Silverrudder: Nur 130 Einhand-Segler erreichen das Ziel im Limit – Geduld- und Nervenprobe

Flautenpoker: 284 „passen“

Die 6. Ausgabe der mittlerweile schon kultigen Solisten-Regatta rund Fünen war eine einzige Geduldsprobe: Flaute und extrem schwache Winde zehrten am Nervenkostüm.

Mit der „Spannung“ bei Flaute ist das immer so eine Sache. Die Einen können dem Gedümpel auf öligem Wasser so richtig was abgewinnen, weil sie die Suche nach Windstrichen oder Brisen, die richtige Lage des Bootes im Zusammenspiel mit dem gerade mal eben so vom Wind umschmeichelten Segel wie ein Schachspiel betrachten und ihre Ausfahrt respektive Regatta strategisch angehen. Oft haben solche Segler auch einen besonders guten Draht zu Fortuna – wenn nicht sogar ein Techtelmechtel mit der Glücksgöttin – was wiederum erklärt, warum Leichtwind-Liebhaber bei Beaufort Null bis Eins dann eben auch meist vorneweg segeln und Flautenregatten so richtig „spannend“ finden können.

Spannung. Spannung?

Andere Segler bezeichnen ihren Sport erst dann als solchen, wenn es mit mit mindestens fünf Beaufort pustet und so richtig Druck in der Luft ist. Leicht nachvollziehbar, dass die einer Schwachwindregatta (und sowieso einer Flaute) nur wenig bis gar nichts abgewinnen können. Spannung gibt es da höchstens im Sinne von Anspannung der Nerven, von den Geduldsproben und (ihrem Scheitern) mal ganz zu schweigen. 

Zu welcher Kategorie Segler der weitaus größte Teil der Silverrudder 2017-Solisten zählt, lässt sich leicht mit einigen Zahlen erklären: Von 414 Gemeldeten gingen angesichts einer eindeutig flauen Wind- und Wetterprognose 106 Einhandskipper mit ihren Booten gar nicht erst an den Start und 178 gaben während der Regatta in einem der Flautenlöcher auf, motorten nach Hause bzw. in den nächsten Hafen oder erreichten das Ziel nicht mehr im Zeitlimit.

Wen wundert es da noch, dass unter den 130 Glücklichen, die den 134 Seemeilen langen Kurs im Uhrzeigersinn rund um die dänische Insel Fünen beenden konnten, ausgesprochen viele Segler waren, die diese 6. Ausgabe der Silverrudder als die bisher schönste, vor allem aber spannendste bezeichneten. 

Die Spannung spielte sich jedenfalls meist im Zeitlupentempo ab. Vom Startschuss an war diese Regatta von allerleichtesten und zudem drehenden Winden geprägt (SR-Bericht). Außerdem machte selbst die vor Svendborg oft markante Strömung den Seglern zu schaffen, so dass manche Boote sogar ankern musste, um nicht wieder in einem Flautenloch zurück getrieben zu werden. Boote unter Segeln vor Anker – in der Ostsee normalerweise ein ausgesprochen seltenes Bild bei Regatten.

Dänen dominieren

Dennoch setzten sich gleich von Beginn an die (früher gestarteten) kleineren Boote (Kategorie Mini und Small) deutlich ab, nicht zuletzt weil ihnen Fortuna mit etwas besseren Windstrichen zur richtigen Zeit am richtigen Ort unter die Arme griff. Aber das ist eben das Privileg der „Kleinen“.

Später konnten zumindest die Besten der Medium- und Large-Yachten wieder aufholen, doch die meisten Skipper insbesondere aus diesen Kategorien gaben nach geglückter Dümpelei rund Fünen an, dass sie sich sowas nie wieder antun wollen. 

Für viele Skipper war es übrigens erklärtermaßen das erste Mal, dass sie zwei Nächte und Tage alleine auf ihrem Boot verbrachten – es soll sogar in wenigen Fällen zu Nahrungsnotständen gekommen sein! 

Wie nicht anders zu erwarten, segelte Jan Andersen auf seinem Trimaran „Black Marlin“ als Erster  über die Ziellinie. Er brauchte „nur“ 29 Stunden und 33 Minuten und konnte die zweite Nacht in aller Ruhe (oder beim Feiern?) im Hafen verbringen. Derweil schipperten die meisten anderen – sofern sie nicht sowieso schon aufgegeben hatten – ins Schwarz ihrer zweiten Silverrudder-2017-Nacht.

Silverrudder, Flaute

Laue Lüftchen vor Fünen © silverrudder

In der Kategorie „Mini“  siegte der Däne per Cederberg (auf Seascape 24 in 39:22 Std.) vor seinem Landsmann Patrick Heinrichs auf einer T24 (40:12 h) und dem Deutschen Harald Müller auf seiner Platu 25 „Honk“ (41:41 h). Unter den „Small“-Kielbooten setzte sich ebenfalls ein Däne, diesmal auf einer X-79, durch: Lester Kirkegaard schaffte die theoretischen 134 Seemeilen in 40:16 h. In der Medium-Gruppe kam die schwedische Fareast 31 mit Per Svanberg am Ruder nach 37:50 h erfolgreich über die Ziellinie und dabei gab es – Achtung! – nochmals richtig Spannung: Der Zweitplatzierte Anders Bastiansen brauchte auf seiner X 332 nur 21 Sekunden länger! 

Sechs Teilnahmen

Die Deutsche Flagge wurde dieses Jahr von Peter Kohlhoff hochgehalten, der auf seinem Einzelbau „Gloria“ die Kategorie „Large“ dominierte. Auf seiner 40 Fuß langen Augenweide n Amens „Gloria“ siegte er in höchst respektablen 36:41 h. 

Ganz, ganz zuletzt wurde es dann doch nochmals richtig spannend. Denn bis wenige Stunden vor dem Zeitlimit war nicht klar, ob es Niels Thomson diesmal schaffen würde: Der 70-jährige dänische Landwirt ist nämlich mittlerweile so etwas wie ein Aushängeschild für die Silverrudder geworden – nicht weil er mit besonderen Leistungen glänzte, sondern weil er wie kaum ein anderer den Esprit dieser Einhandregatta verkörpert.

Silverrudder, Flaute

Für Seh-Leute dennoch ein Spektakel © silverrudder

Sein Wahlspruch, den er vor und nach dem Rennen immer wieder kundgab: „Mitmachen, ankommen, zu sich selbst finden und dabei auch noch Spaß haben!“  Was ihm zum Glück diesmal erneut gelang: Thomson kam als Vorletzter im Zeitlimit über die Linie (47:39 h) und ist somit der einzige, der an allen sechs Silverrudder-Ausgaben teilnahm… und alle beendete! 

Ergebnisse 

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7 Kommentare zu „Silverrudder: Nur 130 Einhand-Segler erreichen das Ziel im Limit – Geduld- und Nervenprobe“

  1. Kleine Anmerkung – Patrick Heinrichs ist Deutscher.

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    • avatar Floschihoschi sagt:

      Echt? Immer noch? Hatte ihn schon lange nicht mehr in Berlin gesehen…

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      • avatar Rubberduck sagt:

        Er war ja auch eine Weile mit Heidi Hetzer im Oldtimer im Mittleren Osten unterwegs 🙂

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      • avatar Patrese sagt:

        Vermutlich hat er auch nicht nach Oben geschaut, denn zwischendurch hab ich auch noch Segelfliegen gelernt und mir ein Kindheitsversprechen erfüllt!

        ABER
        JYNX is back!

        Patrese

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  2. avatar pjotr sagt:

    tolle geschichte. was mir aufgefallen ist: war das jetzt ne reine männerregatta? oder hab ich da beim schnellen durchscrollen der meldeliste wen übersehn? und: ein hoch auf die holzfolkeboote! glückwunsch an “admiral jakob”!

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  3. avatar Patrese sagt:

    Ach ja,
    es gab auch diverse andere Gründe warum Leute abbrechen mußten,
    -Aufgelaufen oder Auf eine Untiefe geströmt worden,
    – Acku leer und kein Licht
    -Rückflugticket zu früh gebucht (Sam Manuart …)allerdings NACHDEM bei ihm an der letzten Brücke ALLE Lichter bei Neumond ausgingen
    Fast hätte ich seine “Ghostship Seascape” im Dunkeln umgerammt
    Aber coole Downwindbattle die ganze Ostküste runter
    -Und dann gab es noch die mit den Haluzies die von außerirdischen Seglern angegriffen wurden…..

    Aber der Nieselregen kurz vor dem Ziel hätte nicht auch noch sein müssen.:o((

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

  4. avatar Rubberduck sagt:

    Zwei Dumme, ein Gedanke: habe schon 2008 meine Gleitschirmlizenz gemacht. Das wäre auch der einzige Grund, mal in Bayern zu wohnen. Bei Flaute in den Bergen fliegen und bei Wind Segeln.

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