Segel-Bundesliga Knarrblog: Platz sechs – Ärger um das letzte Rennen

Der Ton wird rauer

Hätte, hätte, Fahrradkette. Auch fünf Tage nach dem Bundesliga-Event in Travemünde tauchen vor dem geistigen Auge noch die entscheidenden Situationen auf. Platz sechs war ja eigentlich ganz Okay mit meinem Team für den NRV. Bis kurz vor Schluss reden wir noch ein Wörtchen mit beim Kampf um das Podium. Mit 1 und 4 ist der Finaltag auch ganz ordentlich gestartet.

Segel-Bundesliga NRV

Schöne Startposition in Lee vom Pulk. Am Startschiff ist es immer eng. © Sven Jürgensen/Mittelmannswerft

Dann folgt dieses verflixte Rennen 27. Ein schöner kontrollierter Start ganz in Luv. Im letzten Moment geht die Lücke am Startschiff auf. Mit full Speed rutschen wir über das Feld. Als der Wind links kippt und die Freunde vom Touring Yacht Club in Lee wieder ins Spiel kommen, nehmen wir den Dreher mit und befreien uns.

Langer Schlag nach rechts, dann noch zwei Wenden, ein kleiner Kipper, und zack Abkassieren. Die ersten beiden Boote von links passieren am Heck. Leider ein wenig zu knapp. Ich hätte mir mehr Luft gewünscht. Aber ich will die anderen drei links auch noch mit Vorfahrt erwischen. Dann kommen die Flensburger, wir wenden in Lee voraus und behaupten die rechte Seite.

So ist der Plan. Dann wird es hektisch. Alle sechs Boote kommen fast gleichzeitig an der Luvtonne an. Wie so oft bei diesen etwa zwölfminütigen Liga-Rennen. Es wird unübersichtlich. Die Touring-Freunde haben rechts etwas geholt. Wir passen nicht mehr vorbei.

Segel-Bundesliga NRV

Die Luvtonne im Visier. © Sven Jürgensen/Mittelmannswerft

Oder doch? Lieber kein Risiko. Mit einer Wende ausweichen. „Room to tack“! Die Flensburger müssen Platz machen, und wir sofort mitgehen. Aber plötzlich wird es zu eng zum schäumenden Bug von rechts. Der Wind kippt. Ich schaffe die Wende nicht mehr. Kann nur noch voraus passieren. Alles viel zu knapp. Penalty. Völlig verdient.

Vermurkstes Rennen

Dann die Aufholjagd. Kurz vor dem Ziel können wir noch vierte werden. Aber ich will zu viel, verhakel mich im Bemühen zwei Boote zu überholen noch im Zweikampf mit dem VSaW, noch mal Penalty, sechster Platz, ein total vermurkstes Rennen.

Fast jedes Team hat am Ende der diesmal elf Rennen viele solcher Geschichten zu erzählen. Zahlen sprechen Bände. Hinter den fiesen Sechsen verbergen sich die persönlichen Dramen.

Oft spielen die Schiedsrichter eine Rolle. Ohne sie funktioniert dieses Format nicht. Sie sind ein wichtiger Teil des Spiels. Aber es hilft , wenn man das Risiko vermeidet, dass sie über einen urteilen müssen. Enge Situationen bergen immer eine Gefahr. Man kann sich vornehmen, sie zu vermeiden. Aber das funktioniert nicht immer.

Segel-Bundesliga NRV

Aufgereiht unter Gennaker. Wer halst zuerst weg. © Sven Jürgensen/Mittelmannswerft

Dann ist da auch noch diese vertrackte Situation an der Luvtonne. Rennen acht. Eigentlich eine gefühlte sichere Anliegelinie und Rang zwei. Aber zwei Längen vor der Tonne killt diese fette Linkskippe jegliches Timing. Die Fock wird eingedrückt, wir stehen im Wind, quetschen uns um die Marke, berühren sie folgerichtig, drehen den Kreis liegen hinten und kommen auch nicht mehr nach vorne. Dafür ist das Feld inzwischen zu gut geworden. Bäääm, wieder sechs Punkte. Das haut rein. Das nervt. Frust runterschlucken. Weiter geht’s.

Der Ton wir rauher

Aber so soll es sein. Diese Liga wird immer heftiger. Es kribbelt vor den letzten Rennen. So wie vor wichtigen Regatten während der Olympia-Zeit. Man will noch mal richtig was reißen, es geht um was. Und auch unter den Teams wird der Ton rauer.

