Transatlantic Race: Zweiter Start mit deutscher “Outsider” – SR Interview mit Jungblut/Teichmann

„Klar wollen wir gewinnen!“

Transatlantic Race, Outsider, Interview

Die “Outsider” gilt als Favorit in ihrer Klasse und führt derzeit bereits. © transatlantic race

Um 14 Uhr Ortszeit wurde gestern vor Newport/ Rhode Island der Startschuss zum Langstrecken-Klassiker des „Transatlantic Race“ nach Lizard Point in England gegeben. SR war vor Ort und sprach mit der Crew des deutschen Mitfavoriten „Outsider“, eine Elliot 52 des Kieler Unternehmers Tilmar Hansen.

Ohrenbetäubendes Donnern und Gewitterblitze. Dazu dichte Wolken, monsunartiger Regen und schwere Windwalzen. Als das schwere Unwetter heute Morgen über Newport in Rhode Island zog, sah es nach allem anderen als einem phantastischen Start zum Transatlantik Rennen von Newport nach Lizard Point in Südengland aus. Aber Neptun hatte ein Einsehen: Als die 21 Yachten um 14.00 Uhr vor dem Castle Hill zum zweiten Start (die ersten Yachten wurden bereits Sonntag auf den Weg geschickt, die letzte Gruppe folgt am nächsten Sonntag, den 5. Juli) der renommierten Regatta des New Yorker Yachtclubs angeschossen wurden, herrschte Kaiserwetter und Hunderte von segelbegeisterten Zuschauer genossen das Segelspektakel vom felsigen Ufer aus. Sie bekamen eine heiße Vorstartphase bei gut 20 Knoten Wind unter blauem Himmel zu sehen.

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Die Elliot52 “Outsider” kurz nach dem Start © Stumm

Alle vier Jahre findet die traditionsreiche Regatta statt, aber mit dem 200-jährigen Jubiläum der Royal Yacht Squadron war der diesjährige Anlass denn doch etwas Besonderes. Insgesamt werden 38 Yachten unterschiedlicher Klassen den Atlantik queren, um zu den Feierlichkeiten in England anzureisen. Zum zweiten Mal seit 2007 ist auch die deutsche Rennyacht „Outsider“ des Kieler Unternehmers und passionierten Regatta-Seglers Tilmar Hansen dabei . Hinnerk Stumm war für Segelreporter vor Ort an Bord der Elliot 52, um mit Taktiker Thomas Jungblut und Vorschiffsmann Bo Teichmann noch einmal über Taktik und den Reiz des Langstrecken-Klassikers zu sprechen. Zumindest in ihrer Klasse gilt „Outsider“ als Favorit.

SR: Bo, heute Mittag um 14.00 Uhr ist der Start für Euch. Es wird rund 3.000 Seemeilen über den Nordatlantik bis nach Lizard Point gehen. Wie viele Tage werdet Ihr voraussichtlich brauchen, beziehungsweise: Was wäre ein gutes Etmal?

Bo Teichmann: Der Wetterbericht sieht momentan auch langfristig gut für uns aus. Für die 2.950 Seemeilen sagt das Routing neun bis neuneinhalb Tage voraus. Das entspricht einem Etmal von 310, vielleicht 320 Seemeilen pro Tag.

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Als erstes Boot an der Startlinie © Stumm

SR: Eure Yacht „Outsider“ von Tilmar Hansen ist eine mittlerweile neun Jahre alte Elliot 52, – eine Renn-Yacht, gebaut vor allem für den schnellen Surf im Reachgang. Welche Chancen hat das Boot in eurer Gruppe von 5 Yachten? Oder: Was ist euer Ziel für die Ankunft in Cowes?

Thomas Jungblut: Unser klar anvisiertes Ziel ist der Sieg in unserer Gruppe IRC 2 Race. Aber gegenüber dem ersten Start am Sonntag (28.6.) und dem dritten Start am kommenden Sonntag (5.7.), in dem auch Rambler und Comanche starten werden, haben wir das beste Wetterfenster. Es sieht momentan alles nach raumen Reachgängen aus, wie gemacht für „Outsider“, so dass auch ein Gesamtsieg drin sein könnte. Aber mit dem Wetter ist es ja bekanntlich so eine Sache. Abgerechnet wird zum Schluss.

SR: Die West-Ostroute liegt weit nördlicher und gilt als stürmischer oder wechselhafter als die umgekehrte Passatroute entlang des Äquators. Wie habt ihr euch auf den langen Schlag vorbereitet?

Bo Teichmann: Wir haben ein Sicherheitstraining absolviert und das Boot technisch gut vorbereitet. Unsere Crew ist aber auch erfahren genug. In der Tat sind die Eisberge in diesem Jahr ungewöhnlich weit nach Süden gedriftet, so dass ein nördliches Routing schon sicherheitstechnisch gar nicht sinnvoll ist. Aber der Wetterbericht sieht sowieso nach einem anfänglichen Schlag Richtung Süden aus.

SR: Das Boot ist nicht eben hochbordig und unter Deck quasi nackt. Kälte, Nässe und Müdigkeit werden über Tage ein treuer Begleiter im spartanischen Bordalltag sein. Inwieweit spielt die Psyche beim Langstreckensegeln eine Rolle?

Bo Teichmann: Eine sehr große. Gute Stimmung an Bord zu behalten ist unter den widrigen Bedingungen sehr wichtig. Nur als Team können wir eine optimale Leistung abrufen.

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Und durchgesetzt! © stumm

SR: Kann man den Faktor Psyche trainieren? Wie verhindert man als Crew Streit unter Stress?

Thomas Jungblut: Da gibt es viele kleine Maßnahmen: Wir werden zwei warme Mahlzeiten am Tag nehmen. Wichtig ist, das Boot trocken zu halten. So teilen unsere zwei Wachteams beispielsweise die Schlafsäcke: Es liegt weniger herum und der Nachfolgende steigt in einen warmen Sack. Grundsätzlich muss man positiv denken; auch, wenn es mal nicht so läuft. Sollte es kleinere Meinungsverschiedenheiten geben, müssen sie von Anfang an ausdiskutiert, beziehungsweise geklärt werden, um sie im Keim zu ersticken.

SR: Gibt es zwei autarke Teams, die im Wechsel das Boot eintrimmen und segeln oder tauscht Ihr innerhalb der Crew tagsüber auch mal durch?

Bo Teichmann: Nein, wir segeln in zwei Vierer-Teams, die sich ablösen. Das eine wird von Thomas (Jungblut) angeführt, das andere von unserem Polen Tom Baranowski. Innerhalb der Teams zu wechseln macht keinen Sinn, da grundsätzlich jeder seine klare Position an Bord hat. Nur unser Navigator (A. Achner) und Eigner (T. Hansen) sind vom Wachsystem befreit.

SR: Eine These: Bei einer Langstrecken-Regatta über den Atlantik braucht es vor allem gute Steuerleute, denn schnelle Manöver spielen auf der großen Gesamtdistanz kaum eine Rolle – es sind zu wenige, als dass sie ins Gewicht fallen würden.

Bo Teichmann: Das würde ich so unterschreiben. Es werden alle mal das Boot steuern, denn länger als eine bis anderthalb Stunden kann man sich gar nicht konzentrieren, wenn es gilt, das Boot auf dem optimalen Speed zu halten.

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Tilmar Hansen mit Team auf seiner Outsider © stumm

SR: Natürlich wird auch die richtige Taktik eine Rolle spielen. Wer ist dafür bei Euch verantwortlich?

Bo: Für die Taktik sind der erfahrene Thomas Jungblut und unser Navigator Andreas Achner zuständig.

SR: Auch, wenn Ihr vorab keine Details verraten sollt: Was unterscheidet eine Langstrecken-Taktik von der einer Tageswettfahrt im Up and down?

Bo: Ein hohes Averaging, also eine hohe Durchschnittsgeschwindigkeit sind auf einer Langstrecke von knapp 3.000 Seemeilen entscheidender als der ständig maximale Topspeed. Denn sowohl Segel wie Mannschaft müssen diese lange Distanz durchhalten. Es gilt auch Energie zu sparen und Segel zu schonen, wenn es sinnvoll ist.

SR: Wer übernimmt denn das Wetter-Routing für „Outsider“? Momentan scheint etwas südlich der direkten Route mehr Wind zu stehen. Inwieweit nimmt man Umwege für mehr Speed in Kauf?

Thomas Jungblut: Andreas ist für das Wetterrouting an Bord verantwortlich. Von außen bekommen wir einen Wetterbericht von Dr. Meeno Schrader von Wetterwelt. Aber Meeno darf uns nur einen Wetterbericht schicken, jedoch keine Routingempfehlungen aussprechen.

Bo Teichmann: Gewisse Umwege werden auf der Route in Kauf genommen. Aber das ist ein Vabanque-Spiel. Auf der Gesamtstrecke von 2.950 Seemeilen werden wir sicher nicht mehr als 50 bis 70 Seemeilen Umweg in Kauf nehmen. Da der Wind anfangs südlich etwas stärker und besser in der Richtung weht, werden wir vermutlich mit einer südlichen Banane starten.

SR: Männer, wir wünschen Euch eine erfolgreiche, schnelle Überfahrt ohne Schäden für Crew und Boot und freuen uns, unterwegs von Bord von Euch zu hören. Danke!

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Obwohl noch ein paar Tausend Seemeilen vor ihnen liegen – gekämpft wird von Anfang an auf der “Outsider” © stumm

 

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Hinnerk Stumm

... segelt seit Kindertagen, von Jolle bis Dickschiff. Sein Motto: „Segeln ist letztlich völlig überbewertet!“ Weiteres ...
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