Transat Jacques Vabre: Charal verliert fast 400 Meilen in der Flaute – auch Herrmann leidet

In den Fängen der Flaute

 

 

 

Die Aktivitäten der Doldrums. © TJV

Drei Tage dauerte das Schlachtfest für “Charal”. 120 Meilen Vorsprung verwandelten sich in 289 Meilen Rückstand. Boris Herrmann ergeht es kaum besser. Immerhin ist Alex Thomson heil auf den Kapverden angekommen.

Man mag es sich kaum vorstellen, wie es war, an den vergangenen drei Tagen auf “Charal” zu sitzen. Jérémy Beyou und Christopher Pratt hatten dieses Rennen dominiert, wie man es nicht erwarten konnte. Der Speed stimmte, und die strategische Absicherung der Position war meisterlich.

Charlie Dahlin freut sich über einen hübschen Sonnenaufgang, wie über die hübsche Führung. © Apivia

Dazu einige stark getimte Halsen, um kleinste Winddreher mitzunehmen, und Ruckzuck lag der ärgste Verfolger “Apivia” 120 Meilen achteraus. Das Rennen war neun Tage alt, und es schien schon gelaufen. Klar, die Doldrums warteten, aber die Vorhersagen sahen nicht so aus, dass die Flautenzone dramatische Probleme bereiten sollte.

Apivia schon wieder im Flug-Modus:

Es kam anders. “Charal” knallte wie gegen eine Wand, blieb mit schlagenden Segeln in der Flaute hängen. “Apivia” hätte das gleiche Schicksal erleiden sollen. Sie folgten im Kielwasser. Aber dann luvten Charlie Dahlin und Yann Elies etwas an, steuerten einen östlicheren Kurs und blieben nie so richtig hängen.

An einem Tag machten sie unglaubliche 165 Meilen gut und übernahmen die Führung. Nach einem weiteren Tag legten sie noch einmal 100 Meilen drauf und lagen schließlich mit 138 Meilen vorne.

Der Rückstand von “Charal” wuchs weiter. Die Bilanz nach diesem “Schlachtfest” für den vom Fleischhersteller Charal gesponserten IMOCA inklusive dreitägiger Erkundung der Doldrums: 289 Meilen Rückstand zu “Apivia” und zwischenzeitlich Rang sechs.

Fenster offen für “Malizia”

Die offenbar in diesem Jahr schwer zu interpretierenden Aktivitäten der notorischen Flautenzone öffneten kurzzeitig auch ein Fenster für Boris Herrmann, der durch den frühen West-Abstecher arg ins Hintertreffen geraten war. Bei der Annäherung an die Doldrums konnte “Malizia” den Rückstand von maximal 470 Meilen auf 60 zu “Charal” verringern. Das gesamte Feld schob sich zusammen.

Boris Herrmann und Will Harris haben bei dieser Vendée Globe nicht viel zu lachen. © TJV

Aber Herrmann und Co-Skipper Will Harris rauschten fast auf der gleichen Spur der ehemals führenden “Charal” in die Flaute. Seite an Seite mit der aktuellen Vendée-Globe-Siegeryacht “Bureau Vallée” (ex “Banque Populaire”) parkte das Duo ein auf Rang 14. fast auf einer Linie mit zehn weiteren Yachten – einer Gruppe weiter westlich, eine in der Mitte mit “Malizia” und eine im Osten.

Ein großer Sprung im Ranking war möglich. Dann zog der Pulk im Ost davon, schließlich auch der im Westen, und in der Mitte blieb der Wind weiter aus. Eben noch hatte Samantha Davies mit ihrer “Initiatives Coer” gleichauf gelegen auf Rang 12, 24 Stunden später segelte sie fast 100 Meilen voraus auf Rang acht. Noch ärgerlicher – auch “Bureau Vallée” stahl sich aus einer Position in fast unmittelbarer Nähe davon und segelt nun 60 Meilen voraus.

Diese Regatta läuft wirklich unglücklich für Herrmann. Aufzuholen ist nicht mehr viel. Die Flotte segelt nun in den stabilen Südost-Winden, und es sind nur noch kleinere Verschiebungen möglich.

Entscheidung gefallen

An der Spitze ist das Rennen entschieden. “Apivia” rast mit 240 Meilen Vorsprung einem ungefährdeten Erfolg entgegen und wird Sonntag Nacht in Salvador de Bahia erwartet.

Dahinter wird aber noch mächtig gekämpft. Können Clarisse Cremer und Armel Le Cleac’h mit “Banque Populaire” (es SMA) mit dem einzigen Nicht-Foiler der Spitzengruppe Rang drei halten? Kann “Charal” noch von Rang fünf aus die 50 Meilen zur zweitplatzierten “PRB” gut machen? Und sollten etwa Thomas Ruyant und Antoine Koch mit “Advends” ihre unglaubliche Geschichte zu einem noch größeren Erfolg machen?

Die Beiden mussten ihren neuen Foiler schon nach neun Stunden mit Problemen am Autopilot-Zylinder in Cherbourg abstellen, das gesamte Feld vorbeiziehen lassen und dort entsprechend der Regeln vier Stunden parken. Die Spitzenboote zogen erst gut 130 Meilen davon und dann betrug der Rückstand 420 Meilen. Nun liegt “Advens” aber plötzlich auf Augenhöhe mit “Charal” und in Sichtweite einer Podium-Position.

Ebenso überraschend ist die Wettfahrt-Story von “Arkea Paprec”, die schon bei der Überführung zum Start die Backbord Tragfläche abgebrochen hatte. Das spannende neue Kouyoumdjian-Design segelt die TJV mit nur einem Foil und kann auf Rang sieben ebenfalls noch einen Treppchen-Platz erreichen.

Die langen Strecken unter der portugiesischen Küste mit Wind genau von achtern machten sie trotz fehlendem Flügel konkurrenzfähig. Und nun können  Sebastien Simon und Vincent Riou im Südost-Passat voll auf die Kraft ihres intakten Steuerbord-Foils setzen. Ob die drei neuen Foiler die drei vor ihn liegenden IMOCAs der älteren Generation noch überholen?

Tracker Transat Jacques Vabre

Alex Thomson und Neal McDonald sind auf den Kapverden angekommen. © ATR

Alex Thomson und Neal McDonald sehen sich das Schauspiel aus großer Entfernung an, und können sich auf ihrer “Hugo Boss” nun auch wieder entspannen. Denn sie haben sicher die Kapverden erreicht. Was für ein Nervenspiel es war, das Schiff ohne Kiel vor dem Kentern zu bewahren, und wie sie ohne die Lateralfläche eine Abdrift von bis zu 30 Grad bewerkstelligten, erzählen sie im Onboard-Video:

Bei der Ankunft sagte Thomson: “Es war für uns beide eine ziemlich beängstigende Erfahrung und wir sind sehr froh, mit dem Team sicher an Land zu sein. Nun geht es darum, das Boot aus dem Wasser zu heben, um den Schaden zu überprüfen. Wir werden das Boot dann zurück nach England bringen, damit wir mit den notwendigen Reparaturarbeiten beginnen können, um so schnell wie möglich wieder auf das Wasser zu gelangen.

Das ist natürlich ein Rückschlag, aber wir werden alles tun, um die Zeit wieder aufzuholen voranzukommen. Was unser Ziel betrifft, den Sieg bei der Vendée Globe 2020-21 – daran ändert sich  Nichts. Das bleibt der einzige Fokus unseres Teams”.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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