Vendée Globe: Boris Herrmann fehlt noch etwas Wind zum Glück – Bestaven ärgert sich

"Wütend"

Boris Herrmann hebt beim aktuellen Speedrennen der Vendée-Globe entlang der brasilianischen Küste noch nicht ab, wie erhofft. Der arme Bestaven ist auf Platz vier zurückgefallen.

Yannick Bestaven emotional nach seinen großen Meilenverlusten. Aber er ist noch im Rennen. © Bestaven / Maitre Coq

Charlie Dalin (Apivia) zeigt in der Spitzenposition der Vendée-Globe-Flotte, dass sein Jammern über ein kaputtes Backbord-Foil eher renntaktischen Überlegungen als der Wahrheit entsprechen. Er hat den Winkel seiner Tragfläche jedenfalls offenbar so eingestellt, dass er konstant etwas schneller ist als etwa der zweitplatzierte Louis Burton (Bureau Vallée 2) mit den kleinen Flügeln am Siegerschiff der vergangenen Vendée Globe.

Situation am 14.1. Die Spitzengruppe quetscht sich um die Ostspitze von Brasilien herum.

Der östliche Passatwind weht allerdings mit 12-15 Knoten noch nicht sehr stark. Bei diesen Bedingungen hält auch der drittplatzierte Yannick Bestaven (Maître Coq IV) mit Burtons Schwesterschiff mit. Allerdings bedingt seine westliche Position nun einen spitzeren Kurs, der ihn weitere Meilen kostet.

Mentaltrainer statt Spi

Bestaven ist nach dem Verlust von 435 Meilen Vorsprung nun sogar auf Rang vier zurückgefallen mit 55 Meilen Rückstand. Er gibt zu, dass seine Moral arg gelitten hat. “Es ist wahr. Ich hatte den Eindruck, überhaupt kein Glück mehr zu haben. Ich war der erste, der gestoppt wurde und es dauerte am längsten. Ich kam nicht weit genug nach Osten, um einen Vorsprung auf meine Verfolger zu halten. Dann zogen sie bei stärkerem Wind sogar vorbei. Das machte mich wütend. Wir hatten nicht die gleichen Wetterbedingungen und auch nicht das gleiche Timing in der Kaltfront. Es war besser, von hinten zu kommen!”

Apivia im perfekten Foil-Modus. © Apivia

Nun erwartet er, dass die Doldrums diesmal wohl kein großes Hindernis darstellen werden, es  im Nordatlantik aber noch einmal kompliziert werden. “Mal sehen, was in diesem letzten Kapitel des Rennens noch alles passiert. Es wird interessant. Mehrere von uns können noch gewinnen. Und so etwas haben wir bei der Vendée Globe noch nie erlebt”.

Vielleicht rechnet sich jetzt für ihn, dass er im Vorfeld der Regatta zugunsten eines Mentaltrainers auf einen neuen Spi verzichtet hat. Virtuell (mit Zeitbonus) liegt Bestaven schließlich immer noch in Führung. “Ich schlafe und versuche, mich zu erholen, um in guter Form zu sein, wenn ich mal richtig Gas geben muss. Maître Coq ist in großartiger Form, aktuell ist das Segeln nicht sehr kompliziert.”

Boris Herrmann knüppelt

Das Führungsquartett inklusive Thomas Ruyant (LinkedOut), der mit seinem abgeschnittenen Foil das Tempo der Führenden nicht ganz mitgehen kann aber Rang drei zurückerobert hat, setzt sich bei etwas stärkerem Wind von den Verfolgern ab.

Herrmann kann den Speed noch nicht dauerhaft in den 20-Knoten-Bereich bringen.

Der Wind nähert sich für Boris Herrmann den 20 Knoten an, weist aber immer noch Löcher auf.

Darunter leidet auch Boris Herrmann, dessen Rückstand sich auf 94 Meilen erhöht hat. Aber der Sechstplatzierte knüppelt gerade ein wenig Höhe, um mit dem optimalen Windwinkel die Anliegelinie nach Recife an der Ostspitze von Brasilien zu treffen.

Wie sich die Lasten auf Boris Herrmanns Foils im Laufe des Rennens verändern. Zurzeit lasten mehr als acht Tonnen auf dem Backbord Foil (grün)

Dabei kann er mit Seaexplorer-Yacht Club de Monaco seine theoretischen Vorteile gegenüber dem Nicht-Foiler von Damien Seguin (Groupe APICIL) noch nicht ausspielen, Der setzt seine östlichere Position in Speed um. Aber so langsam kommt auch Herrmann mit funktionierendem großen Foil und dem J2-Vorsegel in Fahrt.

Aber Herrmann glaubt, dass es in den nächsten zwei Tagen besser wird. Im aktuellen Video von Bord sagt er, es sei ein wenig nervig. Bei 11 bis 12 Knoten Wind im Durchschnitt fehle ihm nur ein kleines bisschen Druck, um endlich ordentlich foilen zu können. Er wisse, dass Apivia etwas früher abhebe, und genau in diesem Bereich befinde man sich offenbar jetzt.

Vorher sei es dann doch instabiler gewesen als er erwartet habe. Teilweise überhaupt kein Wind, teilweise aber 20 Knoten. Herrmann ist aber anzusehen, wie gut seine Stimmung zurzeit ist. Und er beschäftigt sich schon mit dem Gedanken, wie sehr er diese Bedingungen vermissen wird, wenn er zuhause im dunklen, kalten Hamburg auf der Couch sitzt. “Ich werde an diesen fantastischen tropischen Abend denken.”

Immer noch Wassereinbruch bei Joschke

Antoine Mermod Präsident der IMOCA-Klasse hält das Spiel noch für völlig offen: “Es ist schwer zu wissen, wie der tatsächliche Zustand der einzelnen Boote ist. Sicher ist, dass man das beste Paket für die nächsten acht Tage auf Steuerbordbug haben muss, also ein gutes Foil und eine große J2-Fock, die noch in gutem Zustand ist. Ich denke, bei Thomas Ruyant wissen wir, dass es für ihn schmerzhaft werden kann. Aus dieser Sicht ist Boris mit seinen großen Foils in einer guten Position. Man darf nicht vergessen, dass ein oder zwei Knoten Geschwindigkeitsunterschied über die Dauer von 24 Stunden gesehen einen großer Gewinn erzielen lässt.”

Gerne hätte auch Isabelle Joschke bei diesem Spiel mitgespielt. In dieser Phase des Rennens hätte sie mit MACSF vorne mitgespielt. Schließlich stützt sie sich auf die gleichen vom VPLP-Designbüro konstruierten Flügel wie Boris Herrmann.

Nun versucht sie mit dem frei unter dem Rumpf pendelnden Kiel aber nur noch sicher Land zu erreichen. Sie hatte nach dem Abbruch ihres Rennens zwei harte Tage im Sturm zu überstehen. Sie ließ sich vor dem Wind treiben. Aber nun berichtet sie, erstmals wieder die Sonne zu sehen und eine gewisse Atempause bekommen zu haben. „Es dringt aber immer noch etwas Wasser ein. Die Gefahr besteht weiter solange ich nicht an Land bin.“ Der Zielhafen ist immer noch nicht bestimmt. Entweder Rio de Janeiro oder Salvador in Bahia sein, je nachdem, was der Wind möglich macht.
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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmann fehlt noch etwas Wind zum Glück – Bestaven ärgert sich“

  1. avatar Kristian Raue sagt:

    wo bekommt man denn die schönen Karten mit der Platzierung und dem unterlegten Wind her? 🙂

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