Vendée Globe: Bestaven zieht davon, Burton schafft Anschluss, Herrmann bleibt dran

Kap Hoorn (fast) in Sicht

Über die Weihnachtstage ist die Vendée-Globe-Verfolgergruppe mit Boris Herrmann bei leichtem Wind noch enger zusammengerückt. Spannung bis zum Kap Hoorn.

Kap Hoorn in Sicht.

Es ist immer wieder tricky, sich ein richtiges Bild vom Stand bei dieser Vendée Globe zu machen, wenn der Tracker mal wieder ein falsches Bild abgibt. Wenn der gemessene direkte Weg zum nächsten Kap kürzer ist als der tatsächlich notwendige. Wenn die Boote um ein meteorologisches Hindernis herumsegeln. Wenn die einen den Berg schon bezwungen haben, sich der Weg bei der Abfahrt aber erst einmal vom Ziel in Luftlinie entfernt.

Bei Langstrecken-Regatten verbreitet der Tracker auf diese Weise häufig Fake-News. Immer dann, wenn die Boote nicht brav hintereinander aufgereiht auf direktem Kurs der kürzesten Linie folgen, sondern es zu großen Querabständen kommt. Den Presseabteilungen juckt es dann in den Fingern. Wenn sich etwas im Tracker-Ranking tut, ist das immer eine Meldung wert.

Apiva (gelb) auf Rang eins und Herrmann vor Ruyant (blau) auf Platz drei?

So feuern die Veranstalter gerne Nachrichten ab, wenn es zu vermeintlichen Positionsänderungen kommt und die Medien-Verantwortlichen der Skipper steigen gerne darauf ein. Deshalb wurde Charlie Dalin  am ersten Weihnachtstag plötzlich für sein Comeback auf Rang eins gefeiert, und deutsche Medien gratulierten Boris Herrmann für den Sprung auf das Podium.

So sieht das aktuelle Bild aus. Dalin hat mehr als 100 Meilen Rückstand und Ruyant hat sich wieder 50 Meilen vor die Verfolger geschoben.

Beide nahmen die Meldungen mit Humor. Inzwischen hat sich das Bild auch wieder zurecht gerückt. Charlie Dalin kreuzt dem immer noch führenden Yannick Bestaven gut 100 Meilen hinterher. Und Thomas Ruyant hat zwar viel auf die Verfolger verloren, liegt aber immer noch solide auf Rang drei.

Duell mit Le Cam

Boris Herrmann segelt weiterhin ein starkes Rennen, aber ihm ist der Absprung von der Vergolgergruppe noch nicht geglückt. Dafür fehlen ihm die passenden Bedingungen. Im seit Tagen andauernden Zweikampf mit Jean Le Cam zieht er immer mal wieder davon, wenn er foilen kann. Wenn der Wind aber wieder auf den Kopf dreht, oder leichter wird sind die flügellosen IMOCAs zumindest ebenbürtig. Zuletzt schoben sich sogar Damien Seguin wieder an die beiden Duellanten heran.

Spannend gestaltet sich der nördliche Ausflug von Benjamin Dutreux. Der Abstecher der 13 Jahre alten ex “Hugo Boss” aus der Verfolgergruppe soll unter anderem einem Problem mit dem Vorsegel geschuldet sein, für das der junge Skipper aus der Vendée Region in den Mast muss. Aber wie sehr solchen Informationen zu trauen ist, lässt sein Team-Manager durchblicken. Er sagt, Dutreaux hätte schon einige große Probleme an Bord gehabt, man würde aber nicht darüber berichten, um der Konkurrenz keine Hinweise zu geben. Der Schlenker könnte ihm nun auch strategisch weiterhelfen.

Es ist die Art der erfolgreichen, französischen Einhandskipper. Sie zeigt, wie glücklich sich die deutschen Fans schätzen können, in Boris Herrmann jemanden am Start zu haben, der hautnah an seinem Abenteuer teilhaben lässt. Klar, das erhöht seinen Wert bei den Sponsoren, aber außer Alex Thomson zeigt niemand der Spitzensegler ein solch mediales Verständnis. Nach dieser Vendée Globe könnte es aber auch sein, dass Herrmann auf diesem Gebiet einen neuen Standard gesetzt hat, dem sich auch die Franzosen nicht mehr entziehen können.

Warten auf die Foiler-Bedinungen

Denn nach wie vor leidet offenbar auch Herrmanns seglerische Leistung nicht sichtbar unter der verstärkten Medienarbeit. Unter den alten Booten in seinem Umfeld ist er nach wie vor bestens positioniert, wenn es denn endlich im Atlantik die erwarteten Foiler-Bedingungen gibt.

Dann muss er wohl am meisten auf die Deutsch-Französin Isabelle Joschke aufpassen, die ebenfalls über einen stark modifizierten, schnellen Foiler verfügt. In der vergangenen Woche wandelte sie ein 200 Meilen Defizit zu Herrmann in knapp über 20 Meilen um.

Dahinter scheint auch der Elfte  Louis Burton nach seinem Reparaturstopp wieder den Anschluss zur Spitze finden zu können. Auf den Deutschen fehlen ihm nun nur noch 130 Meilen. Und auch Armel Tripon auf seinem rasend schnellen neuen Plattbug-Foiler L’Occitaine scheint in der Lage zu sein, ein sensationelles Comeback zu schaffen. Seit Tagen ist er eines der schnellsten Boote im Feld. Zu Herrmann fehlen aber noch 665 Meilen.

Tripons (schwarz) Speed im Vergleich zu Boris Herrmann. Kann er noch den Anschluss schaffen?

Nach wie vor ist diese Vendée Globe so spannend wie nie ihn ihrer Geschichte. Vor vier Jahren zum gleichen Zeitpunkt der Regatta gut einen Tag vor Point Nemo – dem am weitesten von Festland entfernten Punkt  der Erde – erstreckten sich die Top Ten über eine Strecke von 5600 Meilen, nun sind es nicht einmal 500 Meilen.

Aber das Wetter ist auch so ungewöhnlich wie nie. Das Hochdruckgebiet, das nun schon seit einer Woche die Spitzengruppe im Süden bremst, ist überaus ungewöhnlich. Normalerweise hält sich solcher Hochdruck im Südmeer laut Vendée-Globe-Wetterexperte maximal einen Tag.

Sturm am Kap Hoorn

Yannick Bestaven ist die Vorentscheidung an der Spitze bisher nicht geglückt. Charlie Dalin hält sich hartnäckig gut 100 Meilen hinter ihm und befindet sich damit weiterhin in Schlagdistanz, um bei entsprechenden Bedingungen im Atlantik doch seinen Neubau wieder ganz nach vorne zu bringen.

Aber dafür muss er seine Apivia heil ums Kap Hoorn führen. Und das wartet mit typischen Brutalo-Bedingungen mit mehr als 45 Knoten Wind. Die Verfolgergruppe könnte noch Boden gutmachen, wenn sie von den erwarteten Südwestwinden Richtung Kap beschleunigt wird. Davon profitiert dann insbesondere der drittplatzierte Thomas Ruyant, der zuletzt der größte Verlierer in der Spitzengruppe war. Allerdings muss er dann auf dem ungeliebten Backbord-Bug mit abgeschnittenem Foil segeln muss.

Damien Seguin ist nicht alleine an Bord. © Seguin / Groupe Apicil

Solche Momente, wie sie Damien Seguin zu Weihnachten erlebte, werden dann erst einmal nicht zu erwarten sein. Seine Begegnung mit den Walen könnte dann eher zu einem Schreckensmoment werden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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