Segeln in den USA: Wo Amerika noch “great” ist – Jud Smith Wiederbelebung alter Zeiten

"Nabel der Segelwelt"

Der Vermesser entschuldigt sich beim europäischen Besucher für seinen Präsidenten. In Marblehead ist für die Amerikaner zumindest die Segel-Welt noch in Ordnung. In der J/70 Klasse gibt ein Kind der Stadt den Ton an.

Ein ohrenbetäubender Knall. Das Zelt scheint zu erzittern. Die Spanier erstarren. Sie sind auf dem Weg, ihren Preis als bestes Amateur-Team abzuholen. Applaus brandet auf, dann dieser Knall. Plastikstühle fallen um. Das Publikum springt auf. Macht auf dem Absatz kehrt, wendet den Geehrten den Rücken zu, bewegt die Hand Richtung Herzgegend, reißt die Cappies vom Kopf… WTF? Was ist hier los?

Der Kanone signalisiert das Einholen des Sternenbanners am Fahnenmast des Eastern Yacht Clubs – Meine Güte. Was für ein Alarm. Die spinnen, die Amis! Die Spanier stehen auf der Bühne wie bestellt und nicht abgeholt. Dem europäischen Gast mag bei diesem Schauspiel ein Lächeln über das Gesicht huschen. Es gefriert beim Blick in die Runde. Niemand lächelt über diesen Flaggen-Quatsch. Ein Kommando mit der Bedeutung „rühren“ ertönt über den Lautsprecher. Die Siegerehrung wird fortgesetzt, als wäre nichts gewesen.

Segeln in den USA. Wir erleben es anlässlich der J/70 WM in Marblehead, einem der wichtigsten US-Segelzentren. Hier in Massachusetts glaubt der Amerikaner, im späten 19. Jahrhundert das Sportsegeln erfunden zu haben. Tatsächlich ist die Kulisse beeindruckend. Der Naturhafen von Marblehead wird von fünf der ehrwürdigsten US- Yacht-Clubs gesäumt, die schon gut 150 Jahre auf dem Buckel haben. An 1200 Mooring-Tonnen schwojen Schönheiten vom Herreshoff-Klassiker bis zum Zwölfer “Valiant” neben auf Hochglanz polierten Plastik-Cruisern europäischer Produktion.

1200 Mooring-Bojen in der Marblehead Bucht. © Marblehead tourism

Im Reiseführer nennt sich Marblehead “die Welthauptstadt des Yachtsegelns”. Und so ist das Selbstverständnis der ansässigen Yachties. Es speist sich aus der Historie: Die ansässigen Fischer stellten vor 221 Jahren zu großen Teilen die Crew des ersten US-Kriegschiffes USS Constitution  – die Fregatte ist heute eine der Attraktionen im Hafen von Boston. Später begann die America’s Cup Phase, als Yachten vom Eastern Yacht Club (“Puritan”, “Mayflower”, “Volunteer”), jeweils die britischen Herausforder von 1885 bis 1887 besiegten.

Überdimensionale Sternenbanner

In der Folge siedelte sich jede Menge Segel-Know-How im Umfeld an. Ted Hood gilt als eines der berühmtesten Kinder der Stadt. Seglerische Erfolge besonders im America’s Cup begründeten seinen unternehmerischen Erfolg als Segelmacher und Yachtkonstrukteur. An seinem Reißbrett entstanden über 1.600 Yachtentwürfe. Ihm ist die Verarbeitung von Dacron-Stoffen zu Segeln zu verdanken, die damals deutlich leistungsfähiger als Baumwoll-Tücher waren. In Marblehead entstand auch die gleichnamige Modellboot-Klasse, von den segelverrückten Locals zeitweilig zum weltweiten Standard bei ferngesteuerten Segelschiffen erhoben wurde.

Sonnenaufgang über der Bucht von Marblehead. Auf der linken Seite liegt das Regattagebiet.
© Marblehead tourism

Aber diese glorreichen Zeiten, als die USA Nabel der Segelwelt war, sind eigentlich längst vorbei. Bei den vergangenen beiden Olympischen Spielen holten US-Segler gerade mal eine Bronze-Medaille. Bei den Worlds 2018 in Aarhus gab es wieder kein Edelmetall. Nur zwei Boote schafften es in die Medalraces. Larry Ellisons berücksichtigte in seinen America’s Cup Teams nur vereinzelte “Quoten-Amis”. Der Cup verschwand schließlich doch wieder nach Neuseeland. Und bei den großen Hochseeregatten spielen Amerikaner längst kaum eine Rolle.

Hier in Marblehead will das niemand wahr haben. Überdimensionale Sternenbanner, die einem auf dem Shuttleboot bei der allmorgentlichen Fahrt zur Mooringtonne um die Ohren klatschen, vermitteln diesen We-are-the-greatest-Eindruck.

Trump ist hier peinlich

Seit Herr Trump an der Macht ist, mag man als Europäer empfindlicher auf so viel zur Schau getragenen Nationalstolz reagieren. Dabei sind Segler kaum der Klientel, bei dem das marktschreierische Getöse von “The Donald” verfängt. Die Nordostküste ist immer noch fest in Demokraten-Hand. Dem Vermesser ist sein Präsident peinlich. Ungefragt entschuldigt er sich beim deutschen Gast für sein Staatsoberhaupt.

Die Kanone des Eastern Yacht Clubs feuert bei Sonnenuntergang. © EYC

An der Politik kommt man im Eastern Yacht Club während der WM-Woche nicht vorbei. Die Anhörung vom inzwischen neuen Supreme-Court Richter Kavanaugh wird live im Clubraum übertragen, wo erschöpfte Segler ihr wohlverdientes After-Sail-Bier einnehmen. Kopfschüttelnd stehen sie vor der Großbild-Leinwand, wo sich der Trump-Kandidat peinlichst um Kopf und Kragen redet. Vielleicht vermuten sie schon, dass es keine negative Auswirkung auf seine Benennung hat.

Der ehrwürdige EYC mit eigenem Pool vor dem Haus. © EYC

Vor Tagesfrist hatte sich auf diesem Bildschirm noch Tiger Woods zu wahrer alter Größe geputtet. “Make America great again”. Mit dem Bezug auf Sport können die US-Segler den Trump Wahlspruch offenbar aushalten. So ist er auch für den Gast zu ertragen. Schließlich ist Amerika in der J/70-Klasse tatsächlich “great”.

Verschämtes Fragezeichen

Bei allen vier bisherigen Weltmeisterschaften dominierten Amerikaner – 2015 waren es Taktiker Bill Hardesty und Trimmer Willem Van Waay unter mexikanischer Flagge – . Da muss eigentlich nichts aufgebauscht werden. Dennoch erheben die Amis die Heim-WM 2018 per Vorbericht gleich zur “am stärksten besetzten Kielboot-Regatta aller Zeiten”. Ein verschämtes Fragezeichen hinter dieser Aussage soll die Einschätzung wohl abschwächen, aber es täuscht nicht über das Selbstverständnis und den Stolz hinweg: In der J/70 ist man als US-Segler im internationalen Vergleich noch wer.

Da fällt es für die Amis nicht ins Gewicht, dass mit 91 Booten kaum halb so viele Crews am Start sind wie vor Jahresfrist in Porto Cervo. Die Namen der Profis aus der America’s Cup- und Olympia-Szene klingen im Ohr. Immer mehr finden sie in der J/70-Klasse ihr Auskommen. Nur knapp ein Drittel der Flotte startet in der Amateur-Wertung.

Jud Smith

Die Siegercrew mit Skipper Jud Smith (r.) und der argentinische Promi-Taktiker Lucas Calabrese (l.). © Icarus

Die WM in Marblehead und der Kampf um die Vorherrschaft in der Klasse wird auch vom Wettstreit der Segelmacher befeuert. Hier hat Robbie Doyle 1982 seine erste Tuch-Werkstatt eröffnet. Inzwischen leitet Jud Smith die OneDesign-Entwicklung. Der inzwischen 62-Jährige ist in Marblehead an der Seite eines Vaters aufgewachsen, der 1960 als 5,5er Vorschoter Olympia-Gold gewann. Das prägt.

Wenn dann die WM der am stärksten wachsenden Kielboot Einheitsklasse der Welt mit inzwischen fast 1500 gebauten Booten mit aktiven Flotten in 25 Ländern vor der Haustür ausgetragen wird,  geht das emotionale Interesse an der sportlichen Herausforderung einher mit der professionellen Aussicht, Markanteile für die eigene Segelmarke zu sichern. Großer Konkurrent ist North Sails, das seine eigenen Werksfahrer an den Start schickt.

Die Worte sprudeln

Jud Smith macht äußerlich nicht gerade die typische Figur einer Sport Ikone. 2017 brachte er sein Ü100-Kg-Gewicht als Vorschiffsmann auf die Kante vom jetzigen Trainingspartner Peter Duncan als sie überlegen die WM in Porto Cervo gewannen. Aber wenn er über seinen Sport spricht, über sein Projekt, über die Anforderungen der J/70, sprüht er vor positiver Energie. Die Worte sprudeln so schnell aus seinem Mund wie beim Power-Glitsch das Wasser hinter dem Heck.

Der zweitplatzierte Skipper Bruno Pasquinelli (r.) und 470er Olympiasieger 2008 Nathan Wilmot (2.v.l.) © Icarus

Smith hat schon WM Titel in den schweren Kielboot-Klassen Etchells und International One Design (IOD) gewonnen, wie auch in der Mumm 30. Und er trimmte 1995 die Großschot auf dem America’s Cupper von Dennis Conner. US-Journalist Jobson hielt ihn schon immer gar für “den besten Boot-Speed-Artisten in Amerika. Aber die sieben Meter lange Glitsch-Kiste, die bei J/boats vor sechs Jahren im kaum zwei Autostunden entfernten Bristol erstmals die Werfthallen verließ, scheint ihm geradezu auf den etwas fülligen Leib geschnitten.

Jud Smith

Jud Smith an der Pinne seiner “Africa”. © Doyle

Seit Jahren tüftelt er am optimalen Segelschnitt für die J/70 und seine Doyle-Tücher verhalfen den Besitzern jeweils zu Gold und Silber bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften. Dass er bei der Heim-WM selber für goldenen Glanz sorgen konnte, hat auch mit viel Strategie zu tun. 91 Boote an einer Linie mit Mittelstartschiff sorgen für einen hohen Punkteschnitt. Und da bei elf Rennen nur ein Streicher erlaubt war, galt es insbesondere Frühstarts zu vermeiden.

Das Quäntchen Glück

Das gelang vielen Top-Teams nicht. Smith dagegen setzte auf bewusst konservative Starts und gewann schließlich mit nur einem Top-Drei-Platz in elf Rennen aber gleich sechs zweistelligen Ergebnissen in der Wertung. Dass am Ende nur ein Punkt bzw. drei Punkte Vorsprung zu den North-Teams zum Titelgewinn ausreichte, und der Finaltag mangels Wind ausfiel, hat auch mit dem gewissen Quäntchen Glück zu tun, das verdienten Siegern anheim fällt.

Der Drittplatzierte Jack Franco (2.v.r.) mit Star-Taktiker Bill Hardesty (r.) © Icarus

In Marblehead wird dieser Sieg des Lokals groß gefeiert. Kanonen böllern über die Bucht, so als würde wieder einmal wie anno dazumal die heimische Fregatte vor den britischen Kriegschiffen gerettet – eine Sternstunde in der Geschichte der Kleinstadt.

Der Triumph von Jud Smith erinnert die Einheimischen an die glorreichen Zeiten ihrer Seefahrer-Vergangenheit. Da fällt es überhaupt nicht ins Gewicht, dass der Erfolg mithilfe eines Ausländers zustande kam. Lucas Calabrese war Optimist Welt- und Vize-Weltmeister, holte 2012 Olympia-Bronze im 470er für Argentinien und half dem Meister entscheidend bei der Taktik.

Ergebnisse J/70 WM 2018

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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