Unglück: Wie der neue 32-Meter-Trimaran Banque Populaire kenterte – Armel Le Cleac’h erklärt

Kurz hingelegt

Das zurzeit vermutlich schnellste Boot unter Segeln, der Trimaran “Banque Populaire IX”, ist am Wochenende vor der Küste von Marokko gekentert und schwer beschädigt. Der Skipper hat eine simple aber nicht gerade beruhigende Erklärung.

Vendée Globe-Sieger Armel Le Cleac’h hat mit seinem neuen Ultime Trimaran auf dem Weg zum Offshore-Dominator einen schweren Rückschlag erlitten. Sein radikaler Foiler-Multihull ist auf einer der ersten längeren Shorthand-Testfahrten am Samstag gekentert.

Die drei Männer an Bord, Skipper Le Cleac’h, der Technische Direktor Pierre-Emmanuel Hérissé und ein Kameramann sind per Helikopter abgeborgen und nach Casablanca geflogen worden. Das Shore Team erreichte mit zwei Tauchern und drei  Technikern das durchgekenterte Boot am Sonntag und es versucht nun vorsichtig, den umgedrehten Trimaran per Schlepper zur größten Stadt in Marokko zu bringen. Es gelang nur, Teile des gebrochenen Profil-Mastes zu sichern. Le Cleac’h hofft, dass sein Tri im Schlepp nicht auseinander bricht.

"Banque Populaire XI"

Der neue Foiler-Trimaran “Banque Populaire XI” im Flugmodus. © BPCE

Der Einhand-Spezialist, der sich mit dem Neubau auf die ultimative nonstop-um-die-Welt-Regatta Ende Dezember 2019 vorbereitet, versucht, die Kenterung zu erklären:

Dienstag war er in Lorient gestartet, um einen wichtigen Einhand-Langfahrt-Test vor dem Höhepunkt in dieser Saison, der Route du Rhum über den Atlantik zu absolvieren. Er segelte entlang der portugiesischen Küste Richtung Cadiz, um dort Mitsegler für weitere Tests aufzunehmen.

“Plötzlich hob sich das Boot an…”

“Zum Zeitpunkt des Vorfalls wehte es mit 18 bis 20 Knoten, und der Seegang hatte sich  nach starken Winden bei den Kanaren relativ hoch aufgebaut.” Die Besegelung bestand aus dem einfach gerefften Groß und kleiner Fock. Die Vorhersagen hätten abnehmende Winde versprochen und es habe keine Zeichen von einem stärker werdenden Wind gegeben. 

“Wir befanden uns in der Nacht zu dritt unter Deck und ich hatte mich für einen fünfminütigen Kurzschlaf in einem der Außenrümpfe hingelegt. Plötzlich hob sich das Boot in einer Böe an. Ich hatte keine Zeit rauszukommen. Ich fierte das Großsegel, aber das reichte nicht aus. Alles passierte sehr schnell; das Boot kippte auf die Seite. Wasser floss in die Kajüte. Pierre-Emmanuel rief mich. Wir konnten uns aus den verschiedenen Rümpfen hören. Ich schaffte es, in den Mittelrumpf zu kommen, und befand mich dort mit den anderen in Sicherheit.”

Gott sei Dank habe sich niemand verletzt, und es kam schnell eine Antwort auf den ausgelösten Notruf. Die Sicherheitsausrüstung war griffbereit, und per Mobiltelefon aus dem wasserdichten Sack gelang der Kontakt zum Direktor des Banque Populaire Teams.

Eine plötzliche Böe

Zwei Stunden später sei ein Frachter in dem Gebiet angekommen und Le Cleac’h sprach mit dem Kapitän. In der Nacht sei eine Bergung aber nicht möglich gewesen. Schließlich sei am nächsten Tag gegen Mittag ein Hubschauber der marokkanischen Marine aus Casablanca eingetroffen und habe die Crew ohne Probleme geborgen.

Für den Skipper ist die Kenterung ein Rätsel. “Die Bedingungen waren kontrollierbar. Wir haben zuvor schon häufiger bei Wind und Wellen gesegelt, die härter und herausfordernder waren. Alles änderte sich in ein paar Sekunden. Ich glaube, das muss eine plötzliche Böe gewesen sein.” – Was ja nun nicht gerade eine beruhigende Erklärung für die Handhabung eines solch radikalen Neubaus ist.

Die Rümpfe und Beams sollen intakt gewesen sein, als die drei Männer das Boot verließen. Aber der Mast war in mehrere Teile zerbrochen. Jetzt gehe es darum, das Schiff in kürzester Zeit in Sicherheit zu bringen. Es gehe darum alles möglich zu machen, um im November die Route du Rhum noch zu ermöglichen. Dabei soll es zum ersten spannenden Duell mit seinem Widersacher und Einhand-Weltrekordler Francois Gabart und dessen Macif kommen.

Zu sicher gefühlt?

Dieser Vorfall dürfte das Vertrauen in die Technik nicht gerade stärken. Gabart hat es geschafft, mit einem vergleichsweise konservativen Design-Ansatz in Rekordzeit alleine um die Welt zu segeln – falls man das von einem Einhand-Segler auf einem 100 Fußer überhaupt sagen darf. Aber nun besteht der nächste logische Schritt darin, die Foiler-Technik auf hoher See beherrschbar zu machen. Die Konstrukteure fühlten sich schon sicher, diese Herausforderung meistern zu können, und “Banque Populaire XI” ist der zurzeit radikalste Versuch, diesen Entwicklungsschritt zu gehen.

Auch ein Francois Gabart ist davon überzeugt, dass er diesen Weg gehen muss. Er darf sich nun auch einen echten 100-Fuß-Foiler bauen, wie ihn Seb Josse schon zur Verfügung hat. Und auch Thomas Coville bekommt ein neues Spielzeug auf Flügeln.

Nach dieser Kenterung von Armel Le Cleach’h werden die Konstrukteure der großen Rennmaschinen aber nicht gerade ruhiger schlafen. Ob es vielleicht doch noch einige Zeit dauern wird, bis diese Technik von einem einzigen Menschen an Bord beherrscht werden kann?

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Carsten Kemmling

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16 Kommentare zu „Unglück: Wie der neue 32-Meter-Trimaran Banque Populaire kenterte – Armel Le Cleac’h erklärt“

  1. avatar Jonas sagt:

    Irgendwie habe ich nicht verstanden inwieweit jetzt die Foilertechnik an der Nichtbeherrschbarkeit Schuld sein soll. Das diese Tris und Katamarane kentern können war ja auch ohne Foiler so. In welchem konkreten Zusammenhang wird also die Frage aufgeworfen, ob die Foilertechnik von einem Menschen beherrschbar ist?

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  2. avatar Christian sagt:

    Jonas, da gibt es auch nichts zu verstehen, denn eine Kenterung nach Lee in einer Bö hat mit Foilen an sich nichts zu tun. Sondern mit zuviel Segelfläche, mit genereller Übertakelung, mit geringem Rumpfgewicht und vor allem mit zu spätem Fieren.

    Bei allen Kenterungen großer Multihulls in den letzten Jahren war es so, dass entweder das Groß zu spät bzw. nicht ausreichend gefiert wurde oder das Groß fieren angesichts der riesigen Flügelmasten und großer Vorsegel nicht gereicht hat. Ob eine unerwartete Bö nun einfach Pech ist oder nicht, sei dahingestellt.

    Heutige Rekordjäger-Multihulls sind konstruktiv am bzw.. überm Limit, und das Foilen ist nur ein Aspekt davon. Mag sein, dass es beim Überschlag nach vorne eine Rolle spielt, aber nicht bei einer klassichen Leekenterung. Foilen an sich stellt die Segelwelt nicht auf den Kopf, das wird massiv überbewertet. Gute alte Seemannschaft wie z.B. Segel fieren können ist auch dort das Maß der Dinge.

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  3. avatar Jonas sagt:

    D’accord. Dann ist die Frage in dem Artikel also nicht so relevant. So nen Katamaran hab ich auch schon ein gutes Dutzend mal ne Lee gekentert, ganz ohne Foils. Lag natürlich an unerwarteten Böen und nicht an mir 🙂

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  4. avatar Jorgo sagt:

    Es könnte theoretisch aber dennoch mit den Foils zu tun haben ….. so früh würde ich persönlich (mit etwas Foil-Erfahrung) mich da nicht festlegen wollen.
    Foils erzeugen mitunter zum Teil rasante Beschleunigung (dafür sind sie ja da!) Beim “idealen” Folien erhöht sich dann logischerweise mit der Geschwindigkeit ganz schlagartig auch der Winddruck im Rigg. …. und überschreitet dann eine physische Grenze – wie in diesem Fall offensichtlich geschehen.
    Ich bezweifle dass diese dynamischen Schiffe ohne jederzeit 100% Aufmerksamkeit sicher gesegelt werden können.
    Drei Mann Besatzung gleichzeitig im Halbschlaf, davon ein Kameramann (mutmaßlich nicht Vollprofisegler mit Foil-Erfahrung). Vllt. hat Carsten mit seiner Vermutung doch nicht so unrecht?

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    • avatar Christian sagt:

      Jonas, die grossen Kats segeln auch ohne Foils so schnell, dass der scheinbare Wind immer sehr kräftig ist und vorlich einfällt. Das allein ist beim Kentern nicht das Problem. Eher dass diese Rennmaschinen federleicht sind und damit hochsensibel reagieren. Mit oder ohne Foils spielt dabei nicht die entscheidende Rolle.

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    • avatar Christian sagt:

      Jorgo, so ein Riesenkat segelt und foilt doch sehr anders als ein A-Cat oder eine Motte. Bei denen ist die Dynamik extrem, das stimmt schon. Bei den grossen Kats sind es mehr die unbeherrschbaren Dimensionen und Kräfte, die Kenterungen verursachen. Wenn der Notknopf für die (hydraulische) Grosschot mit ihren riesigen Kräften so weit weg ist, dass du nicht immer binnen Sekunden drankommst, haben auch die Cracks keine Chance.

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      • avatar ChrisL sagt:

        Christian, die Trimarane (MACIF, Banque Pop, etc.) haben alle das “Upside Up” System an Bord.
        Das sind Curryklemmen mit einem magnetisch kontrollierten Bolzen dahinter.
        Ein Computer überwacht den Krängungswinkel und “schießt” bei Bedarf die Großschot (und ggf. weitere Schoten) aus den Klemmen damit die Segel ausrauschen.

        Problem ist aber, dass die Leine ca. 5-6 Mal um die Winsch laufen muss damit die Klemme die Last aufnehmen kann. Da kann es dann beim Ausrauschen passieren, dass es zu Kinken kommt und schon geht das Fieren nicht mehr schnell genug.
        Problematisch ist auch, dass z.B. bei MACIF das dichtholen aller ausgerauschten Segel gern mal 30-40 Minuten dauert, daher werden die Schwellwerte eher riskanter definiert, damit das System nicht zu häufig auslöst.

        Wen’s interessiert, wird von Ocean Data Systems (http://www.oceandatasystem.com/solutions-ods/en) hergestellt und vertrieben.

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        • avatar Christian sagt:

          Chris, danke für die detaillierte Info. Das zeigt, wie komplex diese Rennmaschinen sind und wie sehr am Limit gebaut. Das Foilen ist nur einer von vielen Faktoren dabei. Angesichts der Tatsache, dass auf langer Distanz bisher noch keiner der großen Foiler-Tris schneller war als ein “herkömmlicher”, sollte man es nicht überbewerten. Zumal auch die herkömmlichen Tris schon viel Auftrieb durch gebogene Schwerter haben.

          Der foilende G4-Kat von Heemskerk und Co ist übrigens auch wegen zu spätem Großfieren gekentert.

          Es dürfte vermutlich viel eher als Foilen rennentscheidend werden, wer als erstes ein sicheres und schneller Großschotsystem erfindet.

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  5. avatar Tom sagt:

    Die Teile scheinen ja zumindest nicht alle unberechenbar zu sein, Gabart ist mit macif sicherlich schon 40-45000 Seemeilen ohne öffentlich bekannten Zwischenfall gesegelt und bei der Weltumrundung muss er zwangsläufig auch geschlafen haben und hatte keinen der in dieser Zeit aufpasst. Also könnten die foils durchaus einen Einfluss haben. Mit ihnen sind eben sehr rasante Änderungen der Geschwindigkeit möglich und das erhöht sich auch sprunghaft der Winddruck. Klar sind tris und Katamarane auch ohne sehr schnell aber sie beschleunigen nicht so sprunghaft. Ich denke Armel le cléac’h ist ein sehr erfahrener Segler und dürfte auch schon einige Erfahrungen auf tris gesammelt haben, Ist ja nicht der erste von banque populaire, beim letzten war er zwar nicht der Skipper aber mit Sicherheit ist er darauf gesegelt.

    Das Sicherheitskonzept dieser Boote muss aber unbedingt überdacht werden wenn damit 2019 Einhand um die Welt gesegelt werden soll. Ich möchte mir nicht vorstellen was passiert wenn sowas Nachts, alleine im southern ocean passiert.

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  6. avatar breizh sagt:

    Danke. Für die vielen Interessanten Informationen. Schon lange nicht mehr so viel Wissen aus den Kommentaren erhalten. Wieder einmal hohe Qualität bei SR.

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    • avatar Oberexperte sagt:

      Wissen?
      Wer von den Kommentatoren hier hat denn schon einmal einen Trimaran (größer 50 Fuss) oder ein foilendes Gefährt oder überhaupt mal Hochsee gesegelt?
      Aber wie man einen foilenden 100 Fuss Trimaran im Southern Ocean zu bewegen hat, und was da so an technischer Ausstattung mit muss, und wie die zu funktionieren hat und was der Le Cléac’h falsch gemacht hat, das wissen sie.
      Ja nee iss klar.

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      • avatar Christian sagt:

        war ja klar, dass doch noch einer Meckern muss. Hat’s Spaß gemacht? Oder geht es dir jetzt wenigstens besser?

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        • avatar eku sagt:

          Ja, ganz bei Christian und breizh! – was anderes kann man dazu nicht mehr sagen.
          dito entsprechend zu den anderen Kommentatoren – so wünsche ich mir einen Kommentarbereich einer Fachseite. So isses gut. Den “oberexperten” müssen wir leider hinnehmen.
          (Schon der Nick klingt nicht besonders vertrauenswürdig ;-))

          Fachlich habe ich hier null Ahnung und nehme es interressiert und gespannt an.

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  7. avatar Jonas sagt:

    Vielen Dank für die konstruktiven Beiträge unter Verzicht auf die weit verbreitete Unsitte andere zu belehren und als Dumm darzustellen.

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  8. avatar Jorgo sagt:

    Wichtig wäre in diesem Zusammenhang vllt. noch die Unterscheidung zwischen Voll- und Semi Foiler.
    Da gebe ich Christian Recht, dass sich ein Semi-Foiler im Handling nicht so gross von einem (hocheffektivem) konventionellem Segelboot unterscheidet.
    Anders sieht es beim Voll-Foiler aus (wie auch dem G 4). Dort ist die Dynamik im Verhältnis sicherlich einem A-Cat, Flying Phantom etc. ähnlicher als der eines “Normal” Multis.
    Ich habe es so verstanden, dass bei der Banque Popo mehr ins Extrem gegangen wurde als z.B. bei der Macif …. und es scheint eben z.Zt. noch nicht beherrschbar zu sein – sonst wäre die Kiste wohl mit kleiner Crew nicht umgefallen, oder?!
    Selbst bei der Kenterung des G 4 hat die hochprofessionelle Crew einen Tick zu spät reagiert – aus Mangel an Erfahrung. Wie soll soetwas bei einem Vollfoiler nach mehr als 24 Stunden auf See allein (wenn die Aufmerksamkeit sinkt) handelbar sein? Nur durch Technik (welche erst noch entwickelt und/oder verfeinert werden muss). Ob es klappen wird ist noch nicht ausgemacht!

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    • avatar Christian sagt:

      vermutlich werden wir nie erfahren, wie die Kenterung der B POP genau geschehen ist. Selbst wenn das Team es weiß, wird es das nicht der Konkurrenz zur Kenntnis bringen. Deswegen werden wir wohl nie wissen, ob die Kenterung überhaupt im Foiling-Modus passiert ist oder nicht.

      Wie auch immer, es sind spannende, aber auch nicht ungefährliche Zeiten im Segelsport. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sicherheitssyteme in der Entwicklung allem anderen hinterherhinken. Dabei sind doch nur sichere Boote schnelle Boote. To finish first….

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