TJV IMOCA: Sechskampf an der Spitze – Positionierung vor der großen Flaute

Favorit unter Druck

Seit Tagen segelten Apivia, LinkedOut und Charal an der Transat-Jacques-Vabre-Spitze eng nebeneinander. Nun setzen sie auf unterschiedliche Wege. Der Querabstand ist auf 200 Meilen gewachsen. Die Verfolger schließen auf.

Romain Attanasio und Sebastien Marsset auf der ex Malizia. © Fortinet – Best Western

Bei der Transat Jacques Vabre Atlantikregatta, der ersten echten Revanche nach der Vendée Globe, mochte man einen einsamen Durchmarsch des großen Favoriten und VG-Zweiten Charlie Dalin befürchten. Sein Team hatte sofort nach der Weltumsegelung das Entwicklungsprogramm seiner zwei Jahre alten Apivia weitergeführt, dem IMOCA ein neues Paar Flügel verpasst und danach das Fastnet Race so überlegen gewonnen, dass Unschlagbarkeit vermutet werden konnte.

200 Meilen Split zwischen Apivia (gelb) und Charal (schwarz).

Tatsächlich setzte Dalin mit seinem Co-Skipper Meilhat den Höhenflug sofort nach dem Start der TJV mühelos fort. Nach einem Tag lag er schon 30 Meilen vorne, wurde in der ersten Flaute wieder eingeholt und lag zwei Tage später doch wieder fast 50 Meilen vorne.

Aber dann wechselten die Bedingungen zu einem reinen Vorwindkurs, auf dem die Tragflächen kaum eine Rolle spielen. Und seitdem ist nichts mehr von Überlegenheit zu spüren. Besonders das Schwesterschiff LinkedOut von Konstrukteur Verdier hält sich auf Augenhöhe. Thomas Ruyant schob sich zwischenzeitlich sogar vorbei. Auch Jérémy Beyou  mit Charal schloss auf und zog zeitweilig vorbei.

Der Kurs führt für die IMOCA tief in den Süden zweimal durch die Flautenzone.

Die vergangenen beiden Tage wurden eher zum Strategie-Dreikampf bei der Kanaren-Passage. Mit zahlreichen Halsen versuchten sich die Zweier-Crews Vorteile zu erabeiten. Am Sonntagabend änderte sich allerdings das Spiel. Jérémie Beyou und Co-Skipper Christopher Pratt verließen den Westkurs des Dreigestirns Richtung afrikanische Küste. Und die beiden Gegner folgten erst vier Stunden später. Apivia verholte sich sogar noch einmal gen Westen und nun liegen mehr als 200 Meilen zwischen den beiden Booten.

Samantha Davies hält vorne mit

Das Rennen ist in eine neue Phase eingetreten. Es geht weniger um schnelle Vorteile als um die Positionierung für den schnellste Kapverden-Passage und vielleicht auch schon in Bezug auf die Flauten-Passage der Doldrums, wo gerade schon die großen Trimarane festhängen.

Zweikampf zwischen LinkedOut und Charal:

Längst ist die erweiterte Spitzengruppe auf sechs Yachten angewachsen. Arkea Paprec und die neue 11th Hour haben sich auf 50 Meilen herangearbeitet. Und besonders die erstaunlich starke Sam Davies – mit dem einzigen Boot der älteren Generation – hält vorne mit. Wie sich der große Split zu Charal entwickelt, ist längst nicht klar. Beyou schien zuletzt viel Speed zu verlieren. Er hofft aber auf eine günstige Winddrehung.

Allerdings muss er auf der östlichen Route ziemlich aufpassen wegen des starken Seeverkehrs. Containerschiffe, kleine Frachter und Fischerboote sind dort unterwegs und nicht alle von ihnen benutzen AIS (Automatic Identification System).

Thomson von Davies beeindruckt

Alex Thomson kommt auf der Veranstalter-Website zu Wort. Er sagt zum Verlauf des Rennens: “Natürlich ist Apivia der Favorit. Aber ich bin angenehm überrascht, wie gut sich Thomas Ruyant und Morgan Lagraviere auf LinkedOut schlagen, sie haben sich offensichtlich verbessert, vor allem vor dem Wind. Jérémie Beyou ist meiner Meinung nach immer auf einem guten Weg.

 

Und es ist toll zu sehen, dass Sam Davies und Nico Lunven auf ihrem Boot, das eigentlich nicht so schnell sein soll wie die anderen, wirklich gut mithalten. Man darf nicht vergessen, dass auch sie ein neues Boot bekommt. Also werden wir in Zukunft eine sehr gefährliche Sam Davies sehen.”

Aber es gab schon durchaus Momente, in denen die Tragflächen auch trugen. Wie hier bei Sam Davies:

Ihr Mann Romain Attanasio dagegen kommt auf Boris Herrmanns ex Yacht noch nicht so richtig in Schwung. Zeitweise zeigte er das Potenzial und rangierte stark auf Rang zwei. Er verlor aber in der Biskaya-Flaute den Anschluss und müht sich nun, knapp 150 Meilen hinter seiner Frau, mit den älteren Foiler von Vendée-Globe-Sieger Yannick Bestaven und Giancalro Pedote Schritt zu halten.

Im Einfluss der kommenden, komplizierten Flautenzonen kann das Feld aber noch ziemlich durcheinanderwirbeln. Es bleibt spannend.

Boris Herrmanns ex “Malizia” vor dem Wind im VMG-Modus. Gut zu sehen, dass die Foils aktuell keine Rolle spielen, sondern eher bremsen:

Transat Jacques Vabre Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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