Segel-Bundesliga Reportage: Schneetreiben am Chiemsee – Bodensee-Clubs dominieren

Überraschungssieg

Der Segel- und Motorbootclub Überlingen hat einen dramatischen Dreikampf um den Sieg beim Segel-Bundesliga-Auftakt am Chiemsee knapp gewonnen. Wie das Finale ablief.

Segel Bundesliga Chiemsee

Minus vier Grad und Schneetreiben zum Liga-Auftakt am Chiemsee. © Lars Wehrmann/DSBL

Tino Mittelmeier will es gar nicht hören. “Es könnte reichen”, gibt ihm sein Mitsegler halblaut zu verstehen. Aber der Steuermann vom Bodensee hat den Kopf nach vorne gebeugt, nestelt an seinen Sachen herum und ärgert sich über sein letztes Rennen.

Ein mächtiges Heizgebläse wirbelt den strengen Geruch von Schweiß und Feuchtigkeit durch das Zelt. Seit drei Tagen stauen hier 36 Liga-Teams  ihre Sachen. Säuberlich eingeschweißte Clubfähnchen markieren die Zonen für die Crews. Halbleere Wasserflaschen, Papiere von Müsli-Riegeln und Bananenschalen liegen umher.

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Eisige Kälte bei den ersten Rennen. © Lars Wehrmann/DSBL

Hier klatschen die Segler zwischen den Rennen gefrustet ihre nassen Handschuhe auf die Tische, hadern mit Wind, Wetter und sich selbst, oder ballen noch mal kurz die Faust, wenn das wohlige Gefühl eines Rennsieges den Körper durchströmt. Bloß nicht zu laut freuen, wenn sich nebenan gerade ein Team die Haare rauft. Frust und Freude liegen eng beieinander.

Tino ist gerade eher genervt. Seit drei Tagen führt er mit Franziska Bäuerle, Alexander Gaiser und Henrik Schaal für den Segel- und Motorbootclub Überlingen die Wertung beim Erstliga-Auftakt am Chiemsee an. Aber ausgerechnet das letzte Rennen geht daneben.

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Tino Mittelmeier war bestens in Form. © Lars Wehrmann/DSBL

Der Ostwind fegt links an der Herreninsel vorbei. Wettfahrtleiter Wolfgang Stückl hat die Startlinie nur einen Steinwurf entfernt vom Steg des Chiemsee Yacht-Clubs platziert. Inmitten der Annäherungszone liegt die J/80-Flotte der nachbarlichen Deutschen Hochseeschule Hansa. Viele Rennleiter würden sich das nicht trauen, aber die Liga-Segler haben mit den neuen Hindernissen kein Problem.

Bewundernswerter Durchhaltewillen der Helfer

Da waren die Bedingungen am ersten Tag schon brutaler. Minus vier Grad und Schneetreiben. Die Crews, aber besonders Bojenlegern, Shuttle-Fahrer und Schiedsrichter mussten einen extremen Durchhaltewillen zeigen.

Bewundernswert, dass man sich freiwillig so etwas antut. Aber das Team vom Chiemsee Yacht-Club transportiert bei der Organisation der ersten Liga-Regatta an diesen drei Tagen mit so viel Stolz und Freude den Geist der Segelbundesliga, dass der Funken auf die Stimmung der Aktiven überspringt.

Und schließlich passt auch das Wetter zum Enthusiasmus. Zur atemberaubenden Kulisse mit den schneebedeckten Gipfeln rund um die Kampenwand gesellt sich ein blauer Himmel und der immer stärker werdende Ostwind.

Während der Samstag noch einige Verschiebungen wegen Flaute nötig machte, geht nun ein 12-Minuten-Rennen nach dem anderen über die Bühne. Und auch die 2. Liga auf dem Rennkurs nebenan holt die ausgefallenen Läufe bis zur Deadline um 16 Uhr nach. Einige Segler glauben zwar, dass der letzte Zweitliga-Lauf Sekunden nach dem Ablauf der erlaubten Zeit angeschossen wird, aber auf Proteste verzichten sie dann doch. So werden in drei Tagen 90 Rennen gesegelt.

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Die erfolgreiche Crew vom SMC Überlingen. © Lars Wehrmann/DSBL

Für Mittelmeier geht es besonders um dieses verflixte letzte Rennen. Er ist einfach zu früh dran, wird Sekunden vor dem Start noch einmal vom Berliner Yacht-Club in Lee angegriffen und treibt über die Linie. Ausgerechnet jetzt.

Die Crew vom Bodensee hat eine sensationelle Serie hinter sich. Nach dem zweiten Rennen zirkelte sie fünf Rennsiege in Folge auf den Parcours, baute einen deutlichen Vorsprung auf und sah früh wie der sichere Sieger aus.

Es war kaum zu glauben. Schließlich entkamen die Süd-Segler in der vergangenen Saison erst bei der letzten Regatta knapp dem Abstiegsstrudel. Ein dritter Platz in Hamburg verhinderte die Relegation und katapultierte sie noch auf Tabellenplatz acht der Liga. Vergessen waren die zwei vorletzten Plätze in der Saison 2016.

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Die Nordlichter aus Bremen verpassen hauchdünn den Sieg am ersten Spieltag. © Lars Wehrmann/DSBL

Aber am Chiemsee schmolz der Vorsprung zum Ende langsam dahin. Besonders die Gastgeber vom Chiemsee Yacht-Club um den viermaligen deutschen 49er-Meister Leopold Fricke und der Wassersport-Verein Hemelingen aus Bremen mit Jan Seekamp am Rohr bliesen zum Angriff.

Die direkten Konkurrenten segeln im letzte Flight nicht gegeneinander. In diesem Jahr haben die Liga-Organisatoren auf den spannenden Final-Showdown der vergangenen Saison verzichtet. Die Teams sollen die Situation nehmen, wie sie kommt. Taktieren im direkten Vergleich ist nur noch möglich, wenn die Spitzenteams am Ende durch Zufall in einem Rennen aufeinandertreffen. Das passiert diesmal nicht. Mittelmeier steht im Zelt, als die Entscheidung fällt.

Erst sehen sie noch zu, wie der Bremer Jan Seekamp, der bei der Star-Sailors-League beim Ersteinsatz die Weltmeister schreckte, in der vergangenen Saison als Zwölfter nur punktgleich die Relegation vermied, eine Steilvorlage gibt. Er segelte in den drei Tagen für Hemelingen groß auf mit Jens Tschentscher, Eike Martens und Tjorben Wittor. Aber in diesem ersten Lauf des letzten Flights sind auch die Bremer zu früh dran, müssen hinter die Linie zurück, reißen im Eifer des Gefechts gar ihre Clubflagge ab und holen nur um Zentimeter noch Rang vier.

So wissen die Überlinger, dass ihnen im Lauf danach Rang vier reichen müsste. Sie müssen nach dem Frühstart mächtig kämpfen. Das geringe Crewgewicht könnte bei dem stärkeren Wind zum Problem werden. Aber es läuft. An der Luvtonne sind sie wieder dran am Feld. Die Berliner müssen eine Strafe ausführen und auch München kringelt. Platz vier scheint im Sack. Berlin rutscht zwar auf den letzten Metern fast noch vorbei, aber schließlich reicht eine halbe Bootslänge Vorsprung. Der zweite Gesamtplatz ist gesichert.

Aber jetzt beginnt erst das große Zittern. Die Lokalmatadoren vom Chiemsee haben nun den Heimsieg in der Hand. Lassen sie den Gästen den Vortritt? Sie müssten den Lauf gewinnen. Dann lägen sie punktgleich mit sechs Siegen vorne. Mittelmeier mag nicht hinsehen. Er sitzt die Sache im Zelt aus.

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Beste Bedingungen am Finaltag. Ostwind vor schneebedeckten Bergen. © Lars Wehrmann/DSBL

Chiemsee ist Dritter an der Luvtonne, holt noch die Bayern ein, kommt aber dann doch nicht mehr an den VSaW ran. Der legt mit der Serie 1/2/2/1/1 noch einen sensationellen Endspurt hin und verbessert sich aus den Tiefen der Tabelle auf Rang sieben.

Damit ist der Drops gelutscht für Mittelmeier und seine Mannen. Der kleine, sympathische Blondschopf, der sieben Jahre intensiv mit seinem Bruder Tornado segelte und 2008 knapp die Olympia-Qualifikation verpasste, kann unverhohlen die Glückwünsche seiner Mitsegler entgegen nehmen. Der Überraschungssieg ist perfekt, eine grandiose Regattaserie endet mit dem verdienten Triumph.

Sein Fazit: „Wir hatten vorher absolut nicht damit gerechnet, aber nach dem tollen Start in die Rennen haben wir bis zum Schluss selbstbewusst gekämpft.“

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Überlingen siegt vor Bremen und den Chiemsee-Lokalmatadoren. © Lars Wehrmann/DSBL

Die Titelverteidiger vom Deutschen Touring Yacht-Club kommen noch mit einem blauen Auge davon. Ein Sieg zum Schluss und die schwächelnde Konkurrenz ermöglicht noch einen Sprung von sechs auf vier und gewährt eine starke Ausgangsposition für den nächsten Meisterschaft-Sieg.

Ergebnisse 1. Liga Chiemsee

Tracker-Analyse 1. Liga Chiemsee

Crewliste 1. / 2. Liga

Der Chiemsee ist offenbar ein gutes Pflaster für die Bodensee-Vereine, denn auch in der zweiten Liga siegt mit dem Konstanzer Yacht-Club eine Team von dem großen Binnensee. Die junge Crew um Match-Racer Felix Schrimper wird immer besser. 2016 hatte sie in der Relegation noch knapp den Aufstieg verpasst, nun segelt sie zum überlegenen Sieg bei der Auftakt-Serie.

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Die Konstanzer Match-Racer um Felix Schrimper dominieren in der zweiten Liga. © Lars Wehrmann/DSBL

Es punkten aber nicht nur die Jungen. Altmeister Christian Soyka ist mit der Seglervereinigung Itzehoe stärker aufgestellt denn je. Die Verpflichtung des Kieler Yacht-Club Teams um Julian Ramm nach dem Abstieg und der folgenden, traurigen Abmeldung des Vereins, scheint auch Soyka selbst Flügel zu verleihen.

Er genießt die Aussicht, erstmals einen starken zweiten Steuermann an der Seite zu haben und bestätigt mit Rang zwei die Favoritenstellung für den direkten Wiederaufstieg. Zumal Moritz Burmester für den Red Bull Youth America’s Cup nominiert ist und sich sicher in Bermuda weiterentwickeln wird.

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In der zweiten Liga siegt Konstanz vor Itzehoe und dem MSC aus Hamburg. © Lars Wehrmann/DSBL

Dort foilt er zusammen mit Magnus Simon, der bisher die Kastanien für den Hamburger Mühlenberger Segel-Club aus dem Feuer geholt hat. Aber Simon siegt diesmal gleichzeitig am MSC-Steuer bei der MAIOR J/70-Regatta in Kiel und überlässt am Chiemsee Jakob Ahlers das Steuer. Und der zeigt mit Rang drei, dass auch der MSC in dieser Saison zwei starke Jungs an der Pinne aufbieten kann.

Erst im Schlussspurt überflügeln sie noch den Schlei Segel-Club mit Andreas Willim am Steuer und seiner Frau Suzy als Taktikerin, die mit ihrer Frauencrew viele Jahre erfolgreich Platu segelte. Der mehrmalige Deutsche Meister (FD, Laser, Match-Race) hat diesmal seine ehemalige Match-Race-Crew an Bord und belegt nun in der Tabelle den wichtigen vierten Aufstiegsplatz.

Ergebnisse 2. Liga Chiemsee

Tracker Analyse 2. Liga Chiemsee (einige unvollständige Rennen wegen Tracker-Ausfall)

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Ekelwetter am ersten Tag. © Lars Wehrmann/DSBL

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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