Segel-Bundesliga: NRV gewinnt in Travemünde, Flensburg ärgert sich über Sonnenschuss

Das verflixte vorletzte Rennen

Höhepunkte vom 3. Renntag:

Der zweite “Spieltag” der Segel-Bundesliga 2014 entwickelte sich zu einem weiteren Höhepunkt der jungen Veranstaltung. Der Flensburger Segel-Club verlor den Sieg in einem dramatischen Finale. Nach 45. Rennen an drei Tagen siegte erneut der NRV.

Sie haben den Sieg vor Augen. Nur noch dieser Vorwindkurs. Die Konkurrenz liegt gut acht Längen achteraus. Gegner sind die Elemente. Aber die haben es in sich. Kameraboote sind schon vom Kurs gespült. Die Rennen der übrigen Travemünder Woche Klassen wurden abgesagt. Nur die Härtesten flattern über den holprigen Kurs.

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Der VSaW kämpft sich über den holprigen Parcours vor Travemünde. © Segel-Bundesliga / Lars Wehrmann

Dazu gehört ganz klar die Crew vom Flensburger Segel-Club. Das Team um Melges Segler Sven Koch, der das Steuer von Michael Ilgenstein übernommen hat, dominierte den zweiten “Spieltag” der Segel-Bundesliga. Mit drei Siegen startete die Mannschaft mit Alexander Erichsen, Hans Henning Höft und dem ex 49er Kadersegler Morten Massmann in die Serie und behielt die Führung trotz einer leichten Schwächephase zur Mitte der Regatta. Da tauchte auch mal eine Null für den letzten Platz im Tableau auf.

Die Eins steht

Bis zu diesem Rennen im 14. Flight steht aber die Eins. Und die Jungs aus Flensburg werden immer besser. Die direkte Konkurrenz in diesem Lauf ist stark. Nummer drei, sechs und zehn der Rangliste sind die Gegner. Und auch die Schweriner haben schon dreimal gewonnen.

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Der entscheidene Moment der Niederlage. Der Flensburger Segel-Club liegt klar in Führung, als das Schiff aus dem Ruder läuft.

Dennoch scheinen die Nordlichter nicht  zu stoppen zu sein. Nach einem konservativen Start in der Mitte setzen sich schnell an die Spitze. Guter Trimm, starke Steuertechnik und ordentlich Kilos auf der Kante ergeben einen überragenden Amwind-Speed.

Aber auch die Manöver sitzen. Seit ein paar Monaten ist der Verein im Besitz einer J/70 und das Team trainiert regelmäßig. Der Abstand zum Zweiten ist souverän. Der Schweriner Yacht Club hängt mit dem Kiel an der Starttonne fest und der Rest der Konkurrenz kann nicht Schritt halten.

Die Zuschauer kreischen auf

Jetzt eben nur noch diesen letzten Spigang absolvieren. Mit über 15 Knoten auf die Ziellinie zurasen und der Vorsprung an der Spitze wäre auf zwei Punkte ausgebaut. Es soll nicht sein. Die Zuschauer vor der Pixelwand in Travemünde kreischen auf. Die Kommentatoren Alex Ruda und Matze Bohn im Studio können es nicht fassen. Die J/70 der Flensburger läuft aus dem Ruder.

Mit flatterndem Gennaker liegt sie auf dem Wasser. Die Crew versucht sich auf dem bockenden Schiff zu halten. Immer näher kommt die Konkurrenz, die eigentlich schon aussichtslos zurück lag. Die Segel zappeln. Sven Koch reißt hilflos an der Pinne, um wieder auf Kurs zu kommen. Es scheint zu klappen, dann haut die nächste Böe das Rigg aufs Wasser. Das Spifall wird leicht gelöst. Langsam pendelt der Mast wieder in die Senkrechte. Aufrappeln, Mund abwischen, weiter geht’s.

Aber die Konkurrenz ist schon gleichauf und so gut wie vorbei. Eine Halse noch, und die Chance für einen vorderen Platz besteht noch. Aber auch dieses Manöver passt nicht so gut, wie gewohnt. Platz vier im Ziel. Nur ein Rang besser, und der Gesamtsieg wäre perfekt gewesen.

Geschichten, die das Seglerleben schreibt

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Das Team vom Bodensee Yacht Club Überlingen erwischt eine Tonne vom Leetor an der falschen Seite und bleibt daran hängen.

Solche Geschichten schreibt das Seglerleben. Solche dramatischen Momente passieren ständig auf den Regattabahnen dieser Welt. Aber normalerweise können sich nur diejenigen daran ergötzen, die dabei waren. Die Segel-Bundesliga zeigt die Stories auch für den Fan.

Die perfekten Segel-Bedingungen in Travemünde am oberen Windlimit tragen ihren Teil dazu bei. Aber besonders das verbesserte Übertragung-Setup mit dem starken Profi-Moderatoren Duo Ruda/Bohn im Studio zeigt, was möglich ist. Besonders der 49er Olympionike und aktuelle Laser Profi Tobias Schadewaldt als Analyst im Hintergrund ist eine echte Entdeckung.

Erstaunlich sind die geringen Ausfallzeiten, durch Beschädigungen an den Booten. Das Programm von 45 Rennen in drei Tagen konnte fast ohne Wartezeiten durchzogen werden. Und das ist für Veranstaltungen dieser Art sehr ungewöhnlich. Die J/70 Flotte hält.

Training und Melges Erfahrung hilft

Die Starkwind-Regatta hat aber auch gezeigt, dass die Vereine im Vorteil sind, die auf einem eigenen Schiff trainieren können. Beim siegreichen NRV haben insbesondere Klaas Höpcke und Niklas von Meyerinck, zwei Match Racer aus dem Team von Felix Oehme schon einige Meilen mit der J/70 auf der Alster absolviert.

Johannes Polgar arbeitet in Ingolstadt und konnte mit seinem alten Tornado Vorschoter Florian Spalteholz nur wenig üben. Aber schon im vergangenen Jahr segelte er stark bei dem Bundesliga-Event in Travemünde. Er sagt: „Mit einem Sieg hier in Travemünde haben wir überhaupt nicht gerechnet. Die Konkurrenz war richtig stark. Es ist noch ein langer Weg bis zum Titel.“

Außerdem halfen in Travemünde offenbar Erfahrungen aus der Melges Klasse. Das trifft für die Nummer 2, 3, 4, 7, 8 und 9 der abschließenden Rangliste für die jeweiligen Steuerleute zu. Das Segeln in dieser Klasse, die sich in Deutschland nur sporadisch durchsetzen konnte, mag gerade beim Bewältigen der Extrembedingungen hilfreich sein.

Olympioniken aus Berlin haben Probleme

Ein nominell extrem starkes Segelteam wie das vom Yacht Club Berlin Grünau, mit dem Finn Olympioniken (1996) Dirk Loewe  am Steuer, der 470er Olympionikin und Weltmeisterin (1992) Peggy Bahr (ex Hardwiger) und dem aktuellen Laser Erfolgstrainer Thomas Piesker, kam mit dem speziellen Handling bei Starkwind nicht zurecht und landete auf dem enttäuschenden 11. Platz.

Noch heftiger erging es dem aktuellen Starboot Europameister und ehemaligen Laser Held Hubert Merkelbach. Der Orthopäde (50) steuerte das Boot vom Bodensee-Yacht-Club Überlingen auf Rang 15 und wickelte im letzten Rennen die Leetonne um den Kiel. Bei so viel Wind dürfte das Team noch nicht zusammen gesegelt sein.

Überfordert war auf dem letzten Platz auch das Team vom Chiemsee Yacht Club. Das sympathische Familien-Trio Hans-Jürgen, Magdalena Koch und Sebastian Koch segelt intensiv mit Thomas Frank in der Joker Klasse und gehört zu den Besten. Aber eine J/70 bei Starkwind ist offenbar noch etwas anderes.

Ergebnisse Segel-Bundesliga Travemünde

Tabelle nach zwei “Spieltagen”

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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4 Kommentare zu „Segel-Bundesliga: NRV gewinnt in Travemünde, Flensburg ärgert sich über Sonnenschuss“

  1. avatar Florian Weser sagt:

    Toll geschrieben!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar Oliver Schwall sagt:

    Es war tatsächlich so großartig und spannend wie Carsten geschrieben hat!
    Segelsport vom aller Feinsten! Wind, Sonne, begeisterte Segler, mitfiebernde Clubs, faszinierte Zuschauer vor Ort und wie immer ein sensationelles Medienecho.
    Großer Dank geht an den LYC sowie die die Travemünder Woche Organisation, die gesamte Land-Crew, die Wettfahrtleitung und die Jury, das Team der SAP AG von Stefan Lacher, an Marcus Baur und sein Team inkl. der gesamten Media- und TV-Truppe um Matze Wolk und Michi Trapp, die zusammen aus meiner Sicht die bisher beste Segelsport Live-Berichterstattung überhaupt produziert haben, an Karo Wehner, die uns alle und die Medien so zeitnah mit allen Infos über die Homepage und Facebook informiert hat und natürlich an Jocky – zusammen mit Liga-Laura und Liga-Lissy – die zusammen die Gesamt-Regie in den Händen hatten.
    Ihr habt einen sensationellen Job gemacht und uns ein tolles Ligawochenende ermöglicht!!!
    DANKE!!!

    Olli

    PS: Und an alle Flensburg-Fans: Bei nächsten Mal macht ihr sie platt!!!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  3. avatar Jan Schmidt sagt:

    Die Melges konnte sich nur sporadisch in Deutschland entwickeln….ich darf doch mal bitten. Die große Anzahl der Steuerleute aus unserer klasse zeigt doch wohl das potenzial. 65 Boote in Deutschland nenne ich nicht sporadisch.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 3

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