Seeunfall: Lehren aus dem Unglück einer Charteryacht vor Warnemünde

"Wir empfehlen die Rettungswesten-Pflicht"

Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) hat den Abschlussbericht zu einem Todesfall vor Warnemünde veröffentlicht. Eine Charter-Crew schaffte es nicht, ihren Mitsegler an Bord zu holen.

Das Schiff, auf dem der Unfall passierte.

Das Unglück passierte im September 2015. Die 56 Jahre alte “Desdemona”, die von der vierköpfigen Crew bei Klassik-Yachtcharter gemietet worden war, hielt nach einem Törn vom Starthafen Gedser aus auf die Hafeneinfahrt von Warnemünde zu. Es wehte mit 3 bis 4 Windstärken aus West, die Wellenhöhe soll ein Meter betragen haben.

Einer der erfahrenen beiden Skipper klarierte am Bug der 11,78 Meter langen Yacht die Fock für das Hafenmanöver, als das Schiff durch eine besonders hohen Welle stark überholte.

Dabei ging einer der Mitsegler, der sich im Mastbereich aufhielt, um beim Bergemanöver helfen zu können, über Bord. Er konnte sich noch kurz an der Bordwand festhalten. Aber als ihm der Skipper die rettend Hand reichen wollte, war dessen Kraft schon erschöpft. Er rutschte ab.

Rettungsleine nicht am Schiff befestigt

Unter Motor drehte “Desdemona” einen Kreis auf den Verunglückten zu, und es gelang sogar, ihm eine Leine zuzuwerfen. Er schlang sie sich um Arm und Oberköper, aber als er daran zog, stellte sich heraus, dass sie nicht am Schiff befestigt war. Ein tragischer Fehler, der wohl auf Hektik oder Unerfahrenheit zurückzuführen war.

Warnemünde, Unglück

Ort des Unglücks vor der Einfahrt von Warnemünde

Die beiden Brüder, die sich jeweils das Skipper-Amt teilten, sind erfahrene Segler. Die beiden Gäste dagegen hatten wenig Übung im Umgang auf dem Schiff, wenn auch das Unfallopfer ein Motorboot an der griechischen Küste besaß.

Auch der zweite Rettungsversuch mit dem Wurf eines Rettungskragens ging schief. Der Schwimmköper erreichte den im Wasser treibenden Mann nicht, weil die Leine nicht ordnungsgemäß abrollte. Das BSU stellte fest, “dass zumindest bei der Art und Weise der Montage der Seiltrommel selbst nach dem Unfallereignis nicht genügend darauf geachtet
wurde, dass ein für das Abwickeln der Leine erforderliches freies Drehen der
Trommel gewährleistet ist.”

Keine Rettungsweste

Kurz danach wurde der 42-Jährige im immerhin etwa 16 Grad warmen Wasser überraschend schnell nach wenigen Minuten bewusstlos. Ein Pathologe stellte bei der Obduktion fest, dass eine Vorerkrankung des Herzens eine Rolle gespielt haben könnte. Das Fatale dabei: Das Opfer trug, wie die ganze Crew, keine Rettungsweste.

Das BSU stellt fest, “dass eine sehr große Wahrscheinlichkeit besteht, dass es nicht zu dem tödlichen Unfall gekommen wäre, wenn das Unfallopfer eine Rettungsweste getragen hätte und an Bord mit einer Sicherheitsleine gesichert gewesen wäre.”

Außerdem habe Hektik eine große Rolle bei den gescheiterten Rettungsmaßnahmen gespielt. Dazu sagt das BSU: “Außer einer fundierten Ausbildung und fortwährendem
Training gibt es kaum Möglichkeiten, das der menschlichen Natur wesenseigene Verfallen in Hektik in einem emotionalen Ausnahmezustand zu verringern.”

Tragepflicht für Westen

So ist es offenbar für die Ermittler schwer, allgemeingültige Schlüsse aus dem Unfall zu ziehen. Aber für sie gerät die in Deutschland nicht vorhandene Ausrüstungspflicht für Rettungsmittel auf privat genutzten Sportbooten in den Fokus. “Es existiert keine Tragepflicht für Rettungswesten auf rein privat genutzten Sportbooten im Seebereich.”

Deshalb kommen sie zu dem Ergebnis: “Aus Gründen der Sicherheit sollte daher für alle Sportboote, die auf den Seeschifffahrtsstraßen und im deutschen Küstenmeer verkehren, unabhängig von ihrer Größe und ihrer rechtlichen Einordnung, im Hinblick auf Rettungswesten sowohl eine Ausrüstungs- als auch eine Tragepflicht gesetzlich geregelt werden.”