Es ist nicht mehr nur ein freundliches Klassentreffen. Die Protagonisten beginnen sich untereinander kennenzulernen. Auf dem Wasser segelt man nicht mehr anonym gegeneinander. Der Umgang wird lauter.

So wie vor dem finalen Rennen. Die letzte Startmöglichkeit um 15 Uhr beginnt abzulaufen. Wir liegen auf Rang sechs und wollen unbedingt noch mal segeln. „Wird das noch was?“ Der Wettfahrtleiter will nichts dazu sagen, als wir ihn vom Motorboot aus bedrängen. Wir interpretieren in seine Reaktion und die der Crew wenig Bereitschaft, die Deadline zu schaffen und ärgern uns. Es geht um Minuten.

Später heißt es, dass er auf jeden Fall starten wollte. Wir hätten aber zu spät gewechselt. Ja, wir haben gezögert. Wenn er nicht startet, wollten nach einem verkorksten Tag nicht auch auf das Boot übernehmen, nur um es zum Abtakeln in die entfernte Marina zu bringen. Das war blöd.

Spielverzögerung

Denn genau das passiert. Wir steigen auf die J/70 und der Abbruch erfolgt postwendend. Konkurrenten rufen etwas von “unsportlich” herüber. Wir hätten absichtlich verzögert. Die Nerven liegen blank. Auch andere Teams sind mit dem Ausgang der Regatta unzufrieden.

Es ist Quatsch, Absicht zu unterstellen. Spielverzögerung ist natürlich unsportlich. Aber es mag nur dann Sinn machen, wenn man vorne liegt. Unser Platz sechs ist nun nicht etwas, das wir verteidigen müssten. Wir ärgern uns viel mehr über uns selbst. Offenbar haben wir eine Mitschuld am ausgefallenen letzten Rennen.

Aber an Land haben sich alle wieder lieb. Wir einigen uns darauf, dass eine Verkettung von Missverständnissen zum nicht erfolgten Start des 34 Rennens geführt hat. Und alle geloben Besserung.

Immer bessere Segler

Ein ereignisreicher Spieltag ist beendet. Beim vierten Event gibt es mit den Kielern den vierten Sieger. So spannend war die Liga noch nie. Alles ist ungeheuer aufregend geworden. Und die Rennen machen immer mehr Spaß. Es gibt keine Lorbeeren mehr, auf denen man sich ausruhen könnte. Alle geben Gas, und immer bessere Segler stoßen zu den Teams dazu.

Wir müssen aufpassen, dass wir mit dem NRV den Anschluss halten. Jojo Polgar hat in Warnemünde gezeigt, dass es noch geht. Und in Berlin beim nächsten Event muss er wieder die Kohlen aus dem Feuer holen. Danach stellen wir am Bodensee mit Florian Haufe noch einen Nachwuchs-Steuermann auf, und die Besetzung für das Finale ist noch offen. Auch wenn wir nun auf Rang vier der Tabelle liegen. Wir geben den Fight um den Titel längst nicht auf.

Für mich steht Mitte September das erste und einzige Champions League Event 2015 in Porto Cervo auf Sardinien an. Auch das wird ungeheuer spannend, wenn wieder die Profis der anderen Länder aufschlagen werden. Mal sehen, was dann wieder drin ist.

Ergebnisse Segel-Bundesliga Travemünde

Tabelle nach vier Spieltagen

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Ein Kommentar „Segel-Bundesliga Knarrblog: Platz sechs – Ärger um das letzte Rennen“

  1. avatar Manfred sagt:

    Moin,
    lese ich das richtig??
    “Wenn er nicht startet, wollten (WIR) nach einem verkorksten Tag nicht auch auf das Boot übernehmen, nur um es zum Abtakeln in die entfernte Marina zu bringen. Das war blöd.

    JA, das wäre wohl ziemlich blöd… Wo man doch auch schon das Boot gestellt bekommt, ist es natürlich immer besser, wenn die ANDEREN das auftakeln und abtakeln und alles was damit zusammen hängt, übernehmen.

    Mann, da sollte man sich drum reißen, zum gelingen solch toller Events beizutragen. Und wenn es auch nur ein kleines bißchen in den Hafen segeln und abtakeln bedeutet.

    Ganz tolle Übertragungen und mein ausdrücklicher Dank geht an SAP und alle, die dazu beitragen, dass diese Events so professionell auf meinen Rechner übertragen werden. DANKE!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 27 Daumen runter 7

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *