Transat Jacques Vabre: Warum der neue “Apivia”-Foiler gewonnen hat – Fotofinish um Platz 2

"Wir hatten wirklich Glück"

Charlie Dalin und Yann Eliès und haben auf ihrer “Apivia” überlegen die Transat Jacques Vabre gewonnen.  Sie brachten 15 Stunden Vorsprung ins Ziel. Für den Co-Skipper wartet eine besondere Belohnung.

Yann Eliès (l.) und Charlie Dalin feiern ihren Sieg mit der neuen “Apivia”. © Jean-Marie Liot/Alea

“Wir hatten wirklich Glück in den Doldrums”, sagt Charlie Dalin (35) nach seinem überragenden Sieg mit Yann Eliès (45), und es klingt demütig und mitfühlend besonders gegenüber den arg gebeutelten Konkurrenten auf “Charal”, die fast drei Tage in der Flaute lagen.

Auf Anhieb schnell – mit den Flangen Foils der neuesten Generation. Neubau “Apivia” holt ihren ersten Titel mit 15 Stunden Vorsprung. © Apivia

“Es war ein perfektes Timing.  Wir konnten an den Wetterdaten erkennen, wie sich die Wolken mit den Flautenzonen von Osten näherten, und wir schafften es immer knapp, ihnen zu entgehen. Wir segelten mit 10-14 Knoten, und die Flaute bewegte sich nach Süden.

Die anderen Boote trieben mit der Flaute nach Süden. Wir konnten uns 36 Stunden lang südlich der Flaute positionieren. Das war wirklich erstaunlich, ich werde es  nie vergessen – wir haben uns die ganze Zeit vorwärts bewegt und segelten vielleicht nur eine oder zwei Seemeilen vor der nach Süden drängenden Flaute.”

Tracker Informationen machen den Unterschied aus

Es war aber offenbar nicht nur Glück. Ein besonderes Feature dieser Transat Jacques Vabre Regatta half beim Überholmanöver. Im Unterschied zu anderen Langstreckennrennen werden die Positionen bei der TJV für alle sichtbar öfter aktualisiert, das heißt im stündlichen Rhythmus. Dadurch konnte das “Apivia” Duo erkennen, wie “Charal” voraus von der Flaute stoppte. Es schlug selber einen östlicheren Kurs ein.”

“Ja, das spielte in diesem Fall eine Rolle,” gibt Dalin zu. Aber eigentlich helfe das “zu 90 Prozent” normalerweise dem Führenden mehr als den Verfolgern. Er könne von der Spitze aus besser auf die Angriffe reagieren.

Den Speed im direkten Zweikampf mit seit einem Jahr optimierten “Charal” konnte “Apivia” nicht immer halten. Im Video zeigten Dalin und Eliès wie der Gegner vorbeiflog:

Manchmal segelte “Charal” fast drei Knoten schneller. Man habe da noch nicht richtig gegenhalten können, sagt Dalin. Aber er hält das Potenzial seines Schiffes auch erst zu 20 Prozent ausgeschöpft. Es sei aber auch nicht für Höchstgeschwindigkeiten konzipiert, sondern auf einen hohen Durchschnitt-Speed ausgerichtet. 

“Man braucht ein vielseitiges Boot. Das gilt beim Zweihandsegeln, aber noch mehr für das Einhandsegeln, weil man nicht so viel trimmen kann. Man muss ohne viel Mühe akzeptable Geschwindigkeiten erreichen, und das funktioniert mit Apivia ganz gut. Mit der Zeit werden wir in der Lage sein, früher auf die Foils zu kommen – auch bei stärkerem Wellengang und anderen Windwinkeln.”

Sieg spielt besonders Eliès in die Karten

Diese Boote verhalten sich eher wie Mehrrumpfboote. “Wenn der Wind zunimmt, beschleunigt das Schiff sofort und wenn man zu viele Segelfläche gesetzt hat, neigt es zum ‘Stecker’ mit dem Bug in die nächste Welle. Es ist eben nicht wie bei einem normalen Einrumpfboot, bei dem das Boot einfach krängt, wenn der Winddruck zu groß wird, aber dabei eben nicht beschleunigt.”

Dalin zollt insbesondere seinem zehn Jahre älteren Co-Skipper Yann Eliès Respekt, dem dreimaligen Figaro-Sieger, der 2017 die TJV mit Jean-Pierre Dick gewonnen hat. “Er ist ein wichtiger Teil unseres Erfolges. Ich habe von ihm viel über Manöver, den Trimm und das richtige Tempo gelernt. Gerade in Bezug darauf, wie oft man die Segel wechselt und wie lange es noch akzeptabel ist, mit den falschen Segeln zu segeln. Man kann bei einem IMOCA nicht so oft wechseln, weil Manöver zeit- und energieaufwendig sind. Es ist eine Kunst, den richtigen Rhythmus zu finden, mit dem man auf die sich ändernden Bedingungen reagiert.”

Eliès war dabei besonders motiviert, denn kurz vor dem Start der TJV gab er bekannt, dass er sich als 37. und letzter Teilnehmer bei der Vendée Globe im nächsten Jahr einen Startplatz gesichert hat. Er will sogar ein neues Boot bauen. Wie das finanziert werden soll, ist noch nicht klar. Aber der Sieg mit “Apivia” dürfte seinen Plänen neuen Schub verleihen. Möglicherweise lässt er ein Schwesterschiff bauen.

Es ist allerdings klar, dass die Zeit extrem knapp wird. Selbst wenn er für den Neubau eine bestehende Form benutzt, und schon damit begonnen wurde, dauert es mindestens sieben Monate bis zur Fertigstellung. Und bis zum 1. Juli muss er noch 2000 Qualifikationsmeilen damit segeln.

Platz zwei mit “alter Kiste”

Dass es nicht unbedingt ein Neubau sein muss, um gute Ergebnisse in der IMOCA-Flotte zu erzielen, haben Kévin Escoffier und Nicolas Lunven bei der TJV gezeigt. Ihre neun Jahre alte “PRB” galt in den Händen von Vincent Riou viele Jahre als schnellster IMOCA ohne Tragflächen. Bei der Vendée Globe 2016 segelte Riou lange in der Spitzengruppe bis er schließlich wegen eines Kiel-Schadens aufgeben musste.

IMOCA Top Ten bei der TJV 2019

Im Juli 2018 wurden Foils nachgerüstet und schließlich diente “PRB” Sébastien Simon in der Saison 2019 als Trainingsboot, während er auf die Fertiggstellung seiner neuen “Arkea Paprec” wartete, mit der er aktuell auf Platz neun segelte – gehandicapt nach einem Foil-Schaden vor der Regatta.

Mit Volvo Ocean Race Erfahrung auf Platz zwei

Für die TJV übernahm der neue Skipper Kévin Escoffier, und der segelte mit Nicolas Lunven überragend auf Rang zwei. Dabei zehrten beide auch von ihrer Volvo Ocean Race-Erfahrung. Escoffier siegte zuletzt mit “Dongfeng”, Lunven war Navigator bei “Turn The Tides on Plastic”. Lunven war zuvor in gleicher Position 2014 bei Mapfre gefeuert worden.

Sie segelten ein kontrolliertes Rennen in der Spitzengruppe, immer in den Top Fünf positioniert, und nutzen die Doldrums und den Zielsprint, um die Konkurrenz der Foiler-Neubauten in Schach zu halten.

Lange hielten sich Clarisse Cremer und Armel Le Cleac’h (Banque Populaire) an der Seite und spielten ohne Tragflchen ihre Stärke bei den langen Vorwindstrecken und in der Flautenzone aus. Bei Backstagbrise auf den letzten Meilen zum Ziel hatten sie aber keine Chance gegen die Flieger und fielen auf Platz sechs zurück.

Sechs Minuten fehlten

“PRB” dagegen konnte sogar den Platz gegenüber “Charal” knapp halten. Überflieger Beyou machte allerdings den 60 Meilen Rückstand nach dem Doldrum-Desaster in zweieinhalb Tagen wett, und bestätigte, dass er auf dem zurzeit schnellsten Schiff der Flotte segelt. Aber als der Wind kurz vor dem Ziel auf sechs bis acht Knoten absackte, konnten “Charal” ihre Stärke nicht mehr ausspielen. Am Ende fehlten sechs Minuten und 18 Sekunden.

Bemerkenswert ist auch der vierte Platz vom dritten neuen Foiler “Advens for Cybersecurity”. Thomas Ruyant und Antoine Koch hatten gleich zu Beginn der Regatta einen Pit-Stopp einlegen müssen mit einem Schaden am Autopiloten und waren dem Feld hinterher gerast.

Nach den Doldrums lagen sie noch auf Rang sieben nahezu gleichauf mit “Charal”. Dann hob sie der Südostwind aber auf die Flügel und sie schoss an der älteren Konkurrenz vorbei , zu der auch die vom Amerikaner Enright stark gesegelte “11th hour” gehört, die ehemalige “Hugo Boss”.

Alex Thomson verliert viel Zeit

Am Anfang zeigte nur Alex Thomson im heimischen Kanal, dass seine neue “Hugo Boss”  vielleicht gegen den Charal-Speed gewappnet sein könnte. Es wäre spannend gewesen, wie das neue schwarze Schiff auch bei den Vorwind- und Doldrum-Bedingungen gegen die Konkurrenz ausgesehen hätte. Da war es verwunderlich, dass sich die Briten – trotz Segelschadens – so früh und so weit strategisch von der Konkurrenz entfernten.

Die Leistung, 800 Meilen ohne Kiel zu den Kapverden zu bewältigen, war stark. Und Gott sei Dank ist das Schiff nicht gekentert. Aber für das Projekt Vendée-Globe-Sieg ist er Verlust des Kiels wenig hilfreich. Zumal Strukturen des Rumpfes wie auch die Foils beschädigt sein können.

Auf jeden Fall geht Zeit verloren, die für die Optimierung der Yach eingeplant war . Immerhin haben die ersten Rennmeilen gezeigt, dass die Konstruktion zumindest bei perfekten Foil-Bedingungen so stark sein kann, wie erhofft. Und Thomson hat immer wieder gezeigt, dass er mit solchen Situationen bestens umgehen kann.

Nach 800 Meilen ohne Kiel. Alex Thomson taucht im Hafen von Sao Vincente auf den Kapverden, um sich den Schaden anzusehen.© ATR

Transat Jacques Vabre Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Transat Jacques Vabre: Warum der neue “Apivia”-Foiler gewonnen hat – Fotofinish um Platz 2“

  1. avatar Thomas sagt:

    “Aber er hält das Potenzial seines Schiffes auch erst zu 20 Prozent ausgeschöpft.” dann geht’s bald an die 100kn?

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  2. avatar eku sagt:

    Is nur ne Frage und soll niemanden ärgern ..
    Der Kurs von “Advens for ..” in der Zielannäherung kommt mir etwas schräg vor.
    Dachte erst, dass es sich um gps Ungenauigkeiten handelt, aber es ist das einzige Boot, welches den “scheinbaren” Wegepunkt links liegen lässt.
    Weiß da jemand eine plausible Erklärung?
    (ein falschen Chartdatum im Receiver könnte mE einen solchen Versatz bewerkstelligen, aber geht das überhaupt?)

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