Vendée Globe: 70 Tage nur eine Stunde Schlaf am Stück – Was die Skipper gegen den Lärm tun

Der Faktor Schlaf

Die Vendée Globe, das sind Tausende von Seemeilen nonstop um die Welt, einhand – mit kaum Schlaf. Für normale Menschen wäre das eine Folter. Wie kann das funktionieren? Was bedeutet das für die Segler?

Schlafender Navigator beim Volvo Ocean Race. © James Blake/Volvo Ocean Race

Eine  Regatta wie die Vendée Globe sei vor allem ein Kampf gegen die Müdigkeit und Erschöpfung, fasste Alex Thomson nach seiner letzten Weltumsegelung knapp zusammen. Mehr als eine Stunde am Stück habe er während der 74 Tage auf See nicht geschlafen – meist etwa 20 bis 40 Minuten alle paar Stunden. Ein typischer Vendée-Globe-Tag von Pip Hare umfasst nach ihren Angaben Schlaf-Intervalle von jeweils maximal 30 Minuten.

Nicht für alle Segler von Vendée Globe und Co. bleibt ihre Müdigkeit folgenlos. Der führende Alex Thomson machte bei der letzten Route du Rhum Schlagzeilen, als er schlafend kurz vor dem Ziel auf felsigen Grund lief. Er hatte einen Alarm seines Weckers überhört. Der Rennsieg war dahin. Er selbst blieb unversehrt.

Risiko Schlafmangel

Forschungen über die Auswirkungen von Schlafmangel gibt es mittlerweile viele. Wer zu wenig schläft, ist zum Beispiel weniger leistungsfähig, zeigten mehrfach Studien mit Testpersonen. Zumindest für den Straßenverkehr wurde zudem bewiesen: Durch Schlafmangel erhöht sich das Risiko, einen Unfall zu verursachen. Forscher vergleichen Schlafentzug auch gerne mit Trunkenheit und warnen davor, dass Betroffene unbewusst höhere Risiken eingehen. Nach einer Woche Schlafmangel handelten Teilnehmer einer Studie aus Zürich bereits deutlich riskanter, die Bewertung ihres eigenen Risikoverhaltens blieb jedoch unverändert.  

„Auf dem Meer kann sich dies negativ auf die Renntaktik oder sogar auf wichtige Sicherheitsentscheidungen auswirken“, erklärte der erfahrene Wettsegler Mike Broughton erst kürzlich im britischen Magazin Yachting World. Im Extremfall folgen auf Konzentrationsstörungen gefährliche Halluzinationen. Erzählungen von Seglern gibt es dazu viele, etwa von plötzlich auftauchenden Personen, Lichtern oder auch Küstenabschnitten.

Um Fehlern vorzubeugen, sei es wichtig, seine Schlafzyklen zu verstehen, so Broughton. Viele Vendée-Segler arbeiten mit Schlafexperten zusammen, trainieren das Schlafen in kurzen Intervallen, optimieren die Schlafbedingungen in der bewegten und lauten Umgebung so weit wie möglich und bereiten sich auf diese Weise bestmöglich auf die Extrembedingungen vor.

Nach Broughtons Meinung ist es „sinnvoll, den Schlaf um die Schlüsselmomente des Tages herum zu planen, wie z.B. die Umrundung einer Landzunge, den Erhalt des neuesten Wetter- oder GRIB-Updates oder eine Kursänderung“. Gleichzeitig müsse man stets auf unvorhergesehene Ereignisse oder eine Kursänderung eines Konkurrenten reagieren können.

Anti-Halluzinations-App

Doch auch mit neuer Technik begegnen die Skipper dem Risikofaktor Schlafmangel inzwischen. Armel Tripon ging am Sonntag mit der App „LuciEole“ an den Start, die unter anderem von der Universität Nantes entwickelt wurde. Diese soll den Zustand der geistigen und körperlichen Ermüdung bzw. Klarheit beurteilen können.

Und das funktioniert so: Etwa alle sechs Stunden wird der Nutzer gebeten, wissenschaftlich validierte Fragen zu beantworten. Die App zeigt dann eine farbcodierte Bewertung des Ermüdungsgrades an. Ein rotes Signal bedeutet, dass der Nutzer laut App nicht mehr in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen und sich aufgrund seines beeinträchtigten Urteilsvermögens in Gefahr begeben könnte.  

Wie dringend ihr Gehirn Schlaf braucht, um verantwortungsvolle und durchdachte Entscheidungen zu treffen, erlebte Dee Caffari 2008 beim Artemis Transat  besonders deutlich. Sie habe damals mit zahlreichen Probleme zu kämpfen gehabt, sei mit dem Schlafen nicht zurechtgekommen und kaum in der Lage gewesen, eine Entscheidung zu ihrer Kurswahl zu treffen, erzählte sie gegenüber Yachting World.

Erst nach einer Mahlzeit und 30 Minuten Schlaf habe sie sich dann wie ein neuer Mensch gefühlt: „Als ich mir das Wetter und die Route ansah, kam die Antwort fast sofort. Das war das erste Mal, dass ich die Auswirkungen des Schlafentzuges auf Entscheidungen über Leben und Tod bemerkte.“

Herrmann rüstet Sitz nach

Boris Herrmann sagt, die wichtigste Änderung, die er und sein Team auf „SeaExplorer – Yacht Club de Monaco“ seit der Übernahme der Ex-“Gitana“ vorgenommen haben, sei die Nachrüstung eines speziellen Sitzes gewesen, der sich parallel zur Mittschiffslinie befindet und sich neigen kann, wenn das Boot krängt. „Er stützt meinen Rücken und ich kann meinen Kopf anlehnen – und ich kann mich auf dem Sitz ausruhen, das Boot einfach nur beobachten und das Radar und die Alarmsystemen im Auge behalten. Er befindet sich ziemlich nahe am Niedergang, sodass ich sehr schnell aus dem Sitz an Deck springen kann“, sagte er.

An Bord zu schlafen, ist eine große Herausforderung © Andreas Lindlahr

Der deutsche Segler nimmt dort auch seine Mahlzeiten ein. „Ich kann dort sitzen, essen, und wenn sich das Boot viel bewegt, ist das einfach der beste Ort, um sich zu verkeilen – man braucht nicht viel Kraft, um sich festzuhalten.“

Wie viele seiner IMOCA-Skipperkollegen hat auch Herrmann das Cockpit so modifiziert, dass es hinten mit einer Sprayhood umgeben ist, die das Wetter und das Wasser draußen hält. „Wir halten das Cockpit vollständig geschlossen, damit es schön trocken ist und man, wenn man will, im Schlafanzug herauskommen kann, ohne nass zu werden“, sagt er.

Alex Thomson hat die Ergonomie an Bord noch weiter auf die Spitze getrieben:

Kevin Escoffier verwendet Ohrstöpsel, um die Auswirkungen des ständigen Krachens und Schlagens auf seine Sinne zu mildern, während das Boot fliegt und in die Wellen kracht –“wie ein Brett, das auf das Wasser geschlagen wird“. Der Franzose, der bereits dreimal um die Welt gesegelt ist, verwendet an sein Ohr angepasste Stöpsel mit Filtern, damit er kontrollieren kann, wie viel Schall gedämpft wird.

„Ich möchte nicht völlig von den Geräuschen des Bootes abgeschnitten sein“, erklärte er. „Das kann man mit einem Gehörschutz zwar machen, aber danach hört man überhaupt nichts mehr vom Boot. Für mich ist es sehr wichtig zu hören, weil ich an den Geräuschen des Bootes erkennen kann, ob etwas kaputt ist. Und ich kann die Windgeräusche hören, sodass ich weiß, ob etwas nicht stimmt.“

Ohrstöpsel sind nicht das Einzige, das Escoffier an Bord trägt, um sich zu schützen. Der 40-Jährige aus St. Malo hat Rugbykleidung getestet, um seinen Körper vor Stößen zu schützen, wenn er im Cockpit und unter Deck auf der „PRB“ herumgeschleudert wird. „Jetzt trage ich einen Rugbyhelm, der ziemlich leicht und warm ist, sodass er, wenn es kalt ist, auch aus dieser Perspektive eine gute Ergänzung ist.“

Spezielle Matrazen

An Bord zu schlafen, ist eine große Herausforderung in einer so bewegten, lauten und brutalen Umgebung. Herrmanns Team hat speziell entwickelte Matratzen beschafft, um den Komfort auf seinen beiden Kojen zu verbessern, sowie Vorhänge, die ihm helfen, tagsüber zu schlafen.

Escoffier arbeitete derweil mit einem auf Schlaf spezialisierten Arzt zusammen. Seine Vorbereitung konzentrierte sich auf den Versuch, eine Schlafposition – auf einer speziell entwickelten Matratze – zu schaffen, in der sein Körper so stabil wie möglich liegt.

„In den ersten Minuten, in denen man schläft, bekommt der Körper Energie zurück“, sagte er. „Aber das Gehirn gewinnt seine Energie noch nicht zurück. Dafür ist es notwendig, dass sich der Körper in diesem Teil der Schlafphase nicht zu viel bewegt. Daher bewegt sich die Matratze, die wir an Bord haben, nicht zu sehr hin und her.“

Übrigens: Alex Thomsons Team macht seine Schlafdaten sogar für Rennfans zugänglich. Auf seiner Webseite können diese jederzeit live abgerufen werden. Viel Erholung hat er sich noch nicht gegönnt.

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