Star Sailors League: Wie ein Finnsegler die Star-Helden düpieren konnte – 24 Kilo abgenommen

Wunder gibt es nicht

Beim Star Sailors League-Finale hat ein braslianischer Finnsegler gewonnen. Ist er der beste Segler der Welt? Was der Sieg darüber aussagt, wie Segelregatten gewonnen werden.

Das Finale der Starsegler in Nassau war wieder einmal eine großartige Präsentation des Segelsports. Die Macher der Star Sailors League haben erneut gezeigt, was man visuell aus dem Sport herausholen kann. Mit Drohnenaufnahmen, Tracker-Analysen und guten Kommentatoren wurde dem eingefleischten Fan nahe gebracht, was den Sport ausmacht.

Allerdings wurden auch die Grenzen deutlich, an die das Segeln stößt, und warum es so viele Bemühungen gibt, es publikumswirksamer zu machen. Ein viel kritisierter Versuch konnte gerade wieder bei den Entscheidungen zu den nächsten Olympiaklassen beobachtet werden.

Die Abschluss-Tabelle der Top 11

Ergebnisse SSL-Finale 2018

Unsereins mag sich an der Athletik, den Spritzwasser-Bildern und den taktischen Finessen ergötzen. Dem segelinteressierten Außenstehenden bleiben sie aber verborgen. Es ist in einem klassischen Segel-Wettrennen einfach schwer darstellbar, warum jemand gewinnt oder verliert. Wie konnte in Nassau am Ende ein brasilianischer Teilzeit-Starsegler so sehr dominieren? Wie konnte er jemanden wie den fünfmaligen Medaillengewinner-Superstar Robert Scheidt so deutlich distanzieren?

Die besten Segler der Welt?

Sind jetzt Jorge Zarif und Pedro Trouche, die besten Segler der Welt, wie es die Organisatoren so vollmundig ankündigten?

Arme draußen. Wie sich Zarif und Trouche reinhängen. © SSL Marc Rouiller

Sie sind es nicht, und werden es auch nicht behaupten. Der 27-jährige Trouche war mal im Laser die Nummer 512 in der Welt und 363. im Finn. Bei seiner ersten Star-WM segelte er im Sommer mit dem Amerikaner Hornos in einem vergleichsweise schwach besetzten Feld auf Platz sieben.

Jorge Zarif ist immerhin einer der besten Finn-Dinghy-Segler der Welt und verpasste als Vierter bei den Heim-Spielen in Rio nur knapp die Medaille. Den Saisonhöhepunkt 2018 bei der Finn-WM in Aarhus ging mit Rang 18 aber ziemlich daneben. Dafür gewann er völlig überraschend die Starboot-WM in den USA.

Beste Freunde, große Freude. © SSL Marc Rouiller

2015 war er bei den SSL Finals als 19. noch letzter geworden, ein Jahr später 21. und im vergangenen Jahr war er nicht mehr dabei. Aber als diesjähriger Star-Weltmeister besorgte er sich dann erneut eine Eintrittskarte für das Nassau-Finale.

Diesmal hatte er sich etwas vorgenommen. Vielleicht reizte ihn nach neun Jahren im Finn-Dinghy ein kleiner Break im Hinblick auf die nächste intensive Olympia-Vorbereitung für 2020. Vielleicht brauchte er einen neuen Impuls nach der schweren Niederlage in Aarhus.

24 Kilogramm abgenommen

Jedenfalls gestaltete er den Star-Ausflug wie eine wirklich wichtige Regatta. Den Stellenwert zeigt insbesondere die Tatsache, dass der Jugendfreund und Neu-Vorschoter Pedro Trouche 24 Kilogramm abnahm, um der Starboot-Crewgewicht-Formel zu entsprechen. Selbst der an Krebs erkrankte Vater ermutigte den Brasilianer, die Chance zum großen Auftritt wahrzunehmen.

Umso überschwänglicher war dessen Freude. „Was für ein großartiger Tag”, sagt Trouche nach dem Erfolg. ” Ich habe keine Worte. Ich bin einfach nur glücklich. Ich habe Jorge nach seinem WM-Sieg gesagt, dass er zur Star Sailors League kommen soll und gewinnen wird. Und er hat mich eingeladen mitzukommen.“

Besonders bei Starkwind hilft das perfekte Ausreit-Gewicht der Klassenformel. © SSL Marc Rouiller

Zarif ergänzt: „Robert Scheidt ist mein größtes Idol. Gegen ihn zu segeln und die anderen großartigen Star-Segler ist eine wahnsinnige Erfahrung. Danke für diese Möglichkeit. Ich muss besonders Pedro danken. Er hat extrem abgenommen, um hier dabei zu sein und viele Entbehrungen auf sich genommen. Er hat es wirklich verdient, nun hier an der Spitze zu stehen.“

Auch der 1,91 Meter große Zarif nahm sechs Kilo ab, um das Gewicht-Limit zu erreichen. Das ist normalerweise ein Unding bei einer ausgewogenen Olympia-Kampagne. Aber die nächste Finn WM 2019, bei der es um die wichtigen Plätze für Japan geht, findet erst im Dezember nächsten Jahres statt. Bis dahin hat er das fehlende Gewicht locker wieder drauf.

Geballtes Wissen der Brasilianer

So arbeite das neuformierte Duo konzentriert auf das Star Sailors-Finale in Nassau hin. Bei Starts in Brasilien zapfte das geballte Wissen der einheimischen Star-Szene an, die immerhin durch die Grael-Brüder, Robert Scheidt und auch seinen ex Vorschoter Bruno Prada repräsentiert ist.

Brasilien in Nassau auf eins und zwei. © SSL Marc Rouiller

Gerade letzterer spielte eine große Rolle. Prada, der 2012 mit Scheidt Star-Bronze holte und danach eine Finn-Dinghy-Olympiakampagne für Rio startete – und deutlich gegen Zarif verlor –  segelte vor Nassau mit dem Amerikaner Augie Diaz zusammen. Sie erreichten nicht die Finals als 15. bildeten aber zusammen eine Trainingsgemeinschaft. Dabei arbeiteten sie mit einem  Coach zusammen, dem Italiener Luca Modena, einem langjährigen Spitzensegler im Starboot und 49er.

Aber trotz einer starken Vorrunde, die Zarif und Trouche auf Rang drei beendeten, wurde Landsmann Scheidt immer dominanter und hatte schließlich nach der Qualifikation gut 30 Punkte Vorsprung. Zarif sagt: “Wir waren nicht wirklich zufrieden mit unserem Speed auf der Kreuz. Also haben wir das Rigg vor dem Finale noch mal runtergenommen. Bruno Prada und Augie Diaz haben uns sehr geholfen, alles neu einzustellen. Es hat wirklich gut funktioniert. Die beiden wissen wirklich alles über den Star, und es war großartig sie an der Seite zu haben.”

Das neue Set-Up funktionierte bestens. Die Brasilianer gewannen alle drei Finalrennen. Dabei half der starke Wind, bei dem das maximale Ausreit-Gewicht belohnt wurde. Und Scheidt reichte es nicht, mit gut zehn Kilogramm weniger, sich alleine auf die Vorwind-Geschwindigkeit zu verlassen.

Auch der fünffache Olympiamedaillen-Gewinner, der nach der gescheiterten 49er-Kampagne mit einem erneuten Laser-Auftritt liebäugelt, hat an seinem Wohnort Gardasee mehr Zeit als üblich in die Vorbereitung für Nassau gesteckt. Ohne aktuelle Olympia-Ambitionen optimierte er die Crewarbeit und das Material intensiver, wohl auch weil sich der alte Kontrahent Iain Percy nach langer Abstinenz angekündigt hatte wie auch Frederik Loof, der schwedische Olympia-Gold-Medaillist 2012. Es gab genug Prestige zu gewinnen und nebenbei auch 40.000 Dollar für den Sieger.

Keine Chance für die VIPs

Die Gegner blieben chancenlos, weil die Kurse ausreichend lang waren, um Speedvorteile ausspielen zu können. Zwar drehte der Wind durchaus, und auch ein Scheidt fand sich schon mal ganz hinten wieder. Aber besonders bei dem stärkeren Wind gibt wie üblich der Grundspeed die entscheidende Hackordnung vor.

Laser Doppelweltmeister Pavlos Kontides kam mit Markus Koy nicht auf Speed. © SSL Marc Rouiller

Die eingeladenen Spitzensegler anderer Klassen konnten da nicht mithalten. Die Unterschiede wären geringer, wenn alle Teams mit dem gleichen Leihmaterial antreten würden. Aber so sind naturgemäß doch die Spezialisten vorne. Auch Segel-Helden wie Paul Cayard (59) oder der einbeinige Lars Grael (54) können durch ihr Wissen über Segeltrimm, -tuning und gutes Material im Star körperliche Defizite gegenüber den voll austrainierten Olympioniken einigermaßen ausgleichen.

Cayard, der Star-Weltmeister von 1988, hat das Kielboot wiederentdeckt, segelt wieder viel in der Klasse und schaffte wie auch Grael den Cut der Top Ten. Beide mussten dafür allerdings schon mal alles auf eine Karte setzen und per Extremschlag zum Erfolg kommen.

Olympioniken vorne

Solider ging es an der Spitze zu, wo dann doch wieder die Top-Teams unter sich waren, die seit ihrer Kampagne für die Olympischen Spiele 2012 auf das gesammelte Starboot-Know How verlassen können. Es reicht für Melleby (Olympia 4.), Mendelblatt (Ol 7.), Kusnierewicz (Ol 8.) und Rohart (Ol 9.) immer wieder, auch mit halbherziger Vorbereitung, das Top Ten Finale zu erreichen.

Der Schwede Frederik Lööf konnte zwar nicht an seinen Olympiasieg 2012 anknüpfen, aber er hatte danach auch fast so wenig Kontakt zum Starboot wie Silber-Gewinner Iain Percy. Der sollte in Nassau eigentlich sein Comeback geben, aber er verpasste vier Rennen wegen America’s Cup-Verpflichtungen.

Zu den starken Olympioniken gehört auch Frithjof Kleen, der in London mit Steuermann Robert Stanjek auf Platz sechs segelte und zwei Jahre später nach dem Olympia-Aus der Klasse Weltmeister wurde.

Stanjek konzentriert sich inzwischen auf das Offshore-Segeln und lässt sich schon mal im Drachen heuern, Kleen dagegen puscht weiterhin die Starboot-Klasse und betreibt für die SSL in Riva am Gardasee ein Trainingszentrum.

Diego Negri und Frithjof Kleen segeln auf Rang drei. © SSL Marc Rouiller

Dort bereitete er einige der Olympioniken auf das Bahamas-Finale vor, nutzte aber auch selber die Chance, sich in Position und Form zu bringen. Wie viel er geben kann, zeigt der sensationeller Sieg im vergangenen Jahr als Vorschoter von Paul Goodison. Er verhalf dem britischen Laser-Olympiasieger von 2008, Moth Doppel-Weltmeister und America’s Cup Spezialisten (Artemis – jetzt American Magic) zum nicht für möglich gehaltenen erfolgreichen Schnelleinstieg.

Kleen auf Rang drei

Diesmal tat er sich mit Diego Negri zusammen, der als dreimaliger Olympiateilnehmer für Italien und Star-Europameister 2011 überraschend die Qualifikation für London verpasst hatte. Mit Kleen schaffte Negri nun mit Rang drei erstmals bei einem SSL-Event den Sprung auf das Treppchen. Dabei beeindruckte der Deutsche besonders durch dynamische Crewarbeit auf dem Vorwindkurs.

Mit Schaukeln und Längstrimm-Verschiebung zum Einleiten der Surfphase kompensierte das Team sogar einen ärgerlichen Penalty und holte sich mit einem sensationellen Vorwind-Kurs doch noch den schon verloren geglaubten Platz im Halbfinale.

Der Klassiker-Penalty: Negri wendet im Dreilängenkreis Melleby vor den Bug.

Der Penalty Negri/Kleen:

Die SSL-Finale hat wieder einmal Segelsport vom Feinsten geliefert. Aber die Regatta zeigt auch, dass sich die Starboot-Klasse nicht für das angestrebte Gleichmacher-Ranking der Besten des Sports eignet. Segel-Champs wie die Weltmeister Sime Fantela (49er), Kevin Pepponnet (470er), Pavolos Kontides (Laser) oder Ruggero Tita (Nacra17) werden sich über die Einladung in warme Gefilde gefreut haben, aber es war schon fast schmerzhaft, ihnen beim Hinterhersegeln zuzusehen.

Den Organisatoren scheint das Problem bewusst zu sein. Sie haben ihre ganze Erfahrung mit der SSL in den neuen SSL Nations Gold Cup gesteckt, den Matheusz Kusznierewicz noch mal in Nassau vorstellte (Präsentation). Eine Initiative, die sich sehr spannend anhört und den Segelsport nachhaltig beeinflussen könnte.

Die Live-Übertragung der Knock-Out-Rennen am Finaltag:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Star Sailors League: Wie ein Finnsegler die Star-Helden düpieren konnte – 24 Kilo abgenommen“

  1. avatar Chris Zeiser sagt:

    So inflationär benutzte Begriffe wie “bester Segler” der Welt oder “Formel 1 des Segelsports” zeigen ja eigentlich nur, dass unser Sport genau so diversifiziert wie für Landratten unverständlich ist. Eine näherungsweise zulässige Definition des “besten Seglers der Welt” würde ich noch für das noch nie erreichte Triple
    – Olympiasieger
    – VOR Gewinner
    – Americas Cup Sieger
    vergeben. Burling/Tuke waren am Ende des letzten VOR ja ganz knapp dran, das zu schaffen, aber ganz ehrlich … so jung wie die sind, ist da sicher noch was drin.

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