Segel-Bundesliga: Brandenburger Aufsteiger brillieren bei erstem Liga-Auftritt

Das Wunder vom Bodensee

Der Segel-Bundesliga-Auftakt am Bodensee war von langen Leichtwindphasen und vielen Unwägbarkeiten geprägt. Aber ein Team schien das nicht zu stören. Die unglaubliche Serie 1/2/1/1/2/1 spricht für sich. Wie ist das möglich?

Die Aufsteiger als 2. Liga Sieger vom Bodensee. © DSBL / Lars Wehrmann

Beim Aufstieg in die zweite Liga im Oktober 2020 hat der Verein Regatta-Segler (RSN) Neuruppin den Ball noch ziemlich flach gehalten. Platz acht von 16 Teams beim DSL-Pokal reichte für die erste Teilnahme bei der Segel-Bundesliga, die ihre neunte Saison bestreitet.

Es sei schön gewesen, sich mit Deutschlands Super-Seglern messen zu dürfen hieß es vom Team gegenüber der märkischen Online-Zeitung (MOZ). “Das war schon eine große Hausnummer, einfach riesenhaft schön und toll“, schwärmte der RSN-Trainer Michael Pawlowski-Hegermann von dem Erlebnis. Er sei mächtig stolz.

Der RSN an der Robotertonne vor Überlingen. . © DSBL / Lars Wehrmann

Kein Wunder, denn es klingt auch Vaterstolz mit durch. Bester Steuermann des Teams ist der Sohn Christoph Pawlowski-Hegermann. Dass dieser nun mit Tobias Klabunde, Felix Mosebach und Maik Seifert beim Zweitliga-Auftakt in Überlingen die Konkurrenz nahezu zerstört hat, dürfte aber auch den Coach wundern.

Bei schwierigsten Leichtwindbedingungen gelangen vier Siege und zwei zweite Plätze. Eine Serie, die in den neun Saisons der Segel-Bundesliga kaum jemals einem Team geglückt ist. Glück war dabei wenig vonnöten. Gute Starts stellten die Basis dar. Da stellt sich die Frage, wie es quasi aus dem Nichts zu so einer Leistung kommen kann. Schließlich handelt es sich bei den Geschlagenen auf den nächsten vier Plätzen allesamt um Teams mit Erstliga-Erfahrung.

SegelReporter hat beim Steuermann nachgefragt. Christoph Pawlowski-Hegermann kommt tatsächlich alles andere als aus dem Nichts. Die Wurzeln des 36-Jährigen, der in Neuruppin eine Physiotherapie-Praxis betreibt, liegen in der 420er-Klasse. Da hat er auf höchstem Niveau gesegelt, sich für Bundeskader und Weltmeisterschaft qualifiziert.

E starker Jahrgang. Die die Gegner waren damals etwa VSaW-Meister-Steuermann Jasper Wagner – mit dem er schon bei der Meisterschaft der Meister antrat – oder Silke Hahlbrock (HSC). Der logische Umstieg in den 470er mit einer möglichen folgenden Olympiakampagne wie bei Wagner hat aber nie gepasst.

Ausbildung im Cadet

Die Berufsausbildung kam dazwischen und machte die Fortführung der Segelkarriere nicht einfacher. Es fehlte aber auch ein Vorschoter mit der erforderlichen Größe für das Trapez.

Cadet Segeln auf dem Ruppiner See. © RSN

In Brandenburg sei in der Ausbildung immer noch viel mit dem Cadet gesegelt worden – mit einem erfahrenen Steuermann und kleinem, jungen Vorschoter. Diese Struktur könne beim Zusammenstellen einer weiterführenden Zweimann-Crew Probleme bereiten. Aber in dieser Jugendklasse sind die Segler vom Ruppiner See sogar eine internationale Macht. Auf dieser Ausbildung basiert das Können vieler guter Segler in der Region.

Größter Verein ist eigentlich der Ruppiner Seglerclub (RSC) bereits 1890  gegründet. Aber RSC-Mitglied Michael Pawlowski-Hegermann hatte vor 25 Jahren eigene Vorstellungen und gründete selber einen Verein, den RSN (Regatta-Segler-Neuruppin). Dabei ging es ihm besonders um die Jugendarbeit. Und auch die drei eigenen Kinder waren Nutznießer.

“Ein Riesenimpuls”

Inzwischen zählt der RSN gut 100 Mitglieder. Das Regattasegeln steht im Zentrum. Aber wie für andere Vereine auch, wird es schwieriger, die Junioren zu halten. Der Umstieg in eine Olympiaklasse gelingt kaum noch jemandem. Zeit und Geld reichen immer seltener für den großen Schritt.

