Vendée Globe aktuell: Wie schnell ist “Hugo Boss”? – Wer im Dreikampf bessere Karten hat

"Doch kein Raketenboot"

Die Fans von Alex Thomson müssen sich bei der Vendée Globe Sorgen machen. Wird er seine Führung bald verlieren? Das Duo in seinem Kielwasser scheint schneller zu sein.

Hugo Boss mit ihren geschwungenen Flügeln. © ATR

Alex Thomson mochte sich schon Hoffnungen gemacht haben, eine Vorentscheidung in den Doldrums herbeiführen zu können. Das Wetter dahinter mit dem stabilen Südost-Passat schien auf ein Szenario zu deuten, das den Reichen noch reicher macht. Er drohte sich absetzen zu können, während die Konkurrenz noch im schwächeren Wind segelt.

Alex Thomsons Speed-Linie (schwarz) nähert sich wieder den drängenden Verfolgern an.

Aber so ist es nicht gekommen. Thomas Ruyant (LinkedOut) und Charlie Dalin (Porträt) (Apivia) mit ihren beiden Schiffen vom selben Designer Guillaume Verdier sind sogar noch schneller durch die instabilen Winde gekommen. Dalin lag vor zwei Tagen noch knapp 170 Meilen zurück, nachdem er Sturm Theta mit einem Sicherheitsbogen umfahren hatte. Nun sind es nur noch 54 Meilen. Und Stallgefährte Ruyant lag vor zwei Tagen 107 Meilen hinten, nun fehlen nur noch 16 Meilen.

Alex Thomson ist mit etwas stärkerem Wind unterwegs und gibt in der Außenkurve Gas.

Dabei ist wettertechnisch eigentlich nicht viel passiert. Alle drei Boote rasten nach der Äquator-Passage bei besten Foiler-Bedingungen fast nahezu auf einer Linie im gleichen Wettersystem gen Süden. Es geht um Speed, Technik und Design.

Jetzt muss sich zeigen, ob die zuvor hochgelobte “Hugo Boss“ schnell genug ist, um die Konkurrenten in Schach zu halten. Auf diese Weise hat sie vor der Vendée Globe nie mit der direkten Konkurrenz angepasst. Nur die wenigen Stunden vor dem Ausfall bei der Transat Jacques Vabre 2019 erlaubten einen kurzen Vergleich. Aber der zählt kaum. Seitdem haben die Gegner und auch Thomsen massiv an ihren Booten gebaut – unter anderem neue Foils installiert.

Nun unterscheiden sich die gebogenen Foils des VPLP-Designs signifikant von den langen, geschwungenen der beiden Verdier-Boote. Kann Thomson vielleicht nicht mit einem so spitzen Kurs zum Wind foilen wie seine Gegner? Entfernt er sich deshalb von Gegnern und kürzerer Ideallinie? Oder folgt er allein strategischen Überlegungen?

Die Wettersituation voraus. Die Flotte muss sich zwischen den beiden Flauten durchquetschen.

Seine Wetterkaktik scheint momentan wieder zu funktionieren. Die heftigen Verluste haben sich nicht fortgesetzt. Hugo Boss segelt gerade bei gut zwei Knoten mehr Wind und war in den vergangenen vier Stunden mit einem 22.1 Knoten-Schnitt endlich mal wieder schnellstes Boot. Dalin wird mit 20 Knoten geführt und Ruyant mit 19.5.

Alex liegt vorne, weil er gut gesegelt ist

Gibt Alex Thomson jetzt richtig Gas? So wie vor vier Jahren, als er etwa an dieser Stelle zeigte, dass er das schnellste Schiff der Flotte hatte – bis die Tragfläche brach. Armel Le Cleac’h, sein härtester Gegner damals, glaubt nicht daran. Er urteilt gegenüber französischen Medien: “Alex liegt diesmal an der Spitze, weil er sehr gut gesegelt ist. Höheres Geschwindigkeitspotential konnte er noch nicht zeigen.”

Le Cléac’h, der für den Banque-Populaire-Rennstall die junge Clarisse Cremer betreut und auf die Fertigstellung seines neuen Ultim-Trimarans in einem Monat wartet, sagt, dass er mit seinem Team gerade am Morgen wieder die Leistungsfähigkeit von Hugo Boss diskutiert und analysiert habe.

Thomas Ruyant gibt Vollgas © liot/defi azimut

Sie glauben, dass die Tragflächen vielleicht etwas besser für einen tieferen Kurs geeignet sind. Möglicherweise sei Thomson mit dem Design wie vor vier Jahren einen speziellen Weg gegangen. Möglicherweise schmecke dem nur ein ganz besonderer Windwinkel, den dann die anderen nicht halten können.

Beeindruckt ist Le Cleac’h von dem schwarzen Schiff offenbar nicht. “Ich hatte gehört, es sollte ein Raketenboot werden. Das ist es aber nicht.” Hugo Boss liege eben durch die besondere, sehr starke Kurswahl im Umgang mit den beiden Stürmen an der Spitze. “Das Potenzial für eine höhere Geschwindigkeit hat er aber noch nicht gezeigt, wie er es vor vier Jahren.”

Zwei bis drei Knoten Speed-Unterschied

Zur aktuellen Strategie sagt der Meister. Das St. Helena Hoch ist stabil positioniert. Es scheine keine größere Abkürzung zuzulassen wie wir vor vier Jahren. Das Spiel wird sich darum drehen, wie viel Weg man in den Westen investiert ohne eine zu großen Umweg zu machen.

Auf der richtigen Welle: Charlie Dalin und seine Apivia © curutchet

Die Geschwindigkeitsvorteile von LinkedOut und Apivia zu Hugo Boss hätten teilweise zwei bis drei Knoten ausgemacht. Das könne darauf hindeuten, dass sie sich bei weniger Wind wohler fühlen und sich vielleicht näher auf der kürzeren Route an das Hoch herantrauen.

Marcus Hutchinson, Projektmanager von LinkedOut, ist noch weit davon entfernt zu frohlocken. Er sagt: “Jedes dieser neuen Boote hat etwas andere Segel, Foils und Rumpfformen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Stärken und Schwächen. Die lernen wir gerade erst bei den verschiedenen Bedingungen kennen, ebenso wie die Skipper selbst. Ich glaube nicht, dass Alex im Moment irgendwelche Probleme an Bord hat. Einige Boote sind unter bestimmten Bedingungen schneller, andere bei anderen.“

Die Charaktere der Skipper kommen zum Tragen. Es gehe um Risikomanagement. Jemand wie der Figaro One Design Spezialst Charlie Dalin bleibe gerne bei der Meute und spiele das lange Spiel. Alex und Thomas seien vielleicht eher bereit, manchmal ihr eigenes Ding zu machen.”

Vendée Globe Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

5 Kommentare zu „Vendée Globe aktuell: Wie schnell ist “Hugo Boss”? – Wer im Dreikampf bessere Karten hat“

  1. avatar PL_juergen.babbel sagt:

    Hallo,
    Ich bin erstmalig “auf See” und verfolge täglich das Rennen Vendée Globe.
    Reportagen über die Spitzenreiter sind für mich informativ, ich würde aber gerne mehr über unseren deutschen Teilnehmer Boris Hermann hören und lesen. Er macht ein tolles Rennen!
    Freundliche Grüße
    Jürgen Babbel

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    • avatar Till sagt:

      Naja Thomson ist eben der absolute Publikumsliebling, zu Recht.

      Über Boris Gibt es bei der Segelzeitung welche auch eine Printausgabe hat sehr viel nachzulesen, auch exklusive Interviews usw. Hier geht es eben mehr um die Segler die realistische Siegeschancen haben, abgesehen davon gibt es hier aber grundsätzlich einen guten Überblick über die gesamte Flotte, der Fokus liegt natürlich an der Spitze. Und genau das finde ich auch gut so, so gibt es an einer Stelle jede Menge Infos über Boris und an anderer Stelle jede Menge Infos über Thomson, Ruyant und co. sowie ausführliche berichte über Schäden usw.

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  2. avatar PL_juergen.babbel sagt:

    Danke dafür!

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  3. avatar pl_j.kuehl sagt:

    Hey Jürgen,
    geh mal auf http://www.borisherrmannracing.com

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  4. Hallo,finde es super, dass Boris Hermann es soweit nach vorne geschafft hat. Wir, mein Enkelkind und ich, schauen uns jeden Tag die aktuelle Position an. Wir wünschen ihm weiterhin sehr viel Erfolg. Esther und Fynn

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