Vendée Globe: Boris Herrmann auf Platz drei, noch 39 Meilen zur Spitze – Mit Gutschrift Erster!

"Und dann ist da auch noch der Deutsche..."

Boris Herrmann hat bei der Vendée-Globe in den vergangenen 24 Stunden 70 Meilen mehr geschafft als der aktuelle Spitzenreiter Charlie Dalin. Die Franzosen beginnen sich Sorgen zu machen.

Die Spitzengruppe ist auf sechs Boote geschrumpft. Boris Herrmann (grau) setzt seine östlichere Position in Speed um. Die drei Boote in Lee von ihm müssen spitzer steuern.

Es ist rau, nicht gerade komfortabel – macht das Spaß?” fragt sich Boris Herrmann selbst im jüngsten Video von Bord und antwortet mit einem eher zweifelnden, langgezogenen “Jaaaein”. Es rappelt im Karton. Der 60-Fußer springt über die kleineren Wellen. Er bohrt sich nicht mehr hinein, wie im Southern Ocean. Das ist der Unterschied. Deshalb kann er gerade Gas geben. Mehr als die Konkurrenz. Deshalb ist er auf Platz drei vorgerückt. Deshalb rückt er weiter nach vorne.

“Ich mache mir immer Sorgen”

Mindestens eine Woche lang werde er mit Wind von Steuerbord segeln. Bei einem wahren Windwinkel zwischen 70 und 90 Grad, perfekte Backstagbrise. Aber entspannend ist das eben nicht. Das zeigen schon die abgehackten Bewegungen des Bootes. Die Belastungen der Knochen, des Rückens sind bei diesem Geruckel enorm.

Dazu kommt die Angst. “Ihr kennt mich”, sagt Herrmann in die Kamera. “Ich mache mir immer Sorgen.” Wenn er jetzt wie beim Training die bretonische Küste entlang rasen würde. Wenn nichts auf dem Spiel stehen würde, dann könnte er viel Spaß haben. Nach 67 Tagen auf See weiß man aber nicht, ob irgendwo das Material ermüdet ist, ob irgendwas bricht. Die Lasten werden höher, und manchmal wenn im Highspeed-Modus die Kavitation am Flügel beginnt, steuert er fünf Grad höher um den Druck rauszunehmen. In der Nacht habe er auch ein Reff eingebunden.

Der Speedo überschreitet beständig die 15 Knoten-Marke. Und die Vorhersagen prognostizieren bis zum Zieleinlauf am 27. oder 28 Januar noch einige solcher Tage. Tolle Aussichten für den ersten deutschen Teilnehmer bei einer Vendée Globe. So langsam nehmen ihn auch die französischen Medien wahr. 

“Der Deutsche” jagt Franzosen Schrecken ein

In einem Artikel von OuestFrance heißt es nach einer längeren Beschreibung der Chancen von Dalin, Burton, Ruyant und Seguin: “Und dann ist da auch noch der Deutsche Boris Herrmann. Auf seinem 2016er Boot, das er mit großen Foils aus dem Jahr 2020 modifiziert hat, zeigt er seit Tagen, dass raumschots auf flacher See durchaus der Schnellste im Feld sein kann. Im Umfeld von von Dalin, Ruyant und Bestaven wird nicht mehr verheimlicht, dass er angefangen hat, ihnen einen Schrecken einzujagen.”

Nach den vergangenen 24 Stunden haben ihre Befürchtungen, dass erstmals in der Geschichte der Vendée Globe ein Nicht-Franzose gewinnen könnte, neue Nahrung erhalten. Schließlich ist Herrmann nicht nur schnell, er hat auch noch seine sechs-Stunden-Gutschrift im Gepäck, die beim aktuellen Speed gut 90 Meilen wert sein kann. Damit liegt er jetzt schon in Führung. Auch weil die anderen beiden Escoffier-Retter so viel Boden verloren haben, dass er ihren Zeitvorsprung schon herausgesegelt hat.

Herrmann (grau) war zuletzt deutlich schneller als Dalin.

Aktuell profitiert Herrmann von seiner östlichen Positionierung im Vergleich zu Dalin und Burton. Er hat die Schoten etwas geschrickt, während das Duo vorne spitzer steuern muss. Insofern wird Seaexplorer nicht dauerhaft schneller sein. Aber langsamer ist er sicher auch nicht.

Längst keine Einbahnstraße bis zum Ziel

Die Doldrum-Passage am Wochenende wird bei der Überquerung des Äquators eine wichtige Rolle spielen für den finalen Sprint zum Ziel. 200 bis 250 Meilen müssen die Skipper bei leichterem instabilen Wind absolvieren, die vom Einfluss der typischen Gewitterzellen geprägt sein werden. Bei solchen Bedingungen war Charlie Dalin zuletzt unschlagbar. Sein Schiff ist bei leichterem Wind schnell und der Skipper schlau. Bei der Transat Jacques Vabre 2019 düpierte er Favorit Jérémy Beyou geradezu in der Kalmen-Zone und siegte überlegen.

Auch danach wird es keine Einbahnstraße ins Ziel. Zwar warten noch viel Stunden hartes Backbordbug-Segeln im Nordost-Passat, aber querab der Kanaren wartet noch ein Flautenband, das sich bis in die Karibik erstreckt und gequert werden muss. Das kann noch einmal viel Bewegung in die Tabelle bringen.

So sehen aktuell perfekte Foiler-Bedingungen für Boris Herrmann aus:

Herrmann darf die Schoten etwas schricken. Der wahre Windwinkel zum gesteuerten Kurs (TWA) erreicht 80 Grad. Bei spitzerem Wind – kleiner als 65 Grad – wird es kritisch mit dem Fliegen.

Der Wind weht stabil über den 12 Knoten, die stabile Flugphasen ermöglichen.

Der Speed-Schnitt in 24 Stunden liegt bei fast 16 Knoten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

6 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmann auf Platz drei, noch 39 Meilen zur Spitze – Mit Gutschrift Erster!“

  1. avatar PL_susanne.sailer sagt:

    Boris ist Spitze, es macht richtig Spass täglich das Geschehen zu verfolgen. Ich drücke die Daumen für eine Spitzenplatzierung!!!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 3

  2. avatar PL_ingmar.bertling sagt:

    Hallo Boris,
    Deine Fahrt ist unglaublich begeisternd, ich fiebere jeden Tag mit und habe alle größte Achtung auch davor, wie du dein Schiff schützt! Alles Gute für den Rest des Rennens!

    Hallo Segelreporter, vielen Dank für die tolle, aktuelle Berichterstattung!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

  3. Moin Boris
    Ik grläre di und wünsch di allerbest. Ik sit elke Abend und kik wor du büst. Kom god na Hus. Din Fro und Kind wacht up die.
    Allerbest ut Ostrfreesland
    Heye Frerichs

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 3

  4. avatar Peter Schneider sagt:

    Auch als nicht Segler, ich verfolge vom ersten Tag das Rennen. Boris Sie betreiben beste Werbung für ihren Sport. Das ist ganz großes Kino. Sie schaffen das, toi,toi,toi. Bleiben Sie gesund.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 3

    • avatar Reinhardt Olaf sagt:

      Ich drücke die Daumen für die Sensation. Auch wenn es nicht klappt, allerhöchsten Respekt. Komm gut rein

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 2

  5. avatar Achim Lanz sagt:

    Gratulation zu diesem taktisch klugen Rennen. Wünsche ihnen weiter Besonnenheit und etwas Glück zum grossen Glück. Kommen sie gesund am Ziel an. Für mich sind sie schon ein Sieger. Klasse diesen Sport als Radsportler zu verfolgen. Chapeau

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

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