Santander Worlds: Jurzok/Lorenz stark – Wilhelm verwechselt Board – Ernüchternde Bilanz

"Schlimmster Aussetzer meines Lebens"

Der 9. Tag:

Jurzok/Lorenz Interview vor dem Medalrace:

Nach Platz vier für Philipp Buhl zeichnet sich die Santander WM als große Enttäuschung für die DSV Flotte ab. Nur die 49er Frauen können noch in die Medalraces segeln. Surfer Toni Wilhelm griff sich das falsche Brett.

49er santander

Feuchtes Vergnügen, harter Sport auf dem 49er in Santander. © Sailing Energy

Der Olympia Vierte Toni Wilhelm ist eigentlich das beste Pferd im Stall der deutschen Segel-Nationalmannschaft. Auch in Santander segelte er stabil auf Medaillenkurs, aber dann kippte die Serie. Ein ärgerlicher Fehler im neunten Rennen brachte ihn schließlich völlig aus der Spur.

An Land greift er zum RS:X Brett eines Portugiesen, bemerkt den Fehler erst auf dem Wasser, dreht wieder um und verpasst schließlich den Start. Danach schenkt er sich nach Rang 10 noch einen 21. ein und liegt plötzlich zwei Plätze hinter dem Medalrace-Einzug auf Rang 12. Konsterniert spricht Wilhelm vom “schlimmsten Aussetzer meines Lebens”.

Es mag ein wenig symptomatisch sein für das Auftreten der deutschen Segler beim Saisonhöhepunkt in Santander. Nahe dran, aber schließlich doch daneben. Die größte Enttäuschung lieferten sicher die 470er Frauen. Keines der drei Teams erreichte die Goldgruppe der besten 27. So weit von der Weltspitze entfernt war die ehemalige DSV Paradedisziplin wohl noch nie.

Im Nacra 17 und im Finn konnte man von den Nachwuchsseglern noch keine Wunder erwarten. Und bei den RS:X Surferinnen war klar, dass nach dem Abgang von Moana Delle ein großes Loch entsteht. Aber es bestand die Hoffnung, dass einige nachrückende Segler durch die Arbeit im professionellen Umfeld des Sailing Teams Germany ihrer persönlichen Bestleistung nahe kommen.

Mathew Belcher

Mathew Belcher und William Ryan verteidigen ihren WM Titel im 470er, die Deutschen sind dran. © Sailing Energy

Irgendeine Entwicklung sollte man doch erkennen. Schließlich zeigt die internationale Konkurrenz, dass zwei Jahre vor den nächsten Olympischen Spielen die etablierte Hackordnung durchaus zu verändern ist. Österreich hat plötzlich eine Goldmedaille mit Lara Vadlau und der 2013 eingebürgerten Polin Jolanta Ogar, die zusammen auch schon vor einem Jahr WM Silber holten. Vadlau war 2010 mit einer Silbermedaille noch bei den Olympischen Jugendspielen erfolgreich.

Bei den Lasern startet plötzlich der Holländer Heiner zur Goldmedaille durch und die Amerikaner platzieren zwei Boote unter den Top 15. Im 49er stoßen die Spanier aus dem Nichts unter die Top Ten vor. Der norwegische Weltranglisten 50. im Finn zieht überraschend als 7. ins Medalrace ein. Und die spanischen Junioren Weltmeister im 470er (2014) gewinnen nun im selben Jahr das Medalrace bei den Senioren und landen auf Anhieb auf Rang sieben.

Es gibt diese Höhenflüge. Viel Talent, harte Arbeit und ein perfektes Umfeld gehören dazu, um solche Leistungen abzurufen. Das alles sollte langsam auch bei den Deutschen passen. Besonders seit nicht mehr so viel Energie in verkrusteten Verbandstrukturen verpufft.

Aber irgendwie mag auch die neue Zusammenarbeit von STG und DSV noch nicht so recht fruchten. Dabei zeigen andere Länder, dass es geht. Die viel gelobten Briten mussten Federn lassen. Franzosen und Holländer sind plötzlich die dominierenden Nationen.

Lutz/Beucke

Tina Lutz und Susann Beucke hatten auf einen Top Ten Platz gehofft, werden aber 15. © Sailing Energy

Positive Überraschungen von Newcomern sind im deutschen Team kaum zu erkennen. Natürlich war in der Saison 2014 der EM Titel von Svenja Weger im Laser Radial  so ein Ausreißer. Aber die 20-Jährige konnte ihr Potenzial als 33. bei dieser WM noch nicht abrufen. Sicher muss man ihr und den Kaderkolleginnen, die auf den Plätzen 49, 52, 69 liegen, Zeit lassen.

Auch der EM Sieg von Erik Heil und Thomas Plößel im 49er war 2014 schon ein grandioser Erfolg. Und ohne die tragische Verletzung von Plößel hätte das Duo auch vorne wieder angreifen können. Kritischer ist die Tatsache, dass die ehemals starke 49er Nachwuchstruppe extrem zusammengeschrumpft ist. Und die verbliebenen Justus Schmidt mit Max Böhme scheinen in ihrer Entwicklung mit Platz 34 noch nicht weiterzukommen.

Von den 470er Männern hätte man erhoffen können, dass sie einmal den Durchbruch schaffen. Seit vielen Jahren segeln die jeweiligen Leistungsträger konstant unter die Top 20, schaffen aber nicht die entscheidende Entwicklung nach vorne. Wagner/Baldewein machten mit WM Rang neun im vergangenen Jahr große Hoffnung. Aber nun erwischten sie eine rabenschwarze Woche und landeten auf Platz 43.

Olympiastarter Ferdinand Gerz segelt seit vier Jahren etwa auf gleichem Niveau. Und mit Platz 17 verpasste er diesmal knapp das Nationenticket. Aber man könnte ihm zugute halten, dass er nach den Spielen mit Oliver Szymanski einen neuen Vorschoter einarbeiten muss. Vielleicht geht da noch etwas.

Jurzok/Lorenz

Verbliebene 49er FX Hoffnungsträger Jurzok/Lorenz. Platz vier ist noch möglich. © Jurzok/Lorenz

Auch der 18. Platz der Autenrieth Brüder mit ex Opti Weltmeister Julian am Steuer deutet eine vorsichtige positive Entwicklung an. Aber viel Zeit bleibt nicht mehr bis Olympia, dass der Knoten einmal richtig platzt.

Viel konnte man auch von den 49er FX Frauen erwarten. Als eine der stärksten Trainingsgruppen der Welt sollte ein Platz im Medaillenbereich möglich sein. Aber mit drei Booten unter den Top Ten scheinen dann doch die rivalisierenden Däninnen eine bessere Entwicklung zu durchlaufen.

Nach dem krankheitsbedingten Ausfall der Görge Schwestern verblieben noch drei Teams im Kampf um die Medalrace-Plätze. Tina Lutz und Susann Beucke waren über die Saison die leistungsstabilste Crew und schienen sich auch in Santander durchzusetzen. Besonders der stärkere Wind kurz vor dem Ende hätte ihnen in die Karten spielen sollen. Aber schließlich verpassten sie doch die Top Ten auf Rang 15.

Noch näher dran waren Leonie Meyer und Elena Stoffers. Als 10. gingen sie in ihren letzten Tag. Dann gab es ein Problem mit dem Mastfuß. Vermutlich brach er beim Schlepp zur Bahn und die Riggspannung ging verloren. Am Ende stand Platz 16.

Besser spielte die Flaute den Leichtgewichten Victoria Jurczok und Anika Lorenz in die Karten, die ihre Stärke besonders bei extrem starkem und leichtem Wind zeigen können. Mit der Serie 9/4/2 katapultierten sie sich auf Rang sechs nach vorne und können nun im Medalrace am Sonntag noch auf Rang vier vorstoßen. Es wäre ein großer Erfolg. Sie sind die letzte deutsche Hoffnung.

Ergebnisse Santander Worlds

Eventseite Santander Worlds

49er Frauen Jurzok/Lorenz im Interview vor dem vorletzten Tag:

Highlights vom Starkwind-Tag 8:

470er Medalraces:

Finnsegler Kasüske über seine WM:

Die Highlights von den Surfer Medalraces:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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13 Kommentare zu „Santander Worlds: Jurzok/Lorenz stark – Wilhelm verwechselt Board – Ernüchternde Bilanz“

  1. avatar Stefan sagt:

    …vielleicht einfach mal das nächtliche Saufen unterlassen, dann findet man morgens auch sein eigenes Brett!

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    • avatar Torsten Rieger sagt:

      Bittere Aussage. Wenn`s Wissen ist, sollte es einigen zu denken geben. Wenn nicht, ist das eine ungeheuerliche Unterstellung. Und selbst wenn`s Wissen ist, müsste es schon ganz schön ausgeufert und andere Wege mit negativem Ergebnis beschritten sein, bevor man damit in ein öffentliches Forum geht. Eigentlich ein Unding, dass so etwas anonym und ohne Erläuterungen gepostet werden kann. Carsten, ich hätte nichts dagegen, wenn die Kommentare verschwinden würden.

