Vendée Globe: Charlie Dalin beim Heimwerken – Am Fall über die Bordwand gehängt

"Ich dachte, es ist vorbei"

Charlie Dalin zeigt die Reparatur seines Flügel-Schadens bei der Vendée Globe. Er hat einen Tag geschliffen und gesägt. Nun befindet er sich wieder im Angriffsmodus.

Charlie Dalin spielt bei der Vendée Globe das Spiel der Sieger. Es lautete schon immer: Möglichst wenig preis geben, sich auf den Job konzentrieren und am Ende vorne liegen. So haben es zuletzt Armel Le Cleac’h, Francois Gabart, Michel Desjoyeaux und Vincent Riou gemacht.

So richtig zeitgemäß scheint das nicht zu sein, wenn man sich die Leistung an der Medienfront von Boris Herrmann und ohnehin schon immer Alex Thomson sieht. Aber beide müssen eben auch versuchen, neue Vendée Fans in ihren Ländern zu begeistern. Das mag ein wenig wettbewerbsverzerrend sein, weil sich die Sponsoren der konkurrierenden Franzosen auch mit deutlich weniger Medien-Output begnügen. Doch Herrmann und Thomson scheinen sich durch die zusätzliche Arbeit vor der Kamera auch selber zu motivieren. Die Berichterstattung scheint ihnen Spaß zu machen.

In Frankreich dagegen ist Aufmerksamkeit so lange gewiss, wie ein Boot an der Spitze segelt. Diese Position versucht Charlie Dalin nun wieder einzunehmen. Entsprechend spärlich fließen die Informationen über seinen Schaden am Backbord-Foil, der ihn die Führung kostete und einen Rückstand von 150 Meilen einbrachte. Von Dalin war lange Zeit sehr wenig zu erfahren, was eigentlich genau das Problem ist.

Dalin mit seiner neuen Stütze. © Charlie Dalin / Apivia

Nun berichtet der Franzose fast zwei Tage nach dem Vorfall genauer über sein Malheur. “Ich dachte, es ist vorbei”, sagt Dalin, nachdem er das Geräusch gehört hatte, das sein Flügel machte. Auch nach einer schnellen Begutachtung des Schadens schienen ihm die nötigen Reparaturen nicht zu meistern.

Apollo-13-Modus

Aber dann habe sein Team den “Apollo-13-Modus” gestartet. “Sie sind die Liste der Geräte durchgegangen, die ich an Bord habe, und haben eine Lösung für die Reparatur entwickelt.” Er habe Karbon zuschneiden und ein Sandwich-Teil herstellen müssen. Für die genaue Anpassung senkte er sich an einem Fall hängend zur Bordwand ab, um das Konstrukt zu befestigen.

Die Heimwerker-Arbeit. © Charlie Dalin / Apivia

Die Prozedur des Schleifens und Einpassens dauerte den ganzen Tag. “Ich war ein bisschen überfordert.” Aber eine Stunde vor dem Einbruch der Dunkelheit gelang der finale Einbau. “Ich setzte wieder die Segeln und schlief die Nacht durch.” Dalin war völlig erschöpft. “Als mir das Team die Arbeitsanweisung übersandte, hatte ich das Gefühl, vor einem unüberwindbaren Berg zu stehen.”

Dalin unterzog seine Reparatur  schon einem dauerhaften Belastungstest auf Backbord-Bug, halst dann am Mittwochmorgen und inspizierte noch einmal das Bauteil. “Es scheint zu halten. Der Flügel hat sich nicht viel bewegt. Ich habe Vertrauen in die Reparatur gewonnen. Das Rennen geht weiter für Apivia!”

“Ich habe sie im Visier”

Tatsächlich segelte Dalin zuletzt wieder im Angriffsmodus. Er war schneller als die beiden Spitzenboote unterwegs, holte gut 20 Meilen auf, und liegt nun 145 Meilen zurück.

Die Entwicklung von Dalins Meilendifferenz in Bezug zum aktuellen Spitzenreiter Bestaven

“Ich habe viel Zeit verloren, aber nun geht mir gar nicht mehr so schlecht. Ich bin in Schlagdistanz zu meinen beiden Kumpels! Und was die Probleme mit den Foils angeht, befinde ich mich nun auf Augenhöhe mit Thomas (Ruyant). Sie sind nicht weit weg, ich habe sie im Visier. Es gibt nichts mehr zu verlieren. Ich werde so schnell wie möglich segeln, um sie abzufangen.”

Dalin (gelb) sitzt den beiden Spitzenreitern im Nacken und gibt wieder Gas auf seinem unbeschädigten Bug.

Immer noch ist nicht genau klar, was genau an Bord gebrochen ist. Dalin will wohl nicht zu viele Informationen preis geben, die von den Konkurrenten genutzt werden kann. Immerhin wissen sie jetzt, dass er nicht nur als Segler, sondern auch als Heimwerker eine gute Figur macht.

Race-Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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