Schnellsegler-Worlds: Frühes Aus für zwei deutsche Duos – Heil/Plößel und Lutz/Beucke stark

Jubel und Enttäuschung

Es sind manchmal diese kleinen Momente, die sich so brutal auswirken. Tim Fischer (24) und Fabian Graf (23) erleben die ganze Dramatik des Segelsports wie auch Victoria Jurczok und Anika Lorenz. Aber es gibt auch viel Grund zur Vorfreude.

Fischer/Graf sind bei der Olympia-Qualifikation die jungen Herausforderer der beiden etablierten deutschen Crews, segeln erst seit 2014 gemeinsam 49er, gewannen 2018 sensationell WM-Bronze in Aarhus und haben sich seitdem in der Weltspitze etabliert. Pünktlich vor dem WM-Start in Auckland erreichten sie in der Weltrangliste mit Platz zwei ihre beste Karriere-Platzierung. Das Form-Timing schien perfekt gelungen.

Die 49er-Segler lieben es bunt. © Jesus Renedo / Sailing Energy

Aber dann starteten sie mit 25/DSQ in die WM-Serie, die den Beginn der deutschen Olympiaqualifikation markiert – die wichtigste Regatta ihrer jungen Karriere. Das muss man erst einmal verkraften.

Sie kämpften sich langsam zurück. Ziel musste es sein, die Goldfleet der Top 25 nach drei Tagen zu erreichen, um danach weiter vorrücken zu können.  Für die dreiteilige deutsche Olympia-Quali zählen schließlich nur Top-20-Plätze in der Gesamtwertung.

49er-Segler auf höchstem Niveau zelebrieren absolute Sychronität. © Jesus Renedo / Sailing Energy

Vorsichtig begannen sie ihre Aufholjagd. Nach dem frühen Schock war klar: es würde am Ende ganz knapp werden mit der Goldfleet. Im achten Rennen der Vorrunde fällt für sie die Vorentscheidung.

Die Österreicher Bildstein/Hussel segeln den letzten Quali-Tag im gelben Trikot, müssen morgen aber auf blau (3. Platz) wechseln. © Jesus Renedo / Sailing Energy

Nach ordentlichem Start in der Mitte finden Fischer/Graf über die linke Seite eine freie Spur, zeigen guten Speed, werden kurzzeitig auf Platz eins geführt, runden schließlich auf Rang vier die Luvtonne.

Guter Position für GER 3 nach guter Startkreuz über die linke Seite …

…Nach dem Cross vor den späteren Siegern aus Schweden liegen Fischer/Graf auf der Startkreuz sogar kurzzeitig vorne…

Vor dem Wind bleiben sie dran. Auch am Leetor liegen die ersten vier Boote noch eng beisammen.

Fischer/Graf (schwarzer Spi) verpassen die Anliegelinie zur rechten Gate-Tonne und müssen noch zweimal halsen.

Das deutsche Team peilt die rechte Tor-Marke an, trifft die Anliegelinie nicht gut, legt eine spät Doppelhalse hin, luvt auf den Amwindkurs und trifft mit dem Ausleger die gelbe Marke. Tonnenberührung!

Anfang vom Ende. GER 3 berührt die Leetonne. Strömung spielt eine Rolle.

Vorschoter Graf wartet mit dem Sprung ins Trapez. Er scheint auf die Ansage des Steuermanns für einen schnellen Strafkreis zu warten. Aber der zögert. Was ihm wohl durch den Kopf geht? Wird jemand protestieren? Hat es jemand gesehen? Lohnt sich das Risiko, einfach weiter zu segeln?

GER 3 dreht den fälligen Strafkreis, versucht über die linke Seite verlorenen Boden wieder gutzumachen, aber dort läuft es nicht. Die Dänen, die gleichzeitig um die Leetonne gehen, werden Zweite. Die deutschen Youngster fallen von vier auf neun zurück.

Es sind nur fünf Punkte Unterschied. Aber die fehlen schließlich zum Einzug in die Goldfleet. Es ist ein Desaster für die zurzeit talentiertesten Aufsteiger im deutschen Segelsport. Während gleich drei Team-Kollegen Punkte für Olympia sammeln können, segeln sie ab Morgen in der Silberfleet.

Zusammenfassung des verflixten achten Rennens für Fischer/Graf (ohne die Leetor-Situation):

Fünf Punkte weniger, und sie hätten ausgerechnet Justus Schmidt und Max Böhme vom letzten und 25. Platz verdrängt. Die haben das Glück, eine irische und eine amerikanische Crew punktgleich auf Rang 26 und 27 zu verweisen. Damit ist das Kieler Duo noch voll dabei im Rennen um Olympia. Bei acht Goldfleet-Läufen kann es noch weit nach vorne segeln.

Das gilt besonders auch für Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger. Die 23- und 22-jährige Nachwuchs-Crew vom Bayerischen Yacht-Club liegt nach der WM-Qualifikation sensationell auf Platz acht der Gesamtwertung. Ein Sieg im letzten Rennen katapultierte sie unter die Top-Ten.

Die 49er-Spitze nach der Qualifikation.

Der Aufstieg der jungen Bayern ist bisher oft untergegangen, angesichts der großen Erfolge von den Team-Kollegen. Aber die aktuell 17. der Weltrangliste haben 2019 auch schon beim Weltcup in Miami auf Rang vier geglänzt.

Sie zählten bisher eher als Starkwind-Experten, aber am gestrigen Tag in Auckland wehte es längst nicht so stark. Vielleicht können sie ihren überraschenden Weg in Neuseeland noch weiterführen und auch die interne Konkurrenz im Kampf um die Tokio-Fahrkarte unter Druck setzen.

Dafür müssten sich allerdings Erik Heil und Thomas Plößel eine Blöße geben. Danach sieht es allerdings überhaupt nicht aus. Die Bronze-Helden von Rio haben sich von dem kurzfristigen Rückschlag am zweiten Renntag nicht beeindrucken lassen und ziehen mit einer unglaublichen Konstanz an der Spitze ihre Kreise.

Mit 1/2/7 haben sie an diesem Tag exakt einen Punkt weniger eingesammelt als die Kiwi-Superstars Burling/Tuke und nun wieder die Führung übernommen. Ab Morgen starten sie nun zum direkten Duell. Der Vorsprung zu den drittplatzierten Österreichern Bildstein/Hussel beträgt schon zehn Punkte.

Verkorkster Auftakt

Auch bei den 49er-Frauen ist schon eine wichtige Vorentscheidung im Kampf um die Olympiafahrkarten gefallen. Nach dem wegen Starkwind ausgefallenen ersten Renntag wog die Last für Victoria Jurczok und Anika Lorenz durch ihren verkorksten Auftakt noch schwerer. Denn die Qualifikation von neun auf acht Rennen verkürzt.

So fehlen nun 20 Punkte zum 25. Platz. Die Berlinerinnen müssen ab sofort hilflos zusehen, wie die Gegnerinnen Tina Lutz und Susann Beucke in der Olympiaqualifikation punkten.

Und die geben mächtig Gas. Sie haben zum Schluss der Qualifikation die sensationelle Serie von 1/3/2 hingelegt und sich auf Rang vier nach vorne katapultiert. Damit besteht haben sie die große Chance, eine Vorentscheidung im Kampf um Olympia zu erzwingen. Je mehr Punkte sie unter den Top 20 sammeln, umso geringer wird die Chance für Jurczok/Lorenz bei den nächsten beiden DSV-Quali-Regatten aufzuholen.

Allerdings geht es immer noch auch um den Nationenplatz. Von den sechs direkten bisher nicht qualifizierten gegnerischen Ländern sind neben Deutschland immer noch acht in der Goldfleet vertreten. Zurzeit belegt Polen auf Rang 17 den letzten Qualiplatz. Der Vorsprung von Lutz/Beucke beträgt 32 Punkte.

Sensationelle Abschluss der Qualifikation von Tina Lutz und Susann Beucke.

Er muss in den acht Finalrennen gesichert werden. Doch die Europameisterinnen von 2017 scheinen gerade so gut in Form zu sein, dass sie eher nach oben als nach unten schielen dürfen.

Nacra17-Olympia-Quali fast geschafft

Nach dem letzten Vorrunden-Tag mag Paul Kohlhoff und Alicia Stuhlemmer nicht nach Feiern zumute sein. Sie fielen in der Nacra17-Klasse nach ihrem guten Auftakt nun auf Rang 17 zurück. Dennoch haben sie damit schon fast das Olympia-Nationen-Ticket für Deutschland gelöst.

Fünf Plätze werden in Auckland vergeben, und nun haben es nur sechs nicht qualifizierte Nationen in die erste Hälfte der 52 Boote-Flotte geschafft. Bei den Nacras segeln 26 Crews in der Goldgruppe. Johannes Polgars Ersatzmann Jan-Hauke Erichsen platziert sich mit Carolina Werner nach der Qualifikation auf Rang 39 und verpasst damit den Cut.

Für die interne Olympia-Quali zählt Auckland aber nicht. Das Spiel startet erst bei der nächste WM, die schon im Februar in Melbourne startet. Dann will auch der verletzte Johannes Polgar wieder in das Spiel eingreifen.

Die Outteridge Geschwister geben richtig Gas. © Jesus Renedo / Sailing Energy

Die WM-Wertung im Nacra wird von dem heißen Duell der Australier geprägt. Altmeister und 49er-Silber-Gewinner 2016 trumpft mit seiner Schwester Haylee groß auf und hält auf Rang drei bisher die Teamkollegen Waterhouse/Darmanin (4.) in Schach. Auch der argentinische Olympiasieger Santiago Lange segelt mit seinen 58 Jahren nach wie vor ganz vorne mit in Schlagdistanz zu den Medaillen.

Altmeister und Olympiasieger Santiago Lange (58) segelt mit Cecilia Carranza nach wie vor in Medaillennähe. © Jesus Renedo / Sailing Energy

Die Nacra17-Liste nach der WM-Qualifikation.

Ergebnisse 49er WM Auckland

Live Übertragung (für 14,95 Euro)

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *