Solitaire du Figaro: 21-Jähriger behauptet sich gegen Legenden – drei Stunden Schlaf in 24 h

Wie Offshore-Profis gemacht werden

Der Etappensieg von Yoann Richomme bei der hochwertigsten Onedesign-Offshore-Einhandregatta der Welt war schon erstaunlich genug. Aber wie schafft es ein Debütant auf Platz zwei? Er wird zum Profi ausgebildet. Ein Erfolg des Systems.

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Das knappe Finale vor dem Ziel in Irland. © A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

Am Ende wurde es noch einmal richtig knapp. Yoann Richomme verteidigte bei der ersten Etappe der Solitaire du Figaro einen Vorsprung von 73 Sekunden nach einem intensiven Halsenduell. Damit schließt sich der Kreis für den 35-Jährigen, der die Etappe mit einem sensationellen Start begonnen hatte, danach aber weit zurückgefallen war.

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Der Sieger vor der Ziellinie.
© A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

Dabei kommt für ihn der Erfolg so überraschend, wie seine Teilnahme. Eigentlich wollte sich Richomme auf die Class40 konzentrieren, insbesondere nach dem Route-du-Rhum-Sieg 2018. Aber dann wurde Volvo-Ocean-Race-Gewinner Charles Caudrelier zum Co-Skipper des Ultime-Trimarans “Edmond de Rothschild” befördert, und er beendete das Programm mit der frisch übernommenen Figaro 3.

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Der Sieger feiert…© A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

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…und kann es kaum glauben. © A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

Richomme übernahm für den Sponsor Hellowork-Telegram Group, hatte deshalb Trainingsdefizite mit dem neuen Bootstyp, startete ohne große Erwartungen und gewann trotzdem. Dabei bezeichnete er die Flotte vor dem Start als die mit dem “wahrscheinlich beste Niveau aller Zeiten auf dem definitiv besten Boot, das wir je in unseren Händen hatten” .

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Die Rundung des Fastnet Rocks. Der drittplatzierter 470er Champ Leboucher verfolgt den führenden Richomme, der schon unter Gennaker segelt. © A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

Mit schon sieben Starts bei der Einhandregatta ist er ein echter Veteran. Und er sagte vor dem Start: “Ich bin sehr entspannt, vielleicht weil ich es schon einmal gewonnen habe (2016), aber auch weil ich im Moment viel Selbstvertrauen habe. Ich freue mich über einen Platz in den Top 10, werde aber alles geben, um auf das Podium zu kommen.” Dafür hat er nun eine ordentliche Basis gelegt.

Drei Altmeister und ein Youngster

Allerdings ist der zeitliche Vorsprung, den er mit auf die anderen drei Etappen nimmt, nicht allzugroß. Hinter ihm drängen die großen Namen der Altmeister. Loick Peyron (59) verlor als Sechster nur 21 Minuten im Feld der 44 gewerteten Yachten. Michel Desjoyeaux (53) als Neunter nur drei Minuten mehr, Armel Le Cléac’h (42) rettet sich noch auf Rang 11 mit 55 Minuten Abstand.

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glückliche Altmeister unter sich. Desjoyeaux (l.) und Peyron. © A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

Aber die größte Überraschung ist der 21-jährige Debutant Tom Laperche auf Rang zwei. Seine Geschichte zeigt, warum französische Einhand-Hochseesegler so stark sind. Der junge Mann aus Morbihan in der Bretagne zeigte schon Talent als U-12 Weltmeister im O’Pen Bic, schlug dann aber den Weg zum Surfen ein und nahm vier Jahre lang mit gemischtem Erfolg an Regatten teil.

Dann segelte er zwei Jahre lang auf dem kleinen in Frankreich populären Kielboot-Glitscher Open 5.70 bevor er Geschmack am Katamaransegeln bekam. Bei der nationalen Red Bull Foiling Generation 2015 scheiterte er erst im Halbfinale. Es folgte ein Jahr Foiling-Spaß auf Flying Phantom Regatten, dann gewann er 2017 als 19-Jähriger bei dem Jugendauswahl-Projekt “Espoir pour un Café” eine Teilnahme mit einer Class40 beim Transat Jacques Vabre über den Atlantik. Zusammen mit einem erfahrenen Skipper segelte er auf Rang sieben.

Ausbildung zum Profi-Hochseesegler

2018 ging er den nächsten Schritt und bewarb sich beim “Challenge Espoir Bretagne CMB”, einem renommierten Junioren-Wettbewerb für 18 bis 24 Jährige, die den Weg zum Profi-Hochseesport einschlagen wollen. Ja, so etwas gibt es tatsächlich in Frankreich.

Der Überraschungszweite Tom Laperche. © A. COURCOUX-LA SOLITAIRE

Laperche setzte sich nach zahlreichen Tests gegen 25 Bewerber durch. Der Gewinner erhält eine Yacht, ein Betriebsbudget und ein Gehalt, so dass er unter professionellen Bedingungen trainieren und bei der französischen Offshore Solo Meisterschaftserie teilnehmen kann.

Während dieser Zeit profitierte er auch von der Integration in die Profi-Segelschmiede Le Pôle «Finistère Course au Large» in Port la Forêt, wo die besten französischen Segler in der IMOCA- und Figaro III-Klasse trainieren und ausgebildet werden.

Wie hilfreich dieser Hintergrund sein kann zeigt gerade Sébastien Simon (29), der 2013 die Challenge Espoir Bretagne gewann. 2018 gewann er im fünften Anlauf nach den Plätzen 33/33/11/3 die Solitaire du Figaro, und dann ging alles ganz schnell. Er übernahm in diesem Jahr den schnellen IMOCA “PRB” von Vincent Riou, gewann damit unter dem Namen Arkéa-Paprec das Bermuda 1000 Race unter anderem gegen Boris Herrmann, und übernimmt wohl im Dezember einen IMOCA-Neubau, mit der er zu den Mitfavoriten bei der nächsten Vendée Globe gehört.

Wetterdaten passten nicht

Laperche ist also ziemlich früh dran mit seinem Aufstieg. Und er könnte auf den nächsten Etappen auch wieder tief fallen. Aber den Spitzenplatz ersegelte er mit kontrolliertem Risiko, wie ein Großer.

Er führt den Erfolg auf eine Entscheidung in der Keltischen See zurück als er nach dem Verkehrstrennungsgebiet von Ushant nicht nach links wendete, wie ein Großteil des Feldes. “Es war eine komplexe Situation”, sagt er im Ziel. “Wir wussten bereits, dass die vorbereiteten Wetterdaten nicht passten. Ich habe mir dann die Satellitenkarten genau angesehen und mir die Vorhersagen genau angehört. Mir war klar, dass ich Richtung Nordosten halten muss. Und ich muss zugeben, dass ich nicht wirklich verstanden habe, warum das nicht alle getan haben.

Jedenfalls befand ich mich von diesem Moment an in einer guten Gruppe mit Corentin Douguet, Éric Péron und Yoann Richomme. Ich war im Vergleich ziemlich schnell und konnte mich gut behaupten. Für mich war es unglaublich, dass ich dann zum Schluss sogar Yoann fast geschlagen hätte. Das ist großartig!”

Fast mit Fischer kollidiert

Wichtig sei gewesen, in einen guten Rhythmus zu kommen bei immerhin vier Tagen und vier Nächten. “Ich habe es geschafft, jeweils in 24 Stunden zwischen drei und vier Stunden zu schlafen. Das ist ziemlich gut. Dennoch war ich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch extrem müde. Davor hatte ich tauchen müssen , um einen großen Algenteppich vom Kiel zu entfernen. Dabei habe ich wohl viel Energie. Denn es folgte ein großer Durchhänger. Dabei wäre ich fast mit einem Fischerboot kollidiert. Aber zum Glück hörte ich jemanden schreien.”

Ansonsten habe er die Regatta im Hochgefühl erlebt. “Ich hatte viel Spaß. Viele Male habe ich mir selbst gesagt, dass es schon fast zu viel Glück war, überhaupt hier zu sein. Als ich die schöne, hügelige irische Küste erreichte, wurde ich auch noch von hunderten Delfinen begrüßt. Ein großartiger Moment. Ich konnte den Moment wirklich genießen.” Er wolle nun natürlich auf den nächsten Etappen die Leistung bestätigen, auch wenn dieser zweite Platz seine Figaro-Premiere Auftritt schon jetzt erfolgreich macht. 

Ergebnisse 1. Etappe Solitaire du Figaro

Tracker Replay 1. Etappe

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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