Vendée Globe: Angekommen im Indischen Ozean – Zeitgutschrift für Boris Herrmann?

"Mentaler Meilenstein"

Nach dem glücklich überstandenen Rettungsdrama versucht die Vendée Globe-Flotte wieder den gewohnten Rhythmus aufzunehmen. Le Cam muss seinen Passagier loswerden und die Jury grübelt über Wiedergutmachung.

Die VG-Flotte ist im Indischen Ozean angekommen. Hugo Boss (l.) auf dem Weg nach Kapstadt.

Kevin Escoffier hatte schon in einem der ersten Interviews von Bord der “Yes we Cam“ bekundet, er wolle jetzt erstmal sehen, wo sein Retter Süßigkeiten und Schinken versteckt habe. Bevor die Situation eskaliert muss der Passagier also schnell das Schiff verlassen. Helfen beim Segeln darf er nicht.

Die Wettfahrtleitung bereitet offenbar einen Plan vor, der ein Übersteigen auf eine französische Fregatte vor, die bei den Kerguelen Inseln stationiert ist. Eine Bestätigung dieses Plans gibt es allerdings noch nicht. Eine Übergabe an Alex Thomson, der jetzt nach Kapstadt segelt, ist auch nicht sinnvoll. Er liegt 470 Meilen achteraus.

Außerdem grübelt die Vendée-Globe-Jury über eine angemessene Wiedergutmachung für die Skipper, die durch die Rettungsaktion Meilen auf dem Weg um die Welt verloren haben. Dabei geht es nicht alleine um die Zeit-Differenz, sondern auch die strategische Position. Haben sie etwa ein günstiges Wettersystem verpasst? Für diese Einschätzung wird die Jury die Entwicklung der Routen in den nächsten Tagen beobachten.

Thomas Ruyant scheint auch mit Wind von Steuerbord ohne einen Teil der Tragfläche nicht übermäßig behindert zu werden. © Ruyant / LinkedOut

Am Ende gibt es eine Zeitgutschrift die auf den Zeitpunkt des Zieleinlaufs angerechnet wird. Das ist in den Regeln der Vendée Globe vorgesehen. Ein solches Vorgehen führte unter anderem 2009 dazu, dass Vincent Riou nach der Rettung von Jean Le Cam und dem eigenen Ausfall auf den dritten Platz versetzt wurde – neben dem Finisher Marc Guillemot. Der erreichte das Podium ebenfalls durch eine Wiedergutmachung, weil er bei der Rettung von Yann Eliès gewartet hatte. Er segelte als Vierter hinter Samantha Davies ins Ziel, wurde aber schließlich knapp eine Stunde vor ihr gewertet.

Ruyant mit abgesägtem Foil auf ungeliebtem Bug

Bisher sieht es nicht so aus, als dass der Vendée-Globe-Rennsieg von einer solchen Entscheidung abhängig sein wird, auch wenn vier Skipper in die Suche nach Escoffier eingebunden waren. Aber Charlie Dalin (Apivia) liegt mit immer noch mit 232 Meilen Vorsprung weit voraus.

Ruyants Speed der vergangenen Tage im Vergleich zu Dalin.

Er konnte allerdings kaum Abstand auf den Verfolger Thomas Ruyant (LinkedOut) dazu gewinnen, obwohl der auf dem ungeliebten Bug mit Wind von Backbord segelt. Da muss er mit dem abgesägten Foil zurecht kommen. Bei den zuletzt von den Skipper vermeldeten chaotischen Wellenbedingungen  am Kap der Guten Hoffnung können allerdings alle modernen Foiler kaum das Potenzial ihrer Flügel nutzen.

Aktuell scheinen die Wellen aber länger zu werden. Dalin hat wieder auf einen Schnitt von 18 Knoten beschleunigt während Ruyant fast drei Knoten langsamer voran kommt. Noch schneller ist Louis Burton (Bureau Vallée) auf seinem Südkurs entlang der Eisgrenze unterwegs. Er puscht seine ex Banque Populaire, die nach dem Rennsieg 2017 nicht wesentlich verändert wurde mit einem Schnitt von über 20 Knoten und dürfte bald Rang zwei von Ruyant übernehmen.

Sechs Boote haben inzwischen das Kap der Guten Hoffnung passiert und segeln im Indischen Ozean darunter auch Boris Herrmann (Seaexplorer-Yacht Club de Monaco). Er wird nun auf dem fünften Platz knapp hinter Sébastien Simon (ARKEA PAPREC), der ebenfalls zur Suchmannschaft gehörte.

Ein Drittel geschafft

„Wie üblich sehen wir das Kap der Guten Hoffnung nicht, passieren es weit südlich“, sagte Herrmann. „Es ist aber ein mentaler Meilenstein auf der Route der drei Kaps. Mit ihm ist etwa ein Drittel der Route geschafft.“ Zuvor hatte Boris Herrmann das Kap der Guten Hoffnung bereits drei Male bei Weltumseglungen mit Teams passiert: 2008 mit Felix Oehme auf der Class 40 „Beluga Racer“, 2010 im Barcelona World Race und 2015 mit Skipper Francis Joyon auf „Idec Sport“. 

Der laufende Kursabschnitt führt die Flotte durch das Südmeer des Indischen Ozeans. Boris Herrmann sagte: „Ich mag die lange Dünung im Southern Ocean, die oft gleichmäßigen und vorhersehbaren Windsysteme, zu denen man sich gut positionieren kann. Man kommt hier unten jenseits des 40. Breitengrades mit dem Meer in einen Rhythmus.“ 

Herrmann segelt nun in einer Gruppe von neun Skippern hinter dem Führungstrio, die nur 160 Meilen auseinander liegt. Dabei hat Paralympics-Sieger Damien Seguin (APICIL-Gruppe) zuletzt mit seinem Nicht-Foiler in der chaotischen See besonders viel Gas geben und liegt fast gleichauf mit Herrmann.

Verschiebung der Eisgrenze

Sam Davies (Initiatives Cœur) segelt weiterhin erstaunlich vorsichtig und könnte bald die gebürtige Münchnerin Isabelle Joschke (MACSF) passieren lassen müssen. Seit Tagen auf dem Vormarsch ist der Italiener Giancarlo Pedote (Prysmian Group), der sich mit seiner ex “St-Michel – Virbac” von Jean Pierre Dick (Vendée Globe 4. 2017), der sich noch wie Yannick Bestaven (Maitre Coq) und Louis Burton auf nicht modifizierte Flügel der ersten Generation stützt.

Schnellster im Feld ist aber Armel Tripon mit seinem Plattbug-Neubau (L’Occitaine), der nach Fallenschloss-Problemen dem Feld hinterher jagt und nun wieder zeigt, dass sein revolutionäres Design durchaus funktioniert.

Die Spitzenboote bewegen sich nach wie vor relativ weit nördlich im Bereich des 43 Breitengerades. Sonst tauchen sie normalerweise bis in die sogenannten “Furious 50s” ab. Aber der Kurs wird von dem ersten heftigen Tiefdrucksystem im Süden bestimmt wie auch durch die aktuell beschlossene nördliche Verschiebung der Eisgrenze. Vor den Inseln Marion und Prince Edward und dem Crozet-Archipel wurden Eisschollen entdeckt. Die Flotte muss nun einen Umweg segeln.

Race-Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Angekommen im Indischen Ozean – Zeitgutschrift für Boris Herrmann?“

  1. avatar axel.paul@berlin.de sagt:

    Hallo Carsten, Thomas Ruyant (LinkedOut) segelt nach meinem Tracker mit dem Wind von Steuerbord. Oder hast Du einen anderen Tracker? das mit dem abgesägten Backbordfoil ist natürlich richtig. Aber egal. Hauptsache war die Nummer von Jean und Kevin, die gut gegangen ist.. LG A.

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