Da stieß die Idee, es mit der Bundesliga zu versuchen, auf große Resonanz. Ein ambitionierter Plan für den kleinen Brandenburger Verein, gegen die Größen der Republik antreten zu wollen. Aber die sportliche Basis passte. Das zeigte sich auf Anhieb bei der Qualifikationsregatta in Hamburg. Die Leistung machte Mut, es in der Liga schaffen zu können.

„Für uns als Verein ist dieser Erfolg an sich ja schon ein absolutes Highlight“, sagt Michael Pawlowski-Hegermann nach dem Zweitliga-Aufstieg gegenüber der MOZ. „Das gibt einen Riesenimpuls. Jetzt können wir unserem Nachwuchs auch eine Perspektive über die Jugendzeit hinweg bieten. Die Segel-Bundesliga ist sicher ein tolles Ziel.“

Der RSN mit seinem Trainingsboot auf dem Ruppiner See. © RSN

Vor dem Einstieg in eine erfolgreiche Saison stand dann doch noch eine große Hürde. Ein Trainingsboot musste beschafft werden. Ohne eine J/70 am See machte das Projekt wenig Sinn. Sponsoren mussten bekniet werden, dem jungen Team auf die Beine zu helfen. Und es funktionierte tatsächlich. Ein neues Schiff fand seinen Weg in den Verein. Regelmäßiges Training wurde organisiert, die Teilnahme bei den Mittwochsregatten war ein Muss und nun hat der RSN ein Team von 13 Seglern für die erste Zweitliga-Saison gemeldet.

Leichtwind-Spezialist

Dass es aber auf Anhieb so gut klappt, wie beim Auftakt am Bodensee, davon konnte Christoph Pawlowski-Hegermann nicht ausgehen. Er erklärt sich den überlegenen Sieg mit seiner Vorliebe für leichten Wind. Da habe er sich im Cadet und 420er schon immer gut gefühlt.

Das Siegerpodest der zweiten Liga. © DSBL / Lars Wehrmann

Selbst bei den Kollegen vom Düsseldorfer Yacht Club, die ebenfalls stark mit Platz zwei in die Saison gestartet sind, sei er noch aus dem 420er als Flauten-Spezialist bekannt gewesen. Große Windschweinereien benötigte er am Bodensee allerdings nicht, um erfolgreich zu sein. Solide Basisarbeit reichte aus für starke Plätze an der Spitze.

Außerdem sei er im Alter vielleicht auch im Kopf stabiler geworden. Bei einer 420er Junioren-EM in Tallin ist es nach längerer Führung schon mal mächtig nach hinten losgegangen. Solche Einbrüche erwartet er bei sich nicht mehr. “Ich weiß, was ich kann.”

Dabei zweifelt er allerdings noch ein wenig, ob die Qualität auch schon für stärkeren Wind ausreicht. Aber auch daran wollen die Neuruppiner arbeiten. Sie gehen mit ihrem neuen Schiff bei der J/70 Meisterschaft in Warnemünde an den Start. Danach versuchen sie dann das vermeintliche Wunder vom Bodensee beim zweiten Spieltag an der Alster zu wiederholen. Verstecken werden sie sich nicht. Pawlowski-Hegermann lässt durchblicken, dass ihn gar nicht so sehr wundern würde, wenn der RSN im ersten Jahr auf Anhieb den Durchmarsch in das Oberhaus schafft.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Segel-Bundesliga: Brandenburger Aufsteiger brillieren bei erstem Liga-Auftritt“

  1. avatar PL_datstueb sagt:

    Das nennt man wohl eine Serie 😀.
    Zum Thema Regattanächwuchs habe ich allerdings eine Anmerkung. Ich denke, dass es mindestens genauso wichtig ist, (jungen) Erwachsenen den (Wieder-)Einstieg zu ermöglichen. Ich hatte als Kind/Jugendlicher nicht die Möglichkeit zu segeln und habe erst mit über 30 damit angefangen. Aus einer Bierlaune heraus, habe ich mal bei der Jugendtrainerin des Vereins nachgefragt, ob ich nicht auch mal zum Lasertraining kommen dürfe. In der Trainingsgruppe bin ich mit offenen Armen empfangen worden und habe dort das Regatta- und das Lasersegeln lieben gelernt. 2 Saisons später bin ich dann in Flensburg bei der IDM gesrartet (und nicht Letzter geworden 😂).
    Mittlerweile gibt es neben der schon lange existierenden Offenen Regattatrainingsgruppe mit verschiedenen Bootsklassen (Zugvogel, C55, Laser, 470er) eine Ü30 Lasergruppe und eine Ü20 Piratengruppe mit regelmäßigem Training. Trainiert werden die Erwachsenengruppen von den Jugendlichen (ohhe Trainerschein). Alle Trainer werden grundsätzlich bezahlt, dafür zahlen die erwachsenen Teilnehmer einen kleinen Obulus.

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