Vendée Globe: Boris Herrmann im Reparatur-Modus am Kap Hoorn

"Wie eine Schlinge um den Hals"

Boris Herrmann hatte das Ende seines Vendée Globe-Abenteuers vor Augen, nachdem plötzlich der Batterie-Alarm angegangen war.

Es ist manchmal so einfach, auf der Couch zu sitzen, die bunten Schiff-Symbole auf dem Vendée-Globe-Tracker zu betrachten, und sich anhand der Zahlen ein Bild zu machen. Wieso segelt dieser oder jener Skipper nicht schneller? Weshalb hat er sich so weit abdrängen lassen? Warum hängt er nun in der Flaute?

Die neue virtuelle Realität lenkt manchmal davon, was diese Typen da draußen tatsächlich leisten. Gott sei Dank gibt es Boris Herrmann. Ehrlich und offen bereitet er seine Gefühlswelt aus. Erklärt, warum er schon mal zögert. Berichtet, welche Probleme ihn ausbremsen, nutzt die Öffentlichkeit als eine Art Kummerkasten, lässt tief in seine Gedankenwelt blicken.

In der Disziplin Fan-Nähe hat er schon jetzt den Hauptpreis gewonnen. Kein Vendée-Skipper macht das so gut. Der Betrachter hat das Gefühl, sogar irgendwie zu helfen, indem er dem Skipper zuhört. Vielleicht kann er ihm dadurch etwas von der Last, dem Stress abnehmen.

Von einer 37-Knoten-Böe getroffen

Das jüngste Video ist wieder ein gutes Beispiel. Herrmann erklärt der Kamera, wie einem guten Freund, was ihm in der vergangenen Nacht da draußen in der Wasserwüste vor Kap Hoorn passiert ist.

Der Batterie-Alarm ging plötzlich los. Und auch als er die Hydrogeneratoren zur Strom-Produktion nutzen wollte, funktionierte das Laden nicht mehr. Er machte das Boot zur Baustelle, wechselte einen Riemen aus, mit dem er zu Beginn des Rennens schon Probleme gehabt hatte, aber das war nicht die Lösung.

Als er von einer 37-Knoten-Böe schwer getroffen wurde, stoppte das Boot massiv in einem Wellental. Dabei flog das umherliegende Werkzeug und andere Gegenstände über ihn. “Es war ein großer Stressmoment. Besonders weil ich nicht wusste, ob das Laden Batterie wieder funktionieren würde.”

Erstmal ein Müsli essen

Ohne Energie wäre er zum Beispiel nicht in der Lage Trinkwasser aufzubereiten, geschweige denn den Autopiloten arbeiten zu lassen. Es könnte das Ende des Rennens sein. Er habe dann erst einmal ein weiteres Reff eingebunden und versucht zur Ruhe zu kommen. 20 Stunden in Aktion. “Irgendwas war immer – Ich habe erst einmal mein Müsli gegessen.”

Dann ging es an die Fehlersuche. Verschiede Tests führten nicht zum Erfolg. Schließlich tastete er eines der fingerdicken Stromkabel ab. Und tatsächlich. Es fühlte sich an einer Stelle ein wenig weich an. Es war unter der Isolierung gebrochen. Die ständigen Vibrationen hatten es beschädigt.

“Ich war so froh, etwas gefunden zu haben. Löste die Isolierung, verband die Drähte – und es lädt wieder. Yesss! Ich war so glücklich. Ich hüpfte herum und schrie vor Freude. Ohne Strom hätte es das Ende des Rennens sein können.”

Existenzieller Stress

Bei Wind zwischen 18 und 38 Knoten waren die Bedingungen immer noch heftig. Aber er wollte schlafen. Aber das klappte über zwei Stunden lang nicht. Es habe sich wohl ein so heftiger existenziellen Stress im Körper angesammelt, dass es schwierig war, den wieder herauszubekommen. “Auch jetzt nach einigen Stunden fühle ich mich noch so, als hätte jemand eine Schlinge um meinen Hals gelegt.”

Nun werde er erstmal wieder versuchen zu schlafen. Aber das funktioniere nur, wenn er nicht nachdenke oder sich verbiete, auf die Geräusche des Bootes zu hören. Nicht einfach, wenn man gleichzeitig permanent bereit sein muss, aufzuspringen um die Schoten schnell zu fieren, wenn sich das Schiff kurz vor einem Sonnenschuss befindet.

Dieses Drama zeigt, wie sehr der Erfolg bei einer Vendée Globe von solch kleinen Dingen wie einem gebrochenen Kabel abhängen kann.

Herrmann ist bei der Kap Hoorn Passage weiter zurückgefallen. Nach Maxime Sorel hat ihn nun auch der Italiener Giancarlo Pedote eingeholt. Aber Herrmanns Partner Will Harris glaubt, dass es im Atlantik für seinen Skipper noch jede Menge Möglichkeiten gibt, wieder weiter nach vorne zu kommen. Das Verfolgerfeld kann wieder eng zusammenrücken.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Boris Herrmann im Reparatur-Modus am Kap Hoorn“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Carsten, Du hast die Zuschauersicht sehr schön beschrieben! Gestern saß ich vorm Rechner und fragte mich, warum gibt Boris nicht Gas. Die fahren doch alle schneller! Heute morgen: OMG, 2 weitere Boote sind durch. Die Befürchtungen schlichen sich ein: Hat Boris ein Problem mit dem Boot? Aber das wollte ich nicht wahrhaben. Es lief doch bisher relativ gut. Wenig Schäden.
    Nun wissen wir, wie er gelitten und gekämpft hat.
    Ja, wir könnten glauben, wir wissen wie man einen IMOCA um die Welt segelt, so detailliert lassen uns die Skipper teilhaben. Aber in Wirklichkeit haben wir nur eine kleine Ahnung, wie anstrengend und zehrend die konfusen hohen Wellen, die starken Boen, der Schlafentzug und die Sorge ums Boot wirklich sind.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 2

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