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      • avatar Stefan sagt:

        Unterstellung? Wer sich meint mit solchen Beiträgen hervor tun zu müssen, muss sich nicht wundern wenn der Spott auf ihn zurück fällt. 😉

        https://segelreporter.com/panorama/santander-worlds-warten-auf-wind-surfer-wilhelm-startet-gut-coach-hilft-beim-nachtleben/

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        • avatar Torsten Rieger sagt:

          Ok, das erklärt den Zusammenhang. Zugegebenermaßen kannte ich das Interview nicht. Ich finde es sehr unprofessionell. Trotzdem sollte so ein Kommentar, wie Ihrer, gut überlegt sein. Erstens hat das Interview der Trainer gegeben und sollte wohl lustig sein. Und er wurde vom Interviewer auch link in die Situation gebracht. Und zweitens gibt es tatsächlich Menschen, die Nachtleben auch ohne “Saufen” genießen können. An der Theke hätte ich über den “Spruch” vielleicht gelacht. Aber eben nicht als öffentlicher Kommentar auf einen kritischen Bericht zur Leistung der Deutschen Mannschaft bei der zweitwichtigsten Sportveranstaltung im olympischen Segelsport. Aus dem Interview den Schluss zu ziehen, dass die „nächtliche Flüssigkeitsaufnahme“ (wann? was?) „vielleicht“ für den Fehler ursächlich war, finde ich nach wie vor nicht tragbar. Der eine oder andere Leser kommt dann „vielleicht“ auch auf den Gedanken, dass die Segelnationalmannschaft nach dem Zurückbleiben der erwarteten Ergebnisse in der Gesamtheit eine “Spaßtruppe” ist, die ihren Sport nicht ernst genug nimmt. Und das ist meiner Erfahrung nach so ganz sicher nicht.

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          • avatar Torsten Rieger sagt:

            Stefan, was meinen Sie eigentlich mit “Beiträgen”? Meinen Post oder das Interview?

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  2. avatar Schnappi sagt:

    Da ist Segelreporter selbst schuld, derartiges war erst vor kurzem hier zu lesen – sowas dürfte gar nicht erst veröffentlicht werden – das macht man einfach nicht …

    ^^

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  3. avatar Chenninge sagt:

    Humor oder Ironie in Interviews und Forenbeiträgen ist unbedingt als solcher zu kennzeichnen… wo kommen wir denn da hin? 😀

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    • avatar Stefan sagt:

      …dem stimme ich voll und ganz zu. Allerdings gilt das noch viel mehr für die redaktionellen Beiträge der Reporter!

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      • avatar Stefan sagt:

        ….und leider verschluckt das System hier regelmäßig solche “Kennzeichnungen”. Mein Eingangspost hatte zumindest eine, wie auch der letzte. Mal schauen ob diese hier auch verschluckt wird.

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        • avatar Torsten Rieger sagt:

          Humor, Ironie und “Spott” sind ganz verschiedene Dinge. Und so verschieden sie sind, müssen sie auch an unterschiedlichen Orten unterschiedlich bewertet werden. Humor und Ironie hören dann auf, wenn es öffentlich “Spott” ist. (wie selber bewertet) Das wird in den seriösen Foren unterbunden. Aus gutem Grund! Weil aus “Spott” sehr schnell “Beleidigung” oder “Üble Nachrede” mit genauso “üblen” Folgen wird. Da beißt das Mäusle keinen Faden ab…

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  4. avatar Torsten Rieger sagt:

    Wie wäre es mit löschen und noch einmal von vorne anfangen?

    Eine gute Analyse mit diskutablen Aussagen. Es sind noch zwei Jahre bis Rio. Auf geht`s: In die Hände gespuckt. Ärmel hochgekrempelt. Aus Fehlern in den Erfolg lernen. Mit voller Unterstützung aller Fans in die nächsten zwei Jahre! Nächstes Jahr gilt`s und dann alles geben in Brasilien. Mir macht eure Berichterstattung auf Facebook und die Berichterstattung der Segelreporter Spaß 🙂

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  5. avatar Sven 14Footer sagt:

    Danke Segelreporter für einen Artikel, der über das abdrucken der pressemitteilungen hinausgeht.
    Für mich gilt immernoch, das der DSV zu wenig die Breite der Leistungssegler sondern nur die absolute Spitze fördert. Wenn es auch bei dieser WM vielleicht andere Ursachen hatte. An anderer Stelle wurde geschrieben, das Toni durch dieses Wm Ergebnis seinen A-Kader Status verlieren würde. Was ich für völlig falsch halte. Er ist absolut Spitze, dass hat er auch in Santander gezeigt. Er hat einen sehr dämlichen Fehler gemacht. Ob man ihm oder dem Deutschen OlympiaMedaillenbedürfnis hilft in dem man ihn für diesen Fehler in der Form bestraft halte ich für sehr fraglich!!
    Ich glaube auch, dass es unseren Leistungssegelern gut tut, wenn Sie abends mal einen Trinken gehen. Vermute, sie gehen manchmal etwas zu verkrampft auf die Bahn.

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  6. avatar Uschi sagt:

    Ist doch zumindestens ein Highlight dieser WM 🙂 und man darf nicht vergessen, bei allem Profitum auch hier handelt es sich um Menschen die Fehler machen können…
    und im Vergleich zur letzten ISAF WM doch harmlos, wenn man da an die Vorkommnisse bei den 470er Frauen zurückdenkt…
    Schaut man sich die Konstellationen der Teams die in Perth angetreten sind mit denen von Santander an, so sind doch viele der Team nicht mehr zusammen, segeln in einer anderen Bootsklasse oder haben sich vom Leistungssport verabschiedet…

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