SR-Video-Podcast: Heil/Plößel und ihr spezieller Weg zum Erfolg – Nebenbei Medizin studiert

"Ich bin in ein Loch gefallen"

 Erik Heil und Thomas Plößel haben Historisches geschafft: 49er-WM-Silber 2019 und zwei Monate später Bronze 2020. Dabei standen sie kurz vor dem Aus. Im SR-Vodcast reden die größten deutschen Olympia-Medaillen-Hoffnungen über ihre Krise.

Phlipp Buhl hatte am Mikrofon noch etwas zu sagen bei der Ehrung des NRV-Olympic-Teams in Hamburg. Er bedauere es, dass er mit seinem Laser-WM-Titel (SR-Vodcast mit Buhl) den Club-Kollegen die Show stehle. Eine ehrliches Anliegen, denn die beiden 49er-WM-Medaillen der Freunde und Weggefährten mögen tatsächlich etwas in den Hintergrund geraten sein, obwohl sie gar nicht hoch genug bewertet werden können. Schließlich gehen die Erfolge von Erik Heil und Thomas Plößel auch noch mit dem Sieg bei der schwersten innerdeutschen Olympia-Qualifikation einher. Und sie haben sich auf Augenhöhe mit den zurzeit wohl besten Seglern der Welt gehievt, Peter Burling und Blair Tuke aus Neuseeland.

Dabei ist ihre Geschichte wahrlich bemerkenswert. Denn nach der olympischen Bronze-Medaille in Rio schien der gemeinsame Weg schon fast beendet…

Der Wortwechsel zwischen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt und Dirk Nowitzki 2015 ist legendär. Wenn er jetzt bald mit dem Basketballspielen aufhöre, rät Schmidt dem NBA-Star, müsse er wahrscheinlich anfangen noch mal was zu studieren. Die klassische Sorge des Vaters um den Sohn, der nicht den vorgezeichneten Weg geht, den alle gehen. Mach mal was Vernünftiges, Junge. Damit du später über die Runden kommst. Nicht böse gemeint. Klassisches Denken. Und ziemlich deutsch.

Erik Heil (30) und Thomas Plößel (31) werden immer öfter von solchen Gedanken Außenstehender begleitet, je älter sie werden. Sie liegen näher als bei Nowitzki. Schließlich spielt das Duo kein Basketball. Es hat kein Vermögen von 200 Millionen Dollar angehäuft.

Erik Heil (l.) und Thomas Plößel (r.) mit Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote und Philipp Buhl. © Sven Jürgensen/NRV

Dafür betreiben die 49er-Piloten die falsche Sportart. Segeln. Eine von vielen olympischen Disziplinen, die professionellen Aufwand erfordern aber keine professionellen Gehälter erwirtschaften. Man muss mutig sein, leidensfähig, zielstrebig und erfinderisch, um sich in die Nähe einer Medaillen-Chance zu arbeiten.

Segelhelden wussten nicht, wie es weitergeht

Existenzängste sind immer mit an Bord. Sie bleiben auch dann nicht im Kielwasser, wenn man zu den Besten der Welt gehört. Wenn man es geschafft hat. Wenn man eine olympische Medaille gewonnen hat – jedenfalls nicht, wenn man aus Deutschland kommt.

Das mussten die Segelhelden einsehen, selbst nachdem sie 2016 in Rio die achtjährige deutsche Medaillen-Flaute beendet hatten. Während ihre damaligen direkten Konkurrenten aus Neuseeland und Australien ein Auskommen als Profis im America’s Cup fanden, wussten Erik Heil und Thomas Plößel erst einmal nicht, wie es weitergehen sollte.

Heil/Plößel im Doppeltrapez. © DSV/Lars Wehrmann

Plößel sagt im SR-Video-Podcast klar: “Ich bin danach in ein Loch gefallen. Das hat fast zwei Jahre angehalten. Das ging im Prinzip direkt nach den Spielen los mit dem für mich gefühlten Misserfolg der Bronze-Medaille.” Im Medalrace hatte die NRV-Crew knapp das angepeilte Silber gegen die damals amtierenden Olympiasieger Outteridge/Jensen verloren. “Das war für mich ein großer Misserfolg!”

Danach habe er keinen Plan gehabt. “Es war alles grauenhaft.” Die Ziele hätten gefehlt. “Es entsteht ein Gefühl von Nutzlosigkeit.” So habe es auch mit dem Steuermann eine Findungsphase gegeben. “Ich dachte, wir ziehen richtig durch. Aber Erik fing an zu studieren.” Und Plößel bereitete den Abschluss seiner Masterarbeit im Maschinenbau-Studium vor.

Ex-Jugendcoach zeigt einen Weg

Die Zeichen standen auf Trennung. Bis ihr erster Teeny Coach aus Berlin Michael Koster  sie wieder zusammenbrachte. Er habe einen Weg aufgezeigt, wie man die Leistungssportkarriere und die beruflichen Ideen gemeinsam auf Spur bringen konnte.

Das Erfolgsduo in seinem Element. © DSV/Lars Wehrmann

Denn Erik Heil war tatsächlich fest entschlossen, ein Medizin-Studium zu beginnen. Eine Entscheidung, die eigentlich das Aus für weiterere Segelambitionen auf höchstem Niveau bedeuten sollte. Es schien, als wolle Heil die Olympiakampagne abschenken. Und Plößel bestätigt, er habe durchaus gezweifelt, ob dieses Studium  neben der Segelei funktioniert. “Aber ich bin extrem glücklich darüber, wie wir das geschafft haben. Ich hätte das nicht gedacht.”

Zuvor hatte Steuermann Heil  einen vorsichtigen Schritt Richtung Profisegeln unternommen, als er von dem Schweizer Flavio Marazzi für die Tour der foilenden GC32 Katamarane geheuert wurde. “Das hat ultra Spaß gemacht”, sagt Heil, aber das bezahlte Segeln für einen Eigner sei dann doch schwierig gewesen. “Ich habe entschieden, dass ich das langfristig nicht machen wollte.”

Dann sei der Versuch mit der Medizin gefolgt. Zukunftsangst habe für die Entscheidung keine Rolle gespielt. “Medizin hat mich schon immer interessiert. Und es macht mir riesig Laune. Ich hätte mich auch gefreut, weiter zu studieren, wenn wir jetzt die Quali verloren hätten.” Aber nach dem absolviertem Physikum legte er das Studium auf Eis und stieg wieder voll in das 49er-Training ein.

Bisher hat niemand für möglich gehalten, dass man in der 49er-Klasse nach längerer Pause wieder so schnell einen Spitzenplatz in der Hierarchie einnehmen kann. Die Deutschen waren in der Weltrangliste auf Platz 29 zurückgefallen. Aber Nachwuchssteuermann Tim Fischer, der mit Fabian Graf 2018 noch sensationell den WM-Bronze-Platz vor Heil/Plößel erreicht hatte, sagt respektvoll, dass dieser Weg der langen Auszeit wohl bei keinem anderen Team funktioniert hätte.

Im Video-Podcast spricht das deutsche Duo außerdem ausführlich über seinen besonderen Weg, über das notwendige sechsstellige Budget, wofür es ausgegeben wird und wie es Peter Burling und Blair Tuke in Enoshima schlagen will.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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