Sydney Hobart: “Wild Oats XI” verliert Line-Honour-Titel und Rekord nach “Comanche”-Protest

"Fair und angemessen"

Die Jury hat entschieden. “LDV Comanche” ist der Sieger beim Rolex Sydney Hobart Yacht Race. “Wild Oats XI” wurde für eine Regelverletzung kurz nach dem Start hart bestraft.

Der entscheidende Moment: “Wild Oats XI” versucht eine Lee-Wende zu platzieren, um eine Kontroll-Position einzunehmen. Aber bei der Wende hält sich Skipper Richards nicht ausreichend frei.

“Wir möchten Jim Cooney und seiner Crew zu ihrem Erfolg gratulieren”, sagt Sandy Oatley nach der Jury-Entscheidung, die für den “Wild Oats”-Eigner eine herbe Enttäuschung gewesen sein muss. Auch Skipper Mark Richards bemüht sich um eine sportliche Reaktion auf das ungewöhnliche Ende einer ereignisreichen Regatta: “Natürlich sind wir enttäuscht, aber die internationale Jury musste ihren Job machen. Sie sahen den Vorfall so wie sie ihn sahen – wir haben ihn ein wenig anders gesehen – aber so ist eben das Ergebnis, und wir müssen die Entscheidung akzeptieren.”

Zuvor hatte der Jury-Vorsitzende John Rountree erklärt, welche Fakten zugrunde lagen: “Wild Oats XI segelte mit Wind von Backbord und musste sich von LDV Comanche freihalten nach Regel 10. Wild Oats XI hielt sich dann während der Wende nicht frei nach Regel 13. LDV Comanche musste nach Regel 14 anluven, um eine Kollision zu verhindern, und hat es auch getan. Wild Oats XI hat dann die Segelanweisungen nicht beachtet und sich vor der Tonne Zulu nicht durch zwei Strafkreise entlastet. Anstelle einer Disqualifikation verhängen wir eine Zeitstrafe von einer Stunde.” 

Rekord aberkannt

Damit wird “Wild Oats XI” nicht mehr als schnellste Yacht im Ziel gewertet und bekommt auch den Rekord aberkannt. Stattdessen ist “LDV Comanche” der neue Line-Honours-Sieger und ebenso der Rekordhalter mit einem Tag 9 Stunden und 15 Minuten. Der Rückstand von 26 Minuten wurde durch die einstündige Zeitstrafe in einen Vorsprung von 34 Minuten verwandelt.

Comanche-Eigner Jim Cooney, der das Schiff erst im Dezember gekauft hat, sagt zu der Entscheidung: “Ich denke, die Jury hat fair und angemessen entschieden. Wenn man mit Yachten dieser Größe und diesen Kalibers umgeht, müssen sie auf der Elite-Ebene unseres Sports so geführt werden, dass man bei den herrschenden Bedingungen die Auswirkungen der Manöver in Betracht zieht. Ich bin davon überzeugt, dass es nicht der Fall war. Die Regeln sollen die Menschen und ihre Boote schützen, und wenn wir uns darauf nicht verlassen können ist das eine Schwierigkeit in unserem Sport.”

Cooney findet nicht, dass sein Sieg durch den Protest an Glanz verloren hat. “Bei diesem Rennen geht es darum, welche Leistung man selbst, die Crew und das Boot erbringt. Wir glauben, das Beste aus unseren Möglichkeiten gemacht zu haben, und der Sieg bestätigt die Leistung des Schiffes und die Vorbereitung der Crew.”

Sieg durch einen Fehler des Gegners

Der irisch-australische Eigner hätte noch sagen können, dass man so eigentlich nicht gewinnen möchte. Eine Entscheidung am grünen Tisch mindert das Glücksgefühl, das bei einem sportlichen Sieg zustande kommt. Schließlich hat Cooney nicht durch die eigene starke Leistung, sondern durch den Fehler des Gegners gewonnen.

Auf dem Wasser war “Comanche” langsamer als “Wild Oats XI”. Und es ist weniger überraschend, dass dem achtfachen Seriensieger auf der Zielgerade noch das Überholmanöver glückte, als dass er bei den Rekordbrecher-Bedingungen auf hoher See so nahe an der Glitsch-Maschine dran blieb. “Comanche” konnte sich nicht weit genug absetzen, um die häufig bekannt schwierigen letzten Meilen unter Land vor dem Hafen von Hobart souverän zu Ende zu bringen. Da half es auch nicht, dass America’s Cup-Sieger Jimmy Spithill am Steuer stand.

Dennoch ist die Entscheidung der Jury natürlich gerecht. Richards hat eine grobe Regelverletzung begangen, die bestraft werden muss. Und es ist schwer zu verstehen, warum der “Wild Oats”-Skipper nicht die Möglichkeit genutzt hat, sich mit der 720-Grad-Strafe zu entlasten. Sie hätte so wenig Zeit gekostet, dass der Sieg immer noch locker möglich war. Es gab schließlich sogar Video-Material an Bord von dem Vorfall, das Richards oder seine Crew hätte einsehen können.

Immerhin ist “Wild Oats XI” auch nach dem Urteil immer noch auf Rang zwei verblieben vor den beiden 100 Fußern “Black Jack” und “Infotrack”. Die Zeitstrafe von einer Stunde erscheint etwas willkürlich. Es dürfte für die Jury nicht einfach gewesen sein, das Maß zu bestimmen. Schließlich wäre auch eine fünfminütige Strafe möglich gewesen, die dann keine Auswirkung auf die Gesamtwertung gehabt hätte.

Aber die Botschaft ist klar: Regeln sind dazu da, Segelboote so weit voneinander entfernt zu halten, dass keine unmittelbare Kollisionsgefahr besteht. Bei 100 Fußern ist der in der in den Regeln je nach Bootstyp variierende Sicherheitsabstand deutlich weiter auszulegen, als beim Jollensegeln. Das dürfte nun auch der Wild-Oats-Skipper verstehen.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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6 Kommentare zu „Sydney Hobart: “Wild Oats XI” verliert Line-Honour-Titel und Rekord nach “Comanche”-Protest“

  1. avatar Christian sagt:

    Guter Beitrag von Carsten. Gerechte Strafe. Passt alles. Ausser dem Ruderbruch von Rockall. Schade für die Jungs.

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  2. avatar Christian Sch sagt:

    Der WOXI Skipper ist unter Druck. Als bezahlter Angestellter wird von ihm erwartet, dass er die schnellste Yacht mit der besten Crew versorgt und in regattafähigen Zustand hält.
    Zuerst schlägt der Blitz ein und die Teilnahme steht in Frage.
    Dann steht ein mittelmäßiger Steuermann am Ruder und versaut den Start. Als die WOXI Crew es schafft sich wieder zur Spitze vorzuarbeiten, verschätzen sich Taktiker und Steuermann und machen eine Crash-Wende zu spät. Es folgt die Überheblichkeit des Selbstbewusstseins und der Unfehlbarkeit, denn sonst hätte WOXI ihre 2 Kringel gemacht und sich nicht mit den Profis von Comanche angelegt. Was ich zwischen den Zeilen sage, scheinbar hat WOXI eine Amateur Crew (oder Skipper)

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  3. avatar T.B. sagt:

    Hallo Carsten!

    Ich finde auch, dass das Unterwenden hier zu hart war und gehe mit der Strafe mit.
    WOXI hätte sich ja zuidem noch entlasten können (und hätte evtl. dann trotzdem gewonnen).

    Aber mal aus Sicht des Regattaseglers (vom See) bzw. im Matchrace:

    War die Wende nicht (knapp) beendet?
    Muss sich dann nicht der Überholer (der Ausgebremste) freihalten?

    Nur mal so Deine Einschätzung
    Gruß
    T.B.

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    • avatar Sven 14Footer sagt:

      Hallo T.B.,
      wenn ein Boot Wegerecht erlangt (WOXI nach erfolgter, abgeschlossener Wende) muss es dem anderen Boot Raum und auch Reaktionszeit zum Freihalten geben. Nach erfolgter Wende von WOXI war Comanche schon so dicht, dass es das Luv Manöver schon eingeleitet hatte.

      Im Englischen hört sich das in Regel 15 so an:
      When a boat acquires right of way, she shall initially give the other boat room to keep clear

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  4. avatar Olli sagt:

    Ich meine es gab da mal einen gewaltigen Crash bei den Extreme 40. Da war (ich hoffe, dass ich mich richtig erinnere) die Aussage der Jury, dass die Reaktionszeit nach der abgeschlossenen Wende zu knapp war um eine Kollision zu verhindern. Damals habe ich die Entscheidung der Jury schwer nachvollziehen können.
    Man muss aber auch sagen, dass eine 720° Kringel ja auch ein Schuldeingeständnis gleichkommt. Marc Richards sah die Sache ja eher anders…
    Olli

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