Vendée Globe: Charlie Dalin philosophiert über den Southern Ocean – Bestaven singt

"Rückkehr von einem anderen Planeten"

Der Abstand zwischen den beiden Vendée Globe-Spitzenreitern hat sich vergrößert. Warum Charlie Dalin dennoch an seine Chance auf den Sieg glaubt.

Yannick Bestaven klingt euphorisch. Seine Gesangskünste mögen zwar ausbaufähig sein, aber er hat auch allen Grund, seine Freude über den Atlantik zu schmettern:

Nach Kap Hoorn hatte sich sein Vorsprung zum Verfolger Charlie Dalin auf 235 Meilen erhöht und er scheint die erste Atlantik-Hürde, das erste Hochdruckgebiet besser als die direkten Konkurrenten umsegeln zu können.

Dabei ist er sogar bestens zur Ruhe gekommen. “Ich habe geschlafen wie nie zuvor. Und während ich schlief, hat sich mein Abstand zu Charlie um 40 Meilen vergrößert. Es funktioniert offenbar gut, wenn ich ein längeres Schläfchen mache. Der Wind ist stabil geblieben, das Boot ist alleine bestens voran gekommen.”

Die Situation am 5.1. nach der Rundung von Kap Hoorn. Ruyant macht einen Extremschlag im Westen.

Der Skipper von Maître CoQ IV ist optimistisch in Bezug auf die Passage durch das Hochdruckgebiet, das die Route nördlich der Falklandinseln blockiert: “So wie es aussieht, sollte ich gut durchkommen. Es werde langsamer, aber die anderen dann auch. Wer zuerst ankommt, ist auch schneller durch. Ich habe gestern hart gearbeitet, damit ich schließlich nicht zu lange in der Flaute gefangen bin.”

Segelbilder am Kap Hoorn von Isabelle Joschke:

Auch Charlie Dalin gibt an, dass er sich körperlich gut erholt habe, und nun hart an seinen Routing-Optionen arbeite. Dabei gibt er zu, bisher keine Lösung gefunden zu haben, die ihn völlig überzeuge. “Die Vorhersagen ändern sich schnell. Die Situation ist sehr komplex und die Daten sind nicht besonders verlässlich.”

Zwei Knoten Speed-Vorteil sind möglich

Bei der Falkland-Passage hat Dalin mehr als 100 Meilen auf Bestaven verloren. Aktuell liegt er rund 200 Meilen zurück. Dazu kommen noch die 10,5 Stunden Wiedergutmachung, die den Rückstand beim aktuellen Speed etwa um weitere 150 Meilen vergrößern würde.

Charlie Dalin im Flugmodus. Ob er auch auf Backbordbug immer noch so Gas geben kann? © Jean-Marie Liot/Alea/Disobey/Apivia

Das ist nach wie vor machbar, wenn man bedenkt, dass Dalin das potenziell schnellere Schiff zur Verfügung steht, und er jetzt im Atlantik bei geringerem Wellengang bessere Foiling-Bedingungen erwarten kann.

Wie groß die Speed-Differenz dann kann zeigte sich am 19.11. kurz nach der Äquator-Passage. Das Trio Thomson, Ruyant, Dalin flog mit den neuen Foilern bei perfekten Raumschotsbedingungen im Südost-Passat dauerhaft zwei Knoten schneller vorwärts als Maitre Coq, ein Foiler der ersten Generation. Zwei Tage später hatte sich Bestavens Rückstand zur Spitze von 226 Meilen auf 400 vergrößert.

Wie sich der Abstand bei stabilen Foiler-Bedingungen zwischen Bestaven (rot) und Dalin an zwei Tagen um mehr als 150 Meilen vergrößerte.

Solche Bedingungen gab es allerdings zu selten. Und Dalin verlor bei seinen Reparaturen am Foil den entscheidenden Vorsprung. Deshalb sieht die Situation auf dem Tracker so aus, wie sie ist.

Dalin nervös

Nun freut sich der Jäger auf seiner Apivia, dass er hinter den Falkland-Inseln mal wieder auf 24 Knoten beschleunigen konnte. Er kann sich aber nicht auf reinen Speed verlassen. Dafür ist der Abstand zu groß. Bestaven könnte in ein vorteilhaftes Wettersystem rutschen.

Vendée-Globe-Spitzenreiter Maitre Coq – Foiler der ersten Generation. © bestaven maitre coq

Auch deshalb hört sich Dalin durchaus nervös an. “Die Hochdrucklage ist kompliziert. Das Hoch soll irgendwann über mich hinwegziehen, aber Nichts ist klar. Ich habe viele Routings berechnet, um den besten Weg zu finden. Aber dieses System bewegt sich. Es ist nicht so stationär wie ein Hoch in der nördlichen Hemisphäre.  Ich werde mein Bestes geben, auf jeden Fall bin ich motiviert, gut gelaunt und bereit, auf diesem Atlantik zu kämpfen. Es sind noch 6.500 Meilen, ich werde bis zum Ziel alles geben.”

Auch der drittplatzierte Thomas Ruyant hat offensichtlich den Kampf um den Sieg noch nicht aufgegeben. Er segelt als bisher einziger der Top Ten links an den Falkland-Inseln vorbei und hat dabei einen Querabstand von 260 Meilen zu Dalin generiert.

Es scheint eine riskante Option, um dem Hochdruck zu entgehen. Dalin sagt: “Der Vorteil von Thomas’ Kurs ist, dass er durch den leichten Wind nicht so sehr behindert wird. Aber er muss viele Meilen kreuzen.” Erst in 48 Stunden werde sich zeigen, wie sich das Spiel an der Spitze entwickelt.

Wie bei Waterworld

Dalin wird derweil fast philosophisch auf die Zeit im Southern Ocean zurück – sein erstes Erlebnis so tief im Süden. 40 Tage lebte er in den 40ern. “Das ist ein besonderer Ort. Sehr lebensfeindlich, mit stärkerem Wind als ich dachte. Es war eine große Erfahrung: dieser ständige Zeitwechsel, die Müdigkeit, die aufeinander folgenden Tiefdruckgebiete. Mitten im Nirgendwo, weit weg von jeder Zivilisation kommen die Gefühle völlig durcheinander.

Charlie Dalin im Atlantik. © Charlie Dalin

30 Tage lang sah ich kein Zeichen von menschlichem Leben. Wir haben das Leben vergessen, das vor dem Süden war, genauso wie wir das Leben vor der Pandemie vergessen. Die anderen Boote existierten nicht mehr, das Land existierte nicht mehr. Man befindet sich in einer endlosen Welt aus Wasser. Es ist sehr einzigartig, an einem Ort zu sein, wo die nächsten Menschen die Astronauten sind.”

Der Kontrast sei groß, weil er jetzt wieder in der Zivilisation ankomme. Er habe sich per Funk mit dem Leuchtturmwärter am Kap Hoorn ausgetauscht, ein britisches Flugzeug der Luftwaffe flog über ihn hinwegflog, und jetzt tauche auch der Schiffsverkehr wieder auf.

“Es erinnert mich an den Film Waterworld. Ich fühle mich, als käme ich aus einer Wasserwelt zurück, in der das Land eine Fantasie war. Ich komme von einem anderen Planeten zurück. Ich habe Dinge erlebt, die ich sonst nirgendwo erlebt hätte, das hat hat mich sicher verändert.”

Impressionen von Giancarlo Pedote aus dem Pazifik:

Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Vendée Globe: Charlie Dalin philosophiert über den Southern Ocean – Bestaven singt“

  1. avatar Schoengraf, Ingo sagt:

    Da ich fast sieben Jahre mit meinem Segelboot auf hoher See gesegelt bin kann ich sehr gut nachvollziehen, was so im Kopf der Regattateilnehmer rumgeistert. Ich verfolge diese Regatta von Anfang an mit großem Interesse und alle Teilnehmer bewundere ich. Meine Yacht hatte den Namen “Bora Fem” und wir mussten auch einen Hurrikan über uns hinweg ziehen lassen. Ich weiß also, was so ein Bursche alles anbietet. Hut ab also vor den Seglern, die schweres Wetter Leitern. Mit freundlichen Grüßen, Ingo Schoengraf

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