SR-Interview: Covilles neuer 10 Millionen teure Foil-Trimaran – 25 Prozent leichter

"Die Strecke zwischen zwei Tiefs auf Foils überwinden“

Die beiden neuesten Foiler Ultime-Trimarane sind zerstört. Aber nun stellt Thomas Coville das dritte Geschoss der neuen Art vor. Sandra Valeska Bruhns hat mit dem “Sodebo 3”-Skipper in Vannes gesprochen.

Thomas Coville

Mal eben kurz ins Rigg. © M.Knighton/HH

Seit über zehn Jahren sind Thomas Coville und der französische Fertiggerichte- und Snackproduzent Sodebo Partner. In Vannes werden sich die großen Tore der Werft öffnen, und der Neubau des Ultime Trimarans „Sodebo 3“ wird der Öffentlichkeit präsentiert.

Zuvor erzählt der französische Ausnahmesegler im Interview über seine ehrgeizigen Rekordpläne mit dem neuen Schiff und die Perspektiven für die Ultime Klasse
Nach drei Jahren Konstruktions- und Bauphase wird das große Geheimnis gelüftet, wie der neue Ultime aussieht.

Was kennzeichnet den neuen Trimaran?

Die Maße sind bekannt: 32 Meter lang, 23 breit und eine Masthöhe von 35 Metern. Dazu selbstverständlich Foils. Bei der Entwicklung haben wir mit einem Designteam aus Schiffbauingenieuren, Entwicklern von Rennwagen und Flugzeugbauern zusammengearbeitet, um alle Faktoren für den Speedgewinn und die Aerodynamik zu berücksichtigen.

Thomas Coville

Thomas Coville: Einhand-Weltrekordler um die Welt. © M.Knighton/HH

Insgesamt haben wir 25 Prozent des Gewichts im Vergleich zur Sodebo 2 eingespart. Wichtigster Unterschied zu den bisherigen Ultimes ist die Verlagerung des Schwerpunktes nach unten und ein Stück weiter nach hinten. Der Mast ist kürzer, der Baum näher über Deck, die Ruder sind kleiner. Damit wollen wir die Gefahr eines Überschlages nach einem Stecker minimieren. Ob das funktioniert, werden die SeaTrials zeigen, mit denen wir in zwei Wochen beginnen. Wir sind alle sehr gespannt.

Welche Geschwindigkeiten soll das Boot erreichen?


Mit “Sodebo 3” soll es gelingen, die windärmere Zone zwischen zwei Tiefdruckgebieten wie im Flug zu überspringen und nahezu ohne Geschwindigkeitsverlust ins nächste Tief  zu segeln. Wir werden schneller als der Wind sein und haben eine Möglichkeit gefunden, zwischen zwei Tiefdrucksystemen genug Druck aufzubauen, um ohne Speedverlust weitersegeln zu können.

Wenn uns das gelingt, sind wir in der technischen Entwicklung des Segelsports wieder einen gewaltigen Schritt weiter. Wir gehen davon aus, dass wir mit dem Boot im Schnitt 35 Knoten schnell sind. In der Spitze knabbern wir an der 50 Knoten Grenze. Dabei sind die Kräfte, die auf die Rümpfe einwirken, deutlich größer als bei den bisherigen Trimaranen. Das mussten wir bei Konstruktion und Bau der Beams berücksichtigen.

Welche Rennen sind mit dem neuen Ultime geplant?

Neben zwei Altantikrennen 2019 ist unser erstes großes Ziel die Jules Verne Trophy für die schnellste Weltumseglung mit Crew. Wir wollen den Rekord knacken. Der erste Versuch ist für 2020 geplant. Dabei wollen wir es schaffen, unter 40 Tagen zu bleiben. (Anm.d. Red: Joyon hat 2017  40 Tage 23 Stunden und 30 Minuten benötigt)

Thomas Coville

Ein Mann und sein Bötchen. © M.Knighton/HH

Parallel  werde ich mich auf eine weitere Solo-Weltumseglung vorbereiten. 2021 startet dann das verschobene Weltrennen der Ultimes, eine Art Vendée Globe für diese Schiffe, in Nizza. Bei dem Rennen wollen alle sieben Ultimes am Start sein. Und danach sind wir schon wieder bei den Vorbereitungen für die Route du Rhum 2022, für mich neben den Rekordversuchen die wichtigste Regatta der Klasse.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Sodebo, dem Nahrungsmittelproduzenten, der zudem Hauptsponsor der Vendée Globe ist?

Meine Vorgesetzten sind drei Frauen, Schwestern. Sie leiten Sodebo, sie haben entschieden, dass wir diesen radikalen Neubau wagen. Und sie haben mir bei vier meiner erfolglosen Rekordversuche, die Welt als schnellster Solosegler nonstop zu umrunden, immer treu zur Seite gestanden. Und sie jubelten mit mir, als es im fünften Anlauf 2016 geklappt hat. Nun haben wir uns zusammen neue Ziele gesetzt. Der Neubau kostet rund 10 Millionen Euro, die jährliche Kampagne noch einmal zwei Millionen. Viel Geld, aber nichts verglichen mit dem Sponsoring eines Fußballteams.

Wer hilft, mit den mentalen Belastungen und dem immensen psychischen Druck während der Rekordversuche allein auf See klarzukommen? 


Bei meinem vierten Versuch, mit Sodebo als schnellster Segler die Welt zu umrunden, bin ich bereits wenige Meilen nach dem Start gescheitert. Ich stieß mit einem Frachter zusammen. Das Boot erlitt massive Schäden. Alles nur, weil ich vergessen hatte, die eine Antenne, die wir für eine Liveübertragung im Fernsehen brauchten, wieder abzuschalten.

Thomas Coville

Mit mächtiger Winschtrommel. © M.Knighton/HH

Während ich noch den Fehler für die dramatisch sinkende Energieversorgung suchte, hat es auch schon gekracht. Danach haben mir die drei Schwestern gesagt, dass ich die Hilfe eines Mentalcoaches in Anspruch nehmen soll. Die Neuseeländerin Linda.

Das muss man sich mal vorstellen: ich, männlich, römisch-katholisch, weiß, akzeptiere, dass ich Hilfe brauche. Von einer Frau. Und dann hat es 2016 geklappt. Nur leider nahm mir Francois Gabart den Rekord schon ein Jahr später wieder ab. Ich muss also wieder angreifen.

Was für Eigenschaften braucht man, um sich immer wieder der Herausforderung zu stellen und schneller zu sein als die Vorgänger?


Deutlich mehr als das immer wieder beschriebene Talent. Rekorde stellt man nicht auf, nur weil man gut segelt. Man braucht den unbedingten Willen, das Boot immer und immer wieder noch härter zu pushen. Francois Gabart ist so gut, weil er eine ungemeine Charakterstärke hat und sich über einen langen Zeitraum hervorragend konzentrieren und immer wieder neu motivieren kann.

Hat man Angst, allein auf so einem gigantischen Trimaran über die Ozeane zu rasen?


Angst darf ich nicht zulassen, sonst habe ich schon verloren. Im Südpolarmeer, wenn die Wellen bis zu zehn Meter hoch neben einem aufsteigen und man von einem zum nächsten Tiefdruckgebiet rast, darf man nicht zögerlich werden, nicht den Fuß vom Gas nehmen.

Thomas Coville

Ordentlicher Fockroller. © M.Knighton/HH

Die gewaltigen Tiefdruckgebiete sind wie eine Lawine, der man nur entkommt, wenn man so schnell wie möglich vor ihr wegläuft. Bei unseren nächsten Versuchen, die Welt im Rekordtempo nonstop zu umrunden, müssen wir im Südpolarmeer auf deutlich mehr Eisberge gefasst sein. Sie treiben inzwischen sehr viel weiter nördlich als bisher im Wasser. Das sind sichtbare Folgen des Klimawandels. So wird die Strecke, die wir zurücklegen müssen, länger. Und auch gefährlicher.

Was ist neben dem physischen Druck, immer auf der Jagd nach dem nächsten Rekord zu sein, die größte Herausforderung bei den langen Passagen auf See?


Am schlimmsten ist der Schlafmangel, wenn du nicht mehr weißt, was du denken und tun sollst. Das ist die härteste Herausforderung. Ansonsten ist das Leben an Bord sehr reduziert auf die Kernbedürfnisse – Segeln, Essen, Schlafen. Einsam fühle ich mich dabei nie, aber wenn ich zurück an Land bin, empfinde ich Stress, und die Musik, die immer in meinem Kopf ist, wenn ich allein mit Highspeed unterwegs bin, verstummt.

In einem Interview haben sie lapidar gesagt, der America’s Cup würde sie nicht interessieren. Warum?


Zum einen, weil wieder auf Monohulls gesegelt wird. Das ist meiner Ansicht nach ein Rückschritt, obwohl die Schiffe Foils haben. Außerdem ist der America’s Cup, ganz im Gegenteil zu den Ultimes, ein ‚Owners Business‘. Bei uns geht es dagegen um gemeinsame Projekte, Visionen und Menschen, die auf See Geschichten erzählen und damit alle anderen begeistern.

Dennoch ist die Ultime Szene, ähnlich wie die Imoca 60 Klasse, französisch dominiert. Wird es gelingen, nicht-französische Sponsoren und Segler langfristig dafür zu begeistern?


Die Imoca 60 Klasse hat durch das Vendée Globe und ihren Einsatz beim Ocean Race einen immensen Auftrieb. Doch wir müssen aufpassen, dass diese Rennen nicht nur ein französisches Publikum begeistern. Um mehr Teams anzulocken und die Aufmerksamkeit in anderen Ländern zu erhöhen, wäre es phantastisch, wenn Alex Thomson das nächste Vendée Globe gewinnt.

Woher nehmen sie die Sicherheit, dass alle Berechnungen und Analysen für den neuen Ultime auch in der Praxis funktionieren? Warum wird nicht schon der erste Sturm zu Schäden an den Beams oder Rümpfen führen, wie es gerade auf der “Banque Populaire IX” während der Route du Rhum passiert ist?


Wir wissen nicht genau, ob alles so funktioniert, wie wir es uns vorstellen. Doch wir sind die ersten, die es auf diese Art versuchen. Für so ein ehrgeiziges Projekt braucht man Leute, die in das vertrauen, was man tun möchte. Und die sich gemeinsam mit uns freuen, wenn der erste Highspeed auf der Anzeige erscheint und es tatsächlich gelingt, den Rekord für die schnellste nonstop Weltumseglung auf unter 40 Tage zu drücken.

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