Dabei verweisen sie auf die Gurtpflicht im Straßenverkehr, die vor ihrer Einführung auf heftigen Widerstand stieß. “Heute wird sie  als Selbstverständlichkeit von der weit überwiegenden Mehrheit der Verkehrsteilnehmer beachtet.”

So konstatiert das BSU: “Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung empfiehlt dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), die rechtlichen Möglichkeiten der Einführung einer Pflicht zum Tragen von Rettungswesten auf Seesportbooten zu prüfen.”

Link zum 32-seitigen BSU Bericht

 

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Carsten Kemmling

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12 Kommentare zu „Seeunfall: Lehren aus dem Unglück einer Charteryacht vor Warnemünde“

  1. avatar Firstler sagt:

    Ja klar, die Westenpflicht! Warum so halbherzig? Man sollte Segeln, Surfen, Bergsteigen und Fahrradfahren gleich ganz verbieten…ist doch viel zu gefährlich!

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    • avatar Andi sagt:

      Dann kommt auch die gesetzlich vorgeschriebene Wartung von zertifizierten Händler alle zwei Jahre. Lieber keine Pflicht.

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  2. avatar Jürgen sagt:

    Tragisch – aber bitte kein Grund, nun über allg. Tragepflicht zu diskutieren. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich lasse mir nicht vorschreiben, bei 2 Bft und 30°C eine Weste zu tragen. Ich kann ganz gut selber einschätzen, wann eine Weste (mit Schrittgurt!) sinnvoll ist und bin bisher gut damit gefahren. Das ist per Definition “gute Seemannschaft”.
    Wie man selbst in einer solchen Situation reagieren würde, weis man bekanntlich erst, wenn man in dieser Situation ist – unabhängig der vielen Übungsstunden. Ein Boje-Über-Bordmanöver, wo der Fender bei 2 Knoten Fahrt im Schiff mal eben mit dem Bootshaken aufgenommen wird, hilft hier ganz sicher nicht und stellt die Situation in keinster Weise ausreichend nach! – Es darf einfach nie passieren! (sprach er und klopfte auf ein Stück Holz)

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  3. avatar Crisch sagt:

    Und wenn der nächste auf dem Steg ausrutscht, und sich die Rübe dabei einschlägt, dürfen wir übernächstes Jahr nur noch mit Helm auf den Steg.

    Ich trage meine Rettungsweste zu 90% der Zeit auf dem Wasser. Vorschriften brauchen wir aber nicht.

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  4. avatar Backe sagt:

    Die BWU (Bundesstelle für Wintersport-Unfall-Untersuchung, 2014 = 36 Tote, 7000 Verletzte) empfiehlt: Geschwindigkeitsbegrenzung auf Ski-Abfahrten, maximal 25 km/h. Zusätzlich Airbags für Snowboarder und Bremsfallschirme für Rodler.

    Die BRU (Bundesstelle für Radunfall-Unfall-Untersuchung, 2014 = 400 tödliche Unfälle) schlägt vor: Nur noch Ritzel mit den drei kleinsten Gängen zulassen, um das enorme Verletzungsrisiko bei höheren Geschwindigkeiten zu mindern. Auf öffentlichen Straßen wird das generelle Schieben des Rades empfohlen.

    Die BBU (Bundesstelle für Bergsport-Unfall-Untersuchung, 2013 = 36 tödliche Unfälle) möchte eine Vorschrift einführen, die Klettern an Bergabschnitten mit mehr als 15 Grad Gefälle verbietet.

    Die BRU (Bundesstelle für Reit-Unfall-Unersuchug, 2014 = 31 tödliche Unfälle) empfielt, zur Ausübung des Reitsports nur noch Pferde mit einem Stockmaß unter 1 m (Ponys) zu verwenden. Im Gelände generelle Zügelführungspflicht.

    Die BAU (Bundesstelle für Angel-Unfall-Untersuchung, keine konkreten Zahlen, aber vermutet hohe Dunkelziffer) empfielt angesichts immer wieder kehrender Ertrinkungsfälle, den Angelsport nur noch an stehenden Gewässern mit weniger als 10 qm Fläche und maximal 30 cm Tiefe (Gartenteich) zuzulassen.

    usw. usw. usw,

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    • avatar waterman2000 sagt:

      Großartig … genauso ist es.

      Der Amtsschimmel und die Lobbyisten stricken da vermutlich wieder was. Seitdem Politiker nur noch das Sprachrohr von Wirtschafts-Lobbyisten sind (… siehe Dobrinth) darf man hinter solchen Aktionen sicherlich auch ein ganz klares wirtschaftliches Interesse sehen.

      Es wäre nur ein weiterer Versuch den Wassersport zum Zweck des Geld verdienens zu regulieren. Unser viel ‘geliebter Interessenvertreter ‘ DSV hat’s ja auch schon diverse Male ‘völlig selbstlos’ vorgemacht.

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    • avatar C.H. sagt:

      Sehr schön!

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    • avatar Theo Scheurmann sagt:

      Super recherchiert 🙂

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  5. avatar Sven 14Footer sagt:

    Wow, ich bin doch sehr über die Reaktionen überrascht! Klar bin ich selten begeistert, wenn eine weitere Regulierung mit einer mir auferlegten Pflicht angedroht wird.
    Aber ehrlich: Helfen würde eine Rettungsweste und Lifebelt schon!
    Wer hat den Untersuchungsbericht der BSU wirklich gelesen? Amtsschimmel und Lobbyismus kann ich hier weniger entdecken. Eher eine sehr genaue und objektive Untersuchung wie es zu dem Unfall kam. Die BSU hat den Auftrag zu schauen und zu empfehlen, was man in Zukunft besser machen kann um den Unfall zu vermeiden oder wenigstens das der Ausgang weit weniger tragisch wäre.
    Schnallt Ihr Euch im Auto auch nur auf unfallträchtigen Strecken bei Geschwindigkeiten über 60 Km/h, 100 km/h oder wieviel an? Bei 30 Grad stört mich der Gurt im Auto auch sehr.
    Die betroffene Mannschaft ist offensichtlich auf dem ganzen Törn nicht auf die Idee gekommen Rettungswesten zu tragen.

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  6. avatar Jürgen sagt:

    Der Vergleich mit dem Gurt im Straßenverkehr hinkt. Es gibt auf dem Wasser einfach Momente, wo das Tragen der Rettungsweste wirklich nicht notwendiger Weise leben rettet. Wenn ich bei 2 Bft und 30°C Luft über Bord gehe, werde ich das Überleben, es sei denn ich segel alleine. Fahre ich bei 30°C mit 30km/h unangeschnallt frontal gegen eine Wand, bin ich mit hoher Wahrscheinlich schwerstverletzt oder gar tot – Unterschied klar?
    In letzter Instanz bleibt es hier wie dort immer eine persönliche Entscheidung, mit dessen Konsequenzen man leben muss – Für mich ist es so einfach.

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  7. avatar Gehteuchnixan sagt:

    “Gute Seemannschaft”, der mächtige Begriff ist ja wieder mal gefallen, schließt für mich ein, Risiken unter Zuhilfenahme aller zu Gebote stehenden Mittel zu minimieren und dabei auch eigene Fehleinschätzungen in Betracht zu ziehen.. Landauf, landab liest man immer wieder von tragischen Unfällen, die eigentlich gar nicht zu erwarten waren. Meine Konsequenz daraus ist, daß unter meiner Schiffsführung jeder bei egal welchem Wetter vom Ablegen bis zum Festmachen eine Rettungsweste trägt, wenn vorhanden, der Schrittgurt angelegt wird und auch nur beim leisesten Zweifel Lifebelts angeschlagen werden. Bis jetzt hat sich noch keiner beschwert. – Ich staune ein Bißchen über die Mokanz gegenüber der BSU. Ich lese da immer wieder knacktrockene, solidest recherchierte Berichte. Diese Institution mit Lobbyismus in Verbindung zu bringen, halte ich für genauso töricht wie einige der obenstehenden Kommentare.

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    • avatar Lasse sagt:

      Wenn man das Risiko zu ertrinken minimieren will, sollte man sich gar nicht in die Nähe von Wasser begeben.

      Man kann einem Erwachsenen Menschen mit Segelerfahrung schon zumuten das Risiko selbst abzuschätzen und danach zu entscheiden. Und das Risiko ist nicht sehr groß, ja es gibt tragische Unfälle, aber im Vergleich zu der gesamt Zahl an Stunden die wir alle segelnd auf dem Wasser verbringen ist die Zahl dieser Unfälle doch verschwindend gering.
      Ich trage in 99,5% der Fälle auf dem Wasser eine Schwimmweste. Aber die Freiheit in diesen 0,5% Prozent eine aufgezwungen zu bekommen nur weil ein paar wenige Menschen das Risiko nicht vernünftig einschätzen können, will ich mir nicht nehmen lassen.

      Genauso trage ich in 95% der Fälle auf dem Fahrrad einen Helm, wäre aber entschieden gegen eine Helmpflicht.

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