The Ocean Race: Disney-Märchen wird wahr – Enright und Towell segeln “Hugo Boss”

Franzosen aufmischen

 

Bei Charlie Enright läuft’s. Der Amerikaner hat gerade erst das Fastnet Race mit dem Volvo 70 “Wizard” gewonnen, nun greift er zum dritten Mal das Ocean Race an. Zuvor hat er aber gute Chancen, die Franzosen in ihrem “Wohnzimmer” anzugreifen.

Wie wird man Profisegler? Der Weg ist schwer zu definieren. Vielleicht klappt das in Frankreich. Ansonsten helfen Olympiamedaillen, wenn man später mit dem Segelsport Geld verdienen möchte. Aber der Weg von Charlie Enright und Kumpel Mark Towell ist kaum zu duplizieren.

Die beiden Amerikaner waren Teil eines Filmprojektes von Disney. Firmenchef Roy Disney, der sich viele Jahre lang insbesondere mit Hasso Plattner auf dem Maxi-Rennkurs duellierte, hatte sich einen Dokumentarfilm über das Segeln gewünscht.

Star im Disney-Film

Daraus wurde “Morning Light”. 15 junge Möchtegern-Segel-Profis wurden aus 538 Bewerbern ausgewählt und bildeten ein Team, das die TP52 “Morning Light” beim Transpac-Rennen von San Francisco nach Hawaii bewegen sollte.

Aus diesem Projekt erwuchsen Charlie Enright und Mark Towill. Ihre Begeisterung für das professionelle Hochseesegeln war entfacht. Sie stellten ein Junioren-Team für das Volvo Ocean Race 2014-15 zusammen, und konnten den türkischen Sponsor Alvimedica von einem Investment überzeugen.

11th Hour Racing, Hugo Boss

Die ehemalige “Hugo Boss”, Vendée Zweite 2017, im neuen Gewand. © Amory Ross/11th Hour Racing

Platz fünf von sieben Teams bedeuteten ausreichend Reputation für ein neues Projekt – diesmal ausgerichtet auf den Sieg. Sie behielten ihren Onedesign-VO65, gewannen Vestas und 11th Hour Racing als Sponsoren und starteten fulminant in das nächste Volvo Ocean Race 2016-17. Nach drei Etappen und den Plätzen 1/3/3 belegten sie Rang zwei. Der Weg ganz nach oben schien frei.

Crash vor dem Ziel

Dann geschah das Unfassbare auf der 6000-Meilen-Etappe von Melbourne nach Hongkong. Auf Platz zwei liegend kollidierte “Vestas 11th Hour” kurz vor dem Ziel mit einem unbeleuchteten Fischerboot. Ein einheimisches Besatzungsmitglied verstarb.

Das Loch im Vestas-Rumpf nach der Kollision. Das Bugsegment muss ausgetauscht werden. © SCMP

Mark Towill stand in der Verantwortung, weil Charlie Enright wegen diese Etappe seines erkrankten Sohnes aussetzte. Aber beide Skipper hatten schwer unter dem Vorfall zu leiden. Unklar ist nach wie vor, warum Towill mit maximalem Speed durch die Dunkelheit raste, obwohl die Position im Rennen auch erlaubt hätte, vom Gas zu gehen.

Aber diese schwärzeste Stunde in ihrer beider Karrieren überstanden die beiden Freunde offenbar gut. Sie haben ein neues Projekt angekündigt, den Angriff auf das nächste um-die-Welt-Rennen mit Crew, das jetzt “The Ocean Race” heißt.

Dafür ist es ihnen gelungen, 11th Hour Racing, die Umwelt-Stiftung des langjährigen Google-Chefs Eric Schmidt mit einem noch größeren Engagement ins Boot zu holen als bisher. Das versetzte sie in die Lage, Alex Thomsons alte “Hugo Boss” zu kaufen, die als schnellste IMOCA der alten Generation gilt.

Doublehanded gegen die Franzosen

Damit wollen die beiden Amerikaner auch das Zweihandrennen Transat Jacques Vabre bestreiten, eine der weltweit wichtigsten Hochseeregatten dieser Saison. Sie treten gegen die besten Franzosen an, und sollten gute Chancen haben, ihnen Paroli zu bieten. 34 IMOCAs sind gemeldet

Allerdings werden bis dahin gleich sechs Boote der neuen Generation vom Stapel gelaufen sein, die auf für das Transat gemeldet haben. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie schon ihr maximales Potenzial erreichen können.

Die Flotte der neuen IMOCAs für die nächste Vendée Globe

Für die beiden Amerikaner, die schon seit zwei Monaten mit ihrem neuen IMOCA in Frankreich trainieren, geht es aber auch weniger darum, in die französische Shorthand-Szene aufzumischen. Sie wollen Erfahrung mit der neuen Klasse sammeln, mit der auch “The Ocean Race” 2021-22 bestritten wird.

Neubau für das Ocean Race?

Dafür gehören sie dann jetzt schon zu den Favoriten, wenn sie tatsächlich einen Neubau planen. Das wurde noch nicht angekündigt, aber es wäre ein logischer Schritt. Schon jetzt ist klar, dass ein IMOCA, der mit Crew auf dem Etappenkurs um die Welt vorne segeln will, anders aussehen muss, als die schnellsten 60 Fußer für die Vendée Globe.

Enright ist aber auf dem besten Weg, eine dominierende Rolle auf dem Hochsee-Rennkurs zu spielen. Er jubelt: “In den beiden früheren Kampagnen hatten wir noch nie den Luxus einer langfristigen Vorbereitung und Planung unseres Teams. Das ist nun anders.” Das Team ist zurzeit in Port-La-Forêt in der Bretagne. Am 18. Oktober wird es in Le Havre eintreffen für die finale Vorbereitung des Atlantikrennens.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „The Ocean Race: Disney-Märchen wird wahr – Enright und Towell segeln “Hugo Boss”“

  1. avatar Timo sagt:

    Eins muss man ihnen schon Mal lassen, sie haben es geschafft die einst aufregendste und vom Design eleganteste imoca unglaublich hässlich zu machen. Auf dem vordeck ist noch die alte Hugo Boss honeycomb livery zu sehen. Wirklich schade um das schöne Design.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

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