Vendée Globe: Boris Herrmanns Pressekonferenz am Kap Hoorn – 24 Stunden Krisenmodus

"Noch ein paar Plätze holen"

Boris Herrmann hat bei der Vendée Globe das Großsegel wieder repariert und gesetzt. Der Schaden nach einem Reffmanöver kostete gut 40 Meilen. Von Rang zehn will er aber noch mal angreifen.

Herrmann ist nach 24 Stunden im Krisenmodus erleichtert aber müde. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Die Pressekonferenz von Bord der Seaexplorer – Yacht Club de Monaco war vor sechs Tagen angekündigt worden. Das gemeinsame Feiern der Kap-Hoorn-Rundung stand an. Boris Herrmann war gerade an Jean Le Cam und Benjamin Dutreaux vorbei gefoilt und lag auf dem fünften Platz. Im Atlantik sollte dann auch noch der viertplatzierte Damien Seguin mit seinem alten Nicht-Foiler zu bezwingen sein. Und wenn vorne noch einer ausfällt wäre der Deutsche in einer prächtigen Ausgangslage, um sogar einen Podiumsplatz einzunehmen.

Das Großsegel steht wieder. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Sechs Tage später sitzt Boris Herrmann in seinem ergonomisch optimierten Liegesessel und gibt sich auch vor 26 Journalisten in der Zoom-Leitung keine Mühe, die Enttäuschung zu verbergen. Sonst sprudelt er los, berichtet von seinen Erlebnissen, nun lässt er sich die ersten Antworten aus der Nase ziehen.

Der Riss am Achterliek des Großsegels zwischen Reff 2 und 3. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Die Flicken auf dem Achterliek. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Mit Gurtband das Achterliek verstärkt. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Kein Wunder. Erst seit zehn Minuten hängt das geflickte Groß wieder im Mast. Bei einem Reffmanöver klemmte das Achterliek am Want, flatterte und wurde zwischen zweitem und drittem Reff aufgeschlitzt. Es drohte bei voller Belastung das komplette Tuch bis zum Mast durchzureißen – so wie es dem Japaner Shiraishi passiert ist.

Herrmann erklärt später ausführlich, was genau passiert ist: “Ich war dabei, vom zweiten zum dritten Reff zu wechseln weil 50 Knoten angesagt waren. Dabei verfing sich das Achterliek des Segels in den Wanten. Ein häufiges Problem. Es passiert immer wieder. Die Segellatten hingen fest, und die einzige Möglichkeit, sie zu lösen, ist hoch an den Wind zu gehen und dann noch etwas weiter zu luven. Dabei flatterte die kleinere Zwischenlatte weiter oben im Segel ein paar Mal am Want vorbei und riss dort ein bisschen.

Also zwei Dinge sind passiert: Ich habe das knifflige Manöver nicht perfekt ausgeführt  und außerdem ist das Tuch meiner Meinung nach zu leicht. Ich musste nun schon das dritte Loch reparieren. Es ist ein bisschen zu leicht. Ich muss darüber nachdenken, wie wir in Zukunft den Kopf des Großsegels gestalten. Alle neuen Foiler haben ihn auch verkleinert. Aber dann hat man eben dieses Wantenproblem.” Das Manöver hätte wohl besser mit einem größeren Vorsegel geklappt. Damit wäre das Boot schneller und die Last auf dem Großsegel geringer gewesen. Oder er hätte doch einen klassischen Aufschießer machen müssen. “Es ist sehr ärgerlich. Ein kleiner Fehler, ein Sekundenbruchteil und klack, klack, klack – dreimal hat das Segel wahrscheinlich geflattert – und es ist gerissen – dabei ich bin schon so, so vorsichtig, um so etwas zu vermeiden – und dann passiert es doch. Ich habe nun wirklich viele Meilen verloren.”

Zwölf Stunden musste der mit Sikaflex aufgeklebte Flicken am Achterliek trocknen, so lange segelte Seaexplorer nur unter Fock. Es ist nass und kalt und Herrmann völlig übermüdet. Das Wasser rauscht hinter dem offenen Cockpit durch. Alle direkten Gegner, die er vielleicht im Kielwasser hätte sehen können, sind verschwunden. Erstmals seit dem 17. November, als der Deutsche auf Höhe der Kapverden auf Rang neun vorfoilte, weist der Tracker wieder eine zweistellige Zahl aus. Zehnter Platz und gut 200 Meilen Rückstand auf den fünftplatzierten Benjamin Dutreaux.

Kein Kap-Hoorn-Schild von Boris

Herrmann ist nicht nach Feiern zumute. Der obligatorische Schluck Whisky am Kap Hoorn fällt aus. Während die Kollegen mit Kap Hoorn-Schildern vor ihren Kameras posieren, gibt es dieses Bild der Bilder von ihm nicht. Für den Hamburger ist klar: Seine fünfte Kap-Hoorn-Umrundung war die “am wenigsten schöne”. Er habe das Kap ja nicht einmal sehen können. Jegliches positive Gefühl wurde von dem Großsegel-Schaden überlagert. 24 Stunden im Krisenmodus hinterlassen Spuren. Nur ein kleines Glücksgefühl gönnt er sich, “als das Groß wieder im Mast hängt.”

Nahezu zeitgleich mit Herrmann passiert Isabelle Joschke Kap Hoorn, ist nach ihrem Kielschaden aber auch nicht richtig glücklich. © Isabelle Joschke / MACSF

Herrmann scheint genervt. Man mag ihn gar nicht stören. Will er nicht lieber eine Mütze voll Schlaf nehmen, als mit der Schreibtischtäter-Meute kommunizieren? Nein, nein. Es helfe ihm beim Stressabbau, wenn er darüber mit jemandem sprechen kann. “Das ist eine Typ-Frage.” Die Kamera sei manchmal wie ein Freund für ihn.

Jetzt kommt er doch noch ins Plaudern. Wie gewohnt. Offen und ehrlich. Er könne sich nicht verstellen. Manchmal sei er viellicht zu ehrlich. Team Director Holly Cova habe zuletzt eines seiner Videos von Bord zurückhalten müssen.

Angesprochen auf die Leistung des Führenden Yannick Bestaven lässt Herrmann durchblicken, dass sein eigenes teueres Update hin zu den moderneren Foils vielleicht nicht so hilfreich war. Schließlich segelt Bestaven mit einem Schiff aus Herrmanns Generation, ohne die Flügel nach dem Vorbild von Isabelle Joschke verlängert zu haben.

Besser ohne lange Flügel?

“Den hatte ich wirklich nicht auf der Liste. Der hat mit seinen kleinen Foils im Southern Ocean wirklich hart puschen können.” Die seien eben schon über viele Meilen erprobt. Und das mache bei den unerwartet besonderen Wetterbedingungen im Süden bei dieser Vendée Globe offenbar einen großen Unterschied aus. Schließlich ist auch Louis Burton mit einer ähnlichen Konfiguration unterwegs und einer der Schnellsten im Feld.

Herrmann selber quälen oft Zweifel, wie viel Gas er wirklich geben kann. Unglaublich findet er das Beispiel etwa von Damien Seguin mit seinem Nicht-Foiler. Der sei beim Training in Frankreich oft gegen ihn gesegelt. Und nach etwa zwei Stunden geriet der aktuell Viertplatzierte mit seinem 13 Jahre alten Schiff immer achtern außer Sichtweite. Aber Seguin hat vollstes Vertrauen in sein Boot. Um Southern Ocean drückte er das Gaspedal maximal durch.

Boris Herrmann bei perfekten Foiling-Bedingungen. Ob er sie noch einmal erlebt? © borisherrmannracing

Seaexplorer konnte dagegen die Bremse selten lösen. Zu schnell wäre der IMOCA in die nächste Welle geknallt. Die holprigen Bedingungen hätten zu einer eher abwärts gerichteten Spirale in Bezug auf die Selbstsicherheit mit dem Material geführt. Schließlich habe es kaum Bedingungen gegeben, bei denen er fliegen konnte. Wäre es ohne die neuen Flügel besser gegangen? Eine klare Antwort gibt der Skipper nicht. “Das Jahr des Umbaus war spannend.” Er habe viel gelernt.

Herrmann will nicht zu sehr grübeln. Jetzt ist auch nicht der richtige Zeitpunkt, Schlüsse zu ziehen. Er hat noch ein Rennen zu segeln. Wenn er Glück habe und der Wind nicht zu oft genau von vorne oder hinten weht, komme vielleicht noch seine Zeit im Atlantik. Sein Schiff funktioniert eben deutlich besser, wenn sich die Wellenhöhe von sechs auf nun nur noch zwei Meter reduziert. So versprüht er dann auch zum Ende der Fragestunde wieder vorsichtigen Optimismus. “Ein paar Plätze sollte ich noch holen können.”

Tracker

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Boris Herrmanns Pressekonferenz am Kap Hoorn – 24 Stunden Krisenmodus“

  1. avatar Björn sagt:

    Seine Segelreparaturen sehen ja gruselig aus…

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *