Vendée Globe: Bestaven verliert 440-Meilen-Führung – Herrmann nimmt Podium ins Visier

Neustart vor Rio

Bei der Vendée-Globe ist quasi ein Restart erfolgt. Neun Boote liegen nur 160 Meilen auseinander. Boris Herrmann auf Rang sechs hat beste Chancen, noch weiter nach vorne zu kommen.

Es ist so gemein. Dieser Sport kann so hart sein. Ungerecht? Oder doch am Ende fair? Alles sah danach aus, dass Yannick Bestaven (48) mit seiner Maitre Coq diesen Vendée-Globe-Sieg unter Dach und Fach bringen könnte. Es wäre eine riesige Überraschung gewesen. Niemand hatte ihn zuvor auf der Favoriten-Liste. Er war nicht einmal unter den Top Ten gelistet.

Neustart vor Rio am 12.1. Die ersten neun Boote innerhalb von 160 Meilen. Der Führende Bestaven (l.) hat seinen Vorsprung eingebüßt.

Kein Wunder. Bestaven übernahm den fünf Jahre alten Foiler, der unter dem Namen Safran die vergangene Vendée Globe schon nach drei Wochen mit gebrochenem Ruder abbrechen musste, erst Ende 2018. Er begab sich in die Hände des dreimaligen Vendée Globe-Teilnehmers (3. 2001) Roland Jourdain und dessen renommierten Kaïros-Rennstall, verzichtete aber aus finanziellen Gründen im Gegensatz zu etwa Boris Herrmann auf ein Foil-Update.

Er trainierte viel gegen die neuen Foiler, war überwiegend chancenlos, ließ sich aber nicht entmutigen. Jourdain sagt, die Erfahrung habe ihn sogar gestärkt und motiviert. Er investierte in neue Autopiloten und Segel. Aber seine Prioritäten zeigten sich zum Beispiel, als er das begrenzte Budget lieber in einen Mentaltrainer investierte anstatt einen alten Gennaker zu ersetzten.

Yannick Bestaven. Er muss zurzeit viel ertragen. © Yannick Bestaven / Maitre Coq IV

Bestaven punktete schließlich insbesondere im brutalen Southern Ocean. Als die neuen Foiler im chaotischen Wellengang bremsen mussten, teilweise Schäden erlitten und/oder ausschieden, gab er mächtig Gas. Der maximale Vorsprung vor einer Woche betrug 440 Meilen. Und der sollte eigentlich ausreichen, um eine Vendée Globe knapp 5000 Meilen vor dem Ziel siegreich zu beenden. Zumal Bestaven noch eine Zeitgutschrift von 10,15 Stunden in petto hat.

Auf Bestavens Pech hoffen

Favorit Charlie Dalin (Apivia) kontrollierte jedenfalls das Rennen nicht mehr wie er es fast im gesamten Verlauf getan hatte. Er fiel in ein anderes Windsystem zurück und konnte nicht mehr darauf hoffen, allein durch überlegenen Speed in den atlantischen Passatwinden bei geringerem Wellengang diese Regatta zu gewinnen.

Das Drama per Grafik. Größter Gewinner ist Boris Herrmann (graue Linie) er verringerte den Abstand zum Führenden (rote Linie) seit der Kap-Hoorn-Rundung um fast 800 Meilen

Er musste auf das Pech des Führenden hoffen. Und genau so ist es jetzt gekommen. Die spezielle Positionierung des St. Helena Hochs bewirkte für Yannick Bestaven eine unüberwindbare Barriere. Er steckt seit Tagen vor der brasilianischen Küste in der Flaute. Wie beim Baggerloch-Segeln muss er mit ansehen, wie die Meute von hinten mit frischem Wind heran stürmt.

Am Morgen wird der Maitre Coq-Skipper erstmals nach 155 offiziellen Positionsmeldungen nicht mehr an der Spitze geführt. Charlie Dalin und Thomas Ruyant liegen vor ihm und fünf Boote innerhalb von 37 Seemeilen. Auch Boris Herrmann befindet sich als Sechster mit 78 Meilen Rückstand wieder in Schlagdistanz.

Die 24-Stunden-Bilanz von Boris Herrmann. Er hatte nur kurzzeitig keinen Wind.

Während sich Bestaven in seinem jüngsten Video von Bord bitter enttäuscht gibt (“Es ist hart, es ist hart, es ist hart”) und in 24 Stunden nur 141 Meilen schaffte – in den vergangenen 36 Stunden versuchte er seine Situation mit 13 Wenden zu verbessern – war Boris Herrmann mit 415 Meilen wieder der Schnellste im Feld. Er hat gerade das Glück des Tüchtigen und hofft, dass es so bleibt. Foils spielen aktuell kaum eine Rolle. Es geht darum, die richtigen Windstriche zu erwischen und möglichst schnell in die stabile Ostwind-Zone zu gelangen.

Für Herrmann ist plötzlich das Podium oder der Sieg möglich

Ob ihm das gelingt, oder ob die fünf vor im platzierten Boote per Gummiband-Effekt schneller wieder aus der Flaute kommen, weil sie auch schneller drin waren, ist längst noch nicht klar. Wenn es allerdings so kommen sollte, dass er wirklich aufschließt, hat Herrmann plötzlich beste Chancen, auf das Podium zu segeln, oder sogar zu gewinnen.

Denn seine Karten werden immer besser, je stabiler der Ostwind in der nächsten Woche weht. In den vergangenen Tagen hat er bestätigt, dass er aktuell auf dem wohl schnellsten Schiff der Spitzengruppe segelt – zumindest mit Wind von Steuerbord.

Bei Wind von Backbord kommt er gegen die Neubau-Foiler Apivia und LinkedOut nicht an. Die foilen fast zwei Knoten schneller. Aber beide Skipper können nach jeweiligen Schäden am Backbord-Flügel – Ruyant musste gar einen Teil absägen – bei Ostwind ihr Potenzial nicht ausspielen. Dieser dürfte aber das Rennen auf den nächsten 3000 Meilen bis auf Höhe der Kanaren bestimmen.

Nichts steht fest

Aber bis dahin sind noch einige Flautenlöcher zu umschiffen. “Nichts steht zurzeit fest”, sagt Charlie Dalin. “Auf den Wind kann man sich im Moment nicht verlassen. Es wird noch einiges passieren, bis er stärker wird. Morgen erst werden wir wirklich wissen, wer sich in dieser Zone am besten geschlagen hat.”

Dann könnte auch Thomas Ruyant wieder stärker werden. Der hatte erneut im Zweikampf gegen Dalin enorm verloren, deckt aber nun auf, dass er mit einem defekten Windinstrument am Masttopp zu kämpfen hatte. Er konnte sich drei Tage lang vom Autopiloten nur den Kompasskurs steuern lassen. Nun sei er aber zum fünften Mal in den Mast geklettert und habe das Problem behoben. Seitdem ist er – sichtbar auf dem Tracker – deutlich stärker unterwegs.

Jean Le Cam, der in den vergangenen Tagen auf Platz neun zurückgefallen ist, absolvierte dieselbe Prozedur und zeigte, dass er auch mit 61 Jahren nach 64 Tagen auf See noch fit genug ist, um diesen Aufstieg zu bewerkstelligen:

Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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