Sailing Worlds: Tim Fischer und Fabian Graf holen Bronze – Heil/Plößel auf Rang vier

Feierstunde

Der Traum vom Doppel-Edelmetall hat sich für die deutschen Skiffsegler nicht erfüllt. Beide GER-Duos verpatzten das Medalrace. Dennoch ist es ein großartiger Erfolg.

Tim Fischer und Fabian Graf feiern ihre Bronze-Medaille. ©Pedro Martinez/Sailing Energy

Wer hätte vor dieser WM daran denken können, dass die deutschen Skiffsegler um Medaillen segeln? Zu lange schien die Pause von den Rio-Bronze-Helden Erik Heil und Thomas Plößel gedauert zu haben. Heil hat wie 49er-Kollege Max Böhme ein Medizin-Studium in Stettin angefangen und beide mussten erst einmal an der Uni Gas geben. So kam es zu der überraschenden Konstellation, dass Europameister Justus Schmidt ebenfalls ohne Partner dastand und er unter anderem mit Plößel in Palma an den Start ging. Heil steuerte als letzte große Regatta die WM vor genau einem Jahr (6.).

Feiern vor den Fans im Segel-Stadion vor Aarhus. ©Pedro Martinez/Sailing Energy

So war es klar, dass beide deutschen Vorzeige-Teams gehandicapt in die Weltmeisterschaft gehen würden. Und der Trainingsrückstand von Schmidt/Böhme zeigte sich am ersten WM-Tag, als sie mit 19/11/22 schon vorzeitig alle Titelträume begraben konnten.

Und dann waren da auch noch die Youngster Tim Fischer und Fabian Graf. Sie hatten mit  den starken Nachwuchsteams Meggendorfer/Spranger, Carstensen /Frigge und Lamay/Willim mächtig Gas gegeben in den nacholympischen Monaten und konnten in der Weltspitze schon vereinzelt die Favoriten kitzeln. Aber für ein Topp-Ergebnis bei der WM schienen die Junioren-Vizeweltmeister von 2016 noch zu jung.

Niemand konnte von den Weltranglisten-24. Bronze erwarten. Und Platz vier für Heil/Plößel verdient ebenfalls höchsten Respekt. Dennoch werden beide Teams mit dem Verlauf des Medal-Races nicht zufrieden sein. Da war mehr drin.

Fischer/Graf ganz in Luv und auch Heil/Plößel mit einer guten Position in Lee.

Es fing so gut an. Die Youngster erwehrten sich bravourös den Angriffen der führenden Kroaten, die einfach nur die Nähe der ärgsten Gegner suchten. 13 Punkte Vorsprung waren ein sicheres Polster.

Auch Heil/Plößel mussten sich eines Angriffes der auf Rang vier lauernden Franzosen erwehren. Die versperrten ihnen mit der Leeposition den Weg zum Beschleunigen, und so rutschten kurz nach dem Start die Portugiesen in Luv drüber. Die Deutschen mussten wegwenden nach rechts.

Heil/Plößel müssen hinter dem Feld nach rechts wenden

Es schien ein früher Rückschlag zu sein während sich Fischer/Graf bravourös in Luv der Kroaten halten und das ganze Feld kontrollieren konnten. Dennoch sah es so aus, als würde sich in der Gesamtwertung nichts verändern. Denn die Bronze-Gewinner von Rio kamen Mitte der Kreuz dann doch wieder ordentlich positioniert von rechts. Die Franzosen Frei/Delpech, größte Konkurrenten um Edelmetall mussten hinter ihnen passieren.

Die Franzosen passieren hinter Heil/Plößel, obwohl sie eine Wende weniger gesegelt sind. Fischer/Graf liegen kontrolliert vorne.

In diesem Moment hätten Fischer/Graf noch mit einer Wende reagieren können, um die Franzosen nicht zu weit wegsegeln zu lassen. Aber Deckunsgarbeit ist mit einem 49er bei stark drehendem Wind nicht einfach. Wer hätte auch ahnen können, dass der Wind kurz vor der Luvtonne noch einmal so weit nach rechts kippt.

Die Franzosen kommen nutzen eine starke Rechtskippe des Windes und passieren klar vor beiden deutschen Booten.

Das ist der Big-Point in diesem Rennen. Heil/Plößel liegen doch nur auf Rang acht an der Luvtonne, greifen noch einmal mit einer frühen Halse an und müssen fortan vom letzten Platz mit ansehen, wie ihnen Edelmetall aus den Fingern gleitet. Die Franzosen segeln immer weiter nach vorne.

Für Fischer/Graf ist dagegen ist noch alles im Lot. Sie behaupten fünf Punkte Vorsprung, auch wenn sie auf Rang sieben liegen und die Franzosen zweite sind.

In dieser Konstellation haben Heil/Plößel Bronze verloren. Sie greifen vor dem Wind mit einer Halse an. Fischer/Graf reicht Rang sieben für Silber.

Auf der zweiten Kreuz glauben sie aber weiter an die linke Seite, ziehen den Schlag weit auf die Ecke und lassen dabei die Briten und Schweizer ziehen. Silber ist virtuell schon weg, denn die Franzosen sind plötzlich zweite.

Ein weiter Schlag nach links kostet Fischer/Graf zwei weitere Boote. Silber ist vorerst weg.

Aber es ist noch nichts entschieden. Das Blatt scheint sich noch einmal auf dem letztenVorwindkurs zu wenden. Fischer/Graf greifen mit einem Jibe-Set an und halsen dann noch einmal mit einem hübschen Linksdreher. Kurzzeitig führt sie der Tracker vor den Schweizern. Und die Franzosen setzen ihren zweiten Platz mit einer Halse aufs Spiel. Neuseeland scheint plötzlich vorbeiziehen zu können. Aber die französischen Trainingspartner liegen vorne, werden sie ihre Freunde vorbei lassen? Gibt es eine Stallorder? Die wäre natürlich verboten.

Diese Konstellation würde für Silber ausreichen.

Aber wer kann schon beweisen, dass die Franzosen Rual/Amoros die Innenposition an der letzten Marke besser hätten verteidigen können. Bei dem (zufälligen?) Chaosmanöver segeln nicht nur die Kollegen. sondern auch Kiwis und Briten vorbei. Da hätte es Fischer/Graf auch nicht geholfen, wenn sie die Schweizer noch eingeholt hätten.

Die Franzosen segeln noch auf Platz eins und die Schweizer bleiben auch vor GER 13.

Aber was für eine Leistung des jungen Teams. Über die gesamte Woche hielten sie sich im Topp-Drei Bereich auf, und schienen auch nichts dabei zu finden. Nervenstärke zeigten sie insbesondere beim Start zum Medalrace, der ihnen trotz des Drucks, aufgebaut vom erfahrenen 470er Goldmedaillen-Steuermann Sime Fantela, hervorragend gelang.

Auch Erik Heil und Thomas Plößel können mit ihrer Leistung angesichts einer marginalen Vorbereitung zufrieden sein. Sicher hätten sie sich eine Medaille erhofft, aber sie sind längst nicht bei 100 Prozent. Das gilt auch für Justus Schmidt und Max Böhme, die ebenfalls nach langer Pause wieder bestens in Form kamen. Von dieser deutschen Macht im 49er werden sich noch viele fürchten.

Dazu dürften auch die vermeintlich unschlagbaren Kiwi-Überflieger Burling/Tuke gehören. Sie ruhen sich noch vom Volvo Ocean Race aus und steigen langsam in die America’s Cup Vorbereitung ein, aber man hört, dass sie durchaus mit dem Gedanken spekulieren, ihren angestammten Platz an der 49er-Spitze zurückzuerobern.

Das Endergebnis

Medalrace 49er im Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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