn das das Ziel ist, dann können alle auch gleich rudern gehen.

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  3. avatar TK sagt:

    Was sind Segel-Ästethen?
    Für mich ist es das Beste am Segeln überhaupt, mit vollem Einsatz des Körpers die höchste Geschwindigkeit zu erreichen.

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    • avatar HS sagt:

      Das finde ich auch. Die krumme Haltung von Eisschnellläufern ist auch nicht sonderlich ästhetisch. Aber schnell, deswegen machen das die Profis. Ein Freizeit-Eisläufer läuft auch nicht in so einer Haltung.

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    • avatar Checker sagt:

      “Voller Körpereinsatz”

      Es wäre schade, wenn die Feinheiten des Regattasegeln vorlorengingen, weil es nur noch um rohe Kraft und Körpereinsatz ginge.

      Wir lieben beim Regattasegeln eine vorausschauende Taktik wie beim Schach, subtilen Gewichts- und Segeltrimm, ausgefeilte Manöver, eine optimale Bootsbeherrschung und gefühlvolles Steuern an der Windkante, Wetterbeobachtung etc.
      Wer vollen Körpereinsatz sehen möchte ist besser bei den Unterschichten-Sportarten, wie z.b. dem Wrestling aufgehoben.

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  4. avatar Thomas Bunte sagt:

    Bei allem Verständnis für körperlichen Einsatz, das ist wirklich nicht mehr schön anzusehen und ist dann für mich der Punkt wo besser regulierend eingegriffen werden sollte und dieser “sportliche Einsatz” begrenzt werden sollte.

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    • avatar Kristof sagt:

      Nun, es ist regulierend eingegriffen worden, um diesen sportlichen Einsatz zu ermöglichen. Nicht zuletzt, um der immer wieder geforderten medialen Aufmerksamkeit zu genügen.
      Das mit dem geschmacklichen Empfinden ist natürlich immer so eine Sache, ich kann durchaus verstehen, daß man das nicht mag. Anderen gefällt’s. Dicke Männer auf Starbooten sind auch nicht jedermanns Sache, erwachsene Menschen auf zu kleinen Kühlschranktüren wirken oft lächerlich, gar nicht zu reden von auf und ab hüpfenden Nacras. Jeder wird für sich viele weitere Beispiele finden.
      Schwerwiegender als die Ästethik ist m.E., daß der Spitzensport sich mit dieser Art zu segeln noch weiter von den Amateuren entfernt als ohnehin schon. Sowas lernt man auch beim besten Willen nicht nebenbei. Ich finde es eigentlich eine Stärke des Segelsports, daß ein engagierter Amateur bisher zumindest nicht komplett abgehängt wurde von den Profis.

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      • avatar Checker sagt:

        Kristof sieht die Sache falsch !

        Unter Segeln versteht man die Fortbewegung eines Segelboots unter Nutzung der Windenergie.

        Was wir bei den 470ern sehen hat also nichts mehr mit dem Segeln zu tun, da die Körperkraft zum “Luftrudern” eingesetzt wird.

        Es gewinnt nicht mehr der beste Segler sondern derjenige, der das Luftrudern am längsten durchhält. Demzufolge könnte man statt Mast und Segel gleich einen handbetrieben Propeller montieren ….

        Ich denke, dass das “Body Pumping” dazu beiträgt, dass das Segeln von den Zuschauern nicht mehr ernst genommen wird, da es sich nicht mehr ums Segeln sondern um eine neue verrückte Disziplin handelt,
        Demzufolge sollte so etwas nicht bei Regatten sondern nur bei Show-Veranstaltungen, ähnlich dem Schaulaufen beim Eiskunstlaufen erlaubt sein.

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  5. avatar thorsten sagt:

    Carsten, kleiner Kluchschnack: was die 470 am Wind (im Trapez) machen nennt sich body pumping (PUMP 6).
    Rocken ist es, wenn man das Boot zu einer Seite kippt und wieder aufrichtet. Wiederholtes Rocken ist (ohne Oscar) illegal – gerne gesehen am Start, wenn man das Boot zum Losfahren wiederholt “Anpumpt” oder auch vor dem Wind, wenn man das Boot von Seite zu Seite geigt..

    Gruss
    Thorsten

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