Silverrudder: Harald Müller berichtet, wie er die Fünen-Umrundung in 28 Stunden schaffte

Geschichten vom Sieger

Einhand unter Spi. Harald Müller hat mit seiner Platu 25 “Honk” das Silverrudder in der kleinen Kategorie gewonnen. Wie im Vorjahr  erzählt er bei SR von seinem Erlebnis.

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Kreuz auf der Höhe des Isefjords im Norden von Fünen. © Harald Müller

2 Minuten bis zum Start in unserer kleinen Klasse, 60 Boote an der Linie, es herrscht – Ruhe. Totale Flaute und Gegenstrom zwingen das Feld zum Ankern an der Startlinie. Einige versuchen, pumpend über Linie zu kommen, was lautstarke Protesten nach sich zieht. Die sind jedoch sinnlos, da wir nicht nach den Wettfahrt- sondern Kollisionsverhütungs-Regeln fahren.

Die Stimmung im überfüllten Hafen von Svendborg vor dem Start:

Dies führt nun dazu, dass auch Paddel hervorgeholt werden. Bei 2 Knoten Strom bringt es jedoch keinen Vortrieb über Grund ist es  kraftraubend. Doch viele Segler sind nervös.  In den Segelanweisungen steht geschrieben, dass es keine Wertung gibt, wenn die Startlinie nicht nach 20 Minuten überquert ist. Aber die Wettfahrtleitung setzt diese Regel kurzerhand aus.

Nach einer halben Stunde ankern kommen dann noch die 60 Schiffe der zweiten Startgruppe hinzu. Es wird also langsam immer voller bis sich ein Lüftchen, das ausreicht, um gegen die Strömung anzukommen.

Eine Stunde Ankern an der Startlinie:

Knapp eine Stunde nach unserem eigentlichen Start kann es endlich losgehen: unter gesetztem Spi hole ich den Anker hoch und mache mich mit meiner Platu25 linksherum auf den Weg rund Fünen.

Viel Arbeit im Svendborg Sund

Der leichte und drehende Wind sowie die vielen Biegungen im Svendborg Sund sorgen für viel Arbeit an Bord. Halsen, Spi bergen, Spi setzen. Nun zahlt es sich aus, das ich in diesem Jahr ein paar Mal alleine auf der Elbe unterwegs war. Der Autopilot funktioniert und die Manöver klappen so einigermaßen.

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Die ersten Meilen unter Spinnaker zwischen Langeland und Fünen. © Harald Müller

Dadurch schaffe ich es, mich aus dem größten Gewusel herauszuhalten und mich mit ein paar anderen Seglern abzusetzen. Kurzzeitig führe ich sogar. Querab von Valdemarsslot jedoch schläft der Wind wieder komplett ein, zudem fängt es auch noch an zu regnen. Also treiben wir wieder ein kleines Stück zurück.

Da aber hinter uns aber das gesamte Feld ebenso eingeparkt ist, kostet diese Schaffenspause nicht allzu viel. Meine beiden aktuellen Gegner kommen vom Wannsee und den Bayrischen Alpenseen, kennen sich also mit solchen Bedingungen besser aus als ich. So findet der Berliner Kollege auch als erstes einen Windstrich und segelt vor uns aus dem Sund heraus.

Crew fehlt auf der Kante

Auch der Rest des Feldes bekommt langsam Wind und so reihen wir uns hintereinander auf dem Weg zur Tonne Thurø Rev auf. Nach der dort fälligen Halse fächert das Feld ein wenig auf. Der Kurs ist zwar noch nicht zu spitz für den Spi, scheint aber den Gennakerbooten deutlich entgegenzukommen, und so passieren mich einige Konkurrenten. Da fehlt jetzt doch die Crew auf der Kante, um die Schüssel gerade zu halten und richtig ins Rutschen zu bringen.

Um nicht zu sehr in die Abdeckung des Landes zu geraten, halte ich guten Abstand zu Tåsinge und Fünen, obwohl ich dadurch Höhe verschenke, die mir dann vor der Großen Belt Brücke fehlt. Zudem dreht der Wind immer weiter nach rechts und ich muss schon ein paar Meilen vor der Brücke den Spi bergen. Aber jetzt sind wir so ziemlich alle ohne bunte Segel unterwegs und ich falle zumindest nicht weiter zurück.

In der Vorbereitung hatte ich mir für die Brückendurchfahrt Pfeiler 13 ausgeguckt, weil es sich gut merken ließ, dass dort die Brücke 13 Meter hoch ist. Das sollte für meine Masthöhe von etwas über 11 Meter eigentlich reichen. Die Boote vor mir nehmen allerdings eine Durchfahrt noch weiter links und deren Masten sind mindestens genauso hoch wie meiner, oder….?

Passage der Großen-Belt-Brücke. Passt es?

Aber ich möchte ungerne weitere Höhe verschenken, also was solls. Krängung habe ich auch noch, sollte passen. Ein flaues Gefühl bleibt trotzdem. So ist die Erleichterung groß, als unhter der Brücke nicht die Windex von oben kommt, sondern sogar noch etwas Platz ist. Die Höhenangabe gilt wohl nicht für die Durchfahrt in der Mitte sondern für die minimale Höhe an den Seiten.

8. an der Brücke

Der Wind steht mittlerweile nördlicher als West, so dass es schwierig wird, Romsø und Fynshoved direkt zu erreichen. Ich bin 8. an der Brücke und habe nach achtern ein bisschen Abstand. Da der Wind noch weiter nach rechts gehen soll, bleibe ich auf Steuerbordbug und versuche, möglichst schnell und hoch zu segeln.

Zu Beginn klappt das sehr gut, ich fahre bei mindestens gleichem Speed deutlich mehr Höhe als Bundesliga Bodo auf seiner J70 und Rekordhalter Morten Bogacki auf seinem Mini 650. Bodo wendet weg, Morten und ich bleiben auf Steuerbordbug. Ich überlege, ob ich nicht doch unter Land gehen soll, aber wir bekommen aus dem Großen Belt über einen Knoten Schiebestrom und so bleibe ich rechts.

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Dem Sonnenuntergang entgegen. © Harald Müller

Leider dreht der Wind NICHT nach rechts, sondern immer weiter nach links, jedoch nicht weit genug, um Fynshoved direkt anliegen zu können. Morten und ich lassen im Gegensatz zu allen anderen Romsø an Backbord und nehmen auch hier noch eine weitere Linksdrehung mit.

Zudem scheint Morten den Höhenhebel auf seinem Mini gefunden zu haben, denn auf einmal kann er meine Höhe mithalten. Jedenfalls gleicht der Schiebestrom den Winddreher aus und als wir bei Fynshoved ankommen, reihen wir uns nahtlos wieder da ein, wo wir an der Brücke auch waren.

Die Großen holen auf

So langsam geht es gegen Abend. Die großen Schiffe holen auf, und es wird voll auf dem Wasser. Der Wind liegt bei oberen 4 Bft. aus West, also werden wir bis Middelfahrt kreuzen müssen. Um nicht zu sehr gegen die ruppigen Wellen des Kattegats anbolzen zu müssen entscheide ich mich dafür, zunächst den Isefjord zu queren und mich dann auf der anderen Seite unter Land nach Norden zu verholen.

Überpowered hoch am Wind in den Abend:

Der Wind pendelt und hat eine leichte Rechtstendenz, war ja klar, jetzt wo ich links bin. Ich versuche vor allem, nicht in die Abwinde der großen Yachten zu geraten und weiterhin Speed und Höhe zu behalten. Auf der anderen Seite des Isefjords schalte ich „Bruno“, meinen Autopiloten an, um die Kontaktlinsen gegen die Brille zu tauschen und mich für die Nacht wärmer anzuziehen.

Im Gegensatz zum letzten Jahr klappt das Manöver ohne Probleme. Mittlerweile ist es dunkel geworden und ich habe keinen Überblick mehr, wie ich in meiner Gruppe liege. Ich passiere Æbelø ziemlich knapp mit noch 0,6 Meter unter dem Kiel und mache damit hoffentlich ein paar Meter gut.

Gegenverkehr in der Middelfahrt-Enge

Der Schlag nach Middelfahrt geht zuerst lange über Backbord und ich bleibe auch bei der Einfahrt in den Kleinen Belt auf der linken Seite, wo mich die großen Schiffe in Ruhe lassen. Auch der Wind kippt wieder ein wenig nach links, so dass ich ein gutes Gefühl habe, bevor es in die Enge geht.

Wie schon im letzten Jahr wird es in der Einfahrt zum Kleinen Belt aufregend. Wegen der vielen Lichter und Yachten ist der Snævringen kaum zu erkennen und als ich drin bin kommen uns zwei Dampfer mit viel Getute  entgegen. Ich verhole mich außerhalb des Fahrwassers und entkomme so den schwarzen Monstern.

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Halbwind in der dänischen Südsee, die Meute achteraus. © Harald Müller

Wir haben etwas Schiebestrom, der uns einigermaßen durch die Enge befördert, aber irgendwie scheint sich mein Tracker an der Eisenbahnbrücke aufgehängt zu haben, jedenfalls ist mein Signal ab dort von außen nicht mehr zu verfolgen.

Bei Fænø lässt der Wind nach und bald steht die gesamte Flotte in der Flaute. Zunächst treibt eine Seascape 27 aus der größeren Gruppe, die mich vor Stunden überholt hatte knapp vor mir vorbei und dann ist auf einmal auch der so lange führende Mitstreiter Patrick aus Berlin wieder in Reichweite.

Ab und an setzt von rechts ein Windstrich ein und ich versuche, möglichst nicht zwischen den großen Schiffen eingeklemmt zu werden. Es ist zwischen 2 und 3 Uhr Nachts und die Konzentration lässt langsam nach. Neben mir treibt die 43 ft. „Ujujuj“ langsam nach Steuerbord und verschwindet im Dunkeln.

Windstrich im Dunkeln

Nach einiger Zeit höre ich von Steuerbord ein leises Plätschern und sehe, wie sich die Positionslampen der Ujujuj ziemlich rasch bewegen. Also wende ich schnell und versuche, ebenso unter Land den Windstrich zu erwischen. Ich schaffe es in den Druck zu kommen und fahre mit einigen größeren Yachten am parkenden Feld vorbei auf den Bredningen, wo der Wind langsam auffrischt.

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Zu spitz für den Spi. Die Konkurrenz mit Gennaker nund Code Zeros hat Vorteile. © Harald Müller

Der Blick zurück mit Hunderten roten und grünen (und ein paar weißen) Lichter ist grandios. Mit geschrickten Schoten geht es nach Süden. Zum setzen des Spis ist der Winkel zu spitz, aber auf den anderen Schiffen werden Code Zeros, flache Gennaker oder große Genuas ausgepackt und langsam zieht ein Schiff nach dem anderen an mir vorbei. Allerdings kann ich kein kleines Schiff erkennen und so keimt langsam die Hoffnung auf, dass ich die Konkurrenz in der Flaute habe passieren können.

Die härteste Stunde ist zwischen halb sechs und halb sieben. Mir fallen immer wieder die Augen zu. Noch ein Red Bull würde mein Magen nicht mehr mitmachen. Es hilft lautes Mitsingen bei den Toten Hosen und Ärzten. Es zeigt sich mal wieder, dass eine funktionierende Musikanlage Gold wert ist für die Stimmung an Bord.

In den Sonnenaufgang segeln:

Bei Sonnenaufgang stehe ich kurz vor Helnæs und muss zwei Entscheidungen treffen. Wann soll ich den Spi von Steuerbord nach Backbord umbauen und ab wann macht es Sinn, die Blase zu ziehen. Um mir ein bisschen Bewegung zu verschaffen baue ich den Spi um, sobald es ganz hell geworden ist. Bruno verrichtet hierbei souverän seine Arbeit an der Pinne, so dass alles ohne Zwischenfall abläuft.+

Aus dem Ruder gelaufen

Ich entscheide mich, bei Sønderhjørne noch ein wenig Höhe zu holen und dann mit gesetztem Spi in den Lyø Krog abzulaufen. Der Kurs in der Dänischen Südsee vorbei an Lyø und Avernakø bis Svelmø Trille ist spitz, sehr spitz, aber bei 2-3 Bft geht es mit dem Spi so gerade.

Ein- oder zweimal läuft mir das Schiff aus dem Ruder und um Svelmø Trille zu erreichen muss ich den Spi flattern lassen. Hinter mir kommt die Konkurrenz mit Gennakern und Code Zero stark auf. Sobald ich jedoch Richtung Svendborg Sund abfallen kann, bleibt der Abstand gleich und nimmt sogar wieder zu. Schließlich kommt der Wind komplett von Achtern und da zeigt die Platu dann was sie kann. Ich lasse nicht nur die direkte Konkurrenz stehen, sondern überhole noch eine J/88 und fahre einer IMX40 weg.

Unter Spi ins Ziel:

Kurz nach Mittag bin ich im Ziel und so zufrieden mit der Spisegelei, dass ich mich fast auf die Untiefe setze, die mich im letzten Jahr schon aufgehalten hat. Im letzten Augenblick mache ich eine Patenthalse und ziehe den Spi schließlich in Luv ins Schiff.

Die Klasse gewonnen

Als ich in den Hafen komme bin ich das erste kleine Schiff und habe, wenn auch knapp meine Klasse gewonnen. Die Stimmung im Hafen ist überwältigend und schon bald wird ordentlich Seemannsgarn gesponnen.

So soll der Sieger der Medium-Klasse in der Vorbereitung extra an einer entscheidenden Stelle im Svendborg Sund eine Boje ausgebracht haben, bei der ein kleiner Kanal durch eine Untiefe führt. Diese nutzte er, um den vor der Brücke in der Flaute parkenden Pulk zu umfahren und mit freiem Wind in Ziel zu fahren.

Zudem werden aus den vier Windstärken auf der Kreuz schnell sechs und MINDESTENS zwei Meter Welle. Die Abendveranstaltung fällt leider im Vergleich zum letzten Jahr deutlich ab, wohl weil alle zu müde sind und es nicht ganz klar ist, ob und wann die Siegerehrung stattfinden soll. Alles in allem aber war es wieder eine großartige Regatta und ich hoffe, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein.

Ergebnisse Silverrudder 2016

Tracker Silverrudder

Was in diesem Jahr besser lief bei mir

Vorbereitung macht Sinn:
– Ein paar Einhandschläge auf der Elbe haben dafür gesorgt, dass die Manöver klappen und das Vertrauen zu Bruno da war
– Ein gut präpariertes Schiff senkt den Stresslevel und minimiert die Chance, dass etwas kaputt geht
– Rechtzeitig vor der Regatta ankommen hilft, damit man entspannt das Schiff aufbauen kann und auch Kleinigkeiten noch erledigt.
– Wenn es geht, schon am Vortag vor Svendborg segeln, um den engen Kurs im Sund im Kopf zu haben (inkl. Abkürzungen)
– Rechtzeitig rausfahren vor dem Start, weil alle Manöver alleine länger dauern.
– Musik an Bord macht gute Stimmung
– Gutes Essen und Trinken hilft dabei, länger durchzuhalten

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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4 Kommentare zu „Silverrudder: Harald Müller berichtet, wie er die Fünen-Umrundung in 28 Stunden schaffte“

  1. avatar Kitersguru sagt:

    Schade dass alle Videos auf “Privat” gestellt sind. So konnte man sich die bewegten Bilder gar nicht ansehen.

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  2. avatar Carsten Kemmling sagt:

    oh, das war ein anderer fehler. jetzt sollte es klappen…

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  3. avatar Erwin Bartsch sagt:

    Klasse Bericht und herzlichen Glückwunsch zur Platzierung

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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