Vendée Globe: Boris Herrmann stark im Dreikampf um den Sieg – Was passiert nach der Halse?

"Wenn man von einem Haufen Verrückter gejagt wird"

Das Finale bei der Vendée Globe spitzt sich zu. Herrmann wird von französischen Medien schon als möglicher Sieger gerechnet. Dafür muss er die letzten Starkwindtage überstehen. Burton hat kurz geschwächelt.

Charlie Dalin bei der ARbeit. © Vincent Curutchet / Alea / Disobey / Apivia #VG2020

Yoann Richomme traut sich was. Der zweifache Gewinner der Solitaire du Figaro und Sieger der Route du Rhum 2018 in der Class40 ist einer der stärksten Offshore-Einhandsegler der Welt. Als solcher glaubt er, dass für die finalen Meilen bei der Vendée Globe nun die Würfel so gut wie gefallen sind.

Gegenüber dem Newsletter-Medium Tip & Shaft gibt er schon eine klare Prognose ab für das mögliche Ergebnis. Demnach sieht er Louis Burton eine Stunde vor Charlie Dalin ins Ziel gehen. Boris Herrmann erwartet er sieben Stunden nach Apivia dahinter. Damit werde er bei der Einberechnung der sechsstündigen Zeitgutschrift Platz eins um zwei Stunden verpassen.

Das prognostizierte Ergebnis von Offshore Profi Richomme (inkl. Zeitboni):

1) Bureau Vallée 27th 0500hrs
2) Apivia 27th at 0600hrs
3) SeaExplorer Yacht-club de Monaco 27th at 0700hrs
4) Maître Coq 27th at 0900hrs
5) LinkedOut 27th at 2000hrs
6) Prysmian Group 27th at 2100hrs
7) Yes we Cam! 28th at 0200hrs
8) Groupe Apicil 28th at 0400hrs
9) Omia Water Family 29th at 1200hrs

Es ist mutig, solch eine Prognose vier Tage vor dem erwarteten Zieleinlauf in der Öffentlichkeit abzugeben. Aber diese Zahlen kursieren, weil viele Offshore-Spezialisten ihre Routen-Programme mit den Daten der Vendée-Globe-Spitzengruppe füttern. Und die Computer spucken eben diese Werte aus.

Dalins Routenwahl hat sich ausgezahlt

Dabei weiß Richomme ganz genau, dass bei solch geringen Abständen ein Ergebnis kaum vorhergesagt werden kann. Ein verpatztes Manöver, ein kleines technisches Problem oder eine unerwartete Wetterentwicklung können den Unterschied ausmachen.

Yannick Bestaven (rot) startet am Samstag Abend seinen Angriff mit einer Halse gen Norden. Das Führungstrio mit Herrmann (grau) steuert auf eine östliche Azoren-Passage zu. Am Sonntag nach der notwendigen Halse werden die Abstände besser zu erkennen sein.

Interessant ist allerdings, wie der Skipper eines der heißesten nächsten Ocean Race Favoriten die Leistung der Kollegen bewertet. Das ist sonst nicht gerade üblich, aber Richomme äußert etwa eine klare Meinung zu Louis Burtons risikoreichen Split über die westliche Außenkurve, den viele Beobachter als mutig und erfolgreich beurteilt haben.

Er sagt: “Es ist natürlich immer einfach, im Nachhinein zu urteilen, aber ich denke, wenn Louis eine ähnliche Strategie wie Charlie verfolgt hätte, wäre sein Vorsprung größer gewesen. Schließlich segelte er im direkten Vergleich schneller.” So aber habe ihm der Umweg keinen Vorteil gebracht. Der relative Abstand sei gleich geblieben.

“Das Gehirn droht zu explodieren”

Dalin dagegen konnte nicht anders, weil er mit Wind von Steuerbord auf seinem kaputten Foil nicht schnell genug ist. Außerdem wollte er sich strategisch schlau vor den Verfolgern positionieren, um sie zu kontrollieren. “Diese Routenwahl begrenzte sein Risiko und das hat sich auszahlt. Er hat nichts zu Louis verloren.”

Richomme weiter: “Der Sieg wird im Wesentlichen von zwei Elementen abhängen – dem psychologischen Aspekt und der Zuverlässigkeit des Bootes. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es sich wirklich unangenehm anfühlt, wenn man tagelang von einem Haufen Verrückter gejagt wird. Man bekommt das nicht aus dem Kopf. Das Gehirn droht zu explodieren. Alle 10 Minuten überprüft man das Routing, alle 2 Minuten den Trimm, alle 30 Sekunden die Position der anderen Boote per AIS-System.

Und wenn man dann noch 75 Tage lang Müdigkeit und Stress aufgebaut hat, wird es nicht besser. Dazu kommt die ständige Angst, so kurz vor dem Ziel noch etwas kaputt zu machen. Vor allem bei Segelwechseln, Manövern oder bei starkem Wind. Da macht man dann die Fehler; wer diesen Druck schon erlebt hat, ist im Vorteil.”

Herrmann hängt sich schlau ins Kielwasser

Deshalb sehen die meisten Beobachter weiterhin Charlie Dalin in der klaren Favoritenrolle. Als einer der erfolgreichsten Skipper in der Figaro-Klasse mit vier Podium-Platzierungen beim Solitaire du Figaro, der weltweit härtesten und besten Schule für das Hochsee-Einhandsegeln, kennt er diese Situation. Den aktuell direkten Gegnern Burton und auch Herrmann ist sie eher fremd.

Aber der Deutsche hat eine taktisch komfortable Situation – auch wenn er den Sieg anpeilt. Erstens muss er nicht gewinnen. Platz drei wäre schon unglaublich! Aber er muss auch keine wilden Dinge tun, um die beiden Gegner zu überholen. Er kann ihnen einfach hinterher segeln und schließlich darauf hoffen, dass seine sechs Stunden Zeitgutschrift ausreicht, um in der Endabrechnung sogar vor ihnen zu landen.

Genau das scheint er auch zu tun. Seit Tagen hängt er sich schlau ins Kielwasser von Dalin und knabbert an dessen Vorsprung. Zuletzt waren es nur noch knapp 40 Meilen. Herrmanns Co-Skipper Will Harris glaubt, dass dass sechs Stunden im Ziel 100 Meilen Differenz bedeuten werden.

Was kann Dalin auf seiner Schokoladenseite rausholen?

Um diesen Abstand auszugleichen muss sich Apivia also mächtig an Speed zulegen. Und das ist nach der Halse auf die vermeintlich intakte Schkoladenseite auch gut möglich. Dann wird sich zeigen, ob die Neubau-Designer wirklich alles falsch gemacht haben, oder die Foils doch noch eine Entscheidung erzwingen. Vor der Regatta war ein Speed-Gewinn von 2-3 Knoten gegenüber der alten Generation prognostiziert worden. Das würde insbesondere Louis Burton mit seinen alten Foils treffen. Allerdings kommt für einen optimalen Foiler-Winkel der Wind zu weit von hinten. Es wird spannend, wie viel zusätzliche PS Dalin nach der Halse noch aus seiner Apivia quetschen kann.

Zuletzt hat Herrmann im Laufe des Tages jedenfalls immer weiter aufgeholt. Burton dagegen scheint zu schwächeln. Am Samstag machten sich die Organisatoren schon Sorgen. Der Kurs von Bureau Vallée sei am Morgen sehr ins Schlingern geraten.  Das deute drauf hin, dass es technische Probleme mit den Vorsegeln oder wieder dem Autopiloten gebe, sagt Renndirektor Jacques Caraës. Im Southern Ocean war Burton davon stark gebremst worden.

“Wir haben ihn angerufen, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist”, sagt Caraës, aber Burton habe nicht geantwortet. “Es könnte also ein Segelwechsel gewesen sein. Segelte er unter Spinnaker? Ist sein Windmesser noch in Ordnung? Vielleicht hat sich der Spinnaker verdreht. Das passiert oft, wenn der Autopilot keine exakten Windinformationen bekommt.”

Herrmann effektiv mit besten VMG-Werten

Louis Burton hat seitdem aber wieder eine stabile Geschwindigkeit von über 15 Knoten und gute VMG-Werte Richtung Ziel erreicht. Nur Herrmann segelte noch effektiver, indem er einen tieferen, direkteren Kurs Richtung Ziel steuern konnte.

Wenn sich der Krängungswinkel der Null nähert, deutet das auf ein Manöver hin. Herrmann fällt ab, um den Druck rauszunehmen und ein Segel zu wechseln…

…Dabei ändert sich dann kurzzeitig auch der Winkel zum wahren Wind (TWA). Diese Grafik zeigt, wie oft Herrmann den Modus anpasst…

…Er schafft es dabei, den Speed konstant hoch zu halten.

Die Wetterbedingungen für die nächsten Tage sehen für Boris Hermann und die von Bestaven angeführte Verfolgergruppe günstig aus. Demnach erwarten französische Spezialisten, dass sich das Tief im Norden der Azoren weiter vertieft und dann besonders den Angreifern noch einen kräftigen Schub gibt.

Wenn dann ab Montag der riesige Tiefdruckkomplex in den Nordatlantik eindringt, soll sich die Spitzengruppe erneut zusammenschieben. Prognosen deuten darauf hin, dass die ersten neun Boote innerhalb von weniger als 24 Stunden die Ziellinie überqueren.

Richomme mag Herrmann am Ende knapp auf Platz drei führen. Ein anderes Routing französischer Medien hat dagegen ergeben, dass der Deutsche nur vier Stunden hinter den beiden nahezu gleichauf ins Ziel segelnden Burton und Dalin ins Ziel kommen sollte. Damit würde er diese Regatta gewinnen.

Auch mit Yannick Bestaven wird es noch einmal knapp, der jetzt schon auf eine nördliche Route direkt auf den Starkwind zugehalst ist. Er wird mit nur etwa zehn Stunden hinter Burton und Dalin im Ziel erwartet. Mit seinem 10:15-Stunden-Bonus würde sich ein Fotofinish mit den aktuell führenden Booten ergeben.

Herrmann spielt cool mit

Vielleicht kommt es dann wirklich auf die Eigenschaften der vier Skipper an, die Yoann Richomme für T&S so bewertet:

Louis Burton: Er ist schnell bei starkem Wind steuert starke Routings. Der Druck in engen Situationen ist für ihn aber ein unbekannter Faktor. Er ist es nicht gewöhnt, der Gejagte zus sein. Er wird sehr stark sein müssen, um Charlie in den letzten Tagen auf Distanz halten zu können.

Charlie Dalin: Das Potenzial seines Bootes ist reduziert, aber um wie viel? Wir wissen, dass er ein sehr guter Stratege ist. Und er hat beim Figaro gezeigt, dass er Druck standhalten kann. Die Frage ist, ob er wirklich noch bereit ist, alles zu riskieren – auch einen Schaden -um Louis einzuholen. Oder wird er sich mit einem Platz auf dem Podium begnügen?

Boris Herrmann: Er spielt bei den härteren Bedingungen während der Weltumsegelung ganz cool mit. Wird er den Druck erhöhen können, wenn der starke Wind aufkommt? Vielleicht ist auch er mit einem Platz auf dem Podium zufrieden. Sein Bonus von 6 Stunden könnte ihm auch so den Sieg bescheren.

Yannick Bestaven: Vorsicht vor einem verletzten Ego! Er muss wütend sein, seine Führung in der vergangenen Woche in der Flaute verloren zu haben. Er hat einen Bonus von 10:15 Stunden und 15 Minuten und das ist ziemlich viel. Bei starkem Wind ist er sehr schnell und hat bewiesen, dass er bereit ist, hart zu pushen. Er kann auch an einen Platz auf dem Podium glauben.

Thomas Ruyant zeigt die aktuellen Bedingungen beim Vendée-Globe-Finale:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

8 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmann stark im Dreikampf um den Sieg – Was passiert nach der Halse?“

  1. avatar Jörg Gosche sagt:

    Spannender Bericht – gut recherchiert! Erhöht die Spannung nochmal.
    Das tolle ist doch: Hat man jemals in seinem Leben schon so ein langanhaltendes Finish erlebt? Nein, denn das kann es bei keiner anderen Veranstaltung geben.
    Es raubt einem gelegentlich den Schlaf…..

  2. avatar Sven 14Footer sagt:

    Apropos es raubt einem den Schlaf:
    Über die Fans hat Frank Schönfeldt das Lied BORIS FLIEG! gesungen.
    https://youtu.be/0HG0w7j4xBg

  3. avatar Andreas Borrink sagt:

    Toll auch die Zoom-Session vorhin; über 7000 Teilnehmer! Und ein tiefentspannter Boris im T-Shirt bei Idealbedingungen und 20kn: “Oh, I think i hit something, just a moment……..all good, no problem!” Und ich s(chw)itze vor’m Laptop und habe Angst, dass ich dem Untergang nun live beiwohnen muss….mehr Spannung geht wirklich nicht!

    • avatar Sven 14Footer sagt:

      genauso ging es mir auch!
      Nein, ich will nicht live dabei sein, wenn Boris ein Problem bekommt.
      Nein, ich will überhaupt nicht, dass Boris ein Problem bekommt.

  4. avatar Andreas Borrink sagt:

    Der guten Ordnung halber: “Rita” gegen “Luna” war schon auch megaspannend und alle Krakenboot-Skeptiker (mich eingeschlossen) wurden eines besseren belehrt……gute Zeiten für Segelfans, wenn nur Corona nicht wäre.

    • avatar Slutsky sagt:

      Aber Corona mit diesen Segel-Highlights ist besser als ohne diese Segel-Highlights. Ich frage mich nur, was ich ab Mittwoch alle 3 Stunden mache?!?

      • avatar Sven 14Footer sagt:

        gucken wie Jean le Cam, Clarisse Cremer, Pip Hare und all die anderen ins Ziel fahren. Ok, es ist nicht ganz so spannend, wie dem ersten Deutschen beim Versuch zu gewinnen zuzuschauen.

  5. avatar Wolfgang Rompa, 26340 Zetel sagt:

    Hau rein Boris, du schaffst das. Sind nur noch ein paar Meilen.
    Wir von der Waterkant drücken dir alle Daumen.
    Herzliche Grüße von Wolfgang aus Zetel

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