Star Sailors League: 40.000 Dollar Siegerscheck für “Psychopat” Percy – Zwei-Sekunden-Sieg

Foto-Finish

Iain Percy hat es lange Zeit nicht aushalten können, noch einmal auf einem Starboot zu sitzen. Zu emotional war die Begegnung mit diesem Schiff, mit dem er seine größten Erfolge feiern durfte – Olympia-Gold und Silber,  zweimal Weltmeister. Alles erinnerte ihn an seinen Vorschoter und besten Freund Andrew (Bart) Simpson, der 2013 beim Artemis-Unfall in San Francisco zu Tode gekommen war.

Schon im vergangenen Jahr trat der Brite nach sechs Jahren Starboot-Pause erstmals bei den SSL Finals auf den Bahamas an kurz nachdem er Wolfgang Schäfer zum Farr 40 WM-Titel taktiert hatte.  Er musste in Nassau aber die ersten drei Rennen ausfallen lassen, wegen finaler Verhandlungen mit dem Malta Altus Challenge America’s Cup Team, das er als CEO führen sollte.

Das Foto-Finish. Percy im Vordergund gewinnt. © SSL

Die schiefe Ziellinie hilft Percy in Lee beim Sekunden-Sieg.

Das Syndikat zog seine Meldung schließlich doch zurück und der 43-jährige verließ vorerst die große Bühne des Profi-Segelsports. Aber diese Regatta habe ihm wieder den Spaß am Segeln zurückgebracht, sagt er im Interview mit dem Veranstalter.

Zwar sitze er “mit gemischten Gefühlen” auf dem Kielboot, weil ihn jede Bewegung an den verstorbenen Freund erinnere. Aber das seien keine schlechten Erinnerungen mehr. Die habe er hinter sich gelassen. Es helfe auch, dass der aktuelle Vorschoter Anders Ekström ein guter Freund von Bart gewesen sei. Der Schwede hatte 2008 mit Freddy Loof Olympia-Bronze hinter den Siegern Percy/Simpson gewonnen.

Percy/Ekström zeigen starke Starts und guten Leichtwind-Speed. © SSL

Im vergangenen Jahr habe Ekström ihm auf den Bahamas noch gesagt, dass er wohl ein Psychopat sei. “Ich dachte ‘Whoops’, aber es stimmte wohl”, sagt Percy, der eigentlich als einer der sympathischsten und freundlichsten Menschen im Profi-Segelzirkus gilt.  Aber das habe wohl damit zu tun gehabt, dass es so schmerzhaft sei, wenn sich das Boot so schlecht anfühlt.

Die Sieger bei der Arbeit. © SSL

Es mag daran gelegen haben, dass das Rigg nicht richtig getrimmt war, oder er nach der langen Pause nicht mehr richtig gesteuert habe – aber diese Frustration mit sich selbst führe zu negativen Emotionen. “Wenn sich das Boot dagegen gut anfühlt, dann ist das wie ein Zen-Moment.”

Um dieses Gefühl wieder zu erleben, habe man sich diesmal besser vorbereitet, sei früher angereist und nun fehlten die Ausreden für schlechte Ergebnisse. Dass es dann so gut läuft, davon konnte er nicht ausgehen. Um Haaresbreite entschied das Duo ein Foto-Finish für sich. Eine zu frühe Halse der Franzosen kurz vor der Ziellinie eröffnete die Chance zum Sieg und dem 40.000 Dollar Siegerscheck.

Die letzten Meter des dramatischen Finals:

Das Percy-Interview:

 

Die Ergebnisse nach dem KO-System am Finaltag

Die Pressemitteilung vom Finaltag:

Nach den sehr leichtwindigen Viertel- und Halbfinal-Rennen hat der Wind in Nassaus Montagu Bucht am „ super Samstag“ pünktlich zum Finale zugelegt und den vier teilnehmenden Mannschaften beste Bedingungen für den letzten mit Spannung erwarteten Schlagabtausch im SSL Finale 2019 beschert. Im Traumrevier der Behamas wurden die „Stars der Segelwelt“ ermittelt.

Während sowohl im Viertel- und als auch im Halbfinale die führenden Boote der Flotte im Verlauf der Rennen enteilen und ihren Vorsprung bis ins Ziel sogar noch ausbauen konnten, verlief das Finale ganz anders.

Der Bayer Kilian Weise schaffte es mit dem britischen Laser-Segler Chiavarini bis ins Halbfinale. © SSL

Der für das Finale gesetzte Vorrundensieger Mateusz Kusznierwicz (Polen) und sein brasilianischer Vorschoter Bruno Prada verloren zwar schon auf der ersten Kreuz den Anschluss an ihre Gegner, doch die drei anderen Teams schenkten sich bis ins Ziel keinen Millimeter. An der Luvmarke hatten zunächst der Norweger Eivind Melleby und sein US-Vorschoter Josh Revkin die Führung vor den Franzosen Xavier Rohart und Pierre-Alexis Ponsot und dem britisch.schwedischen Duo Iain Percy und Anders Ekström übernommen. Als die drei Top-Boote auf dem ersten Vorwind-Abschnitt in zunehmend leichtere Winde segelten, konnten Kusznierewicz/Prada aber zunächst wieder Boden gutmachen. Während jedoch das Spitzentrio die linke Tonne des Leetors rundeten, wählten Kusznierewicz/Prada die rechte Seite. Auf halber Strrecke der zweiten Kreuz lagen alle vier Teams wieder gleichauf.

Für Percy/Ekström zahlte sich die Wahl der linken Kursseite aus. Der Brite und der Schwede konnten sich bis zur Top-Marke sich eine knappe Führung vor den Verfolgern Rohart/Ponsot und Melleby/Revkin erarbeiten. Wie die Franzosen halsten auch Percy/Ekström früh, doch als die Winde wieder abnahmen, wurden Melleby/Revkin in ihrem eigenen Windfeld plötzlich wieder zur Bedrohung. Gleichauf und heftig pumpend, näherten sich die drei Boote schließlich der Ziellinie. Zunächst erschien es so, als hätten sich Rohart/Ponsot im Thriller-Finale durchsetzen können, doch den Sieg sicherten sich Iain Percy und Anders Ekström. Die Olympia-Legenden wurden am Samstagabend zu SSL Final-Champions gekürt und sind die neuen „Stars der Segelwelt 2019“.

Das SSL Podium der schweren Männer. Percy/Ekström vor Rohart/Ponsot und Melleby/Revkin. © SSL

„Es war knapper als wir es uns gewünscht haben, aber aufregend“, sagte der glückliche Iain Percy nach dem Finale, „im Ziel kann zwischen allen drei Booten nicht mehr als ein Meter gewesen sein. Das ist es, worum es geht. Es ist einfach phänomenal. Du arbeitest immer hart und manchmal geht es dann so aus wie heute für uns.”

Anders Ekström, Starboot-Weltmeister von 2004 und olympischer Bronzemedaillengewinner mit Freddy Lööf, sagte: „Ich bin überrascht, aber Iain ist ein großartiger Segler. Ich hatte gehofft, dass es hier für uns gut läuft, aber nicht so gut! Wir sind es Rennen für Rennen angegangen. So muss man es einfach machen. Wir sind super glücklich.“

Xavier Rohart erwies sich als fairer Verlierer nach der schmerzlich knappen Niederlage und sagte: „Am Ende ging es ums Pumpen – erst Iain, dann wir, dann Iain, dann wir. Und beim letzten Mal hatte ich nichts mehr im Groß…“

Viertel- und Halbfinale

Der Finaltag hatte am Morgen mit leichten Sorgen begonnen, denn die glatte See und die flauen Winde hatten eine mögliche Absage der Rennen signalisiert. Doch dann erlöste eine nordöstliche Brise mit sechs Knoten Wind Teilnehmer und Wettfahrtleitung. Der Kurs konnte in Nassaus Montagu Bucht gelegt werden.

Der Berliner Frithjof Kleen schied mit Diego Negri im Halbfinale aus. © SSL

Für das Viertelfinale hatten sich die in der Vorrunde auf den Rängen drei bis zehn platzierten Teams qualifiziert. Der beste Start gelang Rohart/Ponsot, deren Bug von der Linie geradezu nach vorne sprang. Die Flotte verteilte sich – gleichmäßig aufgeteilt – auf die linke und rechte Kursseite. Die Franzosen erreichten die Luvtonne zwar als erste, jedoch mit wenig Fahrt im Boot. Sie wurden vom britisch-deutschen Duo Lorenzo Chiavarini/Kilian Weise überrollt. Die beiden erst 25 Jahre alten Segler bauten danach ihre Führung bis ins Ziel immer weiter aus.

Zweite wurden Eivind Melleby/Josh Revkin (Norwegen/USA) vor den Franzosen. Percy/Ekström hatten am Leetor eine leichte Berührung mit dem finnisch-ukrainischen Team Oskari Muhonen und Vitalij Kushnir, was ihnen einen Penalty eintrug. Davon ließen sie sich allerdings nicht lange ärgern. Eher das Gegenteil trat ein: Percy/Ekström absolvierten eine meisterliche zweite Kreuz und rückten auf Platz vier vor. Muhonen/Kushnir und auch Paul Cayard/Phil Trinter (USA) segelten weit auf die rechte Kursseite hinaus.

Zu diesem Zeitpunkt war der Kampf um den wichtigen fünften Platz – der letzte im Viertelfinale, der zum Einzug ins Halbfinale berechtigte – längst voll entbrannt. Während Percy/Ekström langsam davonzogen, rückten zunächst die Brasilianer Henrique Haddad und Henry Boening auf Platz fünf vor. Hinter ihnen aber halsten Cayard/Trinter früh und holten dadurch auf, während Muhonen/Kushnir ebenfalls mit mehr Druck auf der linken Seite beschleunigten. Im Endergebnis kam es zum Bug-an-Bug-Rennen in Richtung Ziellinie, der die drei Boote mit Überlappung entgegenstrebten. Schließlich konnten sich die Brasilianer ganz knapp durchsetzen und erhielten den Applaus der Fans auf den Zuschauer-Booten in der Montagu Bucht.

Im Halbfinale wurden die besten fünf Viertelfinalisten bereits vom italienischen Steuermann Diego Negri und seinem Berliner Vorschoter Frithjof Kleen erwartet, die sich ihren Platz mit Rang zwei in der Vorrunde direkt verdient hatten. Die Brasilianer eröffneten das Rennen mit einem Frühstart, von dem sie sich nach dessen Bereinigung im Verlauf des Rennens nnie mehr erholten. Rohart/Ponsot gelang ein weiterer starker Start. Von der rechten Kursseite aus konnten sie die gesamte Halbfinalflotte passieren. Danach zogen die Franzosen davon, vergrößerten ihren Vorsprung konstant und überließen den Kampf um die Plätze zwei bis vier ihren Verfolgern.

Auf der ersten Kreuz lief es für Chiavarini/Weise auf der rechten Seite ebenfalls gut. Sie rundeten die Luvmarke nach den Franzosen als Zweite, verfolgt von Melleby/Revkin und Percy/Ekström. In den ultrleichten Winden konnten sich im weiteren Verlauf Melleby/Revkin auf Platz zwei vorschieben. Von da an warren alle Augen auf den Kampf um Platz drei im Halbfinale gerichtet, weil den dahinter liegenden Teams das Aus drohte. In dieser Situation wendeten Percy/Ekström beim Runden der Luvmarke zu dicht in Lee von Negri/Kleen und kassierten dafür einen weiteren Penalty. Dennoch konnten sie sich vor Chiavarini/Weise halten.

Als schon alles verloren schien, brachten Percy/Ekström auf dem letzten Vorwind-Abschnitt mit einer frühen Halse noch einmal alles in Bewegung. In den extrem leichten Winden blieben Negri/Kleen in einem Windloch hängen, während Percy/Ekström erfolgreicher darin waren, die Windgötter zu beschwören und Negri/Kleen überholten. Die Ziellinie erreichten Melleby/Revkin als Zweite hinter den Franzosen. Percy/Ekström verdienten sich das dritte und letzte Ticket für das Finale.

Zum SSL Finale 2019 sagte SSL Präsident Xavier Rohart: „Diese Woche ist wirklich gut gelaufen. Heute ist es für nahezu alle Typen von Regattaseglern möglich, hier anzutreten und wettbewerbsfähig zu sein. Wir haben jetzt das richtige Format um die besten Segler der Welt zu ermitteln. Iain und Anders haben heute sicher bewiesen, dass sie es sind.“

Top 10 final results:

1Iain PercyGBR  Anders EkströmSWE
2Xavier RohartFRA  Pierre-Alexis PonsotFRA
3Eivind MellebyNOR  Josh RevkinUSA
4Mateusz KusznierewiczPOL  Bruno PradaBRA
5Lorenzo ChiavariniGBR  Kilian WeiseGER
6Diego NegriITA  Frithjof KleenGER
7Henrique HaddadBRA  Henry BoeningBRA
8Oskari MuhonenFIN  Vitalii KushnirUKR
9Paul CayardUSA  Phil TrinterUSA
10Eric DoyleUSA  Payson InfeliseUSA